Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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«eite 10. Geleise der Weltgeschichte hebt". Von ihm erwartet er die Verwirklichung jener hier und da im Judentum selbst aufflackernden Ansicdlungspläne, wie z. B. des Rabbiners Hirsch Kalischcr von Thorn, dessen Genosse, der Budapester Rabbiner, auf einer Reise durch Deutschland itttb Frankreich die Gemeinden zur Gründung einer Ansiedlungsgesellschast bewegen will. „Die Erwerbung eines gemeinschaftlichen vaterländischen Bodens, das Hinarbeiten auf gesetzliche Zustände, unter deren Schutz die Arbeit gedeihen kann, die Gründung von jüdischen Gesellschaften für Ackerbau, Industrie und Handel nach mosaischen, d. h. sozialistischen Grundsätzen, das sind die Grundlagen, auf welchen das Judentum sich wieder erheben, aus welchen das unter der Asche eines toten Formalismus glimmende Feuer des altjüdischen Patriotismus wieder hervorbrcchen, durch welche das ganze Judentum neu belebt werden wird." Erst aus .Heß' Zukunftsgedanken ergibt sich seine Stellung zur gegenwärtigen Judenhcit, zur westlichen, die er in Orthodoxie und Reform einteilt, und zur östlichen. Herben Spott ergießt er über die deutsche Reformbcwegung, welche ohne inneres Prinzip eine Religion von außen umprägen will und in eigentümlichem Widerspruch zumeist nicht die Religion, sondern die politische Emanzipation zum Zwecke hat. Milder steht Heß der westlichen Orthodoxie gegenüber, welche für ihn nur die erstarrte Form einer historischen Entwicklungsstufe des Judentums bedeutet. Obwohl er am besten' innerlich die Tendenz empfindet, sich „ohne vorgefaßte Meinungen ganz dem verjüngenden Strome zu überlassen, der die modernen Kulturvölker aus der alten in eine noch unbekannte Welt führt", so fürchtet er andererseits von jener Seite keinen Widerstand gegen den modernen Zionismus, im Gegenteile, er erwartet, daß der nenbelcbtc Patriotismus hier verjüngend wirken werde. „Aus der nationalen Wiedergeburt wird das religiöse Genie der Juden gleich dem Riesen, der die Mutter Erde berührt, neue Kräfte ziehen und vom heiligen Geiste der Propheten wieder beseelt werden." Mit feinem Instinkte sicht er sogar in der nationalen Mystik des viel verspotteten Chassidismus die Spuren volkstümlicher Verinnerlichung. Den gesunden, entwicklungsfähigen, weil am tiefsten in der Vergangenheit wurzelnden Stamm des Volkes erblickt er in den östlichen Juden. „Sie haben den lebendigen Kern der jüdischen Nationalftät treuer bewahrt als unsere westlichen Brüder, welche alles am Glauben unserer Väter neu beleben möchten, nur nicht die Hoffnung, die diesen Glauben geschaffen und durch alle Stürme der Zeiten lebendig erhalten hat, die Hoffnung auf die Wiederherstellung unserer Nationalität." Dagegen kann das westliche Judentum nur durch gewaltigen äußeren Druck umgeschmolzen werden, welcher seinen falschen Liberalismus vernichten wird. Nur „die junge jüdische Generation, die für alles Erhabene und Heilige empfänglich ist, wird sich den nationaljüdischen Bestrebungen mit Begeisterung anschließen". Das praktische Programm für seine Zeit lautet: „Was wir heute für die Wiederherstellung der jüdischen Nationalität zu tun haben, besteht zunächst darin, die Hoffnung auf unsere politische Wiedergeburt lebendig zu erhalten und sie da, wo sie schlummert, wieder zu erwecken. Erlauben sodann die Weltereignisse, welche sich im Orient vorbereiten, einen praktischem Anfang zur Wiederherstellung des jüdischen Staates, so wird dieser Anfang zunächst in der Gründung von Kolonien im Lande der Väter bestehen." In kurzen Umrissen versuchte ich das ohnedies scharf umrisscne System des zionistischen Theoretikers zu zeichnen. Manches darin mag vom polftischen Standpunkte oder von dem anderer Weltanschauung aus Einwände finden oder gar überholt sein. Manches hat sich wirklich so erfüllt, wie es Heß mit wunderbarem Blick voraussah, manches kann erst die Zukunft bringen. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Aber wir müssen den einsamen Denker verehren, der aus sich selbst die Erkenntnis eines neuen, erst jetzt sich entwickelnden Judentums schöpfte, den Zionisten, der noch nicht einmal den realen Zionismus erlebte. Ein jüdisches Gebetbuch Bayerns vor 80 Jahren. Von A. M a n n h e i m e r -Dettelbach. Es dürfte für das moderne Geschlecht von Interesse sein, auf ein am Anfänge des geschiedenen Jahrhunderts ediertes übersetztes Gebetbuch hinzuweisen, das z. Zt. noch in wenigen Exemplaren, zumeist nur bei Vertretern der alten und ältesten Generation, und auch da größtenteils in defektem Zustande sich vorfindet. Und doch verdient es dieses Gebetbuch nicht der Vergessenheit anheimzufallen. Sowohl der Zeitpunkt, in welchem cs das Licht der Welt erblickte, als auch die Anlage und Ausstattung des Werkes erregen unser Interesse. Die Gcbetbnchfabrikation der letzten und vorhergcgangeucn Jahrzehnte lehrt, daß jede Neuerscheinung auf diesem Gebiete ihre „Geschichte" hat. So auch hier. DaS stattliche, 520 Seiten umfassende Gebetbuch, in München 1827 bei Ernst August Fleischmann gedruckt, ist gewissermaßen ei» Dokument seiner Zeit, das der jüdische Geschichtsschreiber und Literarhistoriker kaum übergehen darf. Ans einem für Bayerns Zudcnheit recht bewegten politischen Milien ist es hervorgewachsen. Zu seiner Würdigung wollen wir es mit wenigen Strichen skizzieren. Das Jahr 1813 brachte Bayern das „Juden- Edikt" mit manchen wohlgemeinten Verordnungen, allerdings auch mit dem ominösen § 12, der befiehlt, daß die „Zahl der Juden an den Orten, wo sic dermalen sich befinden, in der Regel nicht vermehrt werden soll, sie soll vielmehr nach und nach vermindert werden." Also das Pharaonische Prinzip „pen jjrbeh" in Neuauflage. Die Regelung des jüdischen Kultuswesens und jüdischen Religionsunterrichts war mit dem Juden-Edikt endlich in Angriff genommen. Die Landesverfassung von 1818, der Landtag von 1831 nahmen wiederholt umfassende Revisionen vor. Am 23. Oktober 1826 war eine Ministerialentschließung in München erschienen, die Talmudschule in Fürth betreffend. Es war der erste Eingriff der Regierung in die bisherige Organisation der berühmten Jeschiwa, an der der große Rabbi Wolf Hamburger s. A. wirkte. Ihr Ruf drang ins Ausland; die Regierungsmaßnahmen zählten jedoch nicht zu den günstigsten Momenten ihrer Entwicklung. In gleichem Betreff erließ die Kgl. Regierung des Rezatkreiscs zu Ansbach Fürth gehörte zum Rezatkreis — am 15. Juni 1827 eine Entschließung (cf. Jntell.-Bl. f. d. Rezatkr. v. I. 1827, Bd. 1, Nr. 25, S. 1987), ihr folgte am 10. März 1829 nochmals eine Ministerialentschließung mit ausführlichem Lehrplan für Bayerns Rabbinatskandidaten. Die Jeschiwa in Fürth vegetierte bald nur noch, um endlich dahinzusiechen mangels ideeller Neugestaltung und materieller Unterstützung. — Auch am 27. Sept. 1832 und 8. Juli 1833 erschienen bcdc'ntsamc Ministerialentschließungen über das jüd. Religionsschulweseu Bayerns. Für die Rcligionsl e h r c r in Bayern ivar schon am 24. Dez.' 1822 eine (l i t h o g r a p h.) Ministerialentschließung publiziert worden, die Dicnstverträge der Juden mit Schullehrern auf bestimmte Zeit betreffend, 1821, 1825, 1826 und besonders 1828 Instruktionen für Vorbildung von Rcligionslchrern und Rabbinen. Wie man sicht, fällt das Geburtsjahr des Gebetbuchs in eine sehr rege Entwicklnngsperiode internjüdischer Verhältnisse Bayerns. Das Titelblatt nennt die Tefilla „Tägliche Gebete der Israeliten, mit Einleitung und Anmerkungen hcrausgegcben von Dr. Alexander Behr." Weiter sagt uns das Titelblatt: AnfKostcndesHerrnJsraelHir sch Pappe »heim er, Adrninistrator des israelitischen Kultus. Es ist dies derselbe Großhändler Pappenheimer, dem die Synagoge an der Theaterstraße (jetzt Westenricderstraße) 1826 ihr Entstehen verdankte. Eine vorgcdruckte Regierungsentschlicßung äe äato Aschafsenburg, 23. Sept. 1826 privilegiert Pappenheimer, dem die Synagoge an der Theatcrtinter Bedrohung eines „Nachdrucks dieses Gebetbuchs oder eines Handels mit auswärts veranstalteten Nachdrücken" mit der Strafe von 100 Dukaten, wovon _Nr. 29. die Hälfte dem Aerare, die andere Hälfte dem Verleger zufallen soll. Wie selbstlos indes Pappenheimer dem Ganzen gegenübcrstand, erhellt ans dem Vorwort, das er als Verleger dem Buche mitgibt. Er entschuldigt sich gleichsam, ein solches Werk nntcrnommen zu haben. Doch habe ihn schon 1824, als allerhöchsten Orts der Ban einer neuen Synagoge seiner Leitung unterstellt wurde, die Idee einer deutschen llcbersetzuug neben dem Urtext beschäftigt. „Die kgl. Polizei- Direktion hatte nach allerhöchstem Reskript alsbald dem Großhändler Pappenheim eine diesbezügliche Regierungsentschlicßung mitzuteilen mit dem Beisatze, daß die unterfertigte Stelle in dem von ihm beabsichtigten Unternehmen mit Wohlgefallen einen neuen Beweis seines tätigen Strebe ns für die Förderung wahrer Religiösität erkannt Hab e." Das Lob war sicher schmeichelhaft genug und wohlverdient. Dennoch verlangte die Regierung, „die Appobration eines der angesehensten Rabbiner nachznbringen!" So verschob sich der Druck wiederum um einige Zeit. Durch Vermittelung der kgl. Regierung des Untermainkreises erteilte nun der O b c r r a b i n e r A b r. Bing zu Würzburg die Approbation. Der Name dieses berühmten Talmudgelehrtcn erhebt das Werk über jeden Verdacht, als könnte cs reformatorischen Ideen etwa Vorschuß leisten. Bei den vielseitigen organisatorischen Maßnahmen der Regierung damaliger Zeit liegt der Gedanke ja nahe. In der Tat brachte diese Periode die ersten schüchternen Versuche der Reform auch in Bayern. Dr. Behr hielt das übersetzte Gebetbuch jedoch ganz im Geiste des traditionellen Judentums. (Nebenbei mag bemerkt sein, daß unter Dr. Behrs Aegide auch das „N e l i g i o u s b u ch" von Oberrabbiucr Bing erschien, bis vor 2 Jahrzehnten noch in Bayern im Gebrauch.) Wie ernstlich er seine Ausgabe erfaßt und wie trefflich er sie gelöst, das bezeugt außer dem Inhalte der Tefilla selbst noch eine 17 Seiten umsassende „E i n l c i t u n g." Man dürfte sie als Vademecum jedem jüdischen Gebetbuche wünschen. Nicht nur der Laie, auch der Berufsgelehrte kann reiche» Gewinn daraus ziehen und Anregung empfangen. In edler, an manchen Stellen schwungvoller Sprache gibt er uns Aufschluß über Wesen und Form der jüdischen Gebete. Es ist die Sprache des Herzens. Sic liest sich leicht und gut. Die „Einleitung" zerfällt in 4 Kapitel: a) Von dem Inhalte und Zusammenhänge im allgemeinen, 1>) von einigen «auffallenden Ausdrücken, c) von dem Alter unserer Gebete, ck) von der Sprache. Die Rücksicht auf den hier verfügbaren Raum verbietet uns, näher auf den reichen Inhalt eiuzugeheu, so verlockend es auch wäre. Ohne Weitschwcifigleit erfahren wir hier das Notwendigste, was jeder Jude wissen sollte, der mit Verständnis und innerlicher Erbauung sein Gebet verrichten möchte. Dr. Behr erörtert das Wesen der jüdischen „Tefillo", bekämpft die Afterphilosophie, zeigt die Gliederung und den Auffbau der einzelnen Hauptgcbctc, geht auf die Gebetszeiten ein usw. Apologetisch klingen die Erörterungen über Welamalschinim, das Olcnu-Gcbct, über die Ausdrücke „Auserwähltes Volk", „Lieblinge Gottes" usw. Bei dem Kapitel vom „Alter der Gebete" werden drei Perioden der Entwicklung unterschieden und unsere Gebete darin eingeschichtet. Zahlreiche Fußnoten verraten die Gelehrtheit des Verfassers wie dessen große Sorgfalt bei Lösung der ihm gestellten Aufgabe. Wir wissen nicht, zu welcher Zeit dieses Gebetbuch seine größte Verbreitung in Bayern fand und wie viel Auflagen cs erlebte. Tatsache ist, daß man cs heutzutage nur sehr selten in Familie» trifft, was man nur bedauern kann; denn es nimmt sich auch jetzt noch nicht veraltet aus. Meteorologie und Talmud. In der heutigen Zeit, in der die Meteorologie oder vielmehr ihr Zweck, die Wettervoraussage, im Interesse der notleidenden Landwirtschaft eine staatlich besonders begünstigte Wissenschaft wurde, dürfte es von Interesse sein, die fast unbekannte Tatsache festzustellcn, daß schon in alten Zeiten die Witterungslehre bei uns Juden im hohen Ansehen gestanden hatte.