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Neue jüdische Presse · 1907-06-14 · Heft 23 (14.6.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 23 (14.6.1907)
Date
1907-06-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 23 des Fmulsuiter Israelitischen FaMilimblatteS. Inhalt der BeUage: Artikel: Schalom Asch's Drama. — Personalien. — Aus den Vereinen. —Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Vereins-Kalender. Schalom Asch's Drama. Welches ist der Inhalt von Schalom Asch's Drama, das so viel Anssehen erregte und in jüdischen Kreisen stark entrüstete? Jankel Schepkowilsch, der Sohn eines armen Pferdehändlers, ist mit „Sara", einer „Gewesenen", verheiratet. Aus dieser Ehe ist nur ein Kind, eine Tochter „Riwkele", hervorgegangen. Jankel besitzt ein bescheidenes Freudenhaus, denn sein ganzes Personal besteht nur aus vier Mädchen und erst nach Arbeit von Jahrzehnten gelang es ihm, „500 Rubel" zu erübrigen. Ein Blick in die Wohnung legt von dem küinmerlichcn Dasein ihrer Bewohner Zeugnis ab. Geht Jankel in seinem Geschäft ans? Dürfen Jankel und sein Geschäft als etwas Identisches angesehen werden? Keineswegs! Jankel ist tief unglücklich, daß er ein solches Geschäft betreiben muß. Wir sagen ausdrücklich: muß —, weil Jankel als der Sohn eines armen Pferdehändlers völlig unwissend ist und keine Handfertigkeit sich angeeignet hat. Der u n - wissende osteuropäische Jude in seiner Gnttglänbigkcjt und seinem Gottvertranen macht sich um die Zukunft seiner Kinder keine Sorgen — „Abi a ehrlicher Jid, Gott wet helfen (nur ein ehrlicher Jude muß man sein, dann wird Gott schon helfen)" —, und ihr Schicksal in Gottes Hand legend, scheint es ihm in seiner Unwissenheit überflüssig, die Kinder mit irgend welchen Fertigkeiten oder Kenntnissen auszustatten. Jankel ist sich seiner Sünden bewußt; als „tome (unrein)" wagt er cs kaum, einen: unbefleckten Inden die Hand zu geben und ihm „Scholanm" zu sagen; er ist entsetzt beim Vorschläge des Schadchens „Rcb Uron", den Thoraschrciber zu begleiten. „Ich soll zusammen mit dem Rebbe gehen.... auf der Straße!" Er fühlt sich als Sünder, obgleich er mit „vollen Händen" und ganzem Herzen „Zedokoh" übt und sich — was mit vielen Kosten verbunden und deshalb sonst nur von Reichen unternommen wird — eine „Tauroh" schreiben läßt, die er in seine Wohnung im oberen Stockwerk, die unbefleckt ist, bringt. Er geht beständig mit dem festen Vorsatz um, das Geschäft aufzugeben. (Seite 39): „Lassen Sie mich nur etwas .... Fett ansetzen, Reb Elje .... daß. ich meiner Tochter eine schöne Mitgift geben kann .... dann .... ich will nicht Jankel Schepkowitfch heißen, wenn ich dann nicht mit all dem ein Ende mache! Mit Pferden will ich handeln, wie mein Vater, Gott Hab' ihn selig. . . Einen Stall richt' ich mir ein, will fahren auf die lithaufchen Märkte.Und mein Schwiegersohn wird dort drin sitzen und die heilige Thora studieren. Und wenn ich zum Sabbat nach Hause komme .... werd' ich mich hinsetzen und zuhören, wie er die heiligen Bücher auslegt ..... ich will nicht Jankel heißen, wenn ich lüge . . ." Jankel hat also das „Geschäft" nur für eine gewisse Zeitdauer gegründet und betreibt es auch nur provisorisch. Die ersparten 500 Rubel genügen ihm, um seinen bisherigen Beruf aufzugeben und würde ihn seine Frau, die „Gewesene" und daher mit der Sittlichkeit leichter Nehmende, nicht hindern, so würde er sein Vorhaben schon längst ausgeführt haben. Soweit Jankels Verhältnis zum „Geschäfte"! — Und welches ist nun sein Verhältnis zu Frau und Kind? — Jankel ist — wie gesagt — tief unglücklich ob der Gesunkenheit seiner Frau, die — wenn auch ihm ergeben und in sitüicher Beziehung, wie es einer jüdischen Frau gebührt, zu ihrem Manne haltend — doch eine bescholtene „Gewesene" ist. . . . Das bringt er auch zum Ausdruck, und die Vorivürfc, die er deswegen seiner Frau macht, sind gar nicht selten. Die Frau ihrerseits nimmt sowohl die Beschimpfungen als auch die Schläge, die er ihr bisweilen erteilt, ohne Murren entgegen. Das gemeinschaftliche Band zwischen den beiden Ehegatten ist „Riwkele", ihre einzige Tochter, die er über alles in der Welt liebt und die ihm wegen ihrer Unschuld ein wahres Heiligtum ist. Ihretwegen behält er die Mutter, aber auch das unsaubere Geschäft. „Rebbe ... sie .... sie darf mit der Thora umgehen,, sie ist selbst so rein wie die Thora; für sie, Rebbe, Hab' ich sic bestellt. Ich, Rebbe," — schlägt sich vor die Brust — „ich ben lassen und in sein Haus bringen. In sein Haus die heilige Tauroh, die Tauroh Gottes bringen?! O nein! Auch nicht in. seine Wohnung oben; — in Riwkeles Zimmer, die ja rein und daher heilig ist, soll sie kommen. Die Tauroh kann ganz bestimmt Riwkelen vor allem schützen; ist sie doch die Tauroh Gottes! Die Tanroh kommt auch in Ritvkeles Zimmer und Jankel schläft, wenn auch nicht ganz ruhig — er weiß ja nicht sicher, ob trotz alledem Gott seine Riwkele zu bewachen geneigt sein wird — so doch ruhiger. „Der fürchterlichen Erbschaft des Blutes wäre das Dirnenkind vielleicht entgangen, wenn die Eltern sie anderswo — die Welt ist groß WäMS Reichsraisabgeorimrler Zr. Mahler. Arthur Mahler. 1872 in Prag geboren, studierte anfangs Medizin, spater Technik u. ging dann nach London, um in seiner Eigenschaft als Teilhaber einer großen Textilfirma die englische Industrie- Verhältnisse kennen zu lernen. Später studierte er Philosophie und erhielt einen Ruf als Professor an das amerikanische archäologische Institut in Rom. Auf Grund eines Buches über die Sammlungen des Louvre und einer Studie über Praxiteles habilitierte er sich 1902 an der Prager deutschen Universttät als Privatdozent für Archäologie und Kunstgeschichte. Bor etwa 3 Jahren kam Dr. Mahler mit der zionistischen Ideenwelt in Berührung, die ihn alsbald fesselte. Seither ist er in der zionistischen Partei rege tätig und besonders als Redner geschätzt. Er beteiligte sich auch an der Gründung der jüdischen Nationalpartei, deren Leitung er angehört. will die heilige Thora nicht berühren!" Nach Sara weisend: „Sie auch nicht." Legt seine Hand auf Riwkeles Scheitel. „Aber sie, Rebbe — nur sie wird sich mit ihr befassen, in ihrem Zimmer wird sie stehen. . . . Heiratet sie, dann fort aus diesem Hause! Nimm die Thora mit dir, zu deinem Mann. . . ." Riwkele soll heiraten und zwar einen Talmid-Chochom, der von Sorgen frei die heilige Tauroh wird studieren können. Dazu braucht aber ein befleckter Mann, wie Jankel, Geld, ja viel Geld. Riwkele ist das einzige Band zwischen Vater und Mutter. Riwkele ist der Trost und die Hoffnung, ja der einzige helle Punkt in des Vaters finsterem Leben: Riwkele wird rein bleiben, sie wird nach jüdischem Brauch einen Taurohgelehrten heiraten und reine Kinder der Welt geben. Der Bordellwirt Jankel Schepkowilsch wird also reine, unbescholten Nachkommen hinterlassen! Allein, wer bürgt dafür, daß Riwkele, in der das Blut einer „Gewesenen" fließt, rein bleibt! Doch Jankel besitzt einen Gott, den jüdischen Gott, und Jankel weiß es ganz sicher, daß sein Gott ein Wundertäter sondergleichen ist, er braucht nur zu wollen; allein wie soll sein Gott, der heilige Gott, sein Haus, das unreine Haus, überwachen? Womit soll er Gott in sein Haus locken? Doch Reb Elje, der auf sich die Herbeischaffung eines gelehrten frommen Mannes für Riwkele genommen hat, weiß ein sicheres Mittel: Jankel soll eine Tauroh schrei- und für Geld kann man alles haben — hätten erziehen lassen," so der Kritiker irt der „Fkstr. Ztg." (30. Mai). Allein wer die große Liebe des Vaters zu seiner einzigen Tochter erfaßt hat, wird nicht so ftagen. Jankel ist kein reicher Mann, daß er seine Tochter in eine Pension nach Deutschland — in Rußland kennt man keine Pensionate — schicken kann, sein Vermögen, das aus 500 Rubel besteht, würde da nicht einmal für ein Jahr ausgereicht haben, und übrigens ist die Tauroh für Jankel zumindest ein ebenso guter Wächter, wie irgend ein anderer Pflegevater. (Schluß folgt.) Personalien. Frankfurt a. M. Herr Aron B l ü t h e n th a l u. Frau Fanny geb. Ryeinstein feiern am 16. oss. Mts. ihre goldene Hochzeit. Berlin. Dr. Paul Tiktin, Rechtsanwalt und Notar, erhielt den russischen Annenorden 3. Kl. Köln a. Rh. An Stelle beS zurückgetretenen Herrn Noah Kaufmann ist Herr Emil Blume n a n in den Vorstand der Stjnagogengemeinde gewählt worden. Altona. (Unliebsam verspätet). In dem Heimgange des Ende Mai verstorbenen Herrn A. I. H ol» lander s. A. hat unsere Gemeinde einen schweren Verlust erlitten. Der Verewigte war ein Sohn des weit über die Grenzen der Stadt ob seiner Gelehrsamkeit bekannten Klausräbbiners R. Jesajah Holländer s. A.; von ihm ererbte er die Treue zum Judentum,'die Festigkeit seiner Ileberzeugung. Neben einer ausgedehnten kaufmännischen Tättgkeit nahm er regen Anteil an der Verwaltung der Gemeinde. Schon in jungen Jahren dazu berufen, bewährte er sich in großer Pflichttreue und unermüdlicher Schaf-

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