Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 31 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu M. 31 des FranksuHer JjrakWlhen FamlienbllMes. Inhalt Ser Beilage: Artikel: vorotb barisebooim — Material für die zur Ausführung des Schulunterhaltungs-Gesetzes notwendigen Maßnahmen. — Jüdische Jugend. JDoroth liarisclioiiim. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der Inden, von IsaakHalevy, Hamburg. V. Tie Arbeit Halevys ist zlvar keine Encyklopädie ine strengsten Sinne des Wortes, dafür aber eine Cyklopenarbeit, deren Schwierigkeiten nur derjenige zu würdigen weiß, der die Umstände kennt, unter denen ein lvirklichec jüdischer Gelehrter, ganz aus eigene Kraft angewiesen, arbeiten muß, der für seine bevorstehende goldene Hochzeit nicht einmal auf eine kupferne Verdienstmedaille rechnen kann. Halevy hat der modernen, in ihrer Kleinlichkeit und Geistesarmut bedauernswerten Psendowissenschaft den Todesstoß versetzt. Forschungen, warum die Juden aus Schlveinfurt vertrieben wurden, erledigen sich am besten durch die Frage, was sic dort eigentlich zu suchen hatten. Ebenso kompensiert sich die Frage, wie die erste Kremsierer Rebbezin geheißen hat, obwohl die Lösung einen Profcssortitcl einbringen kaw.l, sehr wohl mit der Frage: War Shylock ein Jude? Hat nämlich die Rebbezin Breindcl geheißen, so war Shylock ein Jude. Hieß sie dagegen Treindel, so war er kein Jude. Tas ist so einleuchtend, wie der Zweck der Fragen selbst. Alle diese Depressionen jüdischer Geister hat die Reform mit ihrer seichten, schalen, geschmacklosen Aufklärerei auf dem Gewissen. Speziell aber der Engrossist in alten, ausgestvßcnen Selichot, der die Vermessenheit gehabt hat, unsere altchrwürdigsten Dokumente, speziell die unschätzbaren Bücher der Chronik für apokryph zu erklären. Dere haben die neuesten 'Entdeckungen dcnr Direon Olam, ewiger Schmach, überantwortet. Nun hat uns Halevy aus den Uranfängen des Mittelalters in jenen Lichtkreis der imposantesten Persönlichkeiten der Geschichte emporgchobcn, die unter dem allgemeinen Namen der Knesset hagdolah, ccclesia magna im Exil mit den letzten Propheten auftauchen. In dieser Region erscheinen Mifchnah, Talmud und Agada nur als feinste Verästelungen mit Laub und Blütenschmnck der Krone eines unter derselben kaum sichtbaren Stammes. Damit ist aber erst die halbe Arbeit getan. Tie 'Außenwcrke sind genommen. Aber die eigentliche Festung, ohne welche cs keine jüdische Gcschichts- und Religions-Wissenschaft gibt, besindet sich, für die Juden moderner Bildung wenigstens, noch immer im Besitze des Feindes. Es unterliegt ja keinem Zweifel, daß es seinem Genie und Talente gelingen wird, auch ans diesem Gebiete, blos mit den Hilfsmitteln seiner unbestrittenen Domäne, der rabbinischen Wissenschaft, Ueberraschendes zu leisten. Aber zu einem durchschlagenden Erfolge gehört vor allem die vollständige Beherrschung einer ganz neuen Wissenschaft, der neuesten Archäologie in ihren Beziehungen zur alten, d. h. der jüdischen Geschichte xar excellence, deren Studium' viel, viel Zeit erfordert. Ferner müßte hier eine ganz neue, von seiner bisher gewohnten grundverschiedene Taktik cingeschlagen werden. Erstens: Würde hier die von ihm leider gänzlich, beinahe absichtlich vernachlässigte Chronologie die erste Rolle spielen. Eine Geschichte ohne Chronologie ist ein Schiff ohne Kompaß ans stürmischem Meere. Zweitens: Sein Werk baut sich von Satz zu Satz ans einer gewaltigen und glänzenden Polemik aus, die Tausende von Jrrtümern eines numerisch und zeitlich kleinen Kreises von Reformgelehrten nachweist, von denen die meisten den Talmud usw. nur vom Hörensagen kannten und — wie Sehende einem Blinden — der Führung des obskuren Galizianers Krochmal folgten. In der Bibelantikritik ist dieser Weg ungangbar. Wer all den kretinösen, boshaften Blödsinn registrieren wollte, der seit Manetho, dem Pontifex der heiligen Katzen von Bubasle, als Entgegnung aus die Septuaginta bis auf Apion und Claude Montefiore — von dem boshaften Renegaten Spinoza, von Reimarus und der Göttinger Folterkammerschule bis ans Wellbausen und Delitzsch dem Jungen ausgehäuft worden sind, der müßte erstens eine Papierfabrik sein eigen nennen, zweitens würde er den Leser in solche Borot nischbarim, mit mephitischen Dünsten gefüllte Brunnen führen, daß das Unwohlsein, das ihn befallen muß, nicht ohne ernste Gefährdung seiner geistigen und seelischen Gesundheit behoben werden könnte. Glücklicherweise sind wir bei dein Stande der neuesten Wissenschaft von diesem bösartigen mittelalterlichen Spuk und schwerem Albdrücke befreit. Die letzten ohnmächtigen Versuche, die entzückenden Tatsachen in ihr Gegenteil zu verkehren, sind mir ebenso burleske Episoden, wie die des Hauptmanns von Köpenick, der sich, nachdem man ihm die Uniform ausgezogen hatte, als harmloser Schuster entpuppte, dem nicht einmal ein Professortitel gebührt. Gesetzt also, daß Halevy seine Taktik iu der angcdenteten Richtung ändert, so beginnen für ihn schon bei der Chronologie ganz eigentümliche Schwierigkeiten. Der berühmte Verfasser des Scder hadorot, R. Jcchiel Lurja-Minsk (1761), dessen Werk den Modernen als Leitfaden und Fundgrube für die ganze Geschichtsschreibung gedient hat, konnte seiner Zeit mit seltenem Freimute alle divergierenden Ansichten der alten Exegetcn gegen die durch das Seder Olam eingebürgerte persische Chronologie registrieren und dieselbe erschüttern. Bei der späteren Wilnaer Schule wäre ihm das schlecht bekommen. Halevy gehört dieser Schule an, und eine Sentenz in seinem Werke, welche lautet: „Man mag die Zeit der Perserkönige auch noch so weit ausdehnen wollen", deutet an, daß er an die Möglichkeit eines Kompromisse» zwischen den divergierenden Ansichten glaubt, der Frage selbst also überhaupt nicht ernstlich näher getreten ist. Er hütet sich somit, den Standpunkt zu bekennen, den die alte Schule der freien Forschung seit R. Saadia-Gaon, R. Schcrira und R. Hai, R. Serachja bal hamaor, Maimonides, Rabed, Abcn Esra, Kimchi und selbst Raschi und sein Zeit- und Stadtgenosse R. Joses Kara ans Trohes, namentlich aber. der Frömmste unter den Frommen, R. Samuel b. Meier (vulgo Rischbam, Raschi's Enkel) eingenommen hat, daß der Agada keine Einmischung auf die Forschung cingeräumt Ivird. Bei der außerordentlichen Wichtigkeit des Gegenstandes für die rcligiönsgeschichtliche Wissenschaft und da man nicht Herr seiner Tage ist, muß der Versuch gemacht werden, hier für Andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Das Jahrbuch IV der Jüdisch-Literarischen Gesellschaft Frankfurt a. M. bringt auf S. 331/41 eine Lösung des Problems, welche die Richtigkeit der von R. Jose eingeführten Aera nrundi der jüdischen Zeitrechnung konstatiert und die Perserlücke in der Richterzeit anszugleichen verspricht. Ta hierbei ganz neue, geschichtswissenschaftliche Standpunkte in Betracht kommen, muß zuvörderst die Chronologie der Königszeit im Lichte der assyrischen gleichzeitigen Annalen festgestcllt werden. Tie neuesten Ausgrabungen haben assyrische Königsannalen ans Tageslicht gefördert, die in fortlaufenden Kalenderjahren von Assurnasirpal 2876 A. m. bis fast zum Untergänge des Reiche» eine fast ununterbrochene Jahreschronik liefern. Dieselben sind namentlich für die ersten zlvei Jahrhunderte, astronomisch sichergestellt durch die am 15. Juni 763 g. Z. registrierte Sonnenfinsternis. während der Schlacht. Dadurch haben wir einen festen Punkt für die Eroberung Schomrons (Samaria's) im Jahre 3040. Einen zweiten im Jahre 2917 für die Thronbesteigung Jehn's, dessen Gesandtschaft und Tribut an Salmanassar mit Inschrift auf dem schwarzen Obelisk (British. Museum) abgebildet ist. Dieses Katastrophenjahr bezeichnet den Untergang der Dynastie Omri- Achab, der syrischen Benhadad, durch Chasael und de» Versuch Atalia's, die davidische Dynastie ans dcnr Wege zu räuinen. Wenn wir von 2917 rückwärts die Chronologie der Könige des Zehnstämmereichcs anfstellen, so finden wir Jerobeam 22 Jahre, Nadab 2 Jahre, Baescha 24 Jahre, Ela 2 Jahre, Simri 7 Tage, Omri und Tibni 12 Jahre, Achab 22 Jahre, Achasja 2 Jahre, Joram 12 Jahre, zusammen 98 Jahre. Denen stehen gegenüber Könige in Juda: Rechabcam 17 Jahre, Abija 3 Jahre, Assa 41 Jahre, Joß.phat 25 Jahre, Joram, der nach Seder Olam (Raschi Kge. II. 8/16) 2 Jahre mit seinem Vater zusammen regierte, 6 Jahre, Achasja 1 Jahr, 93 Jahre. ES ergäbe sich somit eine Differenz von 5 Jahren. Dieselbe wird durch die Exegeten dadurch erklärt, daß es sich bei den Königen Israels nicht um volle Jahre handelt, sonderir die letzteil Monate des verstorbenen Königs ebenso für ein volles Rcgierungsjahr gerechnet werden, wie die ersten Monate seinem Nachfolger bis zum Schlug des Kalenderjahres diesem voll angerechnct werden. Jedem Schüler, der das Buch der Könige mir Raschi gelernt hat, ivird cs bekannt sein, daß sich dann noch immer bei den gleichzeitigen Angaben der Regierungsantritte der israelitischen Könige in dem und dem Regiernngsjahre des gleichzeitigen Königs von Juda Differenzen ergaben, ivelche Raschi mehrmals, namentlich aber Schluß Kge. 1.22,52 zu dem Urteile veranlassen: Ischeeuo niedakdek beminjan schnotehem, er nimmt es mit der Angabe der Regiernngsjahre nicht genau. Es ist die Untersuchung gestattet, aus welchenc Grunde cs riicht genau genommen wurde oder werden konnte, und damit stehen >vir vor der Frage nach dcnr Verfasser der heiligen Geschichtsbücher Richter, «amuel und Könige. Ist es die einzig dastehende Selbstlosigkeit dieser heiligen Männer, die ihr eigenes Ich vollständig in den Hintergrund stellten, die uns jeder Hoffnung beraubt, sie kennen zu lernen? Und doch haben wir am Schlüsse ein Königssiegel. Schon der Talmud macht auf die weise väterliche Fürsorge der göttlichen Vorsehung anftnerksam, ivelche, um das Judentum vor dein Untergange zn retten, .11 Jahre vor der Zerstörung Jerusalems das Exil Jechonja's mitsamt der geistigen Elite Jerusalems anordnete, ivelche ein Asyl für die Jahrtausende der Diaspora schuf. Tas Buch der Könige schließt nrit der Schilderung der Zerstörung und der Vernichtung der letzten Selbständigkeit der Juden durch die Ermordung Gedalja's, überspringt einen Zeitrcmm von 26 Jahren, um zum cndgiltigen Abschlnß zn kommen: Und es war im 37. Jahre des Exils Jojachin'S (Jechonja), Königs von Inda, im 12. Monat am 27. des Monats erhob Evilinerodach, König von Babel, im Jahre seines Regierungsantrittes das Haupt Jojachin'S, König voir Juda, aus denr Gefängnisse. Und er sprach mit ihm Gutes und stellte seinen Thron höher als die Throne der Könige, die bei ihm in Babel waren. Und ließ ihn seine Gefängniskleider aülegen. und zog ihn zu seiner Tafel für seine Lebenszeit. Und seine .Haushaltung für die Dauer wurde ihm vom König per Tag ausgesetzt, lebenslänglich." Der König war 18 Jahre alt, als er nach dreimonatlicher Regierungsdauer in's Exil geführt und gefangen gesetzt wurde. Daher sein Beiname Chron I., 3, 17, Jechonja Assir, der Gefangene. Was tar er während dieser 37 Jahre? Buße, lernte die Thora und betete das Tillinr seines Ahnen. Gefangene, die von solcher Höhe gestürzt sind, finden die wahre Seelenruhe, die ihnen die beste Gesellschaft ersetzt, nur im Schreiben und Diktieren. Ein König, der 3 Atonale regierte, hat keine Menioiren zn schreiben. Aber es standen ihnr die "Annalen seiner Ahnen und die der Könige Israels zur Verfügung. Die Vermutung drängt sich als überzeugende Gewißheit auf, daß er, wenn nicht eigenhändig, so doch die Abfassung der Geschichte seines Volkes diktiert und überwacht hat. Um so sicherer, als fast alle Geschichtswerke der alten Reiche unter ähnlichen Verhältnissen ent-