Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 27 (12.7.1907)
- Date
- 1907-07-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 27 des Frankfurter Israelitischen FaMenblaites. Inhalt der Beilage: Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Sprechsaal. — Kunst und Literatur. Personalien. Berlin. Der Titel Professor wurde dem Privatdozenten Dr. LeonorMichaelis und dem 1. Assistenteil der von Senator geleiteten medizinischen Poliklinik der Universität Dr. Max M o s s e verliehen. Berlin. Die Akademie der Wiffenschaften verlieh James Simon die goldene Leibniz- Medaille. — Dem Privatdozenten Dr. med. L. Blumenreich wurde der P r o s c s s o r t i t e l verliehen. Nürnberg. Als aktiverOffizier wurde der Leutnant der Reserve A n g e r e r in das Kriegsdepartcment aufgenommeii. Nienburg a. Saale. Einem Sohn des hiesigen Kanfinannes M. I a c o b y, der kürzlich das Diploni- Examen für allgemeinen Maschinenbau in Charlottenburg mit Auszeichnung bestanden hat, wirrde ailf Vorschlag der Te ch nis ch en H o ch s chnl e Charlotte n b u r g vom K u l t u s m i n i st e r die silberne Medaille verliehen.. Breslau. Theo - or Oschinskh. Mitglied der Repräsentantenvcrsammlung, der Armenkoiiimission, der Kultuskommission re. der isracl. Gemeinde, sowie Vorstandsmitglied der israel. KrankenvervflegUngs-Anstalt, der israel. Altersversorgungs- Anstalt re., ist im 'Alter von 63 Jahren gestorben. Breslau. Dem Oberlehrer Dr. Otto Rubens o h n wurde der Rote A d l e r o r d e n 4. Klasse verliehen. Herr Dr. Rubensohn, der bis jetzt iin Aufträge der Generalverwaltung der Königlichen Museen zu Studienreisen in Egypten beurlaubt war, ist am 1. April 1906 zum Königlichen Oberlehrer ernannt worden. Die Ordensverleihung ist Um so ehrenvoller, als er, abgesehen von zwei Herren, die als Erzieher Königlicher Prinzen tätig waren, der an Lebensalter jüngste preußische Oberlehrer ist, der diesenOrden besitzt. Königsberg. Der ordentl. Universitätsprosefsor Geh. Medizinalrat Dr. L. Hermann erhielt den Roten A d l e r o r d e n 2. Klasse mit Eichenlaub. Mommenheim i. Elf. Herr Hirsch Bernstein erhielt von Sr. Majestät dem deutschen Kaiser eine prächtige silberne U h r in Anerkennung der während 30 Jahren in ein und derselben Familie geleisteten treuen Dienste. Wien. Wegen ihrer Verdienste um das Zustandekommen der österreichischen Ausstellungen in London, Mailand und Bukarest erhielten folgende Personen Ordensanszeichnungen: Die Eiserne Krone: Dr. Johannes H or o w i tz, Syndikus der auswärtigen Presse; kais. Rat KarlDuschnitz, kais. Rat Friedrich P o l l a k, kais. Rat Adolf S ch w a r z, Direktor 'Heinrich Stra ko sch und Korumerzialrat Hugo Herzfelder; das Goldene Verdien st kreuz: Hoflieferant Ignaz B i t t »i a n n und Frau I d a K u r a n d a, Besitzerin des Damenkleidersalons Spitzer und Gattin des Kultusvorstchers Dr. Arthur Knranda. Wien. Der Kaiser hat dem Publizisten Dr. Johannes H o r o w i tz den Orden der Eisernen Krone dritter Klasse verliehen. Johannes Horowitz fungiert als Syndikus des Verbandes der auswärtigen Presse und ist seit 29 Jahren Vertreter des „Daily Chronicle" in Wien. In den letzten Jahren leitete er eine rege literarische Aktion ein, die zum Zwecke hatte, durch Artikel über Oesterreich in der englischen Presse den englischen Touristenstrom nach Oesterreich herbeiznleiten, wodurch auch die österreichische Ausstellung in London verdienstlich vorbereitet wurde. — Zu Kladno verschied der Großindustrielle kaiserl. Rat Joachim Simon P e r l b e r g e r. Zürich. Bei den Stadtratswahlen wurde als einziger jüdischer Kandidat der von den Sozialdemokraten dufgestellte Dr. jur. D. Farbstein wicdergcwählt. — In Biel verschied im Alter von 52 Jahren der allgemein hochgeschätzte Scniorches der dortigen bedeutenden Warenhaussirma Knopf, Herr M o r i tz Meyer. Herr Meyer gehörte dem Vorstande der jüdischen Gemeinde an und betätigte sich innerhalb der jüdischen Gemeinde sehr lebhaft. Paris. Oberst Mayer Samuel ist zum Direktor der Artillerieschule in Epinal, Eskadronschef Valabregne zum Oberstleutnant und Hauptmann S. L ö v h zum B a t a i l - lonschcf in Langris befördert worden. London. Will, van Praagh — geb. 1845 in Rotterdam —, der Direktor der Gesellschaft für Unterricht der Taubstummen, ist gestorben. P. war auf seinem Gebiete ein hervorragender Fachmann, er ist in England der Pionier für das Lippen- Lesen gewesen. — Sir Samuel Montagu, dessen Berufung in das Haus der Lords wir bereits meldeten, hat sich nach seinem Landsitz in Hampshire den Namen Lord Swahthlin g gegeben. — Montagu wurde 1832 in Liverpool als Sohn eines einfachen Uhrmachers und Silberschmieds geboren, besuchte erst die Mechaniker-Schule und trat 1847 bei der Londoner Bankfirma Adam Spielmann & Co. ein. Nach wenigen Jahren gründete er mit seinem inzwischen verstorbenen Bruder die Bankfirma 'Samuel Montagn & Co. Seine politische Laufbahn begann 1885, in welchem Jahre er als liberaler Abgeordneter in das Parlament eintrat. Im jüdischen Gemeindcleben spielt Montagu, der auf traditionellem Boden steht, eine sehr tätige jutb erste Rolle. — S ir M cuiticc Levy , Parlamentsmitglied für Leicestershire, und Sir Francis Oppenheimer, britischer Generalkonsul in Frankfurt a. M., wurden in den R i t t e r st a n d erhoben. Ans der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Die Misrachi-Gruppe, Berlin übersendet uns folgende Zuschrift: Berlin, den 7. Juli 1907. Verehrl. Redaktion des Israel. Frankfurter Familienblattes. In der vorzüglichen Gedächtnisrede, die Herr Dr. ß. Auerbach bei der Herzlscicr zu Berlin Lm Mend des 1. Juli hielt, erwähnte er als einen der bedeutendsten Männer des jüdischen Volkes den „großen Rabbi I e s ch u a v o n N a z a r e t h", der die jüdischen Gedanken über die ganze Erde verbreitet habe. Es sei mir, den diese Bemerkung in der Rede eines Juden aufs tiefste verletzt hat, gestattet — ohne irgendwie eine Diskussion entfesseln zu »vollen — meine Ansicht hierüber kurz auszusprechen. Wenn jemand bei der Aufzühlnng der bedeutendsten Inden M o s'ch e R a b b e n u und Jesus nebeneinander nennt, so ist dieser Vorgang geeigiret, innerhalb deS Judentums unliebsames Aufsehen und außerhalb desselben Befremden zu erregen. Der Stifter der christlichen Religion soll zwar ein hochbegabter Schüler von Rabbi Josua ben Pcrachja getvesen sein; sein Äluftreten aber hat das Volk, dein er entsprossen, weder in seiner religiösen Entwicklung, noch in national-geschichtlicher Hinsicht gefördert! Er ist vielmehr Anlaß zu den v e r h ä n g n i s v o l l st e n Verfolgungen gegen die Inden geworden. Darum glaube ich, ist cs zu bedauern, wenn in absoluter Verkennung geschichtticher'Tatsachen immer »roch zionistische Redner sich das geistreich klingende Paradoxon leisten, Jesus unter die großen Männer der Inden zu rechnen. Hermann Struck, Vorsitzender. Frankfurt a. M. Bet der Expedition des Frkft. Jsr. Fbltt. gingen für den Nationalsonds ein: S. R. 1— JL Selbstbesteuerung von Herrn Oppenheimer 0,60 JL Herr Dr. David anstatt Depesche zur Hochzeit von Frl. Helene Freudenstein »nit Herr»» Benno Rotschild 0,50 „ Herr Leo M. Michael, Hamburg, stistet einen Oelbaum für das Brautpaar Hanni Erlanger, Luzern — Leopold Schwab, Frankfurt a. M. 6,— „ Lehrer Rvsenberg, Bierstadt zur Verlobung von Frl. Clara Rvsenberg, Wiznitz, mit Herrn Bczalel Zellermann, Jaslowitza 1,— „ Berlin, 4. Juli. Gestern Albend fand die diesinonatliche Versammlung der hiesigen Misrachi- Gruppe statt. — Der Vorsitzende, Herr Hermann Struck, berichtete zuerst über die Erfolge der Enquete über „Zionismus und gesetzcstreues Judentum". Es lagen bereits 26 Antwortschreiben vor. Fast sämtliche Rabbiner führen in diesen, teils mit längeren Begründungen, aus, daß der Zionismus keineswegs dem gesetzestreuen Judentum widerspreche und weisen auf hie Notwendigkeit eines Zusammenschlusses der gesetzestreuen Zionisten im Misrachi hin, dem die hohe Aufgabe zufiele, die Bewegung in religiösem Sinne zu beeinflussen. — Es wurde beschlossen, mit der Veröffentlichung der hochinteressanten Antworten im September zu beginnen. — Im zweiten Teil der Sitzung wurden Anträge für den Kongreß besprochen. — Auskunft über evtl. Anschluß an den Misrachi erteilt der Schriftführer Edmund Lewh, Auguststr. 84. London. Für den 8 Zionistenkongreß liegen folgende Delegierten Wahlen vor: Manchester: Dr. Weizniann, Tr. Umansky, Rassalovitsch, H. Bentwich, Sacher. Leeds: Ratsherr I. Moser, S. Goldberg, I. Myers. P. M. Raskin, Chief-Rabbi Dr. Nt. Gaster. Cardisf: I. Lewis. Glasgow: I. Lazarus, Reverend I. Glnshak. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Der „Fall Cohn" hat in der jüdischen Presse eine lebhafte Diskussion entfesselt, an der sich jedoch die Kollegen des suspendierten Rabbiners fast garnicht beteiligt haben. Oui tacet consentire vidctur Wer schweigt, scheint zuzustimmen. In der Tat läßt sich dieses sehr beredte schweigen nur so erklären, daß die meisten Rabbiner mit .Herrn Dr. Cohns Ansichten so zie»nlich übereinstimmen, ihre Meinung jedoch nicht zu äußern »vagen, da ihnen vielleicht sonst das gleiche Schicksal bevorstände, wie Herrn Dr. Cohn. Eine Ausnahine von dieser Regel »nacht Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt-Offenbach, iräem er im Hainburger Jsr. Fanrilienblatt eine längere Abhandlung über „Deutschtum und Judenttim" veröffentlicht. Da in diesem Artikel versucht »vird, die Nationaljude» als Fanatiker hinzusrellen, die von einem „jüdischen Stammestum" sprechen, das nach Ansicht des Herrn Rabbiners Dr. Goldschmidt nicht existiert, so erlaube ich n»ir, in Ihrer vielgelesenen Zeitschrift die eirtgegengesetzte Anschauung zum Airsdruck zu bringen. „28ir Inden können und wollen uns nicht assiinilieren, wir können dies schon um unserer Religion willen nicht, da dieselbe untrennbar mit dem Stam - inestum verknüpft ist", sagte Herr Dr. Cohn zu Herrn Direktor Przygode. Diese Aeußernng ist vollkommen einwandfrei. Wenn Herr Dr. Goldschmidt bemerkt, daß Christentum und Deutschtum nicht identisch seien, so kann ich ihin darauf erwidern, daß das noch Niemand behauptet hat. Wenn er aber meint, es gäbe Christen deutscher, frranzösischer, englischer Nation usiv. folglich könne es auch Juden verschiedener Nationen geben, so begeht er einen Fehler; denn eine katholische oder protestantische Station hat es nie gegeben nrid gibt es nicht, wohl aber gibt es eine jüdische Nation. Die jüdische Religion ist eine Nationalreligion, keine Weltreligion, wie das Christentnin oder der Islam. Die j ü d i s ch e n F e st e sind Nationalfeste der Juden. Die jüdischen Gebete sind förinlich durchtränkt von nationale in Geiste. Da infolge des Festhaltens an der jüdischen Religion bei den Juden keine Vermischung mit anderen Nationen stattgefunden hat, kann inan auch heute mit Fug itnb Recht von einem jüdischen Stamm sprechen. Hatvielleichtjemandvorr denverehrte nLeserns choneine »„katholisch" oder „evangelisch" a u s s e h e » d e n Menschen gesehen? Rach. Ansicht des Herrn Dr. Goldschmidt, daß wegen der paar Ilebertritte zum Judentum kein jüdischer Stamm mehr existiert, müßte z. B. das dunfle Haar der Berliner Judenmädchen eine Folge ihres „Glaubens" sein. Herr Dr. Goldschmidt fragt, ob das Judentum denn keine Proselhten gemacht habe und verweist aus die Chazarcn. Darauf ist zu erwidern: Das Proselytenmachen war und ist bei den Juden so gut wie verboten. Wenn im Laufe der Zeit einige Ilebertritte znm Judentun» erfolgten, so haben die betreffenden Proselhten sich eben uns assimiliert, nicht wir ihnen. Wenn man überhaupt an das Vorhandensein von Nationen glaubt, so kann man die jüdische Nation noch als die ain reinsten erhaltene bezeichnen, was ja auch wissenschastlich unbestritten ist. Ob die Geschichte »nit den Chazaren wahr ist, kann man heute nicht mit Bestimmtheit behaupten. Sie ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß es ein jüdisches Stammestrim gibt, dessen Pflege die deutschen Juden nicht im geringsten mit ihrer vaterländischen Gesinnung in Konflikt bringt, wie dies z. B. die „Kölnische Bolkszeitnng" anläßlich des Falles Cohn klar und deutlich seststeflt. Der Großherzog von Baden, derdochsicherebensopatriotisch ist, loie die Repräsentanten irgend einer jüdischen Gemeinde, ist ein Freund der Zionisten. Hervorragende christliche Geistliche erklärten anläßlich der russischen Judenverfolgungen, daß die russischen Juden mehr zu leiden haben, als die Deut s ch e u in Rußland oder in Deutschland und deshalb zu allererst der Unterstützung bedürfen. Mehr hat auch Herr Dr. Cohn nicht gesagt. Herr Dr. Goldschmidt fragt, ob irgend ein deutscher Jude seinen Beitrag zur (christlichen) Weihnachtsbescherung niedriger bemessen hat wegen der russischen Judenverfolgungen. Nein, das ist wohl kaum geschehen. Aber, wer die Spendenliste für unsere arinen Stammes- und Glaubensgenossen aufmerksan» durchsieht, der wird gar manchen reichen Juden gefunden haben, der durch seine.Abwesenheit glänzte oder infolge seines Beitrages zu irgend einem judenreinen Unternehmen seinen Beitrag für das jüdische Hilfswerk niedriger bemessen hat. So steht die Sache. Mehr Selbstachtung, das ist's, was dem deutschen Juden not tut. Die Verleugnung seiner Abstammung, die in den meisten Fällen nur der erste Schritt zur Tanse ist, kann uns in den Augen der Nichtjuden nur lächerlich machen. Pflegen wir also, unbekümmert um das Treiben offener und versteckter Antisemiten, ruhig unser Stammestum, das mit dem Patriotismus nicht im mindesten kollidiert, da auch der extremste Nationakjude nicht etwa Deutschland oder auch nur Teile des Reiches judaisieren will. Nicht ein Aufschwung, sondern ein Zerfall des Judentums wäre die Folge der Llnschauungen vom „nur