Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 16 (26.4.1907)
- Date
- 1907-04-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Seite 8. Frankfurter Jsraelitisihes FamMenblatt. Straßen lag. Die wenigen Leute, die uni diese Zeit draußen waren, fröstelteil und huschten wie Schemen an den Häusern vorbei. Jin Korridor vor dem Betsaal flackerte ein kleines Lämpchen, welches die Finsternis Mir in so ivcit erhellte, daß die Eintretenden sich nicht an de» großen und kleinen Fäßern, die auf dein Boden standen, zn stoßen brauchten. Im Saal hing von der Decke in einem Draht eine Petroleumlampe, die für den weiten Raum kaum genügte. Ein eiserner Ofen glühte imd der rote Schein züngelte über den Boden hin, hier und da die Männer streifend, die ans den Bänken saßen. Der Schein zuckte auf, beleuchtete für einen Augenblick ein scharfes Profil, das gleich darauf wieder i,n Schatten war, huschte dann weiter, erlöschte, um im Nn sein Spiel wieder zu beginnen. Einer sagte: „Es ist'Zeit, warum fangen wir noch lucht an?" „Es fehlt' noch Einer am Minjan." „Nein, Schlaume Wintcrhnt ist im Nebenzimmer bei den Weibern und raucht. Er sagt, wir sollten schon anfangen uird die Tür anflassen."*) Jtzig sagte ärgerlich: „Das ist 'doch nichts," und schlappte in den Nebcnraum. Dort saß wirklich ein Mann bei den Frauen, eine Pfeife rauchend. „Komm' Schule, Schlaume." „Ich bin doch da, fangt Niir an." „Das geht doch nicht, komm herein." Bummelnd ging Schlaume in den Betsaal, nin fünf Minuten nach Beginn wieder zu verschwinden. Als Jtzig aber den letzten Kaddisch gesagt hatte, trat Schlaume wieder Herein und schmunzelte: „Jetzt Ivollen wir Kiddusch machen." Er rollte ein Füßchen in den Betsaal, irgend ein Anderer holte Gläser und nun tranken die Männer kräftig Branntwein, um sich zur Tagesarbeit zn stärken. Beim Weggehen fragte Winterhut seinen Freund Jtzig Strohsessel: „Wie ist 'das, Du arbeitest ja wieder. Kannst Du das Schuhmachen jetzt besser vertragen?" „Nein>" antwortete er erbost, „aber wenn ich nicht arbeite, will Rcb Brandes uns über die Grenze schaffen. Und er hält Wort." „Wen der Reb Brandes packt, der ist verloren, der muß arbeiten." „Nu, ich tue es nicht lange. Meine Tochter schafft Geld, ich bringe ihrem Chotzcn gleich einen Brief." — Inzwischen war cs hell getvorden und die Männer gingen ihrer Beschäftigung nach — Hausieren, mit Tröbelkram handeln. Schnorren, — aber keiner trieb ein Handwerk, das den Mann von früh bis Abends an die Arbeit gefesselt hätte. Jtzig aber wartete geduldig, bis Karl Werner aus seinem Hause trat, dann gab er ihm einen Brief, den der junge Mann nn't gerunzelter Stirn, den demütigen Gruß kaum erwidernd, entgcgcnnahm. 6. Kapitel. Moritz Brandes hatte die Familie Werner einigemal besucht, ohne mit dem Sohne, der selten zu Hause war, mehr als einige Worte gewechselt zn haben. -Eines Abends traf er Karl und einige Herren dort an. Karl stellte ihm seine Freunde in liebenswürdiger Weise vor und die Unterhaltung wurde lebhaft. Brandes, der nicht viel sprach, wurde trotzdem der Mttelpunkt des Kreises. Verschiedene Herren wollten einiges über russische Zustände hören und ein junger Techniker, der zur Montage mehrerer Dampfkessel nach Lodz reise» sollte, hatte vieles, zu fragen. Herr Christians erzählte mit leuchtenden Augen, wie er sich auf die Reise freue und daß er beabsichtige. St. Petersburg und Moskau kennen zn lernen. „Moskau, das märchenhafte, asiatische, „heilige Moskau lockt mich unwiderstehlich. Kennen Sie diese Stadt, Herr Brandes?" „Nein. Als Jude konnte ich in Rußland keine Vergnügungsreisen machen und besonders nicht Moskau besuchen." *) Anmerkung. Diese, so wie andere Szenen ans dem Leben der nach Deutschland eingewanderten osteuropäischen Juden sind wahrheitsgetreu nach der Natur gezeichnet. _ „Ich bitte meine Frage zu entschuldigen," sagte der junge Mann erschrocken, „ich wizßte nicht, daß ie bittere Gefühle in Ihnen wecken mußte. Mir, als Christ, ist eine solche Einschränkung ganz unfaßbar. Ich glaube, daß ich bei meinem »nruhigeii Geist darunter zu Grunde gehen würde." . Karl Werner meinte: „Auch ich kann nicht begreifen, daß ein Mensch von Bildung sich diese Ketteir gefalleit läßt. Wenn ich ein Russe wäre, wahrlich, ich hätte nicht lange unter dem Judenhaß gelitten, ich hätte mich schon längst taufen lassen." „Sollte, Ihnen das ernst sein, Herr Werner?" „Bitterer Ernst. Weshalb soll ich unter einem Fluche leiden, heu ich nicht verschuldet habe? Was weiß ich von Religion, weshalb soll ich an einer Institution sesthaltcn, die ich nicht begreife und die der ganzen Welt unsympathisch' ist. Ich bin Frei-, Henker und glaube gar nichts. Wenn mir morgen das Judentum in meinem Fortkommen hinderlich wird, lege ich es auf die Seite. Geben Sie >nir denn von diesein Standpunkte aus nicht recht, Herr Brandes?" „Da Sie mich fragen, muß ich antworten und da will ich Ihnen denn doch bemerke», daß es nichts verächtlicheres gibt, als einen Renegaten. Der Mensch, der sich um materieller Vorteile willen zu einer neuen Religion bekennt, die ihm so wenig gilt, wie die alte, der er den Rücken kehrt, begeht einen Meineid. DaS ist meine Meinung, und die, wie ich glaube» jedes anständigen Menschen, sei er Jude oder Christ." Der junge Werner wollte ansbrausen, sein Vater wehrte ihm mit einem Blicke ab und sagte: „Sie dürfen die Bemerkung meines Sohnes nicht so tragisch nehmen. Er betrachtet diese Frage nicht vom religiösen, sondern vom Jntcressenstandpnnkt und ich habe alles, was er ausgeführt hat. schon in eit!em:; Feuilleton gelesen." Karl unterbrach ihn. „Lieber Papa, cs ist doch nichts persönliches. Wir erörtern eben eine brennend gewordene Frage und ich nehme dasselbe Recht, eine Ansicht zu haben, in Anspruch, wie jeder Andere." Moritz meinte phlegmatisch: „Es bleibt Ihnen und ncir nur übrig, die Damen um Entschuldigung zu bitten, daß wir dieses Thema in ihrer Gegenwart aufrollten. Ich werde es gewiß nicht wieder tun." Karl lachte. „Ich wollte gewiß Ihr religiöses Gefühl nicht verletzen. Sie sind der Einzige meiner Bekannten, der meine Ansichten nicht billigt und das bedachte ich nicht. Er reichte Brandes die Hand und damit war der Zwischenfall erledigt. Die Stimmung wurde doch etwas frostig. Die Gesellschaft brach bald auf, der junge Techniker schloß sich Brandes an, um weiteres über Rußland zu erfahren. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Lobenswert, ja herrlich sind die verschiedenen Einrichtungen, die in der Großstadt alle ins Leben gerufen, erhalten und gepflegt werden, und deren Nutzniesung Nachsnchenden zuteil werden. Eine solche schöne Einrichtung ist auch der hiesige „Montesiore - Bereiir", der ein Heim den Heranwachsenden jungen Kanflenten bietet u>rd dessen verschiedene Abteilungen zum Nutzen und Frommen angewandt werden können. Ich sage: angewandt werden können: — denn wie steht cs mit der richtigen Benutziuig der für die jungen Leute eingerichteten Kurse und Lehrpläne? Wie segensreich ist es für viele unserer jungen Leute, — mögen es vom Lande hercingewanderte sei» oder hiesige Herren — wenn ihnen Gelegenheit geboten wird, für ein paar Groschen Buchhaltung, Stenographie, Korrespondenz und sogar auch fremde Sprachen zu lernen. Aber bereits mußten Kurse aufgehoben werden, da die Beteiligung fehlte. Nicht, daß unsere Jugend nicht wißbegierig wäre. O, bewahre, diesen Vorwurf will ich ihr nicht machen! Die Herrn sind fast alle sehr begierig. Diverses zu erlernen, so z. B. pünktlich und vollzählig zur festgesetzteil — Abendunterhaltung, Herren - Abend n. d. g. zn erscheinen. Vergnügungen und Wohlleben, das ist eben die Devise! Ja, es ist kein erfreulicher Anblick, wenn man die Jugend von heute betrachtet. Man sollte annehmen, daß nlit Förderung der Erfindungen und Wissenschaft auch die Förderung der Einsicht gleichen Schritt halten muß; aber dem ist picht so. Denn würde eine richtige Einsicht da sein, so müßte ein jeder davon überzeugt sein, daß man von noch so viel durchgekosteten Vergnügungen wohl nicht im Stande sein wird, später eine Familie oder nur sich 'selbst 'richtig zu ernähren. Zum Schlüsse möchte ich dem Vorstand des Montesiore - Vereins nahelegcn, die Unterrichtsstunden nicht abends um 9(4 auch 9(4 ansangen zn lassen. Es werden die jungen Leute dann zn sehr an nächtliche Streifzüge,, welche nicht immer, zu kontrollieren sind, 'gewöhnt. Man sollte auf Pünktlichkeit beim Anfängen sehen, und zwar wäre eitle Zeit von 8(4—9(4 Uhr ganz gut d.urchzusühren, da die meisten Geschäfte um 8 Uhr bereits geschlossen haben, und wenn sich da die jungen, Herren etwas abpkagen müssen, um rechtzeitig zn erscheinen, so schadet» ihnen nichts, denn bei evenll. früh angesetzten Bergnüguiigen kann auch alles da sein. Hochachtungsvoll Ein Vater. . Geehrte Redaktion! Es ist recht unangenehm, daß die Anfangszeiten des Sabbats am Freitag Abend in den hiesigen Synagogen stets verschieden lauten. Die Folge davon ist, Haß einzelne Geschäfte, sogar solche, die sich für streilg religiös ausgebcn, bis zur spätesten Zeit (sogar auch noch darüber hinaus!) arbeiten lassen. Kann hier keine Aendcrnng geschehen? Hochachtungsvoll Berit a s. Bunte Chronik. AnSrew D. White über das Haus Rothschild. In dem sehr intressanten Buche „Ans meinem Divlomatenleben" des früheren amerikanischen Barsch asters in Berlin, Andrem D. White findet sich auf Seite 139 folgende Stelle: „Ich bi» im höchsten Grade erstaunt, daß, wie ich aus anscheinend glaubwürdigen Quellen ersehe, das Hans Rothschild im Augenblicke eine große Anleihe vermittelt, die Rußland in den Stand setzt, in Bezug ans Japan, China, 'Armenien, Finnland, Polen, die baltischen Provinzen und die südifche Bevölkerung wieder in 'der gewohnten Weise vorzugehen. Keine Maßnahme in der ganze,r Welt kan» so antiscmitisch wie diese sein." Briefkasten. L. K. Die famose Eingabe des „Liberalen Wahlvereins" in der Kölner Kultusgemeinde, die Wahl eines „nichtnaturalisierten" Repräsentanten nicht zn bestätigen, ist nun auch vom Qberpräsidenten der Rheinprovinz zilrückgewiesen worden. Kaiser Friedrich Qaelle -— Offenbach a. M. - Gegen Gicht nnd Bhenmatismns bewährt. Wocheu-Kalender. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 27. April (— 13. fjar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 05 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min., in Berlin 8 Uhr 10 Min. Wiederum werden 2 Wochenabschnitte vereinigt verlesen: A ch a r a i i» aus und K e d a n s ch i m. Der Inhalt ist abwechslungsreich. Im ersten Wochenabschnitt wird die Dienstverrichtung des Hohenpriesters am Versöhnungstage vorgeführt. Sodann folgen diverse Gesetzestitel: Nicht außerhalb des Heiligtums zn opfern: kein Blut zu genießen; das Blut von geschlachtetem Wild und Vögeln mit Erde znzudecken; die Greuel der Ureinwohner Palästinas nicht nachzuahmen; die verbotenen Verwandtschaftsgrade wohl zu beachten bei Eheschließung. — Aehnliches bringt auch der Schluß der 2. Sidra, doch sind dort noch die verschiedenen sittlichen Verbrechen normiert und deren Bestrafung festgesetzt. Außerdem enthält die Sidra Kedauschim: Gebot der Sabbatheiligung. Verbot des Götzendienstes, Vorschriften für den Genuß der Opfer, Armenabgaben in Feld und Weinberg, Verbot. des Diebstahls, des Fluchens» der Verleumdung, der Rache („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"), der Mischgattnngcn in Feld. Eewandstoffeil nnd Tierarten; Gebot der Enthaltung vom Genüsse der Baumfrüchte während der erste» 3 Jahre nach der 'Anpflanzung, Fremdlinge zn lieben» richtiges Maß ^und Gewicht zu haben nsf. — Das Sulas dieses Sabbats: Elauhim al domi nsw. — Am Montag (29. April) Fasten des zweiten uird letzten Scheni-Tages. — Donnerstag (2. Mai) Lagboomer, d. h. der 33. Omertag. Freudigen Charakters» da die Pest unter den Schüler» Rabbi Akibas an diesem Tage aufhörte. Daher auch als Schülersest begangen. Mancherorts die Kinder mit Leckerbissen regaliert. Man sagt nicht Tachanun. Haar-Mnehmen, Hochzeithalten erlaubt. (Beim Thora-Ausheben wird jedoch „El-erech-apajim" gesprochen» auch haben