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Neue jüdische Presse · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 10. Seite 11. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Köln a. Rh. Dem JüdischenTurnverein wurde von der hiesigen 'Kultusgemeindc ein Beitrag von 300 Mark bewilligt. Braunschweig. Im „Geschichtsverein für das Herzogtum Braunschwcig sprach Landesrabbiner Dr. R n l f über L eben u n d W i r k e»-b.e s brauns chw ei gis ch en Kam in er a g en te ir Ale x a n - d e r. D a v i d. Wir entnehmen dem Vorträge: Alexander David, dem der Herzog Ulrich 170? einen Schutzbrief ausstcllte und der der Begründer der jüdischen Gemeinde in Braunschweig ist, entstammte einer angesehenen Familie in Halberstadt. Er war 20 Jahre alt, als er nach Braunschlveig kam. Ms er das Stadttor passierte, meinte der Tor- »vächter: „Daß ich das noch erleben muß, daß ein Jude in Brannschweig n ahnen darf!" Ein Obdach fand er am ersten Tage seiner Anwesenheit in Braunschweig nicht. Ueberall stellte inan sich ihm feindlich entgegen, nur der Schntzbrief schützte ihn. Dieser war ihm unter denselben Bedingungen ausgestellt, wie 1698 denk Stammväter deS Hauses Samson in Molfenbiittel. Er mußte ein jährliches Schutzgeld von 75 Jt. bezahlen und eine eininalige Steuer von 1200 Jt. für das Sajarctt für invalide Soldaten. Bald beklagteir sich die christlichen Kaufleute in einer Eingabe an den Herzog darüber, daß cs ihnen nicht mehr möglich sein werde, ihr Brot zu erwerben. David habe schon einen zweiten Gehilfen genommen und lasse den Kunden die Ware ins Hans bringen, was ja mit 150 Jt. Strafe belegt sei. ES stellte sich bei der Untersuchung auch heraus, daß David Waren ins Haus geliefert hatte. Die Geldstrafe wurde David zwar in Gnaden vom Herzog erlassen, aber er mußte 300 ,lt., die er früher einmal bei der Landeskasse eingezahlt, aber zurückerhalten hatte, nunmehr zu Wohltätigkcitszwecken bei der Rentmeisterei wieder eiuzahlen. Sonst aber leuchtete ihm die fürstliche Gnade so lange, als Anton Ulrich lebte, und sic blieb ihm auch erhalten unterdessen Nachfolger, dem Herzog August Wilhelm. Seine christlichen Konkurrenten hatten allerdings gehofft, daß Alexander nach lOjähriger Anwesenheit Braunschweig wieder verlassen werde, da die Schntzbriefe für Juden jnimer auf 10 Jahre ausgestellt wurden. Aber Herzog August Wilhelm hatte schon als Erbprinz den Schutzbrief für Alexander David am 28. Noveniber 1708 bestätigt und auf Lebenszeit verlängert. Allerdings hatte David einen Revers ausstellcn müssen, wodurch er sich verpflichtete, diese Verlängerung des Schutzbriefes bis zum Regierungsantritte des Herzogs geheim zu halten. Im Jahre 1715 löste Herzog August Wilhelm daun das gegebene Versprechen ein, dehnte den Schutz auch auf Davids Frau und Kinder aus, gestattete ihm, den Kunden die Waren ins Haus zu bringen und sich selbst in Braunschweig ein Haus zu kaufen oder zu bauen. Am 17. Dezember 1716 ordnete der Herzog die Errichtung einer Tabakfabrik an und ernannte wenige Tage später, am 21. Dezember 1716 Alexander David zu deren Leiter. Später erhielt er gegen Erlegung des doppelten Zolles für alle von ihni eingcführten Waren .die Erlaubnis zuin freien Handel mit Kaufmannswareu und die Ernennung zum Hoslicserante». Die christlichen Kanfleute erhoben darob ein großes Lamento. Die Gewandschneider und Lakcnmacher glaubten Hungers sterben zu niüssen und reichten beim Herzog eine von der Kramergilde unterstützte Beschwerde ein. *Der Magistrat sekundierte dabei. Letzterer war ungehalten darüber, daß der deni Alexander David gewährte Schutz auch auf dessen Frau und Kinder ausgedehnt worden war. -Als Beispiel führten die Beschwerdeführer das Schicksal Schöningens an, wo ein jüdischer Haarkünstler Israel Leviu sich niedergelassen hatte, so daß nun die christlichen Bewohner Schöningens ihre Perücken von einem Juden Herrichten lassen mußten. Der Herzog hörte aber nicht auf diese Beschwerden. Der inr Jahre 1731 erfolgte Regierungsantritt des Herzogs Ludwig Rudolf brachte keine Aendernng in dem Verhältnisse Alexander.Davids zum Hofe. Ludwig Zrudolf stand als Vater der Kaiserin Elisabeth Christina in engen Beziehungen zum Wiener Hofe. Alexander David wurde voin Herzog wiederholt nach Wien gesandt und erfreute sich dort auch des Wohlwollens der Kaiserin, die häufig in Geldverlegenheit war. David lieh ihr ein Kapital von 15000 Jt. zum landesüblichen Zinsfüße von 5o/o. Als die Kaiserin ihni ihren Dank für seine Uneigennützigkeit bezeugen wollte, erbat er sich lediglich' ein kunstvoll blaues Gelvebe nrit Silberstickerei aus dem Thronsaale der Wiener Hofburg. Er benutzte diesen Stöfs als Vorhang in dem Betzimmer, das er in seinem Hause im Jahre 1732 eingerichtet hatte. Der Vorhang befindet sich noch heute im Besitze der hiesigen jüdischen Gemeinde. Das Betzimmer konnte von der Straße nicht gesehen werden. Trotzdem Denunzierte man David, jedoch ergebnislos, wegen unerlaubter öffentlicher Religiviisausübung. Herzog Karl I. schätzte David womöglich noch höher als seine Vorgänger und gab ihm wiederholt Beweise seines Wohlwollens. Als einmal eine Revision in den Häusern der Juden stattsinden sollte, gebot der Herzog ausdrücklich, daß sein alter Kammeragent nicht belästigt werden solle. Auch für Karl I. ist David in Wien tätig gewesen. Im Jahre 1752 war David in Kopenhagen, wo ans sein Betreiben der Amulette, prozeß gegen den Rabbiner in Altona niedergeschlagen wurde. Bei allem Giück, das Alexander David auf seinem Lebenswege begleitete, hatte er aber auch oft genug mit schweren Sorgen zu kämpfen. So hatte er dem Könige Friedrich d. Gr. 51000 Jt. geliehen, wovon er keinen Groschen wiedcrsah. Erst vier Jahre nach seinem Tode erhielten seine Erben die Nachricht, daß sie das Geld znriickerhalten könnten. Während des Siebenjährigen Krieges wurden ihm 10 000 .Himpten Roggen, die nach Peine bestimmt waren, von den Franzosen weggenommen. Er resp. Davids Schn, der nun das Geschäft führte, kam dadurch in ernstliche Schwierigkeiten, die er aber schließlich doch überwand. Der Herzog schlug sich ins Mittel, und es wurde Davids Sohn ein Moratorium bewilligt. DaS war am 20. August 1760. Im Jahre 1763 wurde dies Moratorium auf weitere drei Jahre verlängert. Die lebten Lebensjahre brachten Alexander David mancherlei Ungemach. Seine treue Lebensgefährtin, mit der er 39 Jahre in glücklicher Ehe gelebt, lvar schon 1716 gestorben. Er verheiratete sich noch einmal, und mit der zweiten Frau zog ein verschwenderischer Sinn in Davids Haus. Sowohl die drei Söhne ans seiner zweiten Ehe wie ein Sohn aus erster Ehe machten ihm große Sorgen. Im Jahre 1765 ist Alexander David gestorben. In Braunschlveig gab es damals noch keinen jüdischen Friedhof. In Wolseubiittel war 1722 ein solcher angelegt worden, aber David wurde nicht nach dort, sondern nach Halberstadt — und zwar tut herzoglichen Leichenwagen — überführt. Krakau (Galizien). In einer vom .Verein reisender Kauflctlte" veranstaltetett Versammlung sprach Dr. S. R. Landnn-Wien über die jüngste Reform der G e w c r b e o r d n u n g. Er wies nach, baß sich durch dieselbe wie ein roter Faden der antisemitische Geist ziehe; speziell die letzte Reform mit der Einführung des Befähigungsnachweises für den Handels st and sei geeignet, dem jüdischen Handels st and Galiziens und der Bukowina zu ruiniere n. Redner warnte vor dem Gerüchte, der Befähigungsnachweis solle in Galizien erst in 10 Jahren eingesührt werden, indem er ans Artikel III hinwies, in dem es ausdrücklich heißt, daß der Handelsminister berechtigt ist. im Berordnungswege jederzeit den Zeitpunkt des Inkrafttretens der Gewerbcvorschriften über den Befähigungsnachweis im Handelsgcwcrbe in Galizien und in der Bukowina zu bestimmen. Knust und Literatur. Major Burg, Lebensbild eines jüdischeir Offiziers Für Jung und Alt bearbeitet von Oberlehrer Dr. Eugen Wölbe. Heransgegeben unter Mitwirkung der Jngendschriften-Kommission der Großloge für Deutschland VIII. U. 0. B. B. 100 Seiten. Berlin 1907. Verlag von Louis Lamm. Das vorliegende Buch ist das erste, das unter Mitwirkung der von der Großloge eingesetzten Iugcndschriftcn-Kommission erschieneit ist. Es wird dankbare Leser finden. Wir vermögen freilich nicht, in ihm eine Bereicherung nitsercr so arntscligen Jugendliteratur zu erblicken, denn es ist doch eine gar zu wässerige Tendenz, einen Mann, der sich trotz .Hemmungen im Fortkommen nicht zur Taufe versteht, als Muster hinzustellen. Iba R e d i v a 1 of Aristocracy bv Dr. Oscar Levy, translate d by L. A. Magnus, London, 1906. Dieses Werk ist eine englische Uebersetzung der Schrift „Das neunzehnte Jahrhundert", zu der der Verfasser eine gelungene Vorrede geschrieben hat. Der Verfasser ist ciic Nitzschcaner, der für das llebermenschtiim schwärmt. und ein Hellene, der das Christentnin haßt und verdammt, ein Anbeter der großen Wenigen und Verächter der kleinen Vielen. Es genügt, wenn ich ein paar Namen, der Kapitel nenne, um sich einen Begriff vom Jdeengang des Verfassers zu bilden. „Napoleon und nachher", „Stendhal", „Goethe", „Nietzsche". Man kann noch so ein erbitterter Gegner der Lehre sein, in deren Dienst sich Dr. Levy stellt, so muß man doch zugeben, daß das Werk geistreich geschrieben ist Und daß dessen Verfasser die nötige Bekanntschaft mit dem Gesamtergebnis unserer Kultur besitzt. Nur in einem Kapitel verrät der Verfasser totale Unlenntnis des behandelten Gegenstandes, im Kapitel „Die Inden". Es ist unxsomehr schade, als der Verfasser keincssalls zu den halbverfallenen Juden gehört, denen wir meistens unter den jüdischen westeuropäischen Schriftstellern begegnen, sondern vielmehr ein stolzer Jude zu sein scheint. Der Verfasser scheint leider sein Wissen über das Judentum aus der christlichen Literatur geschöpft zu haben, nach der ja das Christentum eine zweite, vermehrte und verbejserte Auslage des Judentums sei. So werden uns durch die Erziehung der Tauf-Rabbis auch die edlen und sympathischen entfernt, die, wenn sie uns keilneit würden, sich sicherlich in unseren vordersten Reihen 'als tüchtige Kämpfer ausgezeichnet hätten. Iktvei Hazaun, Jeruscliolajim, 1906. Als ich dieses Werkchen aufschlug, traute ich nicht meiiten Augen. Lebe ich wirklich in der Jetztzeit, oder befinde ich mich vielmehr in der Glanzperiode spanisch-jüdischer Kultur, als unsre geistigen Führer auch Säulen der Wissenschaft und „göttliche Philosophen" waren. Der Verfasser des Werkchens, ein Schwiegersohn des verstorbenen Rabbiner Rabbinowitz in Jerusalem, der jetzt Rabbiner von Jaffa und den Kolonien ist, war bereits in Rußland nicht nur als Gaon, sondern auch als großer Zaddik bekannt. Bei einer Tiefe von Gedanken und einer genauen Kenntnis des Lebens und der Kultur, die uns umsomehr erstaunt, führt der Verfasser einen modernen Stil, der das Werk von der sonstigen rabbinischen modernen Literatur besonders vorteilhaft abhcbt. Der Inhalt ist neben allgemeinen philosophisch-theologischen Gegenständen Besprechung von Zeitfragen und licbclftänden im Hause Israels. Der Verfasser ist kein Strafprediger, der das Feuerschwert stets gezückt hält, sondern vielmehr ein gütiger Vater, der über das Unglück seiner Kinder und ihren verworrenen Sinn in Tränen ausbricht. Das Ideal eines Rabbiners aus den alten Zeiten bei all dem Besitz von umfangreichem, modernem Wissen. Er denkt nicht mit einem geivissen Rabbiner in Deutschland, daß die Juden Rußlands deswegen den härtesten Verfolgungen ausgesetzt sind, weil sie — nicht fromm sind, sondern er hat vielmehr Mitleid mit der Jugend, die irrt und der man mit väterlicher Liebe den rechten Weg, „das Licht der Thora" zeigen muß und soll. Er gibt zu, daß uns die früheren Geistesgrößen fehlen, er meint aber, daß unsere Massen dagegen jetzt viel edler und gesitteter sind, als sie je gewesen. Eine Jugend, in deren Brust soviel Begeisterung und Aufopferung für hohe Ideale zu sinde» ist, kann unmöglich schlecht sein. Sie kann nur irren, irregeleitet werden durch das Denken und nmß daher sanft aufklärend, sozusagen homöopathisch behandelt werden. 'Zurück zu der Thora durcy das Denken, durch geeignete Literatur. — Hätten doch unsre akademisch gebildeten Rabbiner so viel Toleranz und Einsicht wie dieser schlichte altmodische Rabbiner. Dr. I. M. S-d. Vereins-Kalender. Verein Mekor-Cbajim. Sonntag, 10. März er., abends 6 Uhr. Vortrag des Herrn Dr. Raphael Brenner: „Gibt es eine Seele?" „Montestore"-Verein. Mittwoch, 13. März cr., abends 9 Uhr. Herr Dr. jur. Richard Merzbach: „Soziales im Bürgerlichen Gesetzbuch." Verein Tiferes Bachnrim. Sonntag, 10. März: Herr Gabriel Plant: „Die Synagoge im Altertum." Verein Nachalatz Zwi. Mittwoch, 13. März, abends 9 Uhr präzis, Schützenstraße 2. Vertrag des Herrn Ahron Marcus aus Krakau: „Die Entwicklungslehre in der jüdischen Wissenschaft". Nach streng französischer Manier! Anleitung für Massage und eigene Schönheitspflege mit Hilfe der weltberühmten Toilettemittel des Institut de Beaute Paris. Kurse für Hausgymnastik (System Müller, Sandov etc.) gegen Fettleibigkeit, schlechte Haltung, Verdauungsstörung etc. Niederlage französischer Spezialitäten, Gesichtsmasken, Stirn-, Bart- und Halsbinden etc. Sfme. taare Helnzel, Absolventin genannten Instituts. Salon, Schillerstrasse 28, Entresol. Auskünfte gratis 9—12 u. 2—7 Ohr. David. Bauer Frankfurt am Main. Q O 1510. Telephon 1540. nDs by -M2 Kolonialwaren, Delikatessen unter Aufsicht des Rabbinats der Isr. Belig. - Gesellschaft, dahier. Versandt nach dem In- und Ausland. ■ —■ - — - Man verlange Preislisten. - -

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