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Neue jüdische Presse · 1907-02-22 · Heft 8 (22.2.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 8 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Inhalt der Beilage: Artikel: Brief aus Ungarn. — Perso nalien. — Aus d en Vereinen. — Aus der Lehrer- Welt.— Aus der zionist. Bewegung. — KunstundLiteratur. — AusderGeschäftswelt. — „Jüdische Jugend." Brief ans Ungarn. Die privilegierten Vorredner und Vordenker der ungarischen Juden, die in . der luftdicht verrammelten Kahalstube, im Parlament und in den sonstigen öffentlichen Häusern das große Wort führen, sind diesmal ein wenig aus dem Konzept gefallen. Da hat einer aus ihrer Schule, der ihre assimilatorischen Gedanken mit brutaler Konsequenz zu Ende gedacht und gelebt hat, einen Ton angeschlagen, der ihnen wie ein Kolbenschlag auf den Schädel niedersauste. S ch u m e g i — alias „Meschumegi" — der von Inden abstammende, von Dummheit sprudelnde Kuruzenpolitikaster hat das Leitmotiv dieser Zukunftsmusik komponiert. Es war im Klub der „liberalen" Kossuthpartei, wo man mit Besenstielen und Trikolorenstangen über die denrokratischen Sieger bei der Stadtratswahl herfiel Hageldicht prasselte cs auf die Häupter der „jüdischen" Führer nieder. Da sprang, er mit kühnem Schwünge auf den Tisch, warf. sich in die Brust, und mit dem großen Pathos,, das ihn vor allen Schwächlingen unserer Konfession auszeichnet, verkiindetc er unter tojcndeni Geheul der ganzen Koalition, daß er aus der jüdischen Rasse austrcte. Indem er nun seinen. Eintritt in die Knruzenrasse, als Vollblut - „fay" — Magyarc feierlich anzeige, bitte er. mit gebrochenem Rückgrat und zerfetztem Gewissen, um einen Toleranzzettcl, seine neue Rasse lieben zu dürfen mit ganzem .Herzen und ganzer Seele. (Er ist nämlich beim Rassenaustritt radikal vorgegangen und bei der Konfessionslosigkeit nicht stehen .geblieben.) Roch hatten sich nicht die Magyaristen mosaischer Konfession vom ersten Schrecken erholt, da kam ein „zweites Donnerwetter, diesmal von der rechten Seite, in der Form einer wohlbegrnndetcn Lex Henzi, das Unterrichtswcsen durch Einführung des numerus clausus zu kosakisieren. Es geschah „dies in Begleitung einer gespensterhasten Sceschlangenredc, die mit jeder Windung eine ehrlich jüdische literarische Existenz erdrosselte und .unsere .Geisteshelden unter dem Schutze der Immunität als Gedankenfalschmünzer, Geschichtsfälscher und Reklamereißer der reinen Vernunft brandmarkte. Daß es vom Lande nicht minder tragisch w.iderhallt, beweist das Pioristenghmnasiüm zu Totis, wo der ehrw. Ordensbruder und Schulmeister Na g y, ohne auf die 50°/o jüdischer 'Schüler die mindeste Rücksicht zu nehmen, in der. grammatischen Stunde mit. rohem Zynismus, den Satz: „Jeder Jude ist charakterlos und schurkisch" analysieren läßt. Und die Volksvertreter. .mosaischer Konfession machen's wie Schlau- .chajim im .Eisenbahnkoupee, der, als er, der Besitzer eines nicht. gerade arischen Typus, hörte, daß-man in seiner Nähe über die Alliance, das .Haus' Rothschild, den Erzbischof Kohn und sonstige. Inden loszog, sich -einfach.nicht zu erkennen - .gab. -Auch - sie - scheintdie „janze Jeschichte" jar- , nicht aygehen. zu wollen. ' Dafür verraten sie .. gründliche. Fachkenntnis bei Schweineausfuhr- und . ,Pferdezuchtposten. Ist, ja erst jüngstens R i ch a r d - Waßmann, der' Sohn, des berühmten Parnas und. Reichstagsabgeordneten Bndapest's und Enkel des . berühmten Rausch-Besdin gestorben, ohne, in seiner umfassenden Bibliothek ein anderes Buch als . über. Pferdeveredelung zu hinterlassen.- Was jjldischist, übersteigt ihren Horizont; sie sehens nicht und wollen's nicht hören- " Sokommt es, - daß sie keine Kenntnis haben von der offenen, Sprache des selbstbewußten jüdi- ^fcheiep-Gezre.r.q,lmq.jor. G ch p «,i.tz e r, der im Lande der unbegrenzten Unmöglichkeiten vor die traurige Alternative gestellt wurde: .entweder, auf sein Judentum oder auf seine Aktivität zu verzichten, und der mit schneidiger Entschiedenheit sein Credo hinausschmetterte. Man bedenke: seine Brust wird von Tapferkeitsmedailleu und Ehrenkrenzen gedrückt und ein Leben voll Ruhm und Aufopferung für's Vaterland liegt hinter ihm! In einer solchen Atmosphäre, die mit Explosivstoffen gefüllt ist, fuchteln unsere jüdischen Politikaster niit brennenden Fackeln und suchen in tiefen Schachten die Korruption, lamentieren um Gerechtigkeit, geberden sich als Herkulesse, weil sie Augiasställe säubern, stürzen deir Jnstizminister Polonui, der mit der Justizia in wilder Ehe lebt, der sich mir schmutzigen Händen ilnd Füßen in die schwindelnde Höhe emporrackerte, in die Pfütze. Sie haben durch ihre politische Kurzsichtigkeit eine ganze Emeute gegen die Inden hcrausbeschworen. Spät ist ihnen die von uns tausendmal verkündete Wahrheit aufgedämmert: Center leg chauvins et on trouyent les antisemites; hinter der rotweißgrünschillcriidcn Patriotenhaut verbirgt sich ein sechzehnkarätiger Judenfreßling. — Schade, daß sie noch immer nicht die Segel streichen wollen und mit gebrochenen, Mast ihr Wrack dem vernichtenden Riff entgegentreiben. . . . 8 io n i. Personalien. Frankfurt a. M. Bon geschätzter Seite e> halten wir Notizen über den jüngst verstorbenen Direktor Hermann Baerwald. Wenn wir auch scharfe Gegner seiner jüdischen Anschauungsweise waren, so haben wir Direktor Baerwald doch als Pädagogen und Philanthropen sehr geschätzt und ihn als eine Persönlichkeit anerkannt; wir nehmen deshalb gern Gelegenheit, die uns zur Verfügung gestellte Würdigung in so weit, als sie die unsrige in der vorigen Rümmer ergänzt, wiederzngeben: „Rach Absolvirung oes Staatsexamens in Breslau (1856) -- ein Jahr nach seiner Promotion in Berlin auf Grund seiner Dissertation „De electione Rudolf! l. Regis" — erfuhr er eine kränkende Zurückweisung, als er sich der Regierung behufs Ableistung des Probejahres zur Verfügung stellte, trotz warmer Empfehlung seitens seiner Lehrer. Das damals in der Vollblüte der Reaktion stehende Ministerium Ranmer wies deren Fürsprache unter dem beleidigenden Vorwände zurück, daß „ein jüdischer Lehrer die Gesinnung der Kinder schädlich beeinflussen" könnte. Da wandte sich B. ganz seinen geschichtlichen Studien zu, und was er auf der Universität erfolgreich begonnen, beschloß er nun, durch Quellenstudien zu vertiefen und zu erweitern. So sehen wir ihn in den nächsten Jahren in Wien am Kais. Haus- und Staats-Archiv sowie in der Hofbibliothek mit Arbeiten über das Zeitalter Rudolfs von Habsburg cifrigst beschäftigt, deren reifste Frucht, sein wissenschaftliches Hauptwerk, das „Baumgartenberger Formclbuch"*) die goldne Medaille für Kunst und Wissenschaft seitens der Kais. Oesterr. Akademie eintrug. Zugleich wirkte er dort als Erzieher im Hause des preußischen Konsuls Ritter v. Goldschniidt, bis z. I. 1859, wo er eine Lehrerftelle an der neugegründeten jüdischen Lehrerbildungsanstalt sowie an der Religionsschnle der jüd. Gemeinde in Berlin erhielt. 'Nachdem er sich im Jahre 1864 eine behagliche Häuslichkeit geschaffen, . Verkevte er hier nahezu ein Jahrzehnt in angeregtem Verkehr mit geistig hervorragenden Persönlichkeiten, u. a. dem ihm auch in seiner politischen Anschauung nahe stehenden Ed. Lasker. Auf dessen Veranlassung meldete er sich im Jahre 1867 zur Ilebernahme der durch den Tod Sigismund Sterns erledigten Stelle des Direktors der israelitischen Gemcindeschule zu Frankfurt a. M. (Philauthropin), die ihm im besonderen auch infolge Lasters warmherziger Empfehlung übertragen wurde., lieber drei Jahrzehnte — von Ostern 1868 bis 1899 — wirkte er in dieser seiner Lebensstellung." .-„Was Baerwald in dieser Stellung geleistet, wie er als Lehrer und Beamter zahlreicher Schiilergeneratioucn gewirkt, das gehört nunnrehr der Geschichte an. Hier aber mag noch ans das mit Nachdruck hingewicsÄi werden, was die Mitlebenden den, außerordentlichen, dem rein menschlichen Wirken des Philauthroven Baerwald zu verdanken hatten, auf das, wodurch er reichen Segen auch außerhalb der engeren Grenzen seines Berufes gestiftet hat. Obwohl an der Spitze eines seine ganze Kraft beanspruchenden Organismus stehend, zumal in einer Zeit politischen und sozialen Ueberganges, wie ihn die ehemalige Reichsstadt in der Zeit seines Wirkens dnrchzumachen hatte, in einer *) Wien 1866 — vgl. das' Verzeichnis her Publikationen .B.'s in der Festschrift^ zur Jahrhundertfeier des .Philanthropins. S. 174 fg. Epoche zudem, da durch die naturgemäße Entwicklung dieser Stadt zcitweije sogar die ihm anvertrante Anstalt um ihr Fortbestehen zu kämpfen halte — da fand dieser warmherzige Menschenfreund noch Muße genug, um seine Kraft auch in den Dienst der leidenden Menschheit, in erster Linie der aufstrebenden Jugend unter unfern Glaubensgenossen zu stellen. Was alles er in dieser Hinsicht teils durch eifrige Mitarbeit gefördert, teils in umsichtiger Weise angeregt und an führcnoer Stelle zustande gebracht hat, dasist gerade in diesen Tagen der Klage um den Heiingegangeneir zum Ausdruck gekommen. Er hat es wie wenige verstanden, den ihm zu Gebote stehenden Einfluß in einer reich begüterten und opferwilligen Gemeinde zu gebrauchen. Biele Männer, die heute in angesehenen Stellungen in Stadt und Staat wirken, haben nicht nur seiner pädagogischen sondern auch seiner philanthropischen Tätigkeit die Möglichkeit zur Erlangung dieser Stellungen zu verdanken." Frankfurt a. M. Das Ableben des Herrn L i s m a n ii F ü r t h, der ein Alter von 76 Jahren erreichte, hat in weiten Kreisen lebhafte Teilnahme hcrvorgerusen. Führte doch der Verstorbene, der einer sehr angesehenen Familie entstammte, ein streng religiöses Leben „medakdck bemizwaus" und war, was bei uns sehr selten geworden ist, ein Lamdon, - Er verstand es, die heiteren und die trüben Stunden des Lebens als von Gott gegeben, an sich vorbeiziehen zu lassen. Er Pflegte täglich 3 Stunden Gcmoro zu lernen und befaßte sich lebhaft mit Wvhltätigkeitsaugclegenhciten. So gehörte er Jahrzehnte der Leitung der Kuranstalt in Soden und des Vereins „Lemaan Zion" an, und seiner Initiative ist es zu danken, daß in Nizza ein jüdischer Friedhof errichtet wurde. Als er noch in Hanau wohnte, war er erster Vorsteher der^ Gemeinde, und hier gehörte er lange Jahre dem L-chnkrate der Realschule der Jsr. Religionsgesellschaft an. Am Grabe sprachen: Rabbiner Dr. Horovitz, Direktor Dr. A d l e r (für die Frankfurt-Loge) und Manfred Gold s ch m i d t (für die Kuranstalt in Soden). Berlin. Ka-ier hat aus Anlaß seines Geburtstages mehreren Persönlichkeiten aus der Industrie und der Hochfinanz, u. a. dein^Mitglied des Direktoriums der Deutschen Bank, «teinthal, und dem Generaldirektor der A. E.-G., Rathen a u, seine Büste übersandt. Die Büsten sind aus Eadincr Ton gebrannt und von einem Handschreiben des Kaisers begleitet gewesen. Hamburg. Herr Henry Joshua, seit 48 Jahren Mitglied des Vorstandes der israel. Töchterschule, feierte in Rüstigkeit seinen 90. Geburtstag. Wien. General-Schii'sbau-Jngenieur Popper, der geniale Schiffskonstrukteur, hat den Entschluß gefaßt, aus dem aktiven Dienst auszuscheiden. Popper — 1848 geboren — dient seit 1871 in der Marine und wurde für seine hervorragenden Verdienste wiederholt ausgezeichnet. Die Pläne vieler schiffe der östcrr.-ungar. Kriegsmarine stammen von ihm, so jene der Schiffe vom Typ „Monarch", „HnbSburg", „Erzherzog Kart", dann jene der Kreuzer „Kaiser Karl VI.", „St. Georg", ferner die der projeilierteu 1-1,500 Tvnncn-Schlachtschissr und endlich vieler Totpcdvzerstörer und Hochseeboote. — Der bisherige Vertreter der Handelskammer im Reichsrate und galizijchen Landtage Dr. Nappapö r t ist nach schweren Leiden, gestorben. — Magnatenhausmitglied Hosrath Leo Lünczy, Präsident der Bndapestcr Handels- und Gewerbckammer, Generaldirektor der Pester, ungarischen Kommerzialbank, hat dieser Tage das 25. Jahr seiner in der letzteren Eigenschaft vollbrachten Tätigkeit vollendet. Budapest. Major a. D. Rudolf Deutsch, der erste Jude, der es in der österr.- uugar. Armee zum Offizier bracht e, ist in F ü n f k i r ch e n gestorben. Als Sohn eines Metzgers in Apatin geboren, trat Deutsch 18-19 in das 52. Infanterie-Regiment als Freiwilliger ein und nahm an der Niederwerfung des italienischen Aufstandes teil, bei welcher Gelegenheit er sich derart auszeichnete, daß ihm die silberne Tapierkeitsinedaille verliehen wurde. Bei Tolfcrino hielt er mit einer kleinen Schar Soldaten einer, großen französischen Uebermacht tapfer stand; er gab-seinen Posten nicht eher auf, als bis ihm der rechte Fuß zerschmettert wurde. Im Spital wurde dem inzwischen zum Feldwebel Avancierten die „goldene Tapserlcitsmeoaille" an die Brust geheftet. 'Als Kaiser Franz Josef das Spital besuchte, richtete er an Deutsch die Frage, warum er noch nicht zum Offizier befördert wäre, — und als Deutsch erwiderre, er sei Jude, entgegnete der Kaiser, das sei kein Grund, und ernannte ihn zum Leutnant. — Im Alter von 60 Jahren ist nach schwerem Leiden Herr Israel Perlmutter, während 9Jahre Präsident der hiesigen orthodoxen Gemeinde und seitdem Ehrenpräsident derselben,. verschieden.

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