Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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3ft»tnßfiurfcir Zstiklitischks familirnblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— ftei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKtion und Hefchäftsstelre: Srankfurt 2. Itt.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße ‘jSclefon 10507. -s-se-ä- H»erauSgeber: Sakg e! -H Jnfertivnspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. » , - — ' 5. JahrüL«;? Freitag, de« 13. Elul 5667 <23. August 1907). Ro. 33. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der 6. Zionistenkongreß. — Der Kongreß und die Tradition. — Eine Rede Nordau's. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Feuilleton: Eine Jagd. — Wochen- Kalender. — Fanriliennachrichten. Der 8. Zionistenkougretz. „Der achte Kongreß, von ihm ist nicht viel zu erwarten. .Herzl ist nicht mehr, die zionistische Organisiation ist geziveiteilt, die „Jto", mit Zangwill an der Spitze, bildet eine Organisation für sich und der zionistische Rest — auch diese sind uneinig." So urteilten skeptische Schwarzseher. .Hat sich diese Schwarzseherei bewahrheitet? Keinesivegs Herzl ist tot — doch der Zionismus lebt! Die Heißsporne sind abgefallen — doch die Geduldigen, Einsichtigen halten fest! Und die Uneinigkeit? Das ist eine Mär! Und was hat der achte Kongreß zutage gefördert? Der achte Kongreß war ein Kongreß der p r a k t i s ch e n A r ü e i t, vor allem aber der praktischen Arbeit ini Lande unserer Väter, in Palästina, und das ist eben das Gute! Und nicht nur materiell, auf kolonisatorischen und industriellen Gebieten, sondern auch in geistiger Hinsicht hat er' Praktisches zutage gebracht. Ein Gymnasium und eine Mittelschule sind gesichert. Doch werden sie sich im Rahmen der Traditon bewegen? Gewiß, ja! Die Mittelschule ist ja ein Werk des M i s r a ch i, und für das Gymnasium hat sich die Leitung durch Herrn Professor Marburg auf dem Kongreß verbürgt. Und für uns gilt die Einsicht der Leitung und die gebietende Notlvendigkeit der Neutralität seitens der Leitung als Garantie. Auch der Gang des achten Kongresses sei hier als sachlicher und würdevoller gerühmt. Nicht vergebens ist Wolffsohn in die Schule .Herzls gegangen, er hat etwas gelernt und gar manches von ihm abgeguckt; der große Führer hat bei seinem Heimgang gute Schüler hinterlassen, und die Leitung liegt in sicheren Händen. — Ist das alles? Bei weitem nicht. Es lag uns fern, hier einen vollständigen oder gar detaillierten Ueberblick zu geben; dies soll ein fernerer Artikel tun. Hier wollten wir nur einen Gesamteindruck, und auch dies nur kurz, geben. Was wir sagen wollten, ist, daß der achte Kongreß nicht vergebens getagt hat: er hat nicht nur die Bewegung in richtige Bahnen geleitet, er hat auch der Welt gezeigt, daß der Zionismus lebt und ein gedeihliches Dasein führt! 8—n. Der Kongrest und die Tradition. Hermann Struck, Vertreter des Misrachi: Im Anschluß an das hochinteressante, an Anregungen so reiche Referat des Herrn Sch. Lewin habe ich die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß eine Anzahl hier anwesender misrachistischer Delegierter beschlossen hat, eine M i t t e l s ch n l e in Palästina zu begründen. (Lebhafter Beifall.) Es sind jetzt bereits für diesen Zweck ca. 3000 Mark*) jährlich für die ersten 3 Jahre gezeichnet. (Lebhafter Beifall.) Ihr freundlicher Beifall wird uns anspornen, unermüdlich für die geistige .Hebung der Juden in Palästina weiter zu arbeiten. Ich habe nur noch wenige Worte hinzuzufügen. Wenn diejenigen Zionisten, die fest und unerschütterlich ans dem Boden des altüberlieferten Religionsgesctzes des Judentums stehen, auch ab und zu nicht mit allem einverstanden sein könnten, was von Zionisten gesprochen, geschrieben und getan wurde, so benutze ich doch die Gelegenheit, hier öffentlich freudig anzuerkennen, daß die offizielle Leitung des Zionisuius imnier und ausnahmslos bestrebt war, so zu handeln, wie es diesen Anschauungen entsprach. Gestatten Sie mir, an der Hand der Protokolle zwei für uns höchst wichtige Willensäußerungen des Kongresses Ihnen wieder ins Gedächtnis zu rufen. Auf dem ersten Kongresse erklärte Herzl aus eine Anfrage des Baseler Rabbiners Dr. Cohn wörtlich folgendes: „Ich kann Sie versichern, der Zionismus beabsichtigt nichts, was die religiöse Neberzcugung irgend einer Richtung innerhalb des Judentums verletzen könnte". Diesen Worten unseres teuren, unvergeßlichen Führers folgte stürmischer Beifall. Der zweite Kongreß beschloß auf Antrag des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis folgendes: „Der Zionismus erstrebt nicht nur die ökonomische und politische, sondern auch die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes und befindet sich dabei auf dem Boden der modernen Kultur, an, deren Errungenschaften er festhält. Der Zionismus unternimmt nichts, was dem Religionsgesetz des Judentums widerspricht." Hieran anknüpfend, gebe ich der bestinrmten Zuversicht Ausdruck, daß der Kongreß für richtig befinden wird, daß bei allen denjenigen Unternehmungen, die religiöse Interessen tangieren, diesen in entsprechender Weise Rechnung getragen wird. Wir glauben, gerade jetzt die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt lenken zu sollen, da wir endlich anl Beginn einer Periode praktischer Arbeit in Palästina stehen, auf der der Segen Gottes ruhen möge. (Beifall.) Professor Dr. Marburg: Ich erkläre im Einverständnis mit dem Präsidium, daß es die Leitung für selbstverständlich hält, daß die zionistische Organisation bei solchen Angelegenheiten, wo religiöse Fragen berührt werden, den Anforderungen des religiös-traditionellen Judentums Rechnung trägt. Eine Rede Nordau's Gehalten aufdem 8. Zionistenkongreß. Ein Jahrzehnt Ivird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der 1. Zionistenkongreß in Basel *) Die Summe hat sich inzwischen auf 10000 Mark erhöht. D. Redakt. eröffnet worden ist. Unser unvergeßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Stcintafeln gemeißelte Denkmalinschrift klangen: „Ter Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" . . . „Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit erworbener Kultur aufzugeben" .... „Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann cs das nicht, dann ist ihni eben nicht zu helfen." . . . „Von einem vollständigen "Auszüge der Juden kann wohl nirgends die Rede sein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert." Dies sind einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete, und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu übertrefscn sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten, Verdrehungen und Entstellungen. Ein Mißverständnis war es, daß man im Zionisuius eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte. Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes. der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, uni die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, uni ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitsfreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will deni einzelnen Juden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung auftafsen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungcn auf eigenem Boden und selbstgefchmiedetes Glück zu schaffen. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine "Absage an den Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Asiatentum und Ghettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen ftei. Ei' vereinigt Vertreter der Konservativsten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt, daß man sehr wohl Asiate und gleichzeüig höchst fortschrittlich sein kann. Tatsächlich aber sind wir unseres 2000jährigen Europäertums so sicher, daß