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Neue jüdische Presse · 1907-06-28 · Heft 25 (28.6.1907) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 25 (28.6.1907)
Date
1907-06-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. 0 leaileton. 0 Tante Gute. Von Ernst Schwarz. (Fortsetzung.) yjict» Vater schüttelte seufzend den Kopf, ohne meine Frage zn beantworten. Da trat der Gcmeinocdicner in das Zinimer und fragte meinen Vater — mein Vater war nänilich Synagogenvorsteher —, ob nicht in der Synagoge Psalnien gesagt werden sollten für Tante Gute. Mein Vater ivar selbstverständlich einverstanden, irnd die ganze Geinjeinde beteiligte sich an dem Gottesdienst. Wer nicht nur in der Synagoge, auch in der Kirche wurden Gebete verrichtet für Tante 'Gute's Genesung. Der Dechant hatte cs angeorduet und die Kirche soll überfüllt gewesen sein, denn feit dem Fabriksbrande verehrten sie Tante Gute wie eine Heilige. Schon nach wenigen Tagen ivar die Gefahr vorüber, und gegen Ende der konimenden Woche konnte man Tante Gute wieder in ihrem Laden sehen. Sic war bleich und schmal gelvorden, aber ihr niildcs Lächeln war nicht geschwunden. Mein verschobener Geburtstag war mit ganz besonderer Feierlichkeit begangen worden, verherrlicht durch die Gegenwart einer jüngeren Schwester meiner Mutter, die uns zum ersten Male besuchte. Ihrer Anwesenheit verdanke ich es auch, daß ich endlich Näheres erfuhr über jenen Leser Schweinfurt, dessen Name mir noch immer im Kopfe herum ging. Meine Mtutter hatte im Laufe des Tages erwähnt, daß sie hinüber gehen müsse zu Tante Gute, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen; einige Bekannte, die zu Besuch kamen, sprachen gleichfalls von Tante Gutei das fiel meiner wirklichen Tante auf, sie lachte über die Allcrweltstante und wollte wissen, woher diese Bezeichnung stammte. Das aber wußte keiner hxr Anwesenden ihr zu sagen. ,Marte bis heute Abend," sagte meine Mutter, „mein Mann kennt Tante Gute's Verhältnisse besser als irgend jemand, ich werde ihn ersuchen, daß er von ihr erzählt." Ich merkte mir diese Worte und nahm mir vor, der in Aussicht stehenden Erzählung beizuwohnen. Meine Atutter hatte zum Nachtessen in unserm Gärtchen decken lassen, und ich hatte unaufgefordert meines Vaters Rauchrequisiten in die Laube getragen, wofür ich allseitig belobt wurde. Aber ich wußte, daß mein Vater gleich nach dem!Essen die Pfeife verlangen werde, die ich dann hätte holen müssen, und ich war entschlossen, heute nicht von der Stelle zu weiche». Auch mein Schaukelpferd hatte ich gegen Abend ganz nahe zur Laube transportiert; ich pslegte mich zwar gewöhnlich nicht mehr mit demselben zu befassen, doch für diesen Abend erschien es mir sehr zeitgemäß, denn ich hatte ein dunkeles Gefühl, als ob n ein Vater in meiner Gegenwart Iveniger ausführlich erzählen werde. Gleich nach dem Wendessen, als wir das Tischgebet verrichtet hatten, erinnerte meine Tante meine Mutter an ihr Versprechen und meine Mutter ersuchte meinen Vater, ihnen von Tante Gute's früheren Verhältnissen zu erzählen. ^ch saß bereits auf meinem Schaukelpferd und schien ganz vertieft in meiner Beschäftigung mit demselben, schaukelte mich wild hinüber und herüber, wobei nur jedoch keine Silbe von dem eirtging, was in der Laube gesprochen ward. Mein Water hatte die Pfeife angezüüdet, tat einige kräftige Züge daraus, um die Mücken zu vertreiben, wie er sagte, dann begann er die von mir so heiß ersehnte Erzählung. „Tante Gute," Hub er an, „hieß als Mädchen Gute Goldcnstepper. Ihr Vater war der reichste Mann, ihre SDhitter die schönste Frau in dem ganzen Kronland. Wer die Frau starb, als ihr Kind kaum vier Jahre alt war, und mutterlos, nur unter der Aufsicht von Dienstboten, wuchs das kleine Mädchen heran, ihr Vatec kümmerte sich lvenig um die Erziehung seines .Kindes, er hatte mit seinen Geschäften vollauf zu tun. Sest dem Tode seiner Frau war mit Michael Goldeujtepper überhaupt eine Veränderung vorgcgangen Frankfurter Jsraeltttsche» FamMenvlatt. und zwar eine durchaus ungünstige. Um so mehr war man überrascht, wenn man die Tochter kennen lernte. Sic war blendend schön wie ihre Atutter und hatte auch deren fcingebildetcs Wesen geerbt. Anerzogcn war cs ihr sicher nicht, denn sic hatte ja überhaupt keine Erziehung erhalten. Und dennoch ivar sie i» allem tüchtig, es war zum iStaunen! Daß cs ihr an Bewerbern nicht fehlte, ist selbstverständlich. Ihr Vater ivurde von Schadchonim überlaufen, denn — wer hätte das schönste, reichste Mädchen nicht gerne heimgeführt? Bei dieser Gelegenheit zeigte sich Goldenstepper jedoch als liebender Vater, er ließ seiner Tochter vollständig freie Wahl. Sie tvählte den einzigen Sohn des Arendators, Leser Schiveinfurt." Ein Ah! entfuhr meinen Lippen, doch gleich daraus knallte ich laut mit meiner Peitsche, um mein. Interesse an der Erzählung meines Vaters verschwuren zu machen. Mein Vater fuhr fort: „Leser Schweinfurt Ivar ein stattlicher junger Mann, der alle seine Genossen um Kopfeslänge überragte. Die jungen Leute schienen für einander geschasien, beide waren überglücklich, und die Verlobung ward mit großem Pomp gefeiert. Die ganze Gemeinde nahm Anteil an diesem Ereignisse, und wenn Güte an Lesers Arm durch die Gasse ging, dann blieben die Leute stehen und sahen ihnen nach. Der Arcudator hatte auch eine Tochter gehabt sie war in einer benachbarten Gemeinde verheiratet gewesen; bei einer Epidemie, die dort geherrscht, war sie jung gestorben und ihr Gatte war ihr sehr bald gefolgt. Sie hatte zwei Kinder hinterlassen, einen Knaben und ein Mädchen, die die Großeltern zu sich genommen hatten. Als Leser sich verlobt hatte, kamen auch seine Schwesterkinder häufig zu seiner Braut, denn das sanfte, anmutige Mädchen beschäftigte sich gern mit den kleinen Waisen, die mit schwärmerischer Liebe an ihr hingen. Den ganzen Tag sprachen sie von ihrer Tante Gute, und wenn sie sic nur von weitem sahen, rannten sie zu ihr und schrien: „Tante Gute! Taute Gute!" und ich möchte beinahe glauben, daß ihr von jener Zeit der Name „Taute Gute" geblieben ist." „Schweinfurt hieß ihr Bräutigam?" fragte meine Tante, „ich dachte, sie wäre an einen Wallerstein verheiratet gewesen." „Ganz richtig," entgegnete mein Vater, „aber damals war sie mit Leser Schweinfurt verlobt. Und sie niuf, ihn sehr lieb gehabt haben ihren Bräutigam, sie strahlte förmlich vor Glück. Der zur Hochzeit bestimmte Tag nahte, in Goldensteppers Hause wurden schon mancherlei Vorbereitungen getroffen, denn die Vermählung sollte doch noch glänzender gefeiert werden als die Verlobung.. Da tauchten plötzlich ganz eigentümliche Gerüchte ans. Niemand wußte, wer zuerst davon gesprochen, aber man munkelte von großen Verlusten, die Goldenstepper betroffen. Und man munkelte von seltsamen Hilfsmitteln, zu denen er gegriffen — und man 'munkelte noch allerhand. Und plötzlich war Goldenstepper verschwunden. Die Aufregung der Tochter könnt Ihr euch denken. Die unheimlichen Gerüchte waren selbstverständlich nicht bis zu ihr gedrungen. Sie schickte zu allen Bekannten und ließ fragen, ob keiner ihren Vater gesehen habe. Auch in unserem Hause ließ sie fragen. Ich wer damals kaum zwölf Jahre alt, aber noch heute ist mir's, als hörte ich den Vater zur Mutter sagen: „Das ist ein böses Zeichen — das arme Mäderl!" Meine Mutter sagte nichts, sie schüttelte nur den Kopf, griff dann hastig nach Shawl und Haube und eilte fort; in der Tür wandte sie sich um und sagte zu meinem Vater: „Du gibst wohl acht, daß die Kinder zue Zeit in's Bett kommen, man. kann die arme Gute nicht allein lassen." „Sorge nicht," erwiderte mein Vater, „und wenn Du's für recht findest, bleib' die Nacht bei ihr." „Gute Nacht!" tief meine Mutter, und gleich darauf hörten wir ihre leichten Schritte auf der Straße über den festgetretcnen Schnee, dahin eilen: Am folgenden Tage ward die Leiche des Michael Goldenstepper aus dem Teich gezogen, und gleichzeitig ___ ftt- 25. kamen Gerichtsdiener in das Hans der armen Waise und legten große Siegel au alle Kasten und an alle Schränke, kurz, an alle Gegenstände, die ihnen wertvoll erschienen. Meine Mutter war während dieser ganzen Zeit draußen — sie wohnten nämlich in einem sehr schönen Hanfe vor der Stadt — und oft hat meine Mutter von den schrecklichen Stunden erzählt, die sie damals erlebt hat. Der Goldcnstepper hakte nämlich großartige Lumpereien begangen, so daß der Tochter nichts als einige hundert Gulden geblieben waren, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. Als sic hörte, daß ihr Vater Schulden hinterlasscn, hat sie auch die hergeben wollen, aber das hat man nicht zugegeben, denn sie war erst achtzehn Jahre alt, also noch nicht mündig. Während der sieben Trauertage ist Gute draußen in ihrer Wohnung geblieben und die ganze Gemeinde ist zu ihr gekommen, um sie zu trösten. Denn, obzwar ihr Later nie beliebt gewesen war, die Tochter hat schon damals jeder gern gehabt. Meine Mutter war mehr draußen als bei uns zu Hause. Uud früh und Abends ist.mein Vater auch hinaus gegangen, weil sie dort, wie gewöhnlich im Tterbehaus, mit Minjan gebetet haben. Aber wer sic am besten hätte trösten können, wer am meisten bei ihr hätte sein solle», Leser Schweinfurt, er hat sich gar nicht sehen lassen. Seine Atutter, eine liebe alte Frau, war zwar gleich am ersten Tag gekommen und hatte mit dem armen Kind geweint und ihr zugercdet, wie eine Mutier der Tochter.- Mcht so der Bräutigam und dessen Vater. — Es war am zweiten Tag gegen Abend — die Leute waren schon zum Beten gekommen — da hörte man aus einmal auf der Stiege Getrappel von kleinen Füßen und gleich darauf geht die Tür auf und herein springen die beiden Enkelkinder von dem alten Schweinfurt, gerade ans die Gute zu und fallen ihr um den Hals und küssen sie und fangen an zu schwatzen: „Tante Gute — liebe Tante Gute — und warum sitzest du auf der Erde? — und warum ist deine Jacke zerrissen? —" „Liebe, liebe Tante Gute — wir haben dich so, so lieb, — und der Großvater ist so bös, der will nicht mehr haben, daß wir zu dir kommen. — Aber wir sind fortgelanfen, wir wollen bei dir bleiben." Und dann sind sie ihr wieder um den Hals gefallen und haben sie geküßt. Meine Atutter ist dicht daneben gestanden und hört mit einem Mal, wie Gute die Kinder leise fragt: „Was macht der Onkel?" „Der Onkel," sagte der kleine Knabe, indem erlich zornig ausrichtetc, „der ist noch viel böser als der Großvater, der hat gesagt, wenn wir zu dir gehen, wird er uns das Genick brechen." „Und er hat gesagt," fügte das kleine Mädchen hinzu, „du wärst gar nicht unsere Tante, und —" Da wird die Tür aufgerissen, und herein stürmen mit rohem Gelächter zwei Bauernmägde, die bei dem Arcndator bedienstet waren. Die Kinder klammerten sich schreiend an Gute. Wer die Mägde rissen sie mit Gewalt fort und schleppten die sich heftig Sträubenden hinaus. Gute aber lag ohnmächtig in pieiner Mutter- Arm. Die ganze Gemeinde war empört über die Herzlosigkeit des jungen Schweinfurt, man sagte sogar, seine Mutter habe ihm -Vorwürfe gemacht und habe ihm gesagt, daß er sich gegen das unschuldige Mädchen versündige. Aber der Vater war mit dem Sohne einverstanden, uud vier Wochen darauf hat er sich mit der Tochter eines andern Arendators verlobt. Mit Gute war aber plötzlich eine Veränderung vorgcgangen — jeder hat gestaunt; es war, als ob sie mit einem Male um zwanzig Jahre älter geworden wäre. Nicht als ob ihr liebes Gesicht älter ansgesehen hätte, bewahre, aber ihr ganzes Wesen war ein anderes geworden. Keine Träne hat sie mehr vergossen, als ob sie sich gefürchtet, daß man glauben könnte, daß sie um der. Ungetreuen weine. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten, Schweiz. Jüd. Territorialisten-Verband. Wir nehmen davon Notiz, daß die in Nr. 23 unter

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