Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 19 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zv Nr. 19 des '4 Inhalt der BeUage: Artikel: Oorotli harischonim. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Verkehrswelt. — Kunst ».Literatur. — „Jüdische Jugend." Dorotlt liarisclioiiim. Die früheren Geschlechter. Eine Geschichte der Juden, von Isaak Halevy, Hamburg. II. Ein Beispiel der Halevy'schen Art der Beweisführung. Lehrsatz: Babylonien war seit dem Exil des Königs Jechonja ununterbrochen der Hort der jüdischen Religionswissenschaft, a) Defensive, b) Positive Beweisführung. a) Der Beweis der Gegner dieser Ansicht beruht auf Verkennung geographischer und geschichtlicher Tatsachen und mangelhastem Verständnis der Talmudstellen. Der Name Babel hat dreierlei Geltungen : 1. für den ganzen Umfang des alten Babyloniens, 2. speziell für Südbabylonien, 3. sür Neubabel — Bagdad als Hauptstadt. 2 und 3 waren Graetz so unbekannt, daß daraus bei ihm .für die Episode R. Saadiccks in seinem Disput mit Karaiten geradezu haarsträubende Jrrtümcr entstanden sind, worüber später. Ad 2 ist der Beweis leicht aus Jebamot 54 erbracht: „Babel und seine Bezirke richte» sich nach Rab; Richarden und seine Bezirke nach Samuel. Wie weit erstreckt sich Nehardca? soweit, als der Nehardeaer Maß gilt: Babel soweit, als das Maß von Babel gilt. Als Rab im Jahre 3976 von Rabbi, dem Verfasser der Mischnah, mit der Semichah (Ordination als Oberhaupt) versehen, wieder nach seinem Geburtslande Babylonien zurückkehrte, fand er in Nehardea, wo Samuel einer großen, alten Gelchrtenschule präsidierte, keinen passenden Wirkungskreis und ging nach dem Süden, wo seit 200 Jahren die Lehre arg in Verfall geraten war und gründete dort, in der an einem Binnensee südwestlich von den Ruinen des alten Babel gelegenen Stadt Sura eine Hochschule, welche durch 2 bis 3 Generationen florierte, später jedoch wegen ihrer Entfernung von dem eigentlichen jüdischen Zentrum Nehardea Jahrhunderte lang mit dem 'Verfalle kämpfen mußte. Daher wiederholt sich im Talmud die Sentenz: „Rab fand eine Bikea, ein offenes, herrenloses Feld, das er durch Umzäunungen (gesetzliche) erst wohnbar machen mußte." Die geschichtliche Ursache, die hier seitens der Breslauer Schule ignoriert worden ist, findet sich bei Josephus. Unter der Regierung des Arsaciden Tigranes, etwa 130 Jahre vor Zerstörung des zweiten Tempels, hatten zwei Brüder, Juden aus Nehardea, Asinai und Anilai, eine jüdische Freibeuterfchar um sich gesammelt und am südlichen Euphrat, dem Schatt el Arab, einen jüd. Staat gegründet, gegen welchen Tigranes mehrere unglückliche Feldzüge führte. In einem derselben wurde sein später so berühmt gewordener Schwiegersohn Mithridates, der einen Ueberfall am Sabbat auf die durch strenge Sabbatheiligung schon zu Alexander d. Gr. Zeiten bekannten jüd. Krieger als Erfolg versprechend hielt, sogar gefangen genommen. Tigranes sah sich zum Frieden genötigt, entbot Asinai an seinen Hof, dessen Lockungen dieser nicht widerstand, sodaß er die Frau eines persischen Großen in seine Heimat entführte. Durch die durch dieselbe eingeführten Gesetzesverletzungen entstand Aufruhr und Abfall unter seinen Juden, der zu einem zweiten Feldzuge führte, in welchem Mithridates auf einem fingierten Rückzuge das jüdische Heer in wasserlose Gegenden lockte, am Sabbat überrumpelte und aufs Haupt schlug. Die Folge davon war die Vertreibung der Juden aus dem ganzen Bezirke. Gezwungen, in großen Scharen in die zahlreichen jüdischen Gemeinden Südbabyloniens zu flüchten, verursachten sie daselbst eine Religionsverfolgung seitens der zahlreichen ansässigen Syrer und Griechen, die mit Vernichtung aller jüdischen Gcmeinden dieser Provinz endete, von denen sich nur Flüchtlinge in die medische Residenz Ekbatana zu Tigranes retten konnten. Erst nach Jahrzehnten konnten die dortigen Juden ihre Gemeinden wieder Herstellen und sich öffentlich als Juden bekennen. Dennoch fand Rab, als er nach Babel- Bagdad kam, das Graetz irrtümlich erst vo.m Khalifen Alinansur neugegründet wähnt — altehrwürdige Minhagim in Betreff des Hallel vor, denen er sich pietätvoll beugte, weil sie aus der alten Blütezeit stammten. Ganz anders lagen die Verhältnisse in dem nordwestlichen Babylonien mit der von einer riesigen jüdischen Bevölkerung bewohnten Hauptstadt Nehardea und dem iveiter westlich auf kleinasiatischem Boden gelegenen Nezibin, dem heutigen Nisibill. b) Positive Beweise: Josephus schildert die Stadt Nehardea als Bollwerk der Juden des Ostens während des zweiten Tempels. Auf einer Euphratinsel als natürliche Festung gelegen, durch starke Befestigungen geschützt, lourden hier sämtliche Schätze bewahrt, welche an jährlichen Abgaben der asiatischeil Juden an den Tempel zu Jerusalem hierhergebracht lvurden, um unter Bedeckung von 6—8000 jüdischen Kriegern alljährlich mitsamt den Geburtslisten der Inden des Ostens, ihrer Priester, Leviten und sonstigen iltengeborenen nach Jerusalem abgeführt zil werde», in dessen Matrikelarchiv eingetragen zu werden, nicht llur für Priester und Leviten, sondern für jeden Juden der Diaspora, lvie Josephus bezeugt, die Grundbedingung seiner Legitimität war. Daraus folgert Halevy unanfechtbar, daß für die außerordentlich strengen und vielfach verwickelten Ehegcsctze, die für die Zulassung zum Tempeldienste seitens eigener Synedrialgerichtshöfe mit äußerster Strenge gchandhabt wurden, die ja auch die Hasmonäer-Könige zu fühlen bekamen, in Babylonien Gerichtshöfe bestanden haben müssen, deren gelehrte Autorität von den Palästinensischen anerkannt wurde. Damit ist die geirane Kenntnis des Teil III unter den 6 Teilen der Mischnah, des Seder Naschim, des Eherechts, unabweisbar gegeben. Ebenso selbstverständlich ist die Voraussetzung des Teiles IV, des Seder Nesikin, über die Zivil- und Strafgesetzbarkeit, da die Juden nicht unter den Achämeniden, wie Esra und Nehemia bezeugen, sondern auch unter den Seleuciden, wie Halevy aus verschiedenen Edikten nachweist, vollste Autonomie und eigene Gerichtsbarkeit besaßen. Die Archäologie kommt hier Halevy zu Hilfe, ohne daß er sich auf dieselbe bezieht. Die Vorzugsstellung der Juden datiert noch aus der Assyrerzeit. In den Listen der 32 königlichen: Vasallen figuriert als älteste Dynastie die des Hiram von Tyrus, ihr folgt die Davidische von Juda. Nebuchadnezar umgab sich mit Juden. Der König Jechonja nahm den ersten Platz an der Tafel seines Sohnes Evil-Merodach ein. Außerbiblischc Quellen berichten laut russischer und arabischer Quellenforschung, daß Nebukadnezar einen gefangenen Edlen von Jerusalem, Samhut ben Bagrat, zum König von Grusien ernannte, dessen Dynastie 400 Jahre daselbst als jüdische herrschte, als Stammväter der russisch-grusischen Adelsfamilie Bagration. Die Ueberlegenheir des jüdischen Alphabets über den Fetischismus der Keilschrift machte sich in den großen Bankierfamilien Egibi unter Nebukadnezar, Bene Muragfcha unter den Achämeniden geltend. Wir finden somit bald am Anfänge des Exils einen Gcistesadcl wie Daniel, Jecheskeel und die Männer der Ecclesia Magna, der Knafset hagdolah, neben dem Geburtsadel des Davidischen Hauses und der Ahroniden, getragen von dem mächtigen Einflüsse der damaligen Rothschilde. Am Hofe des Sonnenkönigs, der berühmtesten Repräsentation königlicher Macht, ist Nehemia aus Davids Stamnl Mundschenk des Königs, der sich vor der Ehrfurcht gebietenden Hoheit Esra's beugt. Diese Ausnahmestellung wird in der Exilarchenfamilie Jechonja's auf 1500 Jahre vererbt. Die Seleuciden ändern nichts daran, und nach chrer nur 83jährigen Herrschaft bleiben die Juden der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht. So daß die Sassaniden dieses Erbteil von den Arsaciden übernehmen. Sabor I., der in einer Schlacht bei Caesarea gegen die Anhänger der früheren Dynastie 14 000 Juden tötet (Moed Katan 26), entschuldigt sich vor dem Lehrhaupte Samuel von Nehardea. der keine Trauer für die 'Gefallenen gestattet, daß er sonst niemals einen Juden habe töten lassen. Ter Resch Galuta — Exilarch — nimmt fortan bei Hofe den vierten Rang — nach dem Könige, Vizekönige und dem Generalissimus — ein, und das bleibt so bis in die Herrschaft der Khalifen, derem Ersten der Gaon Mar Isaak an der Spitze von 90 000 Juden aus Nehardea (Firuz-Sabor) zur Begrüßung entgegengeht. Daß in einem so hochentwickelten Judenstaate im heidnischen, immer von neuen halbwilden Perser- und Pariherstämmen umgcftülpten Staate die durch ihre Hoheit, ihr Alter, ihre Kulturkrast geheiligte Torah und ihre überlieferte Praxis den unveränderlichen Lebensnerv gebildet haben mußte, kann nur der leugnen, der die Entwicklung der Nationen aus dem kannibalischen Zustande der Völkerwanderung, der Steinzeit und des finstersten Mittelalters vor sich gehen sieht. Halevy weist glänzend nach, daß — wie der ewige Schnee des Libanon das unerschöpfliche Reservoir fiir den in der Glühhitze der Niederungen oft halb versiegenden Jordan — gerade Babel die uirerschöpfliche Quelle bildet, aus welcher das palästinensische Judentum seine Lebenskraft ergänzt. Er weist nach, daß es seit Esra und Nehemia, die es vor gänzlichem Untergange gerettet haben, bis auf Hillel, der wie Risch Lakifch Sulla 20 sagt, nächst Esra als der zweite Retter der Tradition und der Torah aus Babel kam, Ivährend der ganzen Zeit von Ptolemäos I. Soter bis auf Herodes und Titus kaum 30 Jahre verhältnismäßiger Ruhe für die Gesetzeslehrer gegeben hat, so daß trotz der überlegenen Heiligkeit des Tempels und Jerusalems die Hauptkraft der Torah in Babel gesucht werden mich. (Fortsetzung folgt. Aus -er Lehrerwett. Liga. Hauptlehrer Herbst ist nach 48 jährigem Schuldienste in den Ruhestand getreten. Norden. Hauptlehrer Levy feierte unter allgemeiner Beteiligung der Gemeindemitglieder den Tag, an dem er vor 25 Jahren in den Dienst der hiesigen jüdischen Gemeinde trat. London. Der Dajan Susman Cohen ist nach langem Leiden gestorben. Budapest. Der Alwfener Rabbiner Dr. EliaS Adler ist nun auch von der Generalversammlung der Gemeinde mit' Majorität zum Rabbiner an der Rombachsvnagoge gewählt worden. Der Vorstand hat bekanntlich ausschließlich ihn kandidirt und die Generalversammlung hatte nur mit „Ja" oder „Nein" zn stimmen. Gegen ihn stimmten 286 Wähler. Wenn man bedenkt, daß in der großen jüd. Gemeinde zu Pest nicht alle fteuerzahlende Mitglieder stimmberechtigt sind, sondern nur solche, die von der Generalversammlung ausgenommen werden, so wird man die mit „Nein" abgegebenen Stimmen nicht zn gering achten. Man kennt den Kampf, den eine Partei gegen die Wahl des Dr. Adler geführt hat und der — leider — den nun gewählten Rabbiner sehr bloßgestellt hat. Ob diese Partei nun die Massen strecken wird oder weiter kämpfen will, ist noch abzuwarten. Sicher ist es, daß der einmal aufgenommene Kampf gegen die Kcrrupiion in der Gemeinde nicht mehr ruhen wird. Aus -er zionistische« Bewegung. Frankfurt a.M. Der Termin des nächste« K o n g r e s s e s ist vom Großen Mtionskomitee, das vom 5.—7. Mai in Köln tagte, aus MitteAugust festgesetzt worden. Der Kongreßort wird aus Gründen der Propaganda diesmal ein anderer Ort als - Basel sein. Das Engere Aktionskomitee wird baldmöglichst 'Ort und Eröffnungstag des Kongresses bekannt 'geben. DieWahlenznmKongresse sind von den Landsmannschaften in der Art durchzuführen, daß die Wahlprotokolle und die Schekekgelder spätestens