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Neue jüdische Presse · 1907-03-08 · Heft 10 (8.3.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 10 (8.3.1907)
Date
1907-03-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 10 des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Vellage: Artikel: Alte. und neue, Juden, von Dr. F. Frankel (Bern). — Aus all er Welt — Per^se^nalien — Aus der Lehrerwelt. — AuS> d^rzionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Ku-nst und Literatur. — I ü d i s ch e I u'g e n d. Alte und neue Juden. Ei »Kapitel aus der jüd. Soziologie. Von Dr. F. F r ä n k e l (Bern). 2. Marx über die Juden ge schichte. (Fortsetzung.) Aber noch Folgendes muß in Betracht gezogen werden. Engels sagt von der höhern Form der Gcschlechtsbeziehungen, von der „individuellen Liebe", sie „komme im Altertum nur vor außerhalb der offiziellen Gesellschaft", unter den „Sklaven, die keinen Teil am Staat, der LebenSjphäre des fteien Bürgers, haben."") Ist es nicht merkwürdig genug, daß gerade in der ein Bourgeois-Codex sein sollenden Bibel das Hohelied der Liebe Ausnahme gefunden, dem König Salomo zugejchrieben und als sacrum sagrorum gekennzeichnet wurde? Und was lehrte die später erüfdjienene, aber fast als nicht minder heilig angesehene Lurjanische Kabbala von den Geschlechtsverhältnissen? Nach derselben müsse man sich in der Wahl der Ehefrauen wie auch in der Ehescheidung leiten lassen „von der mystischen Seelenharmonie und Disharmonie, oder Wahlverwandt schaft"?°) Gehen wir aber auf das Hauptproblem zurück, so fällt uns vor allem eine merkwürdige Tatsache auf, die in grellem Widerspruch zu stehen scheint mit der Marx'schen Ausfassung des Judaismus. Auf diese Tatsache stieß schon Bruno Bauer, aber auch Marx selbst. 'Sie besteht eben darin, daß — wie der erstere sagt — „das Christentum einen höhern Grad/der Unmenschlichkeit - erreicht habe, als das Judentum"?^) oder — nach der von Marx gegebenen Formulierung — daß „die bürgerliche Gesellschaft sich erst in der christlichen Welt vollende"?«) Wie ist cs als» zu erklären,, daß nicht unter der Herrschaft des rein' bürgerlichen Judentums, sondern unter derjenigen einer anderen Religion, der christlichen, sich .die bürgerliche Gesellschaft bis zu ihrem Höhepunkt; entwickeln konnte? Oder sei vielleicht nach Marx'das Christentum selbst nur die schlimmste Ars -des Judentums? Marx, der das Judentum und.-das Christentum mit den Augen des noch ganzin. der christlichen Theologie befangenen Ludwig Feuerbach sah, konnte . zu einem Schluß im -angedeuteten' Sinn nicht gelangen. „Das Christentum" — sagte er — „sei der sublime Gedanke des Judentums, das Judentum sei die gemeine Nutzanwendung des Christentums." Macht Marx hier zwischen den beiden Religionen noch keine» substanziellen Unterschied, sondern bloß einen - — wenn auch sehr bedeutenden — graiduellen, so stellt sich ferner heraus, daß das Christentum das Judentum überwinden könnte, nur-/war es-^-„zu vornehm, zu spirutualistisch, um die iHohheit.-. des praktischen Bedürfnisses anders als' in die blaue Luft zu beseitigen".?Also: einerseits sei.das Christentum Etwas, das . /der bürgerlich-jüdischen, oder — wie! Marx 1845geschrieben hat««)— der ,-schmutzig-jüdischen ' Erscheinungsform der Praxis". entgegengesetzt ist; andererseits aber blühte diese erst recht auf unter dem Regime des Christentums. Der Widerspruch liegt sozusagen auf der Hand. "- Ursprung usw. (S. 65). «°) Grätz, Geschichte der Juden (Bd. X, Nr. 3, ©: 68)! . 5l) Zitiert von Franz Mehring (Gesammelte Schriften usw. (Bd. 1, -S. 355).?* *) Die Judenfrage von Karl Marx (ibidem- ©.-429). , *«) Marx über Feuerbach (Anhang zu Engels Werken über den letzteren, E. 61). Um den inneren Zusammenhang zwischen der christlichen Weltanschauung und der. bürgerlichen Gesellschaftsordnung herauszufinden, muß vor allem das Wesen der elfteren festgestellt werden. Ludwig Feuerbach fand das Wesen des Christentums im Kultus des abstrakten Menschen. Marx war damit ganz einverstanden. Er sagt: „Nur unter der Herrschaft des Christentums, welches alle nationalen, natürlichen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig von: Staatsleben trennen, alle Gattungsbande zerreißen" usw. Viel später, als Marx das „Kapital" schriebe, kam er wieder auf die Frage zurück, welche religiösen Vorstellungen einer Gesellschaft „von Warenproduzenten" am besten entsprechen? Er fand zwar wieder diese - Vorstellung „im Christentum, mit seinem Kultus des abstrakten Menschen", aber er fügte hinzu „namentlich in seiner bürgerlichen Entwickelung, dem Protestantismus, Deismus usw."«^) Man sieht, jetzt war vom Judentum nicht mehr die Rede. Noch mehr als dies. Marx wurde aufmerksam auf die besondere Nachsicht, mit der das Judentum die Behandlung der Tiere vorgeschrieben Ijot,5*) und meint mit der ihm' eigentümlichen Bosheit: „Moses von Aegypten sagt: „Du sollst dem Ochsen, der drischt, nicht das Maul verbinden." Die christlich germanischen Philanthropen legten dagegen dem Leibeigenen, den sie als Triebkraft zum Mahlen verwandten, eine große hölzerne Scheibe um den Hals, damit er kein Mehl mit der Hand zum Mund bringen könne.."««) Die eigentliche bürgerliche Religion sei der Protestantisums. Die Reforniation begünstigte schon durch „den kolossalen Diebstahl der Kirchengüter" einerseits die Bereicherring des Bürgertums-.'. andererseits die Entstehung des Proletariats^) . Dann spielte dieselbe - durch die „Verwandlung fast aller traditionellen Feiertage in Werktage eine wichtige Rolle in der Geneftsdes Kapitals".-«) " Nun aber fragt es sich: Entsprach das Christentum schon von Anfang an und zwar seinem Wesen nach, als Kultur des abstrakten Menschen, den Bedürfnissen des Bürgertums, warum mußte es erst modifizftrt und reformiert, werden, um sich demselben änpassen zu - können? Oder aber sei der Kultus des abstrakten Menschen nicht allein der bürgerlichen Klasse eigentümlich? . Der abstrakte, von allen sozialen und historischen Banden losgelöste Mensch, der dem Urchristentum als Ausgangspunkt diente, war nicht der Bürger. Es war hauptsächlich der Lumpenprolctarier, der durch und durch antihistorisch und antisozial ist. Bodenlos aber'wie dieser, fehlt es ihn: doch keineswegs an Prinzipien, wenigstens unfeinem. Sein Glaubensprinzip ist der KommunxsiEts, .i^ich^. aber der Produktions-, sondern der-tzGäbrau^Ix und der Familienkommunismus. Dsr "-^Lümpenproletarier proklamierte als Christ die Erlösung vom Sündensall und von den: auf denselben folgenden Fluch Gottes: Im Schweiße deines Angesichts wirft du dein Brot essen! Die Arbeit und' die Organisation der Arbeit, .die. Gesellschaft und die Organisation der Gesellschaft sollen aufgehoben werden. Das Urchristentum war, wie das-Lumpenproletariat, individualistisch und anarchistische Ebenso ist der konsequent durchgeführte. Liberalismus — die eigentliche Religion des Bürgertums. Hier wie dort ist das Tonangebende das einzelne Individuum, das vom sozialen Organismus losgelöste Atom. Der Protestantismus ist «*) Kapital (Bd. 1, S. 56—7). £«) Ein Punkt, auf den auch Letourneau — übrigens kein Freund des Judentums — zurückkam. (S. L'evolution de la proprietö, K. 12.) *6) Kapital (Bd. 1, S. 388, Nr. 92). «’) Ibidem (S. 750 u. f.I -') Ibidem (S. 376, Nr. 134). . " ' das liberalisierte Christentum. Der Ideengehalt blieb wesentlich derselbe, die Form aber wurde teilweise erneuert. Gegen zwei Seiten machte das Urchristentum Front.' das klassische Heidentum einerseits, gegen das alte Judcütum andererseits. Was war das weltliche Prinzip des Heidentums? Die Exploitation der Arbeit! Was war das weltliche Prinzip des Judentums? Die Arbeit! Der Gott Israels war die tatkräftige, weltschöpferische, alles bewegende und sich ausruhende Energie. „Denn sechs Tage machte Gott den Himmel und die Erde und am siebenten Tage ruhte er"?«) Die Forderung, die er seinem auserwählten Volke stellte, lautet: „Sechs Tage wirst du arbeiten und der siebente Tag ist Sabbath für deinen Gott'"«") — „Sechs Tage wirst du arbeiten — das ist eine Pflicht!"61) — erklärten die Lehrer ' Israels. Die Grundsätze derselben waren: ,„Wer sich von seiner Handarbeit ernährt, ist größer als der Gottesfürchtige"?«) „Wenn jemand seinen Sohn kein Handwerk lehrt, ist es, als ob er ihn zum Räuber erzieht";««) „Liebe die Arbeit und hasse die Herrschaft Vw) Es konnte auch anders nicht sein. Denn wer waren die Propheten Juda's und Israel'»? Kinder des Volkes, die für die Sache des Volkes kämpften! Wer waren die Gesetzgeber? „Bauern, Arbeiter und Handwerker!"««) . -! Das Wesen des Judentums war also die Ar- I Beit, die Praxis. Marx behauptete: „Der weltliche Grund des Judentums" sei „das praktische Bedürfnis, der Eigennutz". Dies schrieb, er aber im Jahre 1844. Die „Praxis" überhaupt schien ihm damals identisch mit dem „Eigennutz", mit dem „Egoismus" schlechthin, zu sein. Er war noch ganz und gar seuerbachianisch gestimmt. (Fortsetzung folgt.) Aus aller Well. Deutsches Reich. Darmstadt. Mazzen-Lieierung für den Kaiser von Rußland. Es ist nicht ohne Interesse, daß alljährlich vor -Ostern Mazzen, die ein jüdischer Hosbäckermcister in Darmstadt fabriziert, für den Kaiser von Rußland bestellt werden und auf seine Tafel gelangen. Auch in diesem Jahre ist eine solche Bestellung und zwar von dem Großherzog von Hessen, direkt „für Se. Majestät den Kaiser von Rußland", wie es auf dem Bestellschein heißt, erfolgte Ferner hat der Großherzog für die Großfürstin Sergius von Rußland und für den Prinzen Heinrich von Preußen einen Auftrag auf Lieferung von Mazzen dem nämlichen Bäckermeister, dem schon seit Jahrzehnten die Lieferungen für den hessischen Hof obliegen, erteilt. Straubing. An der Wit elsbacherstraße wird demnächst mit dem Bän der Synagoge, deren Pläne bereits vom Magistrat genehmigt, sind, begönnen werden. Die Baukosten sind ans 50 000 Jfe veranschlagt. Der Bau soll bereits Jomkippur seiner Bestimmung übergeben werden. Frankreich. Paris. DerPräsidentderAllianceJsraeltte -Universelle, Herr Rarcisse Leven, hat am 12. Februar an den französischen Minister des Auswärtigen nachstehendes Schreiben gerichtet: : Herr Minister! . Wir haben die Ehre, Ihre wohlwollende Aufmerksamkeit auf die Läge hinzukenken, die unseren Glaubensgenossen in I s p a h a n bereitet worden ij£* Ein Telegramm, das wir soeben von dem Direktor unserer Schule» in dieser Stadt erhalten haben, meldet uns, daß die Geistlichkeit die Juden gezwungen hat, sich zum-Tragen unterscheidender Gewänder und zum Verzicht auf den Handel iin Umherzrehen zu verpfliaften. Zu jeder Zeit haben die Vertreter Frankreichs in Persien sich bemüht, die Israeliten gegen ähnliche Angriffe auf ihre Menschenwürde in Schutz ") Exodus (XXXI. 17). °°) Ibidem (XX, ll—10). ®l) Sifri. ") Brochoth (8, 1). «) Kiduschin (70, 1). . **) Pirke Aboth (1, 10). **) D. Farbstein: Das Recht usw. (S. 70).

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