Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1907)
- Date
- 1907-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr. 9 des FraÄlmler JlraeWcheu FamilieublatteS. Inhalt der BeUage: Artikel: Das Purim meiner Jugend. — Aus den Vereinen. — Personalien. — Aus der zionist ischen Bewegung. — Briefkasten — Kunst und Literatur. Das Purim meiner Jugend. Purim, das frisch-fröhliche Purimfest! Welche Ironie! Die Großstadt, in der ich jetzt lebe, summt ihr alltägliches monoton-melancholisches Lied, beschäftigte Kaufleute und Handwerker laufen hin und her, wie von einer unsichtbaren Gewalt gepeitscht, die Geschäfte mit ihren verführerischen Schaufenstern sind weit geöffnet, und das Geklingel der auf- und abwärts rasenden elektrischen Bahnen durchzittert die summend einlullende Lust der Großstadt — wie alle Tage. Nichts scheint zu ahnen, daß heute Purim ist, das frisch-fröhliche Fest, das an alte Leiden und alte Freuden erinnert und an dem man daher sich dem Reben safte so weit hingeben darf oder soll, bis man nicht mehr imstande ist, zwischen „Verflucht sei Haman" und „Gesegnet sei Mordechai" zu unterscheiden. Nur da und dort ist ein Häuflein Juden in einer Synagoge eines Hintergäßcheus versammelt und lauscht aufmerksam dem Chasan zw der in einem orientalisch-melancholischen Singsang aus einer Pergamentrolle ihnen vorliest, was „an jenen Tagen geschehen". Die Stadt lebt, aber dieses Leben stimmt mich so traurig und erfüllt mein Herz mit einem solchen Schmerz, daß ich laut aufschreien möchte. Aber ich darf das nicht tun; ich bin zu alt dazu. Ich , gebe mich meinen Gedanken hin, welche mich mit aller Gewalt anpacken und mjt der Schnelligkeit eines Blitzes über ein paar Jahrzehnte meines Lebens leicht hinüberhüpfend, mich in jene glückliche Zeit versetzen, als ich noch „ein „Jüngel" mit lockigem Haare" war, in meine goldene Jugendzeit. Ich erblicke mein geliebtes Heimrtstädtchen in einem fernen, fernen Lande. Von hohen Hügeln eingeschlossen, liegt es am Eingänge eines schmalen Tales, das ein kleines, stets lebhaft plauderndes Flüßchen durchschneidet, und lädt mich so herzig in seine Tore ein. Vier Straßen mit einem Marktplatze hat es; die eine mit den zwei Reihen niedriger Hütten mit Strohdächern und der höl zernen kleinen Kirche gehört „ihnen", alles übrige, die Häuser mit den Schindeldächern, die Läden und die uralte hohe Synagoge mit dem bemoosten Ziegeldache gehört uns. . . . Hier wußte man, was Purim bedeute; hier war es wirklich frisch-fröhlich; sogar „sie" von der vierten Straße wußten, ohne daß man es ihnen erzählte, wenn das Fest kommt, wo die Juden den Haman schlagen und solche schmackvolle „Homontaschen backen, die sie überglücklich waren zu kosten. Die Natur freute sich mit uns über die so merkwürdige Niederlage des Vaters der Antisemiten aller Zeiten. Tacmiß Esther. Heute haben wir nur einen halben Tag Cheder. Und wie leicht ist heute das „Lernen". Keine Gemoro, kein Tosphoß, nichts als die Megillah zum letztenmal wiederholen und „verdeutschen". Welches Gefühl der Wonne, der Er leichterung. Der Rebbe hat wahrscheinlich heute viel zu tun und scheint keine besondere Lust zu verspüren, uns heute lang zu quälen. Noch vor zwölf sind wir frei. Mein erster Gedanke ist, was geht jetzt zu Hause vor. Ein Sprung — Und ich bin dort. Mama ist beschäftigt. Es gibt so viel zu backen, vorznbe reiten: „Homontaschen", Kuchen, Mohnsternchen Krepchen, Bohnen usw. Und das muß alles noch Vor dem Megillahleinen fertig werden. So die Honig, Rosinen, Mandeln, Mohn. Aber nein Man darf nicht naschen; es ist ja Esther Taaniß. Aber wir möchten in der Küche bleiben, nur um zu riechen, nur um zuzuschauen. Es ist ja so interessant, so neu, so geheimnisvoll, und das frisch Ge hackene riecht so. angenehm,, so appetitlich. Aber Mama duldet es nicht, daß wir in der Küche im Wege stehen. Wir erhalten einige Münzen und wir eilen auf den Marktplatz, um uns Homonklopfer und verschiedene Zuckerwerkfiguren für chelachmonanß". zu kaufen und erwarten mit Sehnsucht den Ausgang des Fastens. Gegen Abend kommt Papa vom Geschäft, und wir begeben uns alle in dir Synagoge, mein Bruder und ich mit unseren HomonNopfern bewaffnet. Die Synagoge ist voll gepackt mit fröhlichen, sorglosen Jomtovgesichteru. Wir, die „Jugend",umringeln den Almenor. Das „Leinen" hat heute für uns ein ganz besonderes Interesse. Unausstehlich lang erscheint uns das Maariwgebet. Nun beginnt der Chasan die Megillah. Wir spitzen die Ohren. Eine lange Zeit keine Spur vom Feinde. Wir wissen, daß er erst im dritten Kapitel auftritt und wir warten, so schwer es uns auch fällt. Mancher Junge versucht schon ungeduldig den Homonklopfer langsam zu drehen, als ob er sich überzeugen wollte, daß die Waffe nicht versagen würde. Sein Vater wirst ihm einen strengen Blick zu. Endlich erscheint Homon. Der Chasan hält inne, und unsere Klopfer gehen wütend los. Nachdem wir ihn tüchtig durchgeprügelt hatten, halten wir inne. Wir wissen, daß er noch mehrere Male zu erscheinen hat, und wir dürfen ihn nicht auf einmal totschlagen. Dem Chasan wird der Lärm zu bunt und er versucht, den Judenfeind einige Male dnrchzuschmuggelu, aber es gelingt ihm nicht recht. Kein Haman entgeht unserer gespannlen Aufmerksamleit. Außerdem sorgt Reb Jndel, der Schadchen, ein kleines lustiges Männchen, dafür, daß wir nicht betrogen werden. So oft Haman nahe ist, gibt er uns ein Zeichen. Wir passen alle auf Reb Judel auf. Gelingt es jedoch dem Chasan, einen Haman durchzuschmuggeln, bevor uns Reb Judel darauf aufmerksam gemacht hat, so verhauen wir dafür den Mordechai, was uns aber natürlich von dem Gabai und den übrigen Baaleibatim sehr übel genommen wird. Jedenfalls ist Haman nicht zu beneiden. Ich bin sicher, wenn er zu uns ins Städtchen gekoinmen wäre, brauchte man die ganze Geschichte mit Esther überhaupt nicht. . . . Am folgenden Morgen bekommt Haman wieder eine tüchtige Portion Prügel. Natürlich schlagen wir ihn nicht mehr mit derselben Herzlosigkeit wie gestern. Das geht ja nicht. Dann kommen all diese Leckerbissen, die Mutter gestern vorbereitete. Und die „Schlachmonauß". Den ganzer: Nachmittag sind wir damit beschäftigt. Es ist keine leichte Arbeit, besonders wenn man viele Verwandte hat und wissen muß, lvas man dem einen oder dem anderen zu schicken hat. Eine Figur aus Zuckerwerk, eine Apfelsine, ein Stückchen Fladen, einige Bonbons, die auf einem Teller hübsch ausgelegt und mit einem feinen Taschentuch bedeckt "sind. Wenn wir unsere „Schlachmonauß" Papa, Mama und den verschiedenen Onkeln und Tanten väterlicher und mütterlicher Seite geschickt haben, tragen wir die „Schlachmonauß" unserer Eltern, Verwandten und Freunde und verdienen dabei nicht wenig Geld, das wir zu verschiedenen Zwecken uns aufheben. Am schönsten gefällt mir die „Sudah". Mit Nachtanbruch setzen wir uns alle an den Tisch, der reich gäeckt ist mit den verschiedensten Kuchen und Getränken. Papa sitzt obenan und unterhält sich mit Großpapa und einem Orach, die zu der „Sudah" geladen wurden. Vor ihm steht ein Teller mit kupfernen und silbernen Münzen, die heute Abend verteilt werden sollen. Von Zeit zu Zeit wird die Türe mit einem fröhlichen „Gut Purim" aufgerissen, und Papa holt eine Münze aus dem Teller und überreicht sie dem Eintretenden, der noch dazu aufgefordert wird, von den aufgetischten Speisen zu genießen. Etwas später beginnen die Purimspieler zu erscheinen. Sie tragen zwar alle Masken, aber ich erkenne sie doch alle. Da ist Jossel der Baß, der als Waschti figuriert, hier ist Motel der Tenor, der Esther spielt. Am liebsten höre ich das „Achaschwerosch- Spiel" und „Joseph und seine Brüder". Wie imponieren mir ihre Uniformen, die aus zerfetzten schillernden Tuchen und Pappe eigenhändig ' verfertigt und bemalt sind. Die Zeit geht schnell vorüber in kindlicher Glückseligkeit und kindlichem Entzücken. Mitternachtsstunde rückt heran. Der reich gedeckte Tisch ist schon beinahe aller seiner Herrlichkeit bar. Die Zahl der Besucher schwindet. Nur noch selten vernimmt man in der Ferne ein schwaches: Heut' ist Purim, morgen ist ans, ' Gebt mir 'nett Groschen und werft mich hinaus k Der Mond sendet einen hellen Strahl. Papa beginnt zu benschen. Ich folge ihm, aber der Engel des Schlafes schließt allmählich meine müden Augen und läßt mein Haupt sinken, in dem die Szenen und Ueberraschungen des Tages noch lange ihre Existenz fortsctzen. So sah Purim aus in jener fernen Zeit, in jenem fernen lieben Heimatsstädtchen, dort am Ufer eines lebhaft plaudernden Flüßchens, das mich stets mit Wehmut und Sehnsucht erfüllt mitten im Strudel der Großstadt, in der ich jetzt lebe. Es war ein echtes, frisch-fröhliches Purimfest. Doch — wer gibt mir das Purim meiner goldenen Jugendzeit zurück? Wird es die kreisende Zeit noch einmal wiederkehren lassen?! Dr. I. S a l ch i l d. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 27. Februar Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Die Verhältnisse der Frankfurter jüdischen Gemeinde während des 30jährigen Krieges zu schildern, hatte Herr Professor Dr. Krakauer in seinem gestrigen Vortrage unternommen, und das Bild, das er entwarf, wurde der gestellten Ausgabe nach jedem Gesichtspunkte hin gerecht. Wir können hier nur kurz den Inhalt wiedergeben. Als der Krieg ausbrach, waren es grade 2 Jahre her, daß jene sozialpolitische Erhebung, deren Haupt Fettmilch gewesen war und die mit der Vertreibung der Juden endete, niedergeschlagen worden war. Die Juden waren auf Befehl des Kaisers Mathias in feierlicher Weise wieder zurückgefnhrt worden und standen nun ini Schutze des Kaisers, der ihnen auch eine neue Judenordnung gab. Frankfurt zählte damals etwa 2000 jüdische Seelen. Damit die Judengemeinde sich nicht verniehre, dursten höchstens 18 Ehen jährlich in ihr geschlossen werden. Ausnahme fremder Juden fand nur selten statt. ' Nicht von vornherein wohnten die Juden in ihrer Gasse. Im früheren Mittelalter, wo allenthalben in Deutschland die Stellung der Juden viel freier war als später, hatten sie, mit Christen untermischt,, in der Nähe des Doms gewohnt. Da befahl Kaiser Friedrich III. 1462 dem Rat — es geschah aus Veranlassung des Pabstes — ihnen andere Wohnsitze anzuweisen. So ließ der Rat den Juden zwischen Mollgraben und Mlerheiligengasse auf seine eigenen K o st e n eine Anzahl von Wohnhäusern errichten, die sich im Laufe der Zeit zur Judengasse zusammenschlossen. Mauern trennten die Gasse von der übrigen Stadl, mit der sie nur durch 3 Tore, die Bvrnheimer-, die Wollgraben- und die Mittel Pforte am Judenbrückchen, verbunden war. An den Toren war seit 1616 auf Befehl der kaiserlichen Kommissarien ein großer, auf Blech gemalter Adlerangebracht init der Unterschrift: „Röm. Kais. Maj. u. des h. Reiches Schutz". Hinter dem Wollgrabentor dehnte sich der einzige den Juden gehörige freie- Platz, der Friedhof, aus, dessen ältester Stein schon vom Juli 1272 datiert. In seinem Erwerb unterlag der Jude vielen: erschwerenden Bedingungen. So waren ihm das Halten von Kramläden und Ständen auf dem Markt: und in der Stadt verboten, sodaß er meistens auf das Hausieren angewiesen war. Auch durfte er mit auswärtigen Glaubensgenossen kein Kompagnie-Geschäft treiben oder sich von ihnen kommanditieren lassen. Hiria) zum „bunten Löwen" erhielt wegen des Verkaufs fertiger Schuhe 80 Gulden und Beifuß zum „Krachbein" wegen des Handelns mit. Eisenwaren, was de» Juden nicht erlaubt war, 12 Taler Strafe. Ein ewiger Kamps zwischen den Juden, die den Kreis der ihnen zum Handel erlaubten Waren ausdehnen wollten, und den christlichen KmiAleuten, die die jüdische Konkurrenz immer mehr eÄe schränken wollten, hielt den Rat der Stadt Frankfurt: in Beschäftigung. Eine Berufsstatistik gibt es nichts wir hören gelegentlich von jüdischen Pferdehändler!^ Bäckern, Wirten, Musikern, ja auch von jüdischen Soldaten. Noch mehr wie die Krämer stemmten sich: die Aerzte gegen jüdische Konkurrenz, und in der Regel dursten die 2 oder 3 Aerzte der Jndengasse die Christen Frankfurts nicht behandeln. (1631 kHi sich in der Gasse der hervorragende Gelehrte Wtz. Arzt Josef Solomon del Medigo aus Kandia, ein Schüler Galileis, nieder.) - -