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Neue jüdische Presse · 1907-04-19 · Heft 15 (19.4.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 15 (19.4.1907)
Date
1907-04-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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In der nächsten Nnmtner besinnt ans hervor» ragender Feder eine Artikel-Serie über Halevy's berühmtes Werk „vorotti ünrisckonlm". Inhalt Ser Bettage: Artikel: Brief aus Philippopel. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — B er ei n s - Kalender. — „Jüdische Jugend." Brief asts Phttippopel. Philippopel, 12. April. Die aus dem wachsenden Antisemitismus in Bulgarien gefolgerten Befürchtungen, denen wir in einer der vorigen Nummern dieses Blattes Ausdruck gaben, waren doch nicht unbegründet. Die Juden Philippopels verlebten in der Tat die letzten zwei Wochen in Angst und Schrecken. Es ereignete sich hier während' dieser Zeit so vieles, daß ein Pogrom unausbleiblich schien. — Vor allem wurde in der Nähe Philippopels eiüe Leiche gesunden, der Kopf und Gliedmaßen fehlten. Da man trotz langen Nachforschungen den Mörder nicht entdecken konnte, glaubten die Bulgaren, Juden hätten diesen Mord für rituelle Zwecke begangen, und sie beschlossen daher im geheimen, an den Juden deswegen Rache zu nehmen. — Ferner wurde ein vierjähriges Kind seinen Eltern entwendet. Die Polizei tat ihr Möglichstes, das verschwundene Kind wiederzüfinden — aber vergebens. Es unterlag auch in diesem Falle für das dumme Volk keinem Zweifel, daß die Juden im Spiele waren. Man rüstete sich bereits zu einer Metzelei, da fand glücklicherweise ein' Türke das Kind bei einem Zigeuner, der im Aufträge boshafter und jüdenfeindlicher Bulgaren das Kind gestohlen hatte. — Trotzdem die Juden sich in beiden Fällen — denn auch der Urheber des obengenannten Mordes ist schließlich bekannt geworden — als schuldlos erwiesen, hörte man hier und da von ganz zuverlässigen Bulgaren, daß am Sonntag, den 7. April, ein Pogrom stattfinden werde, wobei hauptsächlich die .jüdischen Häuser und Geschäfte geplündert werden sollten. Einem jüdischen Kaufmann wurde seitens eines befreundeten Christen geraten, in seinem Geschäfte keine Wertgegenstände zu halten. Der jüdische Gemeinderat, an dessen Spitze der sehr aktive und rerdienstvollc Herr Dr. Marko Romano steht, tat die notwendigen Schritte, den Pogrom zu verhindern. Herr Dr. Romano hatte einige Unterredungen mit dem Städtpräfekten, der ihm die Versicherung gab, Maßregeln zu ergreifen und überhaupt für alles, was den Juden geschehen wird, die Verantwortung zu übernehmen. Nun ist der gefürchtete Tag ohne jeden Zwischenfall glücklich verstrichen, und alles geht wieder im alten Geleise. — ' Dagegen gärt es noch immer unter den Juden selbst. Es ist nämlich auf Initiative des Ph'rlippopeler Gemeindepräsidenten vom Minister ein Gesetz erlassen worden, daß nur bulgarische Untertanen in den Gemeindevorstand gewählt werden können. Dadurch sind die einflußreichsten Gemeindemitglieder von der , Gemeindeverwaltung ' ausgeschlossen, da sie meistens, selbst die Eingeborenen, fremde Untertanen sind. Mit Recht empören sich die „Fremden", daß sie durch die vielen Steuern die Gemeinde wohl erhalten, aber nicht verwalten dürfen. Es werden nun Stimmen gesammelt für eine dem Minister einzüreichende Petition gegen dieses Gesetz. Die Preßfpeihrit wird auch eingeschränkt.! es darf rütr ein aMemisch Gebildeter, der beträchtliche Regierungssteüern zahlt, Hdrästsgebdr einer Zeitung sein. Infolge dieser Bestimm-- linHinUßbe däs Erscheinen der jüdischen Zeitungen „El' Ma" .ünd,,,Hafchöftir" vorderhand, eingestellt werden." Zu " {front /Ersatz - wird 'jetzt -ifi ' Söfiä eine Wochenschrift „La Lus" (Das Licht) herausgegeben. Der Zweck dieser Wochenschrift ist aber ein entgegengesetzter; sic soll nämlich Herrn Dr. Ehrenpreis nt Schütz nehmen. Dadurch wird die unter den bulgarischen Inden herrschende Zwietracht nur vergrößert, und das von „La Lns" ausgehende Licht trägt nur bei, den jüdischen Himmel in Bulgarien noch mehr zu verdunkeln. Ben-Haamittt. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. 17. April. Am Montag, den 15. ds. Mts. hielt Herr S. Berlowih in der Loge Adler seinen Schlußvortrag über jüdische Religionsphilosophie mit dem Thema: „Blick in die Gegenwart (die Lage nach Kant und Mendelssohn! und der Materialismus im 19. Jahrhundert)." Aus dem interessanten Vortrage sei folgendes hervorgehoben: Das Zeitalter Mendelssohns, das zugleich bas Zeitalter , eines Lessing und Herders war, wird von den zünstigen Philosophen gering geachtet und dessen Philosophiere» als seicht bezeichnet, weit in jener Zeit keine selbstständigen Systeine entstanden seien. Aber für diesen Mangel, wenn es einer ist, bot jene Zeit der mißachteten Ausklärungsperiode den erhebenden Anblick, daß das philosophische Interesse und philosophisches Wissen Gemeingut aller Gebildeten war. Für uns Inden aber hat jene Zeit noch besonderes Interesse, denn in ihr sehen wir nach vielen Jahrhunderten der! Ab- und Ausgeschlossenheit wiederum einen jüdischen Weisen im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses stehen; wiederum bot ein jüdischer Weise der achtungsvoll aufhorchendcn Menschheit seine Weisheit, sie belehrend und erhebend: und es war. jüdische Weisheit, die Mendelssohn verkündete! Allerdings hatte auch M. kein eigenes System, dgß er aber darum kein seichter Kopf war, hat kein geringerer als Kant selbst bezeugt, indem er, sich entschuldigend, sagte, es kann nicht jedermann zugleich so elegant und gründlich wie Mendelssohn schreiben.... Wenii wir nach dem Wesen jenes Zeitalters forschen, so werden wir finden, daß der tiefe Grund seiner Strömungen in dem Vorherrschen jüdischer Geistesri'chtung unter den Gebildeten jener Zeit durch den wachsenden Einfluß der Philosophie Spinozas liegt. Bei allen führenden Geistern Der damaligen Zeit..macht sich dieser Einfluß bemerkbar. Mendelssohn selbst hat seine Stellung zum Spinozismus deutlich dahin ausgesprochen, daß, seiner Ansicht nach, Spinoza vermöge seines Systems ein orthodoxer Jude hätte sein können, wenn er nicht in seinen andern Schriften gegen das Judentum aufgetreten wäre, lind tatsächlich ist derjenige springende Punkt im spinozistischcn System, der init dem Judentum absolut unvereinbar ist, daß er von Gott diejenigen Attribute, die man unter deit Begriff der Persönlichkeit zusammenfaßt, schlechthin verneint, ist auch die Stelle, wo ihm der Widerspruch in sich selbst 'nachgewiesen wird. Was in der Substanz nicht vorhanden ist, kann unmöglich in ihrem Modis zu finden sein. Besitzen aber wir, die „Modi", diese Attribute, so müssen wir notgedrungen sie auch in irgend einer Weise auch vou der Substanz aussagen dürfen. Redner verweist auf seine Ausführungen in den vorangegangenen Vorträgen, in welchem Sinne die jüdischen Religivnsphilosophen diese Attribute Gott beigelegt haben. Sie sollen mit den nnserigen nur den Namen gemein haben, aber ohne sie wären auch die uiiserigen nicht denkbar. Redner sucht es ditrch ein Bild anschaulich zu machen. So wie der Mond, der uns In der Nacht leuchtet, sein Licht von der Sonne nur zum Lehen hat, so ist das Licht unseres Geistes der Abglanz oder vielleicht erst nur der Schatten der göttlichen Attribute. Den Widerspruch im System Spinozas hat Kuno Fischer geistreich äusgedrückt, indem er ..sagt: Spinoza habe alles erklärt, nur nicht, das Vorhandensein eines — Spinoza.... Wenn daher Mendelssohn jenen denkwürdigen Ausspruch getan, so konnte er dazu nur Dadurch gelangen, daß er Die Lehre Spinozas mit ihrer Quelle, der jüdischen Religionsphilosophie, aus Der sie geflossen — wie Joel unwiderleglich nachgewiesen und jeder, der die Gelegenheit hat zu Prüfen, sich immer auf's Neue überzeugen kann — wieder in Einklang zu bringen gewußt habe. Diese Anschaungen waren es nun, die iit dem Ansklärungszeitalter die Herrschaft anzutreten sich änfchickten. , . Wenn diesen Anfängenkeine entsprechende Entwickelung damals gefolgt'ist, so ist es einzig und allein das Verdienst des „Denkers von Königsberg". Mit Dem Auftreten Kants gewinnt alles eine «MeM GefÄt. Mt ihm wird eine neue Welt'geboren, 'ob. eine wahrere, mog dahingestellt'bleiben, jedenfalls .keine bessere! Der kulturelle Rückschritt ist unverkennbar. Er resulnert aus zwei Momenten. War ^früher die Philosophie Gemeingut fast aller Gebildeten gewesen, so wird sie jetzt die Domäne für die kleine Zahl derer, die sich, Don Bernfswegen mit ihr beschäftigen-müssen; sie wird zur „Prosessorenphilosvpyie der Philosophkeprofeporen", 'wie Schopenhauer es so drastisch ausdrückt. Dies geichicht aus zwei Gründen: erstens führt die Philosophie seit Kant eine Sprache, die sic zur Geheimleyre macht, und es gehört kein geringer Aufwand von Zeit und geistiger Kraft dazu, hinter ihre Mysterien zu kommen. Ihre Lehre, daß dem Menschen kein Wissen zukomnce voit den „Dingen an sich", ist auch keine solche, die zum Studium besonders airlockt. Neben der reinen Vernunft aber besitzen wir noch eine praktische Vernunft, und dies ist das zweite Moment für das Sinken des Ansehens der Pyilosovhie Hier wird gelehrt, daß die religiösen Wahr-- Herren nicht der Vernunft unterliegen, sie bedürfen daher ihrer Sanktioir nicht, denn sie sind Postnlate der .praktischen Vernunft, i&. h. des Willens (zum Guten, Der „Kategorische. Imperativ" ist allein map,gebend. Diese „Zweierlei Theorie" ist wie keine andere geeignet, Religion und Wissenschaft in gleicher Weise ..herabzusetzen, indem Diese als unvernünftig und jene als die willige Magd dieser betrachtet wird lind wirklich, was darauf folgt, kann man als protestantisches Mittelalter bezeichnen. Me' Errungenschaften Der Aufkkärungsperiode" gingen verloren. Die Klerisei, mit der praktischen Bcrmlnft in der Hand, hatte es nicht Mehr nötig zu erklären und zu idealisieren.- Die Postnlate der praktischen »Vernunft gewährleisteten.alles, was nötigt Die Theorie der doppelten Wahrheit hatte gesiegt, und man konnte sich über die überwundene rationale Theologie erhaben dünken. . Als reife Frucht, dieser Entwickelung kam der Materialismus in Flor. Damals, im Aufklärungszettalter, als diese Philosophie der Geistlosigkeit in Frankreich wütete, blieb- Deutschland von ihr verschont, erst als die oben angedeutete Entwickelung sich vollzogen Ijattc, konnte der Materialismus seinen Siegeslaüf antreten Mer schon sind- Anzeichen vorhanden, daß dieser Sieg kein dauernder sein soll. Und die Gedankenreihen, die das Feld beherrschen werden, scheinen keine komischen zu sein; vielmehr werden es wiederum, wenn nicht alle Zeichen trügen» die gewaltigen Geistesarbeiten unseres Volkes sein, an denen die Menschheit wiederum gesunden, soll. Biele bekennen sich offen zu der Gedankenwelt Spinozas, andere sind sich dessen noch nicht bewußt. Dies hindert aber nicht, daß es uns selbst nicht gut geht. Wir sind es schon gewöhnt, daß man bei unserer Verbrennung unsere Psalmen singt, so dürfen wir uns auch nicht wundern, wenn man von uns noch immer verlangt, wir sollen „wenigstens unsere Kinder taufen lassen!" Damit aber dieser Wunsch nicht in Erfüllung gehe, wäre es nötig, daß ein Großer in unserer Mitte sich fände, der unser aller Führer werden könnte, indem er den Gedankengehalt des Judentums sn Gemäßheit der Erfordernisse der Zeit und im Geiste des Judentums zusammenfassend Darstellte, . wie es unsere Weisen in früheren Zeiten getan, um nach innen und nach außen das Judentum zu begründen, damit in Erfüllung gehe die Verheißung: Und es werden viele Völker deinem Lichte nachgehen, und über dir wird das Licht Gottes leuchten! Reicher Beifall lohnte die interessanten Ausführungen. Oesterreich-Ungarn. Wien. Im Anschluß an das Spital der israelitischen Kultusgemeinde in Wien wird eine Schule zur Heranbildung von Krankenschwestern'für Spitalsitnd Privatpflege errichtet werden. Mädchen und Frauen im Alter von 20—35 Jahren, welche mindestens Bürgerschulbildung besitzen, der deutschen Sprache vollkommen mächtig sind und Lust znm Pflegerinnenberuse haben, bietet sich Dadurch Gelegenheit zu humanitärer Tätigkeit, sowie auch zu dauernder Versorgung. Bewerberinnen müssen sich Nach dem ersten Lehrjahre verpflichten, mindestens 3 Jahre gegen Entlohnung dem Schwestern - Institute anzugehören, können aber auch nach dieser Zeit im Verbände desselben verbleiben und nach einigen Jahren Pensionsberechtigung erlangen. Selbstgeschriebene Gesuche (mft Angabe des bisherigen .Lebenslaufes) sind zu richten an die Humanitäts-bereinig ung „Eintracht" B. B. („Pflegerinnenheim"), Wien, IX,, vniversitätsstraße 4. Wien. Lueger— in den Händen eines Juden. Aus Lovrann wird der „Montags-Revue" geschrieben, daß Bürgermeister Dr. Lueger sich in der Behandlung des dortigen Arztes Dr. Kohn befindet und diesem jüdischen Arzte das größte Vertrauen entgegenbringt.

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