Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 21 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 21 des FiaMMer Jsmelitischm FaMieudtattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Religion, Nationalität und Staatstürgertum. — Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Briefkasten. Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. (Warum wir uns nicht taufen.) Von S. Ben-Danw. (Schluß). Eine Leiter, die auf der Erde sich stützend ruht, deren Spitze aber gen Himmel weist, soll unsere Lehre sein. Stufe um Stufe nur kann pe der Stanbgeborene erklimmen, um zur Höhe menschlicher Vollkommenheit zu gelangen. Diesen Weg nun uns sicher zu führen, eine immer tiefere Erkenntnis der Lehre des lebendigen Gottes zu verbreiten und eine immer höhere Auffassung ihrer Gebote zu begründen, war die heilige Aufgabe, welche unsere Propheten und Weisen zu erfüllen hatten. — Sie haben es in einer Weise vollbracht, die bis jetzt noch unübertroffen — unübertroffen auch von den Verfassern der Evangelien — dasteht. Soweit diese die Worte der Propheten nicht glatt wiedergeben, machen ihre Aussprüche den Eindruck einer schlechten llebersetznng, deren Lektüre dem Kenner des Originals durch die offen zur Schau getragene Absicht, die alte Lehre unter allen Umständen zu übertrumpfen, noch zur besonderen Pein wird. Es liegt in der Natur der Sache, daß das Gesetz nicht alle möglichen Fälle und die mannigfachen Umstände eines Rechtssalles erschöpfen kann; daß es somit nur die Grundsätze des Rechtes und die grundlegenden Prinzipien zu seiner Entscheidung enthalten kann: daß somit das Gesetz schon in dieser Rücksicht nicht als stabiles und engumgrenztes, der Entwicklung unfähiges Werk betrachtet werden darf, vielmehr als etwas Lebendiges und Bewegliches notgedrungen angesehen werden muß, das sich allerdings in den vorgezeichncten Grenzen halten muß. Und noch in einer zweiten Beziehung ist oas Gesetz der Ausdehnung und der Erweiterung fähig, ja, oft nach dem Gesetze, die Gott in unser Herz geschrieben, dessen bedürftig, darum sind wir angewiesen „außerhalb der Schranken des Gesetzes" („Liphnim mischuraß Hadin") zu handeln. Das Gesetz ist allen gegeben und für alle absolut verbindlich, konnte darum also nur die Normen enthalten, deren Beobachtung allen möglich sei. Sie stellen somit nur den Minus der sittlichen Forderungen, die das Judentum an uns stellt, dar, unter welche nicht hinabgegangen werden darf; über die allein aber der Weg zu den höheren Stufen der Erkenntnis und zu tieferen: Eindringen in die Lehre führt. Wohl sollen wir über das Gesetz hinausgehen, aber nicht außerhalb desselben treten. Wir müßten ganze Bände füllen, wollten wir auch nur annähernd all das anführen, was unsere Propheten und unsere Weisen in dieser Richtung Schönes und Herrliches gelehrt und gepredigt haben. Aber diese unsere Lehrer hatten nicht nötig, die „alte" Lehre zu entstellen, sie wollten vielmehr nur einer bessern und richtigen Auffassung derselben Bahn brechen. Auch ihre „Agadoth, die keine gesetzlich bindende Krast besitzen, haben sie an einen Bibelvers anzulehnen" („Aßmachto") gesucht: sie wollten eben keine eigene Firma gründen, darum durften sie Gott und der Wahrheit die Ehre geben.- Jedenfalls hätten wir im Geiste dieser unserer Weisen, welche uns lehren, daß die „Heiligung schon beim Erlaubten zu beginnen habe" und die den Ausspruch taten: „Jerusalem sei darum zerstört, weil sie ihre Angelegenheiten nach dem Gesetz entschieden" (Gittim 57b), wenig gegen die übertriebenen Forderungen der Evangelisten in einigen Punkten einzuwenden, wenn diese Ueberrteibungen nicht so weit gingen, daß sie notwendig in das Gegenteil des gewünschten Zieles Umschlägen müßten. Denn der Erfolg allzu übertriebener Anforderungen ist nicht immer der, daß man zumindest wenig erreicht, sondern oft auch, daß man gar nichts erzielt: Darin liegt vielleicht zunr Teil die Erklärung dafür, daß das Christentum noch nach zweitausendjährigem Bestehen so weit hinter dem Judentum zurück ist: weil cs ihm um jeden Preis voraus tim wollte. „Ihr habt gehört, daß da gesagt ist, Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel, sondern so dir jemand einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den anderen auch dar. Und so jemand mit dir rechten will, und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel!" (Ev. Matthäi, V., 38, 39. 40.) Was das Auge um Auge anlangt,' so mochten wohl die Heiden jener Zeit glauben, daß es wörtlich zu nehmen sei. Die Juden jener Zeit wußten sicherlich, daß hier nur von entsprechender Sühne und angemessenem Schadenersatz die Rede ist.*) Was nun die Antithese: „Ich ^aber sage euch", anlangt, so bedarf es nicht vieler Worte, um nachzuweisen, daß, wenn man mit ihr Ernst mache» wollte, so möchten dabei nur die Nebeltäter gut fahren; mit Gesetz und Recht, auf denen die menschliche Gesellschaft beruht, wäre es vorbei. Die Liebe kann nur dort gedeihen, wo die Gerechtigkeit blüht, sie entspringt ans ihr, wider Duft aus der Blume: ohne Blume kein Duft, ohne Gerechtigkeit keine Liebe! Die Lehre vom Backenstreich ist die einzige, bei der ein Hinausgehen über die jüdischen Begriffe von Recht und Gerechtigkeit stattfindet. Aber dieses „Hinzutun" ist zugleich eine „Hinwegnehmen", denn es leistete, wenn ernst genommen, nur dem Unrechte Vorschub. Aber schon der nächste „Fortschritt", den wir nun zu beleuchten haben, ist wiederuni ein künstlich konstruierter: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist, du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch, wer seines Nächsten Weib ansieht, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." (Matthäi, V., 27, 28.) Diese reine Ethik, die uns mit „aber ich sage euch" entgegentritt — ist ebenfalls echt jüdisch! Im Buche Hiob, Kapitel 31, Vers 1, 9 und 10, ist nämlich zu lesen: „Einen Bund schloß ich mit meinen Augen, wozu sollte ich betrachten eine Jungfrau! Wenn mein Herz einer Frau nachgcgangen und ich gelauert an der Tür meines Nächsten, so mag auch mir mein Weib die Treue brechen, denn auch dies (das Gelüsten nach dem fremden Weibe) ist Ehebruch und strafbare Sünde!" .... Wir haben diese Stelle mit Absicht gewählt, um zu zeigen, daß auch die Härte des Ausdruckes aus den: Judentum stammt, somit der Schein des Neuen in der Bergpredigt — eben nur Schein ist. . . . Im Wesen der Sache aber ist uns schon in den zehn Geboten gesagt: „Du sollst nicht gelüsten nach dem Weibe deines Nächsten!" . . Die betrachteten Hauptpunkte dürften vollkommen hinreichen, zu zeigen, welche Bewandtnis es eigentlich mit der Vollendung des Judentums im Christentum auf sich hat. Von welcher Seite immer wir die Betrachtung aufnehmen mögen, werden wir finden, daß die Tochter an Ernst und Würde, Edelsinn und Geisteshoheit der Mutter noch nachsteht. Nichtsdestoweniger sind wir gerne bereit, jederzeit anzuerkennen, daß die Völker mit Recht im Christentum ihre Erlösung preisen. Denn es hat ihnen die Erlösung vom sündhaften Götzendienste gebracht und eine hohe Ethik — die jüdische — gegeben. *) Vergl. Baba Kama 83b. Wir hätten allerdings gewünscht, die ersten Christen, die Juden, welche ihren reinen Gottesbegriss und ihre erhabene Lehre unter die Völker zu tragen sich bemüht haben, wären dem Heidentume gegenüber weniger nachgiebiger gewesen, mich aus die Gefahr hin, weniger schnelle Erfolge zu erzielen. Denn wie aus der Apostelgeschichte (Kap. 15) zur Evidenz hervorgeht, war die Ursache zur Aufhebung des Gesetzes, das erst nach langem Kampfe in der Urgemeinde zu Jerusalem beschlossen wurde, weil man den Heiden „keine Beschwerung machen" wollte. Aber, wie bereits eingangs erwähnt, sind der Lehre des Judentums nach alle Rechtschaffenen des zukünftigen Lebens teilhaftig. Auch war schon im alten jüdischen Staate jeder Nichtjude, der sich zur Beobachtung der sogen. Noachidengebote — d. h. jener Gesetze, durch die der Mensch erst zum Menschen wird — verpflichtete, also weder rauben noch morden und ehebrechen wollte, mit den Eingeborenen gleichberechtigt. Da nun diese Gesetze des Judentums glücklicherweise auch das Christentum nicht aufgehoben hat, so liegt fiir uns kein Grund vor, Bekehrungsversuche zu machen. Denn jeder gute Christ — wären ihrer mir viele — ist mit uns hier und dort gleichberechtigt. Anderseits braucht gar kein Geheimnis daraus gemacht zu werden, daß wir fiir unsere Person überzeugt sind, die Christenheit wird trotz all der künstlich angehäuften Hindernisse des Hasses einst den Weg zum Urchristentum wieder finden. Wenn die erleuchteten Geister der Völker in dieser Richtung sich bemühen wollten, statt imnier aufs neue an uns ihre Bekehrungskunst zu üben, so würden sie sich größere Verdienste um die Menschheit erwerben. Wir wissen selbst, was uns mit dem Christentum eint, aber auch was uns trennt. Alle Redekünste nützen da nichts! Sie mögen im Stifter des Christentums ihren Erlöser verehren, uns hat er keine Erlösung gebracht. Unser Erlöser, den wir erhoffen, wird nicht das Schwert, sondern den Frieden bringen! ... Er wird der Erlöser sein, bei dessen Ankunft „der Erkenntnis Gottes die Erde voll sein wird, wie das Wasser die Meeresfläche deckt". Bis dahin stehen fest und wanken nicht die Träger dieser Hoffnung, die Zeugen der wahren Gotteserkenntnis und die Verkünder der erhabensten Ethik! Sie sind so unausrottbar und ebenso unsterblich wie diese Hoffnung, unzerstörbar wie diese ewigen Wahrheiten! — In dieser unserer Zuversicht, die mit den Verheißungen unserer Propheten der Wahrheit und der Gerechtigkeit sich deckt, kann uns auch die traurige Veranlassung zu diesen Auseinandersetzungen nicht irre machen. Wohl haben die Herren, in deren Händen die Leitung einer der größten Gemeinden Israels ruht, sich sehr wenig der großen Vergangenheit unseres Volkes würdig gezeigt, und noch weniger verheißen sie eine bessere Zukunft, aber es sind einzelne, mit denen die Gesamtheit, wie sich gezeigt hat, nicht einverstanden und darum für chr unrühmliches Verhalten nicht verantwortlich zu machen ist. Vielleicht war es gut, daß die Herren einmal offen in nicht mißzuverstehender Weise gezeigt haben, wohin sie steuern. Je offener, desto besser, damit die Lauen und Sorglosen in unserer Mitte erkennen, daß wir alle ans der Warte sein müssen, um unsere heiligsten Güter vor den Feinden von außen und innen zu schützen und zu wahren, bis alle Völker gleich uns die Wache antteten werden. „Vielfach ward ich angefeindet, spricht Israel, vielfach ward ich angefeindet — aber sie sind mir nicht beigekommen!" Personalien. Berlin. Eine Künstlerfamilie. Mit dem dieser Tage im 66. Lebensjahre verschiedenen Direktor des Passage-Theaters Theodor Rosenfeld