Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 20 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 20 des Frallkstuter Israelitischen Famüiendlattes. Inhalt der Bettage: Artikel: Das Verbandsschauturnender jüd. Turnerschast in Wien. — Mein Kampf ums Recht. — Aus denVereinen. — Aus derzionist. Bewegung. — Kunst und Literatur. Das Kerbandsschautnrtien der jüdischen Turnerschast in Wien. Wien, 21. Mai 1907. Gestern fand hier das Verbandsschauturnen der jüdischen Turnerschaft in dem überfüllten Prachtsaale des Arbeiterheimes statt. Zahlreiche, auswärtige und Wiener Gäste hätten sich eingefunden. Besonders stark war die hiesige zionistische Welt, die jüdische Studentenschaft und, die .Damenwelt vertreten. Von reichsdeutschen Brudervereinen waren besonders stark der Berliner „Bar-Kochba", der Kölner, Stettiner, Posener und Samterer Turnverein vertreten, ferner von österreichischen Turnvereinen Graz, Prag, Mähr. Ostrau, Bielitz, Prostnitz und die Elitemannschästen des I. Wiener jüdischen Turnvereins und des .Fünfhauser „Zion". Ein. glänzendes Bild von Strammheit und Kraft bot sich den zahlreichen Zuschauern bar, als die Turner in gleicher schmucker Kleidung zu den Stabübungen aufzogen unter den Klängen des jüdischen Turnerliedes. Wiederholt brachen die zahlreich erschienenen Gäste in begeisterte Hedadruse. aus, denn jetzt war es ihnen allen klar, daß die Zeit des gebückten Juden, die Zeit des Ghettojuden mit der engen Brust, dem gebrochenen Körper und den glanzlosen, unsicheren Augen vorbei sei, denn kraftstrotzend marschierten sie auf, die jüdischen Turner, mit blitzende» Augen, ein neues, ein altes Juda. Stürmische Akklamationen erweckten die vorzüglichen Leistungen auf Barren und Reck. Wegen seiner glänzender! Leistungen ist besonders .Herr Meyer-Köln hervorzuheben. Aber auch die Berliner hielten sich wacker und die Wiener nicht minder. Auf das Kommando „Setzt euch" ließen sich die Turner nieder, und unter den Klängen eines alten französischen Tanzes zog die auserlesene Schar der Turnerinnen in blanlveißen Kleidern zum Reigen auf. Die Zierlichkeit und Grazie der Bewegung und die Exaktheit der Ausführung erweckten ebenfalls lebhaften Beifall. Au das Schauturnen schloß sich ein gemütlicher Kommers an. D r. Werner, Vorsitzender des I. Wiener jüdischen Turnvereines, erösfnete die Feier und übergab das Wort zur Tendenzrede Herrn Ingenieur Emil Fried, der in seiner Rede darauf hinloies, wie sehr die jüdische Turnerschast dazu beitrage, das National- und Selbstbewußtsein im jüdischen Volke zu heben. Ansprachen hielten ferner Herr S ch o - lem-Berlin, Vorstand des Verbandes, Herr Dr. Auerbach-Berlin, Herr Dr. Bierer- Posen, ferner noch ein Grazer und Prager. Namens des innerösterreichischen Distriktskomitees begrüßte Herr Dr. Paul W e i s e n g r ü n die jüdische Turnerschast, der in seiner Rede daraus hinwies, wie sehr sich die jüdisch-nationale Bewegung in Oesterreich entwickle und wie gerade jetzt die österreichische Judenschaft mitten im Kampfe um ihre politische Selbständigkeit stehe. Zum Schluß sprach noch Herr Dr. jur. Löhner („Kadimah") im Namen der Wiener jüdischen Studentenschaft, und dann nahm der Tanz seinen Anfang. B e n E s r a. Mein Kampf ums Recht.*) 1. Meine Anstellung. Herr Syndikus Lilienthal hat die Geschichte nreiner Anstellung erzählt. 'Auch ich will sie erzählen. Ei» Jahr nach meiner im Mürz 1905 erfolgten Bewerbung wurde ich zum Prediger der jüdischen Gemeinde gewählt. Am 11. 2. 1906 fand die Uuierrednng statt, die meine Anstellung zur Folge hatte. Anwesend waren die Herren Julius I a c o b y und *) Herr Rabbiner Dr. Eohn hat eine zweite Broschüre in seiner Angelegenheit erscheinen lassen, die wir hier im Auszug wiedergeben. D. Red alt. Syndikus L i l i e n t h a l. Ich ging vorbereitet hin. Ich wußte, was mir der Vorstand für Anerbietungen nrachen würde. So wurde mir denn auch mitgeteilt, daß der-Vorstand wünsche, daß ich mich jeder zionistischer^ Agitation enthalte. Als man mir dies erklärte, sagte ich wörtlich: „Die Herren erwarten doch nicht, daß ich einen Kuhhandel eilige h e? Meine Gesinnung verkaufe ich n ich t?" Darauf große Erregung: Wie können Sie so etwas denken? Aber die Berliner Gemeinde kann nicht dulden, daß ihre Kanzeln und Schulen Propagandastätten für die zionistische Partei würden. Daraus erklärte ich: „Ich fühle mich verletzt durch die Annahme, ich könnte die Kanzel und das Katheder zu politischer Propaganda benutzen. Ich würde es nicht tun. Denn die Kanzel sei eine Tribüne, vor der es keine Diskussion gäbe, und in der Schule für eine politische Partei zu wirken, sei dumm. Was aber ein öffentliches Eintreten für den Zionismus betreffe, so könne ich kein Versprecben geben und wolle mich nicht binden. Die Verhältnisse könnten sich ändern. Doch könne ich den Herren von mir erzählen, daß ein Anftrietyn in V o l k sv e ry' a in in l n n g e>n meiner innersten Natur widerstrebe. Würde mich heute ein Zionist dazu ausfordern, so würde ich ihn auslachen Wenn dem Vorstande dies genüge, gut. Wenn nicht, so sei ich nicht sein Mann. Festlegen könne und wolle ich mich nicht. Ich bin Zionist von ganzem Herzen." Dies war meine Erklärung. Abgesehen davon, hatte ich noch vor meiner Wahl einem Repräsentanten alle meine nationaljüdischen Aussätze übergeben, soweit sie in meinem Besitze waren, um jeden Schein zu vermeiden, als wollte ich mit meiner Gesinnung bis nach meiner Wahl hinter dem Berge halten. Ich wurde gewählt. Fast einstimmig. Die Darstellung des Herrn Lilienthal stimmt mit der ineinen im Wesentlichen überein. Nur eines möchte ich Ihn fragen: Warum hat er in den Z e i 1 u n g e n, d i e s e i ne Re d e b r ach t e n, n i ch t ebenso wie in der Repräsentanten-Bersamnrlnng erzählt, daß er die „tö örtlich e" E r k l ä r u n g, d i e e r m i r i n d e n M n n d s h ob, erst nach meinem Fortgange z u P r o i o k o l l n a h m? Muß nicht jeder Unbefangene nach den Zeitungsberichten annehmen, ich hätte eine schriftliche Erklärung abgegeben? Während cs nur eine ohne mein Wissen und ohne meine Zustiunnung erfolgte Wiedergabe meiner Gedanken ist, die vielleicht mit meinen! Wissen ganz anders ausgefallen wäre? Ich folge Herrn Lilienthal und komme zum ersten Punkt der Anklage, betreffend 1. Mein Verhalten am Falkreal.-lymn a s i n nt. Ich schäme mich, über diesen Fall zu reden. Es ist nickst angenehm, dem Vorstand der größten jüdischen Gemeinde Deutschlands eine Blamage nach der anderen zuzufügen. Die Blamage, die ich ihm in diesem Punkte bereiten muß, ist zehnmal stärker, als die bezüglich des Hauptsalles. Zunächst: Ist es nicht empörend, daß mir hier in diesem Augenblicke, von dieser Stelle aus ein Fall vorgeworfen wird, der lange vor meinem Amtsantritt und auch noch vor meiner Anstellung liegt. Fühlt der Vorstand sich wirklich schon so schwach, daß er meine Vorgeschichte durchstöbern muß? Und dennoch will ich ihm dienen. Der Leser mag sein Urteil fällen. Es wird mir dreierlei zum Vorwurfe gemacht. 1. Propagierung des Zionismus im Falkreialgymn.asinmj. 2. Inkorrektes Verhalten g e g e n ü b e r e i n e m christlichen Oberlehrer, 3. Anfhetznngderjüdi scheu Schüler gegen die christlichen. Drei schwere Fälle in der Tat. Ich gehe sie der Reihe nach durch. Bon Oktober,1905 bis zu meinem Amtsantritt April 1906 war ich in Vertretung des beurlaubten Prof. Schneider Religionslehrer am Falkreatghmnasium. Als Pensum der Oberstufe war mir von Herrn Prof. Schneider die jüdische Geschichte des 19. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart bestimmt worden. Nachdem ich den Religionsunterricht begonnewhatte, teilte ich dem bereits auf Reisen befindlichen Pros. Schneider meine Penseneinteilung mit, in der auch bei Behandlung der jüdischen .Gegenwart neben den Wohlfahrtsbestrebungen der Zionismus genannt war. Ich habe noch die Antwort Prof. Schneiders, der nicht Zionist ist, auf diese Mitteilung. Hier ist sie: . Ihre Penseneinteilung habe ich mit großem Interesse gelesen. Sie wird insbesondere denen zu Gute kommen, die Ostern mit dem Einjährigenzeugnis abgehen. Sehr lieb ist es mir auch, daß Sie noch zu den Hagiographen kommen werden..." Die Penseneinteilung war also von dem Lehrer, der allein das Pensum zu bestiinincn hatte, gebilligt, ja, mehr als das, gelobt. Ich-habe nun den Zionismus in objektiver und rein formaler Weise den Schülern in ein bis zwei Stunden erklärt und zwar so objektiv, daß nach meiner Darlegung noch' ein Schüler mit der Frage an mich herantreten konnte: „Sie sind doch nicht Zionist, Herr Doktor?" Das ist mein Wirken für den Zionismus am Falkrealgymnasinm. Dieses Wirken fällt in den Dezember 1905, drei Monate vor meinem Amtsantritt, zwei Monate vor den Verhandlungen. Ick/ habe dies s. Z. Herrn Jacoby inGegenwärt des Herrn Lilienthal erklärt und aus diesen; Grunde alte Vorhaltungen zurückgewiesen. Wie kommt unter diesen Umständen Herr Lilienthal dazu, mit Mutiger Stirn zu behaupten, ich "hätte „zu einer Zeit, da ich am Falkrealgymnae fi um ben Schülern oom Zionismus sprach, mich durch die Annahme verletzt gefühlt, ich könntedas Katheder zu politischer Propaganda benutzen?" Wen. hat übrigens dem Vorstand der jüdischen Gemeinde erzählt, daß ich wegen zionistischer Propaganda vom Falkrealgymnasium fortkam? In meinen Händen befindet sich nur ei» Brief des Direktors, Dr. Schellbach, in dem er mir am Schluß des Semesters für den bereitwilligst übernommenen Religionsunterrricht seinen Dank ausspricht. Punkt 2: Inkorrektes Verhalten gegen eine« Oberlehrer: Ich hätte einen Oberlehrer, über dessen antisemitische Aeußerungen sich Schüler bei'Mir beklagten, „entgegen den üblic^n Gepflogenheiten direkt zur Rede gestellt, anstatt die Eltern und Schüler aus den! Weg der Beschwerde zu verweisen." Dieser Vorwurf ist empörend, nicht bloß, weil seine Behauptung den Tatsachen widerspricht, sondern weil ' Herr Lilienthal eigentlich wiederum w i s s e n m ü ß t e, wie es in Wahrheit mit dieser Behauptung st e h t. Denn ich habe in jener Unterredung, in der mich Vorsteher Jacoby wegen meines Verhaltens am Falkrealgymnasium zur Rede stellte, im Beisein des Herrn Lilienthal laut und v e r n e h in l i chj'erklärt, daß ich zuerst zu den Eltern ging — ich habe damals sogar -Namen genannt und kann sie noch'heute nennen — und als dies bei der allgemein bekannten und auch verständlichen Abneigung von Eltern gegen jede Art Beschwerden schon beim ersten Besuch, den ich machte, vollständig mißlang, nicht etwa gleich den Oberlehrer zur Redck stellte, sondern erst noch eine ausführliche Rücksprache hatte mit einem der angesehendsten jüdischen Rechtsanwälte Berlins, einem — nein, nicht einem, sondern dem, unserem Führer im Kampfe gegen den Antisemitismus. Aber auch dann noch stellte ich den Oberlehrer nicht zur Rede. Das geschah erst, als noch in derselben Woche ein Vormund — ich kann wieder den Namen nennen — zu mir in die Wohnung kam und mich um schütz bat, weil derselbe Lehrer sein Mündel in der letzten lateinischen Stunde angemauschelt h a 6 e. Da erst stellte ich ihn zur Rede. Inkorrekt, sagt der Direktor. Man sehe hier, wie inkorrekt! Ich schrieb ihm folgenden Brief: „Sehr geehrter Herr Professor.' Als Religivnslehrer der jüdischen Schüler des Falkrealgymnasiums sehe ich die Pflicht, Ihnen von Folgendem Mitteilung zu machen: Es haben sich Scyüler Ihrer Klasse bei mir beklagt, daß Sie am Sonnabend, den 3. d. Ai. in der deutschen Stunde von den Freunden Zessings, Nicolai, RamleL ünd Moses Mendelssohn geredet und dabei den Namen Moses so prononziert ausgesprochen hätten, daß in der Klasse ein deutliches Gelächter erfolgte und glei^eitig ein Schüler den Zwischenruf Mauses ertönen ließ. Beides sei von Ihnen nicht moniert worden. Ich habe es für eine Pflicht der Kollegialität erachtet. Sie betreffs dieses Gespräches zunächst persönlich um Aufklärung zu bitten. Ich, hege die Hoffnung, daß Sie mir diese Aufklärung nicht verweigern werden. Mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst Rabbiner Dr. Emil Eohn. Inkorrekt, sagt der Direktor. Ich hätte wohl .zu ihm laufen sollen und denunzieren? Nein, ich tat es nicht. Der Lehrer aber gab mir, nicht in erregter, wie Herr Lilienthal: sagt, sondern in ruhigster und höflichster Unterredung die Aufklärung, die ich wünschte. Damit war der Fall miss gütigste für mich erledigt. Es sind mir nie wieder Klagen über den Lehrer zu Ohren gekommen. Und aus diesem Verhalten, das wie gesagt, noch vor meiner Anstellung liegt, wagt mir jetzt, fünfviertel Jahre später, der Vorstand einen Strick zu drehen? Daß ich jüdischen Kindern, die, als ich an jenes Gymnasium kam, unter dem Hohne und Spotte der Mitschüler gedrückt gingen, ein Helfer war, das soll ein Verbrechen sein? Weil ich ihnen eine aufrechte Stirn und ein erhobenes Haupt gegeben habe, darum soll' ich verurteilt sein? Weil ich so zu ihnen war, daß es noch heute eine groß« Zahl von Eltern gibt, die mich hochachten dafür, daß ich nicht an jenem Gymnasium um Schulschluß Vorbeigehen darf, ohne daß ein Dutzend Quintaner an meinem Rocke hängen, darum soll ich nicht mehr Rabbiner sein, nicht mehr Lehrer? Verbreitung jüdischen Stolzes, das ist es, was der DirektorAufhetzung nennt. Und selbst wenn ein übles Verhältnis zwischen christlichen und jüdi-