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Neue jüdische Presse · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. dem Dünsche, daß der wackere Verein in den Stand gefetzt werden möge, ein eigenes DereinshauSzu beziehen. Dieses Ziel wird sich hoffentlich recht bald verwirklichen lassen, denn eine Mitgliederzahl von ca. 1000. ist der Beweis dafür, daß der „Montefiore"- Verein sich hohen Ansehens in der Frankfurter Judenheit erfreut. Und dieses Interesse, das man dem „Montesiore" entgegenbringt, ist kein passives, sondern ein sehr, aktives; die Mittwoch-Abend-Vorträge waren häufig so zahlreich besucht, daß viele wieder umkehren mußten, und auch der regelmäßige Besuch der Lese- und Gesellschaftszimmer, die Benutzung der Bibliothek, die Freitag-Abende, die Lehrgänge in Sprachen, Stenographie und Turnen, jede einzelne der vielen Einrichtungen des Vereines erfreute sich lebhaften Gebrauchs. Bern (Schweiz). Der Verein Talmud- Thora, dessen Zweck es ist, den Kindern der hier aus Osteuropa eingewanderten Juden einen gediegenen hebräischen Unterricht angedeihen zu lassen, veranstaltete am 3. März d. I. eine litera.rischin usikal. Sorise mit nachfolgendem Tanz, die einen ausgezeichneten Verlauf nahm. Zu der Veranstaltung hatten sich eingefunden: Herr Prof. Dr. Mai, Herr Boneff, Präses der jüb. Kultusgemeinde Bern, die Vertreter der jüd. akadein. Korporationen an unserer Universität und ein zahlreiches aus allen Kreiseil der jüd. Bevölkerung Berns sich rekrutierendes Publikum. Herr cand. Phil. R o s n e r begrüßte das Publikum und erteilte Herrn cand. Phil. S. M. Melam e d das Wort zu der Festrede „Nationale Erziehung und nationale Kultur". — lieber die mit großem Beifall ausgenommeüe Festrede des Herrn Melamed, brauchen wir hier nicht zu berichten, da sie in Bälde auf anderem Wege einer größeren Oeffentlichkeit bekannt gegeben werden wird. Herr cand. Phil. Eugen Lew in, ein wahrer Virtuos der Rezitation, trug „Sturm" von Moritz Rosenseld vor und erzielte sowohl für den Dichter als für seinen Vortrag großen Beifall. Hierauf trugen mehrere Knaben und Mädchen hebräische Gedichte und Weisen vor, die deni Abend sein eigenartiges Gepräge gaben. Am musikalischen Teil wirkten gütigst Herr Carl R i t t m a u n, Mitglied des hiesigen Stadttheatcrs, Herr Prof. Dr. Mai, der Komponist von „Braut von Messina", und Herr Wilhelm Onken, Sohn des hiesigen llniverfitätsprofessors Dr. A. Onken, mit. :v Den zweiten Teil des Abends füllten Tanz und . Tombola aus. — Die Veranstalter des Abends dürfen sowohl mit dem materiellen, als auch .mit dem moralischen Erfolg des Abends zufrieden sein. Wien. Der »Jüdische Kolonisationsverein Wien" hielr am 4. d. M. im Festsaale des Ocjlerrcichischen Ingenieur- und Architektenvereines seinen II. Vortragsabend ab. Derselbe war außerordentlich zahlreich besucht, sodaß zu der für deir Beginn festgesetzten Stunde der Saal und die' Galerien bereits' überfüllt waren. Das Publikum rekrutierte sich aus den besten Gesellschaftskreisen. Unter anderen waren der Präsident des Aktionskomitee Herr D. W o l f s o h it aus Köln, einige Herren vom Vorstande der Kultusgemeinde sowie die Vertreter der bedeutendsten Korporationen und Vereine erschienen. Dieses lebhafte Interesse galt 'dein Bortrage des bekannten 'Nationalökonomen Dr. Franz Oppenheimer aus' Berlin über das Thema: Siedl un gsgeiiossenschaftl. Kolonisation in Palästina. Der Vortragende verwies zuerst auf die Notwendigkeit, den auswandernden russischen und rumäniscken Juden ein Kolonisatioirsgebiet zu schaffen und auf die Äbsperrnngsmaßregeln, welche England und Amerika gegen die östlichen Proletariermassen treffen. Palästina erfülle durch seine-Bodcngestaltung, seine Bevölkerungsverhältuisse und durch seine kommerzielle Lage alle Vorbedingungen für eine erfolgreiche Ansiedlung von Juden. Die Ansiedlung verspreche aber nur auf Grundlage der genossenswaftlichen Organisation und durch Einführung von Genossenschaftseigentum dauernden Erfolg. Redner entwickelte in wissenschaftlicher und zugleich populärer Weise seine Theorie der siedlungsgenossenschäfilichen Kolonisation und erörterte besonders ausführlich 'die Vorteile landwirtschaftlicher Prodnktivgenossenschaften gegenüber den industriellen Gcnossenschaftsformen. Die Durchführung dieser siedlungsgenossenschaftlichen Kolonisierung in Palästina durch die Juden könne nicht nur zur Lösung der Jndenfrage, sondern auch zur Entlvirrung der allgemeinen sozialen Frage beitragen. Der mit stürmischem Beifall aufgenonimene Vortrag schloß mit dem Appell zur Zusammenarbeit aller mit jüdischer Emigration und Kolonisation sich befassenden Organisationen der Welt zwecks Durchführung eines größeren Versuches in dieser Richtung. Dieser in rhetorischer und fachlicher Beziehung gleich ausgezeichnete Vortrag erscheint demnächst im Selbstverläge des Vereines II/3 Gredlerstraße 9, im Druck. Namens des Präsidiums des /.Jüdischen Kolonisationsvereines" sprach der Präsident Herr Baurat S i i a ß n y dem Vortragenden den Dank aus. F rankfurter Israelitische- FamilienAaÜ. Aus der Lehrerwett. Berlin. Kürzlich ist eine vom Kultusministerium bestätigte Verfügung des Berliner Provinzial-Schulkollegiums ergangen, nach der protestantische Lehrkräfte nur durch Protestanten, katholische nur durch Katholiken und jüdische Lehrkräfte nur durch Juden vertreten werden dürfen, sobald eine solche Vertretung infolge von Erkrankung oder Beurlaubung eines Lehrers oder einer Lehrerin nötig geworden ist. Bunte Chronik. Eine alte jüdische Festung in der Krim. Eine eigenartige Felsstadt ist die alte jüdische Festung Schufut-Kale. Ein russischer Reisender, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts die von der jüdischen Sekte der Karäer bewohnte Bergfeste besuchte, bemerkte, daß schon der Anblick des Berges den Blick gefangen nehme und die sich auf seiner Höhe erhebenden Gebäude die lebhafteste Verwunderung Hervorruse» müssen. Die Häuser sind — so schreibt er — so nahe an den Abgrund gerückt, daß höchstens eine viertel Elle Raum bleibt und die Bewohner, dicht über dem Abgrund hängend, jeden Augenblick vom Absturz bedroht sind. Im Jahre 1800 gab es in Schufut-Kale 227 bewohnte Häuser, die in asiatischem Geschmack aus weißem, unbehauenen Stein mit Ziegeln gedeckt und meistens zweistöckig waren. Heute führt der Weg auf schmalen, in den Felsen gehauenen Pfaden im Zickzack ziemlich steil aufwärts. Bisweilen passiert man geräumige sorgfältig ausgchauene Höhlen, die einst als menschliche Wohnstätten dienten. Endlich steht man vor einem massiven, aus großen Quadern zusammengcfügten Tor mit schwerer eisenbeschlagener Tür. lieber diesem Tor hat sich einst der östliche Turm der Festungswerke erhoben. An der Außenseite sieht man jetzt noch ein viereckiges, in Stein gehauenes Wappen, bestehend aus einem Steigbügel, einer großen Gabel und einen, Herzen. Der Steigbügel im Wappen deutet aus die türkische oder tatarische Zeit hin; aber Iver will den weiteren Sinn des Wappen deuten? Der Zeitpunkt der Gründung Schufut-Kales ist unbekannt — Ausgrabungen sind in dieser Gegend noch nicht unternommen. Nach karäischen Handschriften wäre die Felsenstadt bereits 500 Jahre vor Beginn der heutigen Zeitrechnung von Juden besiedelt und Sela Juchudim genannt werden. Grabsteine, die dort gesammelt sind, bestehen ans Marmorplatten oder einfach behauenen Steinen. Da finden sich flache, säulenförmige und runde/' Die vorherrschende Form der Grabsteine sind längliche Fünfecke mit einer oder zwei Erhöhungen an der Spitze. Tatarische Grabsteine gibt es hier nicht. Die Abdrücke von 300 Grabsteinen werden in der kaiserlichen Bibliothek in Petersburg aufbewahrt. Die mündliche llcberlieferung und mehrere Schriftsteller bezeichnen als Gründer SchUfut-Kales 40 Karäerfamilien, die hier eingewandert sein sollen. Wahrscheinlich haben sich die Juden dereinst vor Verfolgungen ihrer Feinde auf den Berggipfel zurückgezogen und eine Festung angelegt oder aber bereits vorhandene Befestigungen übernommen. Später wird Schufer-Kale im ersten Viertel des vierzehnten Jahrhunderts erwähnt. Die Stadt hieß damals Kyrk-or, vielleicht vom tatarischen Kyrk — 40. Der arabische Schriftsteller Abulfet erwähnt Schufut-Kale in seiner Erdbeschreibung aus dem Jahre 1321 und gedenkt dabei auch der Ueberlieferung von den ersten 40 Ansiedlern. Es gibt übrigens noch eine ganze Reihe anderer Erklärungen, die das Wort Kyrk-or oder Kyrkar zum Beispiel vom armenischen Kir — Kalk und Kar — Stein ableiten.; Türkisch heißt Kyrk — 40 und Er — Mann.' -Die alten-Kqräer nannten ihre Glaubensgenossen in Bachtschissarai „Bürger von Kyrkor". Als Korkeräi, Kirkiel wird der Ort mehrfach von polnischen Schriftstellern des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts erwähnt, und die Herrscher über die Krim werden von ihnen einfach als „Chane von Kirkiel" bezeichnet. Noch in der ersten Hälste des neunzehnten Jahrhunderts war Schufut-Kale bewohnt; dann verzogen die Bewohner allmählich in andere Städte der Krim, nach Sewastopol, Bachtschissarai, Eupatoria, und gegenwärtig zählt Schufut-Kale einen einzigen Bewohner. Im Jahre 1895, gelegentlich des hundertjährigen Gedenktages an die Verleihung der Gleichberechtigung der Karäer durch die Kaiserin Katharina H., wurde von Karäern ein gefälliges Unterkunstshaus im orientalischen Stil für Ehrengäste auf dem Berggipfel errichtet. Aus der Geschäftswelt. In unserer letzten Nummer soll es in dem Inserate mit Aufschrift „N a ch str e u g fr an zö sis cher Manier!" statt Bartbinden „Kinnbinden" heißen. Der Druckfehler ist deshalb besonders sinnentstellend, da Madame Laure Heinzel ihren Salon für Schönheitspflege (Schillerstraße 28) nur für Damen geiiffnet hat. Seite 11. Briefkasten. B. M. Zur Ausführung auf Hochzeiten ist sehr zu 'empfehlen: Das Jakobszelt, Hochzektsfestspiel von Menachem. Dieses Festspiel erschien vor einigen Jahren in unserer Zeitung, Separatabdrucke L 20 Pfg. sind von uns Lu beziehen. Vereins-Kalender. Verein Mekor-Chajim. Sonntag, 17. März, abends Uhr (Schützenstraße 2). Vorlesung des Herrn Pros. A. Wehl aus „Sefer Schauftim". „Montefiore"-Berein. Montag, 18. März, abends 9 Uhr: Musikalischdeklamatorischer Abend. Mittwoch, 20. März, abends 9 Uhr. Herr Dr. chem. Robert Kahn: „Die Natur der Flamme" (Experimental-Bortrag). Berei» Tiferes Bachurim. Sonntag, 17. März, abends SVi Uhr, Hermesweg 25/27. Diskussionsabend: Die Pesach-Hagada. Kunst und Literatur. „Esther und Purim" von Dr. Jümpel. Ein Werk von besonderem Werte bietet uns der gelehrte Verfasser in seinem Buche: „Esther und Purim", das sich als fesselnde Lektüre für den Laien, wie als Fundgrube reicher Schätze wissenschaftlicher Forschungsergebnisse fiir den Gelehrten erweist. Jüdische wie nichtjüdische Gelehrte der nachbiblischen Zeit haben dem Estherbuch« die Kanonizität abgesprochen, weil, wie Ewald bemerkt, die unbiblisch« Darstcllungsweise desselben, grundverschieden von der der übrigen Bücher der hl. Schrift,' nicht die leiseste Spur einer göttlichen Waltung erkennen, nicht den Schatten religiösen Fühlens und Handelns wahrnehmen lasse. Man hat daher den Inhalt der Megillath Esther in den Sagenkreis verwiesen und die Purimfeier als die Kopie eines persischen, griechischen, babylonisch-assyrischen oder heidnischen Festes bezeichnet. In 2 Kapiteln befaßt sich der Autor unseres Werkes mit der Kritik der älteren Hypothesen/ als der von Zunz, Ernst. Meyer und Fürst und der der neueren und neuesten als der von Homel, Erbt und anderen. Mt der ihm eigenen wissen» schaftlichen Gründlichkeit und scharfsinnigen Dialektik weist Jampel die Syllogismen der Bibelkritiker so überzeugend nach, daß auch der Laie sich an der Ausführung ergötzen kann und der Skeptiker volle Befriedigung in der Lektüre des Jampelscheu Buches zu finden vermag, das sich als Purimgeschenk besonders eignen dürfte und hiermit auf das wärmste empfohlen werden soll. Die jüdischen Gemeinden und Vereine in Deutschland. 86 S. JL 2. Verlag des Bureaus für Statistik der Juden. Berlin-Hakensee. 1906. Mt diesem Buch hat das Bureau für Statistik per Juden eine sehr verdienstvolle Tat vollbracht, denn es hat an der Hand imumstößlicher Zahlen die Bilanz der deutschen Jndenheit gezogen. Daß von den 1855 jüdischen Gemeinden Deutschlands heute nur noch 487 einen täglichen Gottesdienst und nur 772 eine Mikweh haben und daß in den 1093 Gemeinden mit über 100 jüdischen Einwohnernbereits 141 Orgel oder Harmonium beim Gottesdienste spielen lassen, spricht trotz der 2741 Beamten, die im Dienste der jüdischen Gemeinden beschäftigt-sind, deutlich für einen Rückgang des religiösen Lebens. An dieser Konstatierung ändert auch nichts ein anscheinend reich entwickeltes Vereinsleben — allein 4071 Lokal-Vereine, von denen die 312 größten eine Ge'samteinnahme von 5 225 000 JL und ein Gesamtvermögen von 38 820 000 Jk haben —; beschränkt sich doch die Anteilnahme der Mtglieder in den meisten bet Vereine fast nur aus das Bezahlen der Mitgliedsbeiträge, und ist doch der Zweck der meisten Vereine meistens nur ein philanthropischer! „Das jüdische Herz" ist noch der hervorstechende Charakterzug der deutschen Juden, und so kommt es, daß die jährlichen Ausgaben deutscher Juden für Kultus, Wohltätigkeit

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