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Neue jüdische Presse · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt.- Nr. 33 wir über die.,Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute, in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben, — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft; — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken (Andauernder lebhafter Beifall.) Ghettoabsperrüng? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: „My house is my castle" Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin unser Verlangen nach einem eigenen sclbstgebauten Heim Ghcttosehnsucht Wir wissen, daß die allermodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablchncn, sich durch Truck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. Wir sind niemals fortsch rittlicher, niemals moderner, als wenn wir lieber echt als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Mail hat das Schlagwort ausgegebcn, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewußtsein treuer Anhänglichkeir all unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Weft verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus. Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht der Grmrd des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden das eingeschlummerte Standesbewußtsein geweckt und sie erniahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sic genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzclmenschen und als Gesamtheit nachzudenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist, wie jede geschichtliche Bewegung, aus einem stark empftindenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlußfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lassen sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn man uns in unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja auch in der Tat eine Bosheft, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. Aber wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits verstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir cs beharrlich ablchnen, uns in ihnen aufznlösen. Ta richtet sich ein Entweder-oder vor uns auf, vor dem es kein Entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben, oder Ivir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir kein Volk bleiben, dann gehen wir, so rasch es die dcmographischen Verhältnisse irgend gestatten, in unserer Volksumgebung auf. Wollen ivir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte S o n d e r st e l l n n g b e w e i st, d a n n m ü s s e n wir. auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Tauer aber ist es unmöglich, sich als abgesondertes, stammreines Volk zu behaupten, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn nicht aggressiv feindlichen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir uns aber als gesondertes Volk in der Zerstreuung? Für welche Zukunft? Für welche Geschicke? Was ist der Endzweck, zu'dem wir unsere Eigenart pflegen, die von der unserer Umgebung absticht? Was hoffen, was erwarten wir, daß wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer schmerzlichen Ausnahmestellung geduldig ertragen? Ist cs für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr aus die einzig mögliche Weise, durch den Zionismus. (Lebhafte Zustinimnng.) Erwarten und hoffen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist cs lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist cs reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenn man unter den größten Opfern und mit den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer Sondercxistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Wer an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. Und das würde iwch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgültig zu sein, nicht vom formellen Ucbertritt zu einem anderen Glauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Juden sich denn doch nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In großen Seelen haben sic mächtigen Widerhall geweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht verstehen wollen. Tenn wir wollen uns und andern nichts vormachen. Wir organisierte Zionisten sind leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ist, ob sie von anderen begriffen wird oder nicht, und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie ist unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen Vaterland?" und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußreiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, und an eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben organisierte, zum Teile mächtige Staaten, und außerhalb Italiens ungefähr alle Regierungen gegen sich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Jni Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben." Thomas Payne, der treffliche Verfasser von „Oornmon sense" tat die Aeußerung: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner." Michelet schrieb im Jahre 1859: „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie - sic sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir cs so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben, ist noch blutwenig Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn ivir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongrcsse znrückblicken. Selbst unsere materiellen Erfolge, so bescheiden sic scheinen, sind nicht allzü gering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolffsohn zusammengcfaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern aufgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo-Palestine Company geschaffen, die in Palästina gute Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gärungserrcger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanziniliative begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Augen der palästinensischen Eingeborenen nicht niehr wie fricher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser N a t i o n a l f o n d s ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich, sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen B c k e n n e r n Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht, auf ihre Bolksbedürsnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre G es ch i ch te, Gla ub en an sich scl b st un d den sittlichen Halt eines Jd-cals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seineni Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens seines ersten . Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er, von Personen unabhängig, aus eigner Kraft besteht. Große Gefahr drohte dem Zionismus von dcit zahlreichen mörderischen Ueberfällen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklichen Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken aus ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzrederr, durch die bcdenkenfreic Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus," hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die ^Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?" Zur Ehre unserer schwer heimgesuchten Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sic genug gesunden Menschenverstand, .um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht genug getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er nun in den . Tagen der Not Entscheidendes tun werde. Der Zionismus besitzt gerade nur was das jüdische Volk ihm gibt. Da jüdische Volk aber hat ihnn bisher nicht die Mittel geliefert, für die Bolksglieder in Gefahr wirksam eintretcn zu können.. » oft

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