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Neue jüdische Presse · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 33 des Frankfurter Israelitischen Famllienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Achter Zionistischer Kongreß. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Personalien. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — „Jüdische Jugend." Achter Zionistischer Kongretz. M i t t w o ch, N a ch m i t t a g s s i tz u n g. Zu beginn der Nnchmittagssitzung erstattete der Legitimations-Ausschuß Bericht über die P r ü f n n g der Wahle u, die mit einer Ausnahme sämtlich für giltig erklärt wurden. Es haben im ganzen 435 Wahlen zum Kongresse stattgefunden. Im Namen der holländischen Zionisten begrüßte alsdann Herr Klcerekoper den Kongreß. Hierauf erstattete der Generalsekretär der zionistischen Organisation, Herr N. S o k o l v w, den Bericht des zionistischen Zentralbure ans. Der Bericht betont die Tatsache, daß man den Zionismus nicht einschätzen kann, solange ec sich nicht durch Zahlen feststellen läßt, denn über Empfinden kann keine Statistik berichten. Man müsse das Suchen und Sehnen, das in den Tiefen der Volksseele rauscht, nachempsindcn, um die Triebkräfte ausdecken zu können, die sür den Zionismus arbeiten. Die Ziffern allein beweisen nicht alles. 'Die Begriffe „zionistische Bewegung" und „zionistische Institutionen" müssen anseinandergehalten werden. Die Institutionen müssen natürlich nach nüchternen strengen Gesetzen geleitet und betrachtet werden, die Bewegung hingegen kann ihrer ganzen Natur nach nicht lediglich unter diesem Gesichtspunkte beurteilt werden. Hier gilt es, nicht nur denk Wege zu folgen, wie die Beiträge und die Spenden in die Kassen fließen, sondern auch wie die geflügelten Worte in das Volk hinausflattern, wie die Gefühle und Stimmungen sich hier langsamer, dort schneller in gewissen Tatsachen zum realen Ausdruck bringen. Der Zionismus bietet nun nach beiden Seiten das Bild einer mächtig fortschreitenden Bewegung. Er ist mehr als je der Träger und Erzeuger des nationalen Lebens geworden. Er hat sich nicht nur erhalten, er ist stark aus seinem Ringen emporgekommen. — Der Bericht beschäftigt sich hierauf mit den organisatorischen und administrativen Arbeiten des Zentralburcaus der Zionisten, das nach dem VII. Kongresse nach Köln verlegt wurde. Seine Tätigkeit war der Natur der Sache nach hauptsächlich darauf gerichtet, eine Reorganisation der Bewegung einznleiten. .Mit besonderer Geiiugtnüng wird die Errichtung neuer Filialen des palästinensischen Bankinstitutes der Bewegung, der Anglo Palästine Company verzeichnet. Das Zentralburean hat bei der Hilfsaktion für die notleidenden Brüder in Rußland eifrig mitgewirkt und im Zusammenhänge damit die Brüsseler Konferenz einberufen und durchgesührt, die den ersten Versuch darstellt, ein geeintes 'Arbeiten sämtlicher jüdischer Korporationen herbeizusühren. — Die Bewegung ist permanent gelvachsen. 'Trotz der dort herrschenden ungeheuren Schwierigkeiten hat die Organisation in Rußland an Bedeutung und Einfluß zugenömmen und hat sich bei dem Wettstreite der verschiedenen Nationen in den konstitutionellen Kämpfen energisch zur Geltung gebracht. Auch in Oesterreich hat die jüdisch-nationale Partei bemerkenswerte Erfolge erzielt und vier Abgeordnete in den Reichsrar'entscndet. Der Bericht kommt zum Schlüsse, das; das ständige Wachstum der zionistischen Organisation der beste Beweis sür die Richtigkeit der zionistischen Idee ist. Hierauf beginnt die Generaldebatte, die den ganzen Rest der .Nachmittagssitznng ausfüllt. Donnerstag, Vormittagssitzung. Die Generaldebatte wird fortgesetzt. Verschiedene Redner üben Kritik an dem Bericht des Zentralbureaus und vermissen eine Einheitlichkeit der Leitung sowohl in Bezug auf die praktische. Arbeit an Palästina als über die Richtung und die Mittel der Diplomatischen Tätigkeit. Es wurde betont, daß die Bewegung neu organisiert werden müsse. Das Zentralbureau müsse nach einer größeren Stadt verlegt werde», >vo man über mehr der Bewegung ergebenen Kräfte verfügen könne. Donnerstag, Nachmittagssitzung. In der Nachmittagssitznng wurde die Generaldebatte über den Bericht des zionistischen Zentralbureaus fortgesetzt. Bon der einen Seite wurde die Tätigkeit des Aktionskomitees einer scharfen Kritik unterzogen. Insbesondere wurde der Mangel an Initiative und Einheitlichkeit in der Leitung, sowie das unentschlossene und schwankende Vorgehen in Bezug auf die praktische Arbeit in Palästina bedauert. — Dagegen wurde von der anderen Seite geltend gemacht, daß die Leitung unter den obwaltenden Umständen mehr nicht habe tun können und daß vor allen Dingen Pflicht der Organisation sei, dem' Aktionskomitee die materielle Möglichkeit zu geben, großzügige Arbeiten zu unternehmen. — Die Vertreter der „Poate Zion", das heißt der zu einer besonderen Gruppe zusaniniengeschlossenen zionistischen Llrbeiter, verlangten, daß sür die Seßhastmachung eines gesunden Ärbeiterstandes in Palästina mit allen Mitteln eingetreten werden müsse, die Arbeiterfrage sei der wichtigste Punkt sür die Entwicklung Palästinas. — Der Präsident des Aktionskomitees, D a v i d W o l f fs o h n, kam zum Schlüsse der Debatte in einer eindrucksvollen, von den Delegierten mit stürmischer Begeisterung aufgenommenen Rede auf die an der Leitung geübten Kritik zurück. Auch er betonte nachdrücklich, daß die Tätigkeit des Aktionskomitees von der Beschaffung größerer Mittel seitens der zionistischen Gesinnungsgenossen abhänge. Die zionistische Organisation habe auch in den letzten Jahren Manches und Großes geleistet. Unverkennbar sei das Auflcben des nationalen Geistes unter den Inden der ganze» Welt, und auch hie anderen großen jüdischen Organisationen seien unter dem Einflüsse der Volksströmungcn gezwungen, ihre Tätigkeit mehr nach nationalen Gesichtspunkten einzurichten. Einer sich als notlvendig erweisenden Dezentralisierung der Organisation und einer Verlegung einzelner Bureaus nach einer größeren Stadt stehe er nicht im Wege. Nachdem der Revisionsausschnß die Richtigkeit der Bücher der Organisation bestätigt hatte, wurde dem Aktionskomitee schließlich das A bsol n t o r i n m erteilt, was voni Kongresse lebhaft applaudiert wurde. Zahllose Telegramme und Begrüßungsschreiben sind ans allen Teilen der Erde eingcgangen. Freitag, V o r m i t t a g s s i tz u n g. Freitag Vormittag erstattete, von stürmischem Beifall begrüßt, der Vorsitzende der Palästinakvmmission, der bekannte Berliner Botaniker und Professor an der Universität, Dr. Otto Marburg, Bericht über die Tätigkeit der Palästinak o in in i s s i o n. Zwar sei cs der Kommission Unmöglich gewesen, ihre Ausgabe in dem Umfange durchzuführen, wie es ihr Wunsch gewesen sei und wie es im Interesse der zionistischen Bewegung und der Erschließung Palästinas hätte verlangt werden können mit .Rücksicht auf die steigende Anteilnahme nicht nur der Zionisten, sondern der Juden aller Welt an der Durchdringung Palästinas mit jüdischen Kräften, habe sie es doch unternommen, verschiedene größere Arbeiten in Angriff zu nehmen, die wenn sie zu einem guten Ende geführt werden, für die Entwicklung des Landes von größter Bedeutung werden dürften. — Zunächst hat die Kommission ihr Augenmerk darauf gerichtet, unsere Kenntnisse von Palästina zu erweitern. Nachdem im Jahre 1904 der Geologe Prof. Dr. Blänkenhorn in Verbindung mit dem Agronomen Aronsohn die Umgebung des toten Meeres auf'S gründlichste in geologischer und agronomischer Beziehung durchforscht hatte, wurde im Winter 1905/6 eine eingehende Erforschung des nördlichen und östlichen Palästinas, und zwar insbesondere ans beiden Seiten der Trace der Mekkabahn, vorgenommen. Gelegentlich einer Expedition in das obere Jordantal wurde von Herrn Agronomen Boermann die wilde Urform des Weizens entdeckt, ein Fund, der in der wissenschaftlichen Welt berechtigtes Aufsehen erregte. Im Aufträge der Kommission hat der Ingenieur Treitel eine „Karte der Liegenschaften Palästinas" angejertigt, die die erste derartige Aufnahme der Eigentumsverhältnisse des palästinensischen Bodens darstellt. — Behufs Verbreitung der Palästinakenntniffc hat die Palästinakommission in der Berichtsperiode 2 „Palästinaferienkurse" veranstaltet^ Außerdem hielt das Kommissionsmitglied Dr. >soskin im Winter 1905/6 allwöchentlich, einen akademischen Palästinakurs ab. — Im Aufträge der Palästinakommission hat Herr D. Trietsch ein „Palästina-Handbuch" verfaßt, dessen erster Teil schon im Buchhandel erschienen ist. Das Büchlein dürste infolge seines reichen Inhaltes und seines niedrigen Preises große Verbreitung finden. Im Herbst diesen Jahres wird eine speziell für Schulen bestimmte hebräische Wandkarte Palästinas erscheinen, mit deren Herstellung zur Zeit bekannte Hebraisten .und Palästinageographen, sowie, namhafte palästinensische Kenner des Landes beschäftigt sind. — Die von der Palästinakommission hercinsgegebene Monatsschrift „Altneuland" hat ihren dritten Jahrgang vollendet und erscheint jetzt unter dem Namen „Palästina". Es ist bemerkenswert» daß sich um die Verbreitung dieser Zeitschrift neuerdings auch nichtzionistische große jüdische Korporationen lebhaft bemühen. — Die unter der Aegide der Komniission in Jerusalem ins Leben gerufene Kunstgewerbeschule „Bezalel" macht recht erfreuliche Fortschritte und hat schon eine große Anzahl von Personen dazu verholfen, aus ehrliche und arbeitsame Weise in Jerusalem ihr Brot zu verdienen. Sie hat Steinhauer und Maurer ausgebildet, demnächst wird auch die Teppichabteilung ausgebildete Schülerinnen entlassen. Die Kunstfärberei und Gipsgießerei hat schon manchen Familien zum,Lebenserwerb verholfen, die Spinnerei gewährt in erster Linie älteren, sonst erwerbsunfähigen Frauen einen Verdienst. Für den Winter ist die'Einführung der Holz- und Metallbearbeitung geplant. Neben dem Leiter der Schule, dem bekannten Bildhauer Boris Schatz, ist jetzt der Maler Hirßenberg als Leiter der Ateliers tätig. — An neuen Organisationen hat die Kommission in der Berichtsepoche den „Pflanzungsverein Palästina" und das „Palästinainduftriesyndikat" ins Leben gerufen. Der Pflanznngsverein soll jedem Juden der Welt durch 'Einzahlung von hundert Francs die Möglichkeit geben, der nominelle Besitzer eines kleinen Fruchtgartens in Palästina zu werden, von dem er lebenslänglich jedes Jahr eine kleine Palästinagabc in Form von Landcsprodukten (Mandeln, Rosinen, Oliven, Wein, Konserven usw.) zugesandt erhält. Da der ganze Besitz nur durch jüdische Arbeiter bewirtschaftet wird, dürfte der Verein bald ein wichtiger Faktor der landwirtschaftlichen Kolonisation in Palästina ausmachen. Das Palästinaindustriesyndikat ist vor kurzem mit einem Grundkapital von 100,000 M. gegründet worden und verfolgt den Zweck, die verschiedenen industriellen Möglichkeiten Palästinas zu prüfen und wo angängig, Industrie-Gesellschaften hiersür zu gründen resp. private Unternehmer hierfür zu gewinnen. Es liegen schon eine Anzahl Projekte vor, die jetzt durch Sachverständige in Palästina geprüft werden. — Im letzten Monat wurde auch der Grundstein zu einer „Arbeiterheimstättengenossenschast" gelegt, die den Zweck verfolgt, jüdische Arbeiter mittels langsamer Amortisation und niedrigen Zinssatzes allmählich 311111 Besitzer eines Hauses und eines Stücks Gemüselandes zu machen. — In Vorbereitung ist die Schasfung eines „Palästinaagrarfonds" zum Zwecke der Ermöglichung eines gesunden und billige» Agrarkredites und die der Palästinaagrikultur-Eesellschaft, die durch rationellen Großbetrieb neue, verbesserte Methoden der Landwirtschaft und neue Kulturen einsühren will. — Zum Schlüsse verlangt der Bericht eine Neuorganisation der Palästinaarbeit dadurch, daß innerhalb der Leitung der zionistischen Organisation ein besonderes Palästinaressort gebildet wird. Der überaus instruktive und interessante Bericht, der in jeder Hinsicht den Höhepunkt der bisherigen Verhandlungen darstellte, wurde vom Kongreß mit jubelndem, nicht enden wollenden Beifall ausgenommen. Zur Vereinfachung der Debatte wurde ein großer Palästina-Ausschuß gebildet, der für die am Sonntag beginnende Spezialdebatte die Resolution ausarbeiten soll. Der Vorsitzende des Direktoriums des jüdischen Nationalfonds, Herr Dr. Bodenheimer, erstattete hierauf seinen Bericht, in dem er zunächst die Grundlagen der neuen Organisation des jüdischen Nationalfonds auseinandersetzte und die Prinzipien darlegte, nach denen die Verwaltung des Fonds erfolgen wird. Der Fond, der bekanntlich ans kleinen und kleinsten Sammlungen in der ganzen Welt gebildet wird, verfügt zur Zeit über ein Vermögen von ca. l-tyi Millionen Frs. in baar und ca. Vs Millionen Frs. in Landbesitz. Sonntag, Vormittags sitz nag. In der Vorinittagssitzung verhandelte man über die Bankinstitute der zionistischen Bewegung. Der Präsident der jüdischen Kolonialbank, Dr. N. K a tz e n e l s 0 h n, gab einen kurzen Ueberblick über die Entwicklung dieser Bank und ihres Tochterinstituts, der Anglo - Palestine Company in Jaffa, Jerusalem, Beiruth und Hebron. Er betonte die andauernd günstige Entwicklung dieser Institute und erwähnte insbesondere den großen Einfluß, dessen sich die zionistische Bank in Palästina erfreue. Durch Gründung von Darlehensgenossenschasten, durch die Gewährung billiger Kredite an Bau- und Produktivgenossenschasten hat die A. P. Csehr viel zur Stärkung des jüdischen Elements in Palästina beigetragen und sich daselbst zu einem der ersten jüdischen Faktoren entwickelt. — Der Redner besprach sodann die in zionistischen Kreisen viel erörterte Frage der Wanderung der Statuten der jüdischen Kolonialbank. Bei der Gründung der Kolonialbank hat man als ihren eigentlichen Zweck die kolonisatorische Tätigkeit in irgend einem Teile der Erde bestimmt. Dieser Passus hat jedoch von Anfang an Widerspruch in weiteren zionistischen Kreisen hervorgerusen, die als Zweck der jüdischen Kolonialbank lediglich kolonisatorische Tätigkeit in Palästina und Nachbarländern festgesetzt haben wollten. Nachdem von verschiedenen Kongressen entsprechende Resolutionen gefaßt worden waren, hat man im verflossenen Jahre einen solchen Antrag auf Abänderung der Statuten beim englischen Gericht eingebracht. Dagegen haben nun die Territorialisten, die bekanntlich im Gegensatz zum Zionismus, der die Schasfung einer jüdischen Heimstätte in Palästina erstrebt, eine Heimat sür das jüdische Volk in irgend einem Lande der Welt erlangen wollen, Widerspruch erhoben und in dem eingeleiteten Prozeßverfahren ist die Entscheidung vorläufig vertagt worden. Es entstand jetzt die Frage, ob angesichts dieser Opposition und der großen Kosten, die mit dem eventuellen Verlust dieses -Prozesses verbunden sein kömrten, die Wanderung noch weiter erstrebt werden soll.

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