Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-07-26 · Heft 29 (26.7.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 29 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692540--03356-2698038
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Beilage M M. 29 des Frankfurter Jfmelitischen FaMienbtMes. Inhalt der Beilage: Artikel: Oorotb t>::riscbouim. — Moses Heß. — Ein jüdisches Gebetbuch Bayerns vor 80 Jahren — Meteorologie und Talmud. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Vereins-Kalender. Dorotli harisclioAim. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der Juden, von Isaak Halevy, Hamburg. IV. Halevy befleißigt sich hinsichtlich der geschichtlichen Behandlung der Entstehung des Christentums einer begreiflichen Reserve, da sein Werk in erster Reihe für die hebräischen Leser Rußlands und seiner Zensur bestimmt ist. Die hochinteressanten Sentenzen, die er ans den entlegensten Boriitas, namentlich aus dem oft noch sehr iutcrpretationsbedürstigen Talmud jeruschalmi herbeibringt, liefern daher ein von selbständigen Forschern erst zu verarbeitendes Material. Seine bedeutsame Entdeckung, das; die Mischnah. um den neuen Seltenstiiter nicht direkt zu nennen, demselben in Abot 5, 23 nach Jervbeam seinen Plast unter dein Pseudonym Bileam anweist, stammt ohne sein Wissen von Prof. Jacob Levy (talmudischrs Lexikon) Breslau. Dieser Schüler des sel. Chacham Bernays bietet auf diesem speziellen Gebiete in der schärfsten Beleuchtung der freisinnigen Forschung des alten deutschen Achtundvierzigers eine Fülle des Interessanten im Sinne der unverfälschten altjüdisch-traditionellen Kampfesstimmung» die noch durch keinerlei assimilatorische, klerikal-pietistisch angehauchte Konnivenz zu dem kleinsten sucrificio d’intelletto zu bewegen war. Es unterliegt umsoweniger keinem Zweifel, daß es sich hier nicht blos um eine kritische Konjektur handelt, sondern daß er wirklich das Nichtige getroffen hat, als eine der spärlichen Talmudstcllen, die dasselbe Thema behandelt, in der Erzählung des .Herganges beim Uebertritt des Römers 2nlelos zum Judentum durch eine nach allcrmodernfteiu Muster veranstaltete Beschwörung und Ausfragung der heidnischen Religionsstister, denselben Zusammenhang mit Bileam herstellt. Wie bcwundernslvert ist die weise Taktik der Mischnah, welche angesichts eines Kampfes von beispielloser Heftigkeit, welcher die ganze heidnische Welt des alten Rom und die in ihr zerstreute jüdische Diaspora in die tiefsten Tiefen aufwühlt, mit literarischen Flugschriften und Predigten überschivennnt, sich in unnahbarer Hoheit auf die Thora znrückzieht und aus der ältesten Vergangenheit dein neuen Probleme das noch weit rätselhaftere des heidnischen Propheten entgegenstellt, dessen Auftreten die Thora selbst wie auch die späteren Propheten als eine der größten Gefahren schildern, die Israel bedroht haben und von seinem Hüter ans Fluch in Segen umgewandelt worden sind. Man wird nicht fehlgehen, auch in diesem merklvürdigen Umstande des Totschweigens eine Bestätigung der von Halevy glänzend durchgeführten Lehre zu finden, daß der lebendige Grnndtcxt der Mischnah nicht nur zu Hillel's Zeiten in den Hauptlinieu fertig abgeschlosscn war, sondern noch aus den Zeiten der großen Versammlung stammt. Da hierfür ein gründliches Studium dieses Riesenwerkes nötig ist, muß hier dieser Hinweis als Andeutung genügen. Ebenso beachtenswert ist, daß auch des Herodes, trotzdem er den Neubau des Tempels bewerkstelligt hat, in der Mischnah keine Erwöhnung geschieht. Noch merkwürdiger, daß 'während der Megillat Ester ein ganzer Traktat gewidmet ist, des Chanukalichtes trotz der damit verbundenen obligatorischen Vorschriften nur ein einziges Mal, ganz indirekt am Ende des P. III. Baba kama Erwähnung geschieht. „Wenn ein Krämer ein Licht vyr den Laden stellt und die Ware eines Passanten sich daran entzündet, so ist er für den Schaden verantwortlich. Rabbi Juda sagt: Beim Chanukalicht nicht, weil er das Recht dazu gehabt hat, es vor der Tür anzuzünden." Man hat diesen merkwürdigen Umstand darauf zurückführen wollen, daß die Hillelidcn auch die HaSinonäerkönige als Usurpatoren ans dem Throne Davids betrachteten. Die Erklärung ist pikant, aber der Grund ist ein viel tieferer. Wie Halevy es in voller Beleuchtung zeigt, schließt sich die Mischnah in engster Verbindung an den Kanon und seine Zeit an. Von Moses bis Esra ist der Ban des Organismus des Judentums in seiner vollen Reife abgeschlossen. Was später folgt, ist Entwicklung seiner Wirksamkeit in der Außenwelt, die in aller Großartigkeit an dem Organismus selbst nichts ändern oder hinzufügen kann. Das Buch Ester ist in den Kanon ausgenommen, folglich gebührt ihm ein Platz in der Mischnah. Das Makkabäcrbnch — so großartig und wichtig die Episode mar, die es schildert — kam nach Torschluß, als der Kanon ,(wie das Makkabäerbnch selbst angibt) durch Nehcmia bereits abgeschlossen war,.deshalb findet es auch keinen Platz in der Mischnah. Alle späteren Episoden berühren den für die Ewigkeit geschaffenen Bau so wenig, wie den Schnee auf den Gipfeln des Libanon und Hernion. Tie Konvulsionen bei Entstehung des Christentums werden ebensowenig registriert, wie die des Islam in der Gaonimliteratur, trotzdem die Steine, die das Judentum da in den Völkerozean wirst, ihre Wellenringe bis an die Enden der Erde verbreiten. Halevy markiert zwar nur die strategischen Positionen dieses gewaltigen Feldzuges, den die jüdische Gottesidce gegen das gesamte Heidentum unternimmt, aber in so feinen Linien, daß die lebendige Schilderung sich von selbst aufdrängt. Da ist die Epoche des Herodes als der äußerste Tiefstand seit dem Einzüge Israels in Kanaan. Der Sohn eines fremden Volkes ans dem Throne Israels, dessen Jllegitimät ein .Hohn ans das Gesetz der Thora, noch dazu ein Edomiter vom Stamme der Todseinde Israels. (Anm. Sein Urenkel, König Agrippa, weinte bei der vorgcschricbenen Verlesung des Deuteronomiums durch den König bei der Stelle: Du darfst keinen Freniden über Dich als Herrscher einsetzen. Die Gelehrten riefen ihn: zu: Du bist unser Bruder — weil seine Mutter eine Jüdin war, aber der Talmud Jeruschalmi tadelt sie wegen dieses Byzantinismus.) Herodes begnügte sich nicht mit diesem passiven Proteste. Er führte die ägyptische Blutschande und die römische Mordlnst auf dem Throne ein, verletzte die Gefühle des Volkes selbst betreff der an Götzendienst streifenden Anbringung fremder Embleme an der Tempelfassade und watete im Blute der Gesetzestreuen vermittelst seiner sremden Söldlinge. Die Reichtümer des Volkes verwendete er zur Erhaltung der olympischen Spiele in Elis, dessen antisemitische Kassierer schon damals durchzubrennen liebten, zur Bestechung der Römer und für heidnische Tempel. Kurz, die Lehre Mosis >var durch ihn äs facto abgeschafft. Ihre Träger, die, wie Halevy sehr anschaulich und beweiskräftig schildert, beim Volke wegen ihrer Milde, Weisheit und Tugend als vollwertige Stellvertreter der Propheten geliebt waren, die sogenannten Pharisäer, vernichtete er mit dem Schwerte zu Gunsten der reichen, ausschweifenden, assimilationssüchtigen Sadducäerpartei, die eine Art Jockey-Club Association nach hellenischem Muster bildete in einem von ihm gegenüber dem Tempel erbauten Gymnasium nach dein ursprünglichen nackten Wortsinne mit nackten Körper- Übungen, die vom Tempel ans sichtbar waren. Derart trostlose Zustände waren der richtige Boden für das Auftauchcn von Pseudomessiassen und die Bildung einer heidnisch-jüdischen Verbindung, welche die letzten Schranken zwischen legitimem Familienjndentum und internationalem, kosmopolitischen Rassen-, Vaterland- und vaterlosem Heidentum niederreißeu sollte durch Verschmelzung aller halbjüdischen Elemente, der Samariter, Jdnmäerproselyten und der Hefe des Volkes, dem Mob der Großstadt und der Hafenstädte zu einer heidnisch-jüdischen Sekte, mit ägyptischer Mystik und Occultismns. In dieser Zeit der höchsten 'Not, der größten Physischen und geistigen Bedrängnis, erschien Hillel der Babylonier, der legitime Sohn Davids, aus den: Kampfplätze und richtete die alte Dynastie für 17 Generationen und 415 Jahre wieder auf (bis zur Auflösung des Patriarchates, durch Honorius, 415 d. g. Z.), also fast genau so lange, wie die erste von David bis Zidkija oder wenn wir bis knapp vor der Bulle post excessum patrinrcbarum (anno 126) rechnen, genau so lange, 151 Jahre, mit dem Unterschiede, daß hier der Lehrstuhl die Stelle des Thrones, die Mischnah das Szepter vertrat und die Thora nicht blos als äußeres Krönungszeichen am 'Arme des Fürsten getragen, sondern in ihm verkörpert war, um den Segen Jacobs zu erfüllen: „Das Szepter wird von Inda nicht weichen und von seinen Nachkommen nicht der Gesetzlehrer", was der Talmud bereits auf Hillel und seine Nachfolger bezieht. (Fortsetzung folgt.) Moses Hetz. Bon Dr. Ernst Müller. Wien. (Schluß). Heß nimmt daS nationale Problem von einer eigenartigen, fast messianischen Seite. Tenn er glaubt — das hängt auch mit seiner 'Naturauffassung zusammen — an eine endliche Aufhebung der nationalen Reibungen, an die baldige Herbeiführung eines Zustandes, in welchem die Völker gleich den Gattungstypen der Natur ihre stabile geschichtliche Stellung erhalten werden, wie sie einst in der Urzeit des Menschengeschlechts als natürliche Typen sich fixiert haben sollen. 'Nur wie die Organe eines Körpers werden dann die Völker, frei und nur in innerem Zusammenhänge miteinander ihre Funktionen erfüllen. Und so weit ist dieser Nationalismus von allem Chauvinismus entfernt, daß er gerade in der vollendeten Gleichberechtigung, d. h. Eigenberechtigung aller Völker gipfelt. Mag mau sich zu diesen 'Anschauungen wie immer verhalten, so zeigt sich doch ihre Größe darin, daß Heß von ihnen aus zu einer ganz neuen Auffassung der jüdischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gelangt. Entgegen dem modische:: Missionsglaube::, der in der Zerstreuung die Aufgabe, und entgegen einer zweiten 'Auffassung im Judentum, die darin die bloße „Erhaltung" des Judentums erblickt, betrachtet auch er die Golusgeschichte im wesentlichen als bloße Erhaltung des Volkes, da sie in der erstarrten Form gewiß keinen Missionszustand darstellt; aber diese Erhaltung wäre sinnlos, wenn ihr nicht ein Erhaltungszweck zugrunde läge. Diesen Zweck kann das Volk nur auf eigenem Boden, in eigener freier Entwicklung erMlen. „Die Juden haben sich in ihre talmndische Gelehrsamkeit gleich einer Raupe eingesponnen, um erst nach vollendeter geistiger Wiedergeburt als freier Schmetterling neben den übrigen frei gewordenen Nationen ihren 'Aufschwung zur Sonne zu nehmen." Der national-seelische Kern des Volkes erhielt sich fast nur in der Familientradition, lind erst in einem Zeitalter menschheitlicher Reife, bis zu welchem auch das jüdische Volk ganz innerlich seiner eigenen Rolle entgegengewachsen ist, kann sich die geschichtliche Form seiner Mission erMlen. Ein Franzose, Ernest Lahoranne, war der erste, welcher in einer begeisterten Schrift die Wiedereinsetzung des jüdischen Volkes auf seinen uralten Boden forderte, lind Heß sieht in Frankreich, dem er die führende Rolle in der Befreiung der Völker zuweist, (wie des griechischen und italienischen) den natürlichen Bundesgenossen in: Kulturkampf der Menschheit, den „Helden und Heiland, der uns wieder in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.