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Neue jüdische Presse · 1907-03-15 · Heft 11 (15.3.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 11 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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teilage zu Nr. 11 des Frallkstuter Israelitischen Familienblatles. scheu Einfluß unserer zur Inhalt der BeUage: Artikel: Ethisches von der Schechita. — Die jüdische Gemeinschast und der Einzelne. — Personalien. — Aus 'der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen — Aus der Lehrwelt. — Bunte Chronik. — Aus derGeschüfts Welt. — Briefkasten. —Vereins-Kalender — Kunst und Literatur. Ethisches von der. Schechita. Der Psychologe von Fach wird zugeben müssen, daß die Handhabung der Schechita, ihr ganzes Wesen von eminent großem Einflüsse war und ist für die ethische Entwicklung des indischen Volkscharakters. Daß man dies nicht schon lange betonte, ist eigentlich zu verwundern! Es geht hier wie mit vielen Dingen, für die wir kaum ein Wort übrig haben, da sie uns zu alltäglich, zu selbstverständlich erscheinen. Doch ist es gut, darauf einzugehen in einer Zeit, >vo die als Tierschützler verkappten Antisemiten kein Mittel unversucht lassen, die Schechita als „grausame Tötiliigsart" zu verdächtigen. Das reine Gegenteil ist der Fall! Die S ch ech ita instit ntion erzieht zur Veredlung des Gemütes, zur Verfeinerung des Gefühles, zur sittlichen Hc.bung des Volkscharakters, so paradox es auch auf den ersten Blick scheinen mag. Es gilt hier das bekannte Wort: „Umi keamcho Jisroel goi echod boorez", die Eigenart des jüdischen Volkes tritt dabei wieder einmal glänzend in die Erscheinung. Zunächst sei darauf hingewiesen, daß der Fleischgenuß nach der hl. Thora erst nach der Sintflut dem Menschengeschlecht erlaubt ward. Vorher waren sie Vegetarianer. ,,Alles Lebendige, das sich regt, euch sei es zum Essen, wie das grüne Kraut gebe ich euch nun alles." (Genesis 9, Vers 3.) Es liegt darin eine gelvisse Konzession aiü den mehr sinnlich gewordenen Menschengeist. Und wenn auch das göttliche Gesetz keine Vegetarianer im eigentlichen Sinne will, so wird in der Tradition doch eine Beschränkung des Fleischgenusses als löblich und heilsam empfohlen. (Levit. 17, IS.) Immerhin ist damit eine nicht zu unterschätzende erzieherische Maßregel ausgesprochen, ganz im Geiste des an die Fleischgennß- Erlaubnis sich anschließenden Verbotes: „Jedoch Fleisch mit seinem Leben, seinem Blnte, sollt ihr nicht essen," oder im Sinne des G e botes, .das Blut von Wild und Geflügel mit Erde zu bedecken. „Im Blut liegt das Leben." (Leviticus 17.) „Esset nicht das Leben mit dem Blute." (Ebenda.) Das Blutgenuß-Verbot, das Blutbedeckungs - G e bot heben uns in rein menschliche Sphären, entreißen uns der niederen Stufe einer Raubtiernatnr, an welche der Fleischgenuß erinnern könnte. Und nun die Schechita an sich, der eigentliche Akt der Tiertötung. Eine heilige Weihe, heiliger Ernst umgibt ihn! Hohe Anforderungen stellt das Gesetz an denjenigen, der dieses Amtes waltet. Theoretische Kenntnis und praktische Fertigkeit, streng religiösen ' Sinn und unbedingte Vertrauenswürdigkeit setzt man voraus beim Schauchet. Sorgfältig werden alle Vorbereitungen getroffen zum Schlachten. Das Niederlegen der Tiere, tadellose Freilage des Halses, um mit haarscharfem Instrument unfehlbar den raschen Streich zu führen. Wie der Kliniker zur Overation, so schickt sich der Schächter zur Schechita an. Gewissenhafte Vorsicht und Ernst verlassen ihn keine Minute. Und es ist religiöser Ernst und religiöse Gewissenhaftigkeit! Er übt eine Kultushandlung, eine rituelle Tätigkeit ans, wenn er die Schechita vollzieht. Er blickt zu Gott auf und spricht die Benediktion: Boruch ato . . . ascher kidschonu bemizwausow weziwonn al haschechitoh, Gelobt seist Dil Ewiger, unser Gott, der uns geheiligt durch.seine Gebote und uns Befehl erteilte betr. der Schechito! — „Boruch ato . .. ascher kidschonu bemizwausow..." Es ist dieselbe Segenssormel, welche der Jude bei den zahlreichen religiösen Akten im Hause wie in der Synagoge anwendet, von dem gleichen Ernste getragen, von der gleichen Weihe durchweht. Nicht anders spricht er, wenn er zur Mahlzeit sich priesterlich die Hände weiht, wenn er Arm und Haupt mit den Tefellin schmückt, wenn er den Palmzweig schwingt oder die Laubhütte betritt, loenn er die Hallelhymne anhebt, wenn er die Weihelichter anzündet oder die Pnrimrollc freudig zu lesen beginnt: boruch ato ... ascher kidschonu bemizwausow .... Mit solchen Gefühlen und Worten nimmt der Jude; der vernunftlosen Kreatur das Leben, um nach dem Diktate des Gottesgesetzes sich den Fleischgennß zu ermöglichen. Wahrlich, um Himmelsferncn geschieden von der rauhen Art robuster Fleischer, von dem gewöhnlichen Begriff des blutigen Metzgerhandwerkes bleibt unsere heilige Schechito. Aber noch weiter: Im jüdischen Kreise ist die Tötung von Tieren bezw. das Schlachten auf ganz bestimmte Personen beschränkt. Es gehört zu den feststehenden Gemeindepflichten, für dir Installation eines Schauchet zu sorgen. Im jüdischen Kreise nimmt keiner selbst einem Täubchen das Leben; er läßt es von einem geprüften und eigens bestellten Schauchet schlachten. Während in anderen Kreisen jeder halbwegs Erwachsene mit Stahl und Messer umzugehen sich unternimmt, Ziegen, Schafe und anderes Vieh schlachtet, während jede Köchin Hühner, Gänse und Enten tötet, oft auf die ungeschickteste Art und ohne Mitgefühl, schlachtet auch der beherzteste Mann unter den Israeliten, auch der geübteste Metzger kein Hähnchen oder Täubchen. Das gilt nicht nur von Strenggläubigen. Auch diejenigen, welche es mit den Gesetzesvorschriften weniger genau nehmen, sind in dieser Hinsicht noch streng konservativ. Der Jude tötet kein Schlachtvieh, und müßte er stundenlang auf den autorisierten Schächter warten, und müßte er stundenweit gehen, dieseir aufzusnchen! Das zeugt doch von gewaltigem Respekt vor der Schechita einerseits, andererseits von einer völligen Entwöhnung des Volkes, das Schlachtmcsser zu gebrauchen; e i n e A b st i n e n z, die erziehlich mitwirken mußte an der Veredlung und Bildung des jüdischen V o l k s g e in ü t e s. Darum kann auch die Schechita selbst das Gemüt und Gefühl des Schauchet nicht ungünstig beeinflussen bezw. abhärten. Es ist all- I bekannt, wie der Schauchet als Mensch zu den gefühlvollsten und weichsten Naturen zählen kann und auch zählt. Die Heiligkeit seines Amtes schützt vor irgendwelcher Verrohung des Gemütes. Was dürfte man dem jüdischen Schächter alles bieten, wenn er — um nur ein Beispiel zu nennen — etwa ein Rind mit wuchtigem Hamnierschlag niederstrecken sollte! Es widersteht schon seinem innersten Wesen, wenn er den christlichen Fleischer so verfahren sieht, ja, er verlaßt womöglich das Schlachthaus, um bei der nichtjüdischen Schlachtart nicht zugegen zu sein, und mit Recht konnte 1892 im Buschoffprozeß der Staatsanwalt die Aeußerung tun: „Ein Bnschosf ist nicht aus dem Holze, aus dem man Mörder schnitzt." So sehen wir nach verschiedener Hinsicht die Schechita von heilsamem Einfluß auf die Denk- und Gefühlsart des jüdischen Menschen. Das ist aber nicht seit gestern und ehcgestern so. Darum brauchen wir keineswegs bei Tierschützleru in die Lehre zu gehen, um Erbarmen mit der vernunftlosen Kreatur zu erlernen. Wir behaupten nichts Geringeres, als daß diese Institution uns veredelt und geadelt hat, wie nur irgend eines unserer übrigen Gottesgebote von hervorragend ethischem Gehalte. Sollte aber wieder einmal der Kriminalstatistiker die Motive zu erforschen suchen, warum Juden an den schweren Verbrechen an Leben und Person des Nebenmenschen schwach möge er den heilsamen ethi- Würdignng mit in Betracht ziehen. Die jüdische Gemeinschast und der Einzelne. Von Tr. Beuiio Fischer. Zwei Seelen wohnen in der menschlichen Brust, zwei Triebe beherrschen seine Gefühle: der Egoismus und der A l t r u i s m n s. Viele Deuker haben schon die Frage erörtert: welcher von den beiden Trieben der originellere und natürlichere und welcher der stärkere und sieghaftere sei? Die Meisten sprechen den selbstischen Trieben die natürliche Priorität zu, während die Geltung der altruistischen Gefühle erst einer der schönsten Erfolge der stillen, aber unaufhaltsamen Entwicklung der Kultur ist. Diese Erwägung ist aber nur von theoretischem Werte: in der Praxis ist diese weniger wichtig. Auf der gegenwärtigen Stufe der menschlichen Entwickelung treten beide Gefühle — in ihrem Wesen die größten Gegensätze — mit gleicher Berechtigung auf und streben zur Geltung zu gelangen. Und die Mannigfaltigkeit und farbenprächtige Bunticheckigkeit des Lebens: ist eben das Resultat des Wettstreites dieser beioen Triebe. Die Frage ist nur: wie sollen wir diese gegensätzlichen Gefühle miteinander versöhnen, wie und in welcher Richtung sollen wir das eine und das andere zur Geltung gelangen lassen. Eine nüchterne und vernunftgemäße Lebensauffassung wird die Extreme durch gegenseitige Beschränkung der feindlichen Triebe ansgleichen und die Harmonie, den innern Einklang, Herstellen. * Die egoistischen und altruistischen Gefühle finden im gesellschaftlichen Leben ihren Ausdruck in den Prinzipien des Individualismus und des Sozialismus. Der eine stellt den Einzelnen als das ausschließliche Ziel allen Strebens hin — der andere erhebt die Gesamtheit auf die Stufe der Macht. Nach dem Prinzipe des Individualismus ist das höchste und ausschließliche Ziel allen menschlichen Strebens: das eigene Ich, die alleinige Geltendmachung seiner Persönlichkeit, die freie, schrankenlose Erltfaltung seiner Fähigkeiten und Neigungen, seiner materiellen und geistigen Kräfte, seiner Macht und seines Wertes. In. seiner strengen Konsequenz führt dieser Individualismus zum Stirner'schcn brutalen Egoismus, den jenes Schlagwort charakterisiert: „Mir geht nichts über mich!", und welcher, seine selbstischen Ziele als das .Heiligste erkennend, jedes andere Ziel verwirft: Gott und Menschheit, die Sache der Wahrheit, .der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Humani-- tat, der Wijsenschaft, des Volkes und des Vaterlandes. Das Endergebnis des konsequenten Individualismus ist: die Anarchie. Der gerade Gegensatz der persönlichen Schrankenlosigkeit, des Individualismus, ist das Prinzip der gesellschaftlichen Gebundenheit, des S o z i a l i s ni u s. Ter Sozialismus sieht in der G e m c i n s ch a f t das heilige Ziel allen Strcbens und Wirkens. Das Individuum ist blos ein wertloses Mittel für die Zwecke der Gesamtheit; das Glück des Einzelnen ist nebensächlich, die Hauptsache ist nur das Gedeihen des Ganzen. Nur die , Gesamtheit besitzt Daseinsberechtigung, die Existenzberechtigung des Einzelnen ist von der Gesamtheit bedingt und reicht nur soweit, als er der Gesamtheit dient. Während der konsequente Individualismus die schrankenlose Geltendmachung der Idee der Freiheit vertritt, will der Sozialismus das Prinzip der Gleichheit verwirklichen und darum duldet sein Prinzip die d,rS Niveau der Gesamtheit überragenden Größen nicht. * Zwischen diesen beiden Extrenren steht das Judentum mit seiner den extremen Jndividuapartizrpreren, so

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