Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-05-03 · Heft 17 (3.5.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 17 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692528--03190-2697854
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Beilage zu Nr. 17 des Frankfurter ZfraelitWu Familienblattes. Inhalt Sep Bellage: Artikel: Religion, Nationalität und Staatsbürgertum. —/Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. Aus den Vereinen. — Sprach säa l.i—. Kunst und Literatur. — Briefkasten. Religion, Nationalität und Staatsbürgertnw. Fortsetzung aus dem Hauptblatt. Wie groß und schwer diese Gefahren sind, hat uns nun aufs Neue der Beschluß der ersten Gemeinde Deutschlands gezeigt, .die einen Rabbiner. darum wegjagt, weil er —. Jude ist! Es ist wahr, in dem Kampfe, den wir „der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe" mit Euch haben führen müssen, siel so manches witzige und bitter klingendes Wort; aber Ihr wißt, nicht der Haß war seine Quelle;- nur die bittere Enttäuschung, Euch, auf die wir in erster Reihe rechnen zu dürfen geglaubt haben, im Lager unserer Gegner zu finden, war es, was Unfern Mund bittere Worte hat sprechen lassen. Darum werdet Ihr nicht überrascht fein, wenn wir von Euch in dieser ernsten Sache, die wahrlich nicht nur uns Nationaljuden allein angeht, eine würdige Haltung erwarten, wie sie den., hohen Traditionen unseres Rabbinerstandes entspräche. - Zeiget unseren wirbellosen Weich? und Kriechtieren, die auf den geringsten Wink hin — ob er von oben oder von unten kommt — itt Demut ersterben und sogleich bereit sind, ihre Erstgeburt zu verschachern, daß ihr für Judenheit und Judentum Verderben drohender Wahnsinn nicht schrankenlos walten darf! Zeiget den machthabenden Großjuden Berlins, deren Größe zumeist in der ansehnlichen Zahl ihrer Nullen sich erschöpft, daß Ihr die Vertreter „ihrer Anschauungen" in der angedeuteten Richtung nicht seid, indem Ihr Euch mit dem Gemaßregelten solidarisch erklärt; wodurch allein Ihr beweisen könnt, daß Ihr die erfahrene Brandmarkung nicht verdient! . Wir sehen keinen anderen Weg, wie Ihr die Sache im Einklang mit Euerer Ehre und Euerem Gewissen behandeln könntet. — — — Aber damit ist die Sache noch lange nicht erschöpft. Sie hat neben der moralisch, beschämenden. Seite, deren Beachtung wir gern den Rabbinern empfehlen, weil wir noch immer der Anschauung nicht entsagen können, daß überall, wo es . gilt, gegen alles Häßliche und Gemeine und für alles Gute und Schöne zu kämpfen, sie unsere Führer sein müssen, noch eine zweite Seite,. deren Bedeutung eine vorwiegend praktische ist. Man weiß, die Gleichberechtigung der Juden in Deutschland ist dem Gesetze nach wohl gewährleistet, aber noch immer bleibt sie auf hem Papier. Mannigfach sind die berechtigten Klagen über Zurücksetzung im öffentlichen Leben und auf allen Gebieten des Staatsdienstes, über Anfeindungen und böswillige Angriffe in Wissenschaft und Literatur. Und es hat wahrlich nicht den Anschein, als ob in absehbarer Zeit Besserung zu erhoffen stünde. Ein bedenkliches Zeichen der Zeit ist die unverschämte Forderung, die Juden sollen sich taufen oder „wenigstens ihre Kinder taufen lassen", die von Männern gestellt wird, welche selbst kam» noch dem Christentum angehören, die sicherlich mit allen Dogmen des Christentums auf Kriegsfuß stehen und innerlich mit ihm gebrochen haben: es sind Männer der Wissenschaft, welche diese liebreiche Forderung erheben! Wer natürlich schließen wir nicht aus der Wissenschaftlichkeit dieser Männer auf ihren losen Zusammenhang mit ihrem Glauben. Was uns diese Vermutung nahelegt und sie' zur Gewißheit macht, ist einzig und allein die psychologische Mwägung, daß diese Männer unmöglich ein solch blamables Ansinnen — beschämend für uns, wie äir sie selbst — hätten stellen können, wenn sie elbst nicht von einer ähnlichen Schuld belastet wären: wenn ihnen selbst nicht der christliche Glaube zur konventionellen Lüge geworden wäre, zu der inan sich öffentlich bekennt, um in Amt und Würden zu verbleiben! -Unmöglich kann ein Mensch, dem der Glaube etwas Wesentliches ist, die Forin, in der seine Seele sich zu ihrem Schöpfer zu erheben strebt, feinend Nebenmenschen ausfordern, mit diesem Allerheiligsten -seines geistigen Seins und seelischen Empfindens Schacher zu treiben! Sonst dürfte eine anständige Frau ihrer Schwester den Rat erteilen, uni ihre materielle Lage zu verbessern, möge sie zur Dirne werden und der geschäftsmäßigen Liebe sich widmen! Bis jetzt hatten wir wenigstens das moralische Recht, uns über diese in den verschiedensten Fornrcn uns zugcfügte Unbill zu beklagen. Jetzt haben wir auch dieses Recht der Klage verloren. Denn wie dürften wir unsere Feinde anklagen, daß sie uns das Daseinsrecht verkümmern, wenn die offizielle Vertretung einer jüdischen Gemeinde selbst diese Ansichten zu den ihrigen macht! Was bedeuten da auch alle Zurücksetzungen, die wir erfahren, alle Verfolgungen, die wir erleiden, gegen die eine ungeheuerliche Tatsache, daß eine Großgemeinde in Israel selbst den Juden ihre Gleichberechtigung abspricht?! Unsere ruhmreichen Berliner Null-Juden, deren Judentum allerdings schon unter dem Nullpunkt angelangt und im völligen Gefrieren begriffen ist, sind zu der weisen Ansicht endlich angelangt, daß sie zu nichts anderem mehr zu gebrauchen sind — als zum (nicht Kunst) Dünger auf dem Felde anderer. . .! Wir sind aber felsenfest davon überzeugt, daß das Gros der jüdischen Gemeinde zu Berlin für sich gegen diese schmachvolle Beschimpfung in Gemeinschaft aller, denen die jüdische Ehre nicht feil ist, aufs feierlichste Verwahrung einlegen wird. Aber der Fall, seine Entstehung und Entwickelung ist in vielen Beziehungen zu lehrreich, als daß wir ihn nicht genau betrachten sollten. Herr Dr. Emil Cohn hat eine kurze Broschüre veröffentlicht, die er mit bewundernswerter Ruhe geschrieben. Der Hergang ist kurz der folgende: Irgend ein Gymnasialdirektor zu Charlottenburg, ein vormaliger Lehrer des Dr. Cohn, hatte eine Zi/zstündige Unterredung mit ihm, die vertraulich war und schon darum privater Natur sein mußte, da gleich, bei Beginn der Unterredung, es sich herausstellte, daß die Stellring eines jüdischen Religionslehrers, um deren Bewerbung Dr. Cohn hinkam, für ihn nicht in Betracht kam. Somit war Dr. Cohn 'fiir den Herrn Direktor eine Privatperson, ein Rabbiner der jüdischen Gemeinde, zu, dessen Beaufsichtigung er von niemanden eingesetzt war. Er hatte weder ein moralisches noch faktisches Recht, diesen Mann auszuhorchen und ihn eines hochnotpeinlichen Verhörs zu unterziehen. Er hat dies getan und Herr Dr. Cohn stand ihm Rede und Antwort: er hat ihm rückhaltlos sein Herz offenbart, er sprach von seiner religiösen Ueberzeugung, von seiner Liebe zu Juden und. Judentum, von seinen Hoffnungen für diese in der Zukunft. Je befremdlicher und strafbarer solche Gesinnung eines Rabbiners dem Herrn Direktor erscheinen mochte, umso weniger Recht hatte er, das, was ihm ein Vertrauender, Mann gegen Mann, mitgeteilt hat, weiter zu geben: umso schmachvoller ist es, daß er ihn dennoch verraten und sogar dafür gesorgt hat, daß es durch jüdische Untergebene, ihres ehrenwerten Vorgesetzten würdige Männer, an seine Vorgesetzte Behörde denunziert wurde! ' Wer natürlich, welche Rücksichten darf ein Jude fordern, der nicht einmal bereit ist, im Religionsunterricht dahin zu wirken, daß Juden und Judentum auf dem Wege der Mischehe und der Taufe, sogar auch gegen die innere Uebcrzengrmg vorgenommen, den Untergang finden! Der edle, philosemitische Direktor konnte nicht ruhen, der Schlaf wich seinen Angen, bis dieser verruchte Jude verraten und bestraft wurde. Und der jüdische Gemeinde-Borstand, dem die chauervolle Verworfenheit seines Rabbiners Dr. Cohn hinterbracht wurde, konnte selbstverständlich nichts weniger tun, als ihn aus Amt und Würden zu treiben, ohne ihn auch nur gehört zu haben, denn' wozu auch, nachdem er in dieser Weise aller Welt gezeigt hat, daß er „der Achtung und des Vertrauens unwürdig sei" . .?! Von der Genieindestube Berlins bis zu den Beratungszimmern der heiligen Synode in Petersburg und dem Regierungskabinet zu Bukarest sind sich also alle unsere Feinde darüber einig, daß Israel vonr Erdboden verschwinden müsse. Vielleicht gibt's da noch einen kleinen Unterschied in der Methode, wie dieses Ziel zu erreichen sei. Oder, besteht vielleicht auch dieser nicht mehr? Manche von uns haben sich der optimistischen Hoffnung hingegeben, daß die Haager Friedenskonferenz vielleicht in Bezug auf Petersburg und Bukarest eine Besserung bringen wird, und gaben sich in dieser Richtung Mühe. Nun ist uns eine wichtigere und dringendere Aufgabe; geworden, gegen die alle anderen Arbeiten in den Hintergrund treten und ruhen sollen: wir müssen von dem Gemeinde-Vorstand zu Berlin die Gleichberechtigung der Juden bewilligt bekommen!!! Es gibt für uns keine dringendere nnd heiligere Aufgabe! Darum soll in den nächsten Blättern der Versuchgemacht werden, den Führern Israels in Berlin zu erllären, warum wir uns nicht taufen wollen; ferner, wieso wir trotzdem unsere volle Gleichberechtigung zu fordern berechtigt sind. Die Behandlung dieser Fragen ist zur Notwcndigkeit geworden. - Aber Ihr Juden Berlins, welche Antwort habt Ihr für Eueren gloriosen Vorstand? Alle; denen die jüdische Schmach die Seele verbrennt, warten mit Spannung auf sie. Diese Antwort muß klar und deutlich sein? Personalien. Frankfurt a. M> Einen harten Schlag hat die gesetzestrene Judenheit Frankfurts mit dem frühzeitigen Wleben — im Alter von 49 Jahren — des Herrn Leon Jwienski getroffen. War doch der Verblichene ein echter, gewissenhafter Jehudi in Erfüllung der Gebote und ein ausgezeichneter, mit echt jüdischen Tugenden ausgestatteter Charakter. Noch mr Knabenalter aus Kowno, Rußland, nach hier gezogen, gelang es ihm Dank außergewöhnlicher Energie und Rechtschaffenheit, sich eine angesehene Position zu erringen. Er erfreute sich in weiten Kreisen hoher Achtung nnd wurde von jedem, der ihm näher trat, geschätzt und geliebt. Der Verewigte war ein „Randes Zedokoh befesser" (Wohltäter im Stillen) im vollsten Sinne des Wortes. Unzählig sind die kleinen und großen Wohltaten, die er im Stillen getan hat. Charakteristisch ist die Tatsache, daß er seine väterliche Fürsorge für die Bedürftigen auch auf seinem langen Krankenlager ungeschwächt bekundete, und noch wenige Stunden vor seinem Ableben gedachte er ihrer und vergaß nicht, ihr Schicksal in sichere Hände, in die Hand seiner nächsten Verwandten, zu legen. Und wenn jeher Bedürftige bei ihm ein willig' Ohr fand und er sich Zeit nahm, sogar bei anderen zu sammeln, so war er doch ganz besonders seinen russischen Landsleuten zugetan, und reichliche Spenden schickte er nach seinem Heimatlande, besonders als ein „Auhaw Tanroh" an Jeschiwaus. Sein Ableben wird für viele Bedürftige — hier wie in seinem Heimatlands — wenn auch seine wohltätigen Verwandten sein schönes Testament sicherlich ausfnhren werden — empfindlich sein. An seiner Bahre trauerten Biele. Ein großer Zug begleitete den Dahingegangenen aus dem Wege zu seiner ewigen Ruhe. Herr Rabbiner Dr. Breuer hielt eine warm empfundene Grabrede, in der er der Persönlichkeit des Verewigten gerecht zu werden suchte. Leon Jwiensky's Andenken wird ein ewiglich gesegnetes sein! s

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.