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Neue jüdische Presse · 1907-02-15 · Heft 7 (15.2.1907) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 7 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Oer Uygrredete, 'starr v»r Ttaunen, war im Augenblick keines Wortes mächtig, doch ergriff er die dargereichte Hand mit seinen beiden Händen und, vielleicht ohne daß er wußte, was er tat, neigte er sich, und berührte mit seinen bebenden Lippen die .Hand seines Vetters, auf die auch ein heißer Tropfen aus' den überströmenden Augen des gedrückten Mannes fiel. Reb Meier nickte ihm freundlich zu, dann begab er sich auf seinen Platz. i Die kleine, alle überraschende Szene, die sich vor aller Angen abgespielt, hatte in der ganzen Synagoge eine unbeschreibliche Bewegung hervorgerufen, das war ein Rannen und ein Flüstern, ein Murmeln und ein Kopfschütietn — das Neilahgebet war um einige Minuten verzögert worden, sodaß gleich' nach Schluß desselben der Schofarton verkünden konnte, daß der große heilige Tag vorüber. Dann folgte das Maariwgcbct und dann strömte alles aus dem Gotteshause. . Benjamin war dem Vater behilflich, den Ueberzieher anzuzichen, während noch mehrere Freunde denselben umstanden, ihm die Hand reichen und ihre Wünsche aussprechen wollten. „Benjamin, geh' zur Mutter, ich komme schon nach." Benjamin eilte voraus, der Vater umgebe» von seinen Freunden, folgte langsamer. Da kam sein Vetter Samuel auf ihn zu und ergriff seine Hand. „Ich habe Dir noch nicht gedankt, Reb Meier — und ich weiß auch nicht, wie ich Dir danken soll — daß Dil mir verziehen hast nach allein, was ich —" „Lass' gut sein, Samuel, die alten Geschichten wollen wir nicht anfriihrcn. — Aber ich möchte etwas mit Dir reden, möchtest Du nicht noch heute zu mir heraufkommen?" „Jetzt gleich' nicht, meiile Tochter wartet, jic könnte sich ängstigen, wenn ich nicht gleich komme. — Aber nach dem Anbeißen konime ich, wenn Dn ivillst." „Gut — also komme bald nach denr Anbeißen, und'bringe Deine Tochter mit, vergiß nicht." „Werd' schon ilicht," erwiderte Samuel überglücklich und eilte davon. Reb Meier blickte ihm schlnunzelnd nach, dann beschleunigte er aber seine Schritte, sodaß er gleichzeitig mit seiner Frau und seinem Sohne die gemeinschaftliche Wohnung erreichte. „Möchtest Du so gut sein, Benjamin- und die Jomkippnrkerze von drüben herüber holen? — Dil könntest mir vielleicht auch gleich meinen Schlafrock und die Hausschuhe mitbringen," fügte er hinzu, um den Sohn um einige Minuten länger fern zu halten, denn vor allem wollte er seine Frau allein sprechen. Als Benjamin das Zimmer verlassen hatte, trat Reb Meier zu. seiner Frau und legte den Arm um ihre Schultern. „Tini," sagte er, und seine Stimme klang seltsam weich, „ich habe mir zwar heute vorgenommen, nichts zu tun, ohne Dich zn fragen, ob es Dir recht ist, aber — wie es 'schon geht — gleich' daraus habe ich doch etwas getan, ohne Dich zu fragen — ich habe den Vetter Samuel und seine Tochter auf heute Abend eingeladen, gleich nach dem Anbeißen werden sie kommen. — Ist Dir'S recht?" „Gott soll Dich segnen!" erwiderte sie, indem sie seine Hand ergriff und innig drückte. „Aber der Jung' soll's noch' nicht wissen, sage ihm nichts. Aber ivenn Dir's recht wäre, könnten tvir heute Abend gleich Knas legen. — Wie? — was meinst Du?" Bevor sie antworten konnte, trat der Sohn in das Zinuner mit Kerze, Schlafrock und Hausschuhen. Betroffen blickte er ans die Eltern, die Mutter hielt die Hand des Vaters und lehnte den Kopf gegcir seine Schulter, während er wie verklärt auf sie hcrniederschaiite, sodaß die tiefe Falte zwischen seinen Brauen nahezu geschwunden schien — so hatte Benjamin sie noch nie gesehen. Doch jetzt traten sie auseinander, der Vater sprach den Hawdalah - Segenspruch, dann setzten sich alle an den bereits gedeckten Kaffeetisch und ließen sich Speise und Trank trefflich innnden, denn sie hatte» seit ungefähr sechsnndzwanzig Stunden weder gegessen noch getrunken. Reb Meier und seine Frau unterhielten sich dabei in traulich heiterer Weise, während Benjamin sich ziemlich wortkarg verhielt. Er kam sich vyr, als befände er sich in einem Traum, in einem schönen Traum und fürchtete zu erwachen. „Was Haft Dn denn zn des Vaters Vorbeten heute gesagt?" wandte sich die Mutter endlich an ihn. „Was hätte ich dazu sagen können? — Alle haben gesagt: „So etwas hat die Welt noch nicht gehört, so müssen die Engel im Himmel singen." Reb Meier lachte hell auf und rieb sich vergnügt die Hände. „Rein, mein Jung', das darfst Dn Dir nicht einbilden, ein Engel ist dein Vater bis dato nicht. Aber ivenn dle Mutter mir helfen wird, werde ich doch vielleicht noch ein guter Mensch werden." „Das brauchst Dn nicht erst zu werden," sagte sie, liebevoll zn ihm hinüber blickend, „das bist Du lchon." „Das meinst Du," versetzte er lachend, „aber mir scheint, unser Sohn ist nicht dieser Ansicht. Wie ist's, Benjamin, was meinst Dn?" Der junge Mann fuhr zusammen, er hatte bisher den Blick auf das Tischtuch geheftet, >nit dem Zeigefinger der rechten Hand das blumige Muster desselben nachgezogen, jetzt richtete er sich auf und ivics mit demselben Finger auf seine sich bewegenden Lippen, um anzudeuten, daß er eben das Tischgeget verrichtete. Als er das Gebet beendet hatte, stand er ans. „Du willst doch nicht mehr fortgehen?" fragte der Vater. „Noch auf einen Augenblick zur Großmutter, um zn fragen, wie sic gefastet hat." „Die Großmutter hat gut gefastet," sagte die Mutter, „sie ist den ganzen Tag in der Synagoge gewesen, aber abends hat sie doch gesagt, daß sie müde ist und sich gleich nach dem Anbeißen niederlegen will, da kannst Dn heute nicht mehr zu ihr gehen. Du würdest sie stören." ' „Ich bin auch müde," sagte der Vater, „sonst pflege ich doch immer am Abend nach Jomkippur etwas für die Laubhütte zn tun, aber heute könntest Dn das für mich tun, Benjamin. Willst Dn?" „Gern, lieber Vater." „Hier hast Du die Schlüssel. Vor allem mußt Dn alles, was da im Zimmer liegt, in den Schrank räumen, dann nur etwas an der Decke oben mache», das übrige hat Zeit bis morgen." „Ich weiß ja, wie Dn es immer machst," sagte Benjamin, indem er die Schlüssel nahm und sich entfernte. (Schluß folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Ein Mann namens Leib Weinstein ans Bcresowka, Bezirk Ananjew, Gonv. Cherson, ist im Sommer v. Js. ansgewandert. Er begab sich nach Rotterdam, wurde jedoch dort wegen Krankheit zurückgewiesen und nach Krakau znrückgesandt. In Krakau ist er aber nicht cingetroffen, und jede ^2pur von ihm ist verloren gegangen. Wir wenden uns daher an die Oeffenttichkeit und bitten jeden, der von dem Verbleib des Leib Weinstein Kenntnis haben sollte, uns gütigst umgehend davon Mitteilung zn machen. Berlin kV. 35. Hilfsvcrcin d. Deutsch. Inden. * ' * * „Lchasir michschaul" mache ich darauf aufmerksam, daß aus denr Osten Deutschland viel Spiritus und Likör znni Versand kommt, mit Hcchscher koscher al pesach, der sich von dem Chomez-Spiritus nur durch das Etikett unterscheidet, insbesondere ist bei Spiritus, der aus L. kommt, trotz des Hech'schers — größte Vorsicht am Platze. Die Frau eines dortigen Fabrikanten erklärte offen: „Wenn die Juden nur das Etikett sehen, nach dem Inhalte fragen diese weniger; wir können billiger handeln, da wir den Sprit ringfrei beziehen." Wer also sich vor dem Genüsse von Chomez- Spiritus schützen will, .kaufe nicht, ohne vorher sich genau erkundigt zn haben. Ich bin gerne bereit, über die Verhältnisse in den östlichen Provinzen Auskuilft zu erteile». Schönlanke, 10. Februar 1807. Rabbiner Dr. M. L. B a m b e r g e r. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Loach.) Samstag, den 16. Februar (= 2. Adar): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 30 Min. n. Berlin 5 Uhr 10 Min. Der Wochenabschnitt Terumoh führt seinen Namen nach der „Hebe", lvelche die Kinder Israel brachten, um dav»n die Stistshütte zu fertigen. Me Stiftshütte (Auhel moöd — Zelt der Zusammenkunft oder Mischion — Wohnung), war das erste Heiligtum Israels. Sie war ein zerleg- und tragbares Zelt und bestand aus Brettern, die mit Teppichen überhängt waren. Der Jnnenraum — 30 Ellen lang, 10 Ellen breit — war in das Heiligtum und das Allerheiligste geschieden _ durch einen Vorhang. Die vorderen 20 Ellen das Heiligtum, die hinteren 10 das Allerheiligste. Um die Stistshütte war ein Hof, eigentlich „Umhof",, 100 Ellen lang, 50 Ellen breit. Die ersten 50 Ellen »ach dem Eintritte waren freier Raum, in den hinteren 50 Ellen stand das Stiftszclt, jedoch von allen Seiten frei. Die Umhofswände waren aus durchbrochenen Umhängei: gebildet. Am Eingang des Hofes wie am Eingang der „Wohnung" befand sich ein von Säulen getragener Vorhang. Ueberhaupt hatte der Umhof auf jeder Längenseite je 20 Säulen, ans jeder Breitenseite je 10 Säulen. Im Vorhof stand O p f e r a l t a r und W a s ch b e ck e n. Im Heiligt u ul der goldne Tisch mit 12 Broten, die jeden Sabbat erneuert wurden. Ihm gegenüber der goldene Leuchter, sieben Flammen tragend. In der Mitte des Raumes der goldene oder Räucheralt a r. Im A l l e r h e i l i g st e n die Bundesl a d e mit den beiden steinernen Tafeln. — J>n heutigen Wochenabschnitt hören wir von den Spenden an Gold, «Uber, Kupfer, Wolle, Fellen, Del, Gewürzen und Edelsteinen. Näher beschrieben ist die hl. Lade nrit dem goldnen Deckel und den Chernbim-Gestalten darüber, der Tisch zu den Schaubroteu samt de» Bedieuuugsgefäßen, der kunstvoll aus einem Goldbarren getriebene Leuchter, ferner die Wohnung selbst. Die Bretter, in je zwei Silberfüßen ruhend, mit Gold überzogen, durch Haken und Riegel verbunden. Drei Lagen von Teppichen als Bedachung, durch Schleifen und Spangen zusammenhängeiid. Der Kupferaltar nebst seinen Zünglein, Pfannen und sonstigen Gefäßen. Der kunstvoll gewebte Vorhang zur Scheidung im Heiligtum. Endlich der Umhof nach Größe, Einrichtung und Einteilung. Bedeutung der Stiftshütte. Nach der Verirrung durch die Sünde des goldenen Kalbes erstand nach Gottes Beseht die Stistshütte als stets gegenwärtiges und sichtbares Wahrzeichen der Gottesnähe. „Sie sollen mir ein Heiligtum machen, daß ich in ihrer Mitte wohne." Die Stistshütte sei ein Symbol für alle »änser Israels; sie deutete das schon durch ihre zentrale Lage innerhalb der 12 Stämme an. Alle Häuser seien ihr ähnlich an Heiligkeit! Letztere ist steigend gedacht: Vorhof, Heiligtum, Alicrheiligstcs. Der Tisch mit den Schaubroten ist Symbol für den leiblichen Genuß und das Irdische. Der goldne Leuchter, mit reinstem Olivenöl gespeist, ist Sinnbild der ewig strahlenden reinen Gotteslehre. Aehnlich die Altäre, die Opfer, die Pricsterkleider usw. Diese Woche wird am Sabbat kein besonderer Abschnitt neben der Sidra verlesen. Es ist eine Havsokoh, d. h. Pause. Eine solche „Unterbrechung" ist in -14 Tagen wieder. Es kommt hierbei darauf au, auf welchen Wochentag jemals der 1. Adar fällt. Die Berechnung dieser verschiedenen Fälle und Möglichkeiten ist der Hauptinhalt der Jauzer-Einschaltung des heutigen Sabbat. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. — Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Kunst und Literatur. Schriften von Eduard König, Professor der Theologie in Bonn aus dem Verlage von Edwin Runge, Gr. Lichtcrselde-Berlin: Der ältere Prophetismus, 48 S. Jk 0,50. Neueste Prinzipien der alttestamentlichcn Kritik. 80 S. Jk 2. \ Glaubwürdigkeitsspuren des Alte» Testaments, 54 S. Jk 0,75. 1 Alttestamentlichc Kritik und Offenbarungsglaube, 56 'S. Jk 0,90. Altorientalische Weltanschauung und Altes Testament, 70 S. Jk 1. Die Babel-Bibel-Frage und die wissenschaftliche Methode, 48 S. Jk 0,70. Die Gottesfrage und der Ursprung des Alten Testaments, 58 S. Jk SO. Babyloniens Kultur und die Weltgeschichte, 42 S. Jk 0,70. Monatsschrift f nr Geschichte und Wisse n s ch a f t d e s Judentums» herausgegeben von Dr. M. Braun. Heft 11/12. Breslau, Koebner'sche Verlagsbuchhandlung. Inhalt: Jampel, Das Buch Esther in geschichtlicher Beleuchtung,— Büchler, Die Todesstrafen der Bibel und der jüd.-nachbiblischcn Zeit. — Goldmann, Der Oelbau in Palästina in der tannaitischen Zeit. Steinschneider, Mathematik bei den Inden. — Besprechungen usw. Conditorei Seligmann, Rechneigrabenstrasse 15. Tel. 8451.

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