Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Mage p M. 5 des Fraukfmter Zsraelitischeu Famlienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Alte Wahrheiten, von Maxime Le Maltre. — Der Zionismus in Ungarn. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der Zionistischen Bewegung. — KunstundLiteratur. —Vereins-Kalender. „I ü d i s ch e I u g e n d." Alte Wahrheiten. . Bon Maxime Le Maitre. Sie haben schwere, das Ziel treffende Waffen im Kampfe ums Dasein. Die eiserne Geduld und verführerische und hoffnungerregende Hellseherei. Wir können warten, sagen sie. Das Judentum' hat Jahrtausende auf fremdem Boden gelebt, Jahrtausende in der Diaspora sein Dasein gefristet, ohne Schaden genommen zu haben, und es wird auch fernerhin' existieren können. Keine Geistesmacht, keine brutale Gewalt wird es je verdrängen können, denn es ist ein Urquell ewiger Wahrheit. Zudem, sagen sic, ist unser Krästcreservoir größer denn je, und es liegt kein Grund vor, die fernere Existenz des Judentums in Zweifel zu ziehen.. Sie sehen also unsere Zukunft in rosigem Lichte — sie, unsere Gegner und unsere Feinde. Und dieses zur Schau getragene Machtbewußtsein, dieses freudige Lächeln, das ihre Lippen umschmeichelt, flößt auch im ersten Augenblick Vertrauen ein. In sicherem, festem Tone spricht nur der an Macht Ucberlegene, der wahrhaft Starke, und nur der, der eine genügende Sicherheit und Machtmittel gegen alle Schicksalsschsägc und Zeitstürme. zu haben glaubt, erlaubt sich den Luxus Optimismus. Sie bejahen die Gegenwart, denn sie heißen sich Starke und Mächtige. — Wir, die Stürmer und Dränger, wir, die die Gegenwart, die jüdische Gegenwart, verneinen, wir sind Finsterlinge, Schwächlinge, die die Kraft des Unmittelbaren nicht verspüren können, wir sind Schwarzseher, die nicht geduldet werden dürfen. Oft habe ich in diesem Tone fromme Rabbinen und freisinnige jüdische Genieinde-Vorsteher sprechen hören. Dieser auf die Macht des Judentums angestimmte Dithyrambus hat mich zu einer kultureritischen Revue eingeladen, deren Resultate und Ergebnisse ich hier mitteilen' will. Ich habe zu allererst die mit soviel Posaul verkündete jüdische Macht der Gegenwart auf ihren letzten Gehalt untersucht, ich habe dem Tonfall der Machtverkünder gelauscht, denn mir lag es daran, in Erfahrung zu bringen, wer von uns beiden lügt oder irrt. Sind wir wirklich so stark, ist unsere Macht im gegenwärtigen weltgeschichtlichen Geschehen tatsächlich so groß, daß sie uns nicht nur Einfluß nach außen, sondern auch unser Sein und Weitersein als historisch-traditionelle und national-politische Einheit nach innen sichert? Haben sie recht, wenn sie die jüdische Gegenwart bejahen und wir unrecht mit unserer Verneinung? Haben sie Grund zum Lächeln und wir zum Nörgeln und Sorgen? Ich will soivohl dem Gegner wie auch dem Feind eine Antwort auf diese Frage geben. Zunächst unsere Gegner. Sie sind ansgesprochene religiöse Idealisten, ihnen ist die Idee alles, der Stoff nur etwas. Sie arbeiten und kämpfen für den Sieg der Idee, der jüdischreligiösen Idee. Das Gedeihen und die stufenweise Vervollkommnung einer Idee hängt von ihren Trägern ab, von den Lebensbedingungen, in welchen die Träger dieser Idee leben und inwiefern diese Lebensbedingungen es den Trägern der Idee erlaubt und ermöglicht, für und niit ihrer Idee und ihrem Ideal zu leben. Welcher westeuropäische orthodoxe Jude kann mir — ohne sich über den wahrhaften Stand der -Dinge hinwezzusetzeu — zugeben, daß die Aussichteil für das Gedeihen und für die Verwirklichung seines Ideals, sich verbessern? Welcher kritisch denkende Jude wird leugnen, daß die jüdisch-religiöse sowie die jüdische Idee überhaupt in der Diaspora nicht verkümmert? Er kann im besten Falle zu Hause und in der Synagoge nach der religiösen Vorschrift leben und nach jüdischen Moralgesetzen handeln. Außerhalb des Hauses und der Synagoge muß er als Staatsbürger, als Nachbar, als „moderner Mensch", als Produkt seines Kulturmilieus leben. Er wird trotz besseren Wollens von unsichtbaren Kräften beherrscht. Er kann nicht über Shakespeare und 'Goethe hinweggehen, und für Jesajah und Jeremija hat er nur wenig Zeit übrig. Und, wenn er sie gut kennt, was sehr selten ist, dann kann er sie verehren und bewundcrkl, nicht aber in ihrem Geiste leben. Denn in seiner geistigen Umwelt, in seinen! Kulturmilieu, von dem er stark beeinflußt ist, dessen notwendiges Produkt er ist, ist für die Prophetenmoral nur wenig oder gar kein Raum. In der Schule erhält sein Kind eine allgemein-weltliche — nichtjüdische Erziehung. Die Kulturwerte, die man in der Schule lehrt, und die oft im Gegensatz zum Judentum stehen, gehen in Fleisch und Blut über und tragen wesentlich zur Bildung seines Charakters bei. Unter dem Einsluß der herrschenden Kultur bildet sich sein religiöses Bewußtsein, sein moralischer Sinn und sein jüdisches Bewußtsein. Die Kultur der Umwelt, die Kultur des Milieus . ist nicht die jüdische Kultur, ist nicht das jüdische Moralbewußtsein. Schon durch unsereExistenzhaben wir dokumentiert, daß wir die Kultur der Umwelt in ihrem religiösen, moralischen, ästhetischen und juristischen Bestandteile a b l e h n e n. Wie es dem jüdischen Schüler in der Schule ergeht, so dem jüdischen Manne in der Schule des Lebens. Der einzelne wird von seinem Kulturmilieu derart aufgefressen, daß er, ivenn er nur ein Durchschnittsmensch ist — und das sind 99 von 100 — kaum zum Bewußtsein konimt. Die Umwelt verzehrt sein aprioristisches Empfinden und zerstört bei ihm viele psychische Werte, die er auf dem Wege der Vererbung erhalten hat. Sein ursprünglich jüdisches Bewußtsein wird getrübt, muß unter starkem fremdem Einfluß verletzt werden, und er ist ein Held, wenn er nur äußerlich und teilweise nur mechanisch die jüdischen Riten beobachtet. (Schluß folgt.) Der Zionismus in Ungarn. B u d a p e st. Wie bekannt, ist Ungarn der einzige europäische Staat, in welchem die Organisat i o n s st a t u t e n der Zionisten von der Regierung noch nicht genehmigt worden sind. Die neologe Landeskanzlei, an deren Spitze die berüchtigsten Assimilanten stehen, hat es bisher verstanden, bei den früheren liberalen Regierungen den Zionismus als staatsgefährlich zu verleumden und die Genehmigung zu hintertreibeu. Neuestens gingen die Zionisten wieder daran, die ministerielle Genehmigung zu erlangen, ilnd da die betreffenden Großjuden bei der gegenwärtigen Regierung keiner allzu großen Sympathie begegnen, so ist begründete Hoffnung vorhanden, daß die Hintertreibung der Regierungsgenehmigung diesmal nicht gelingen wird. Die Tagesblätter bringen diesbezüglich die folgende Notiz: „Die Leiter der zionistischen Bewegung (in Ungarn) wollen ihre Aktion organisieren,' und sie sandten ihre Organisationsstatuten dem Minister de- Innern zu. In ihrer Eingabe sagen sie, daß das Ziel des Zionismus ist, den heimatlosen Juden eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu erlangen. Unter anderem sagt die Eingabe, daß es auch in inserem Vaterlande eine Judenfrage gebe. Die Judenheit auf dem Lande geht zugrunde und ist gezwungen, in die Städte zu ziehen. In zehn Jahren sind 40000 Juden vom Lande nach Budapest gekommen. Wenn dieser Zustand andauert, so werden in zwanzig Jahren 80000 Judenbettler im Lande umherirren. Die Handlungen dieser unsicheren Existenzen, der Lustnienschen werden auf die Rechnung der ganzen Judenheit geschrieben, aber ungerechterweise. Dann behauptet die Eingabe, daß die Landeskanzlei der Israeliten, welche in der Sache des Zionismus nicht orientiert ist, die Organisierung des Zionismus verhindert hat. Darum ersuchen sie den Minister, daß er ohne Anhörung der Landeskanzlei die Organisationsstatuten genehmigen möge." Mit dem Beginn des Jahres sind hier zwei neue jüdische Zeitungen gegründet worden: die eine in ungarischer, die andere in deutscher Sprache. Elftere, ein Wochenblatt unter dem Namen „Zsid6 (Sie t" (Jüdisches Leben), steht im Dienste des Zionisinus und ist — soweit es aus den erschienenen Nummern zu urteilen ist — der hohen Aufgabe, die sie sich gestellt, völlig gewachsen. Sie wird durch ihre gediegenen, im vornehmen Tone gehaltenen Artikel den intelligenten und für ihr Judentum noch worin fühlenden Teil,der ungarischen Judenheit für sich gelvinneu und ihn zu den heiligsten Pflichten gegen die jüdische Gesamtheit erziehen. Die Leiter (Armin Bokor und D r. Leo Singer), wie auch die Mitarbeiter des Blattes sind tüchtige Männer, und sie werden — wie mit Recht zu hoffen — den richtigen Weg finden, unr gegen Jndisferentismus, der die Intelligenten der ungarischen Judenheit zur Untreue gegen ihr eigenes Volk verleitet, wirksam zu kämpfen und echte jüdische Gesinnung zu verbreiten. — Die andere, in deutscher Sprache erscheinende Zeitung führt den Namen: „Allgemeine Jüdische R u n d s ch a n" und erscheint vorläufig zweiwöchentlich. Sie steht auf streng traditionellem Standpunkte und will den Interessen des gesetzestreuen Judentums dienen. In richtiger Erfassung des Wesens des traditionellen Judentums unterstützt sie auch den M i s r a ch i und wirbt für ihn in den Reihen der orthodoxen Judenheit Ungarns. Sie vertritt aber auch die wirtschaftlichen Interessen der verarmenden Mittelklassen der Judenheit. Die bereits erschienenen Nummern zeigen, daß die Zeitung aus der Höhe ihrer Aufgabe steht. Herausgeber ist' Herr Leopold Lebowitsch. Aber auch sonst beginnt es sich zu regen. — In B u d a p e st sind die Vorträge und Agitationsreden häufiger und ziehen stets ein zahlreiches Publikum an. — InNenpe st hielt der Rabbiner Dr. V e n e t i a n e r im dortigen jüd. Jugendverein einen mit Beifall ausgenommenen Vortrag. — In Steinamanger (Szombathely) hat der konservativ gesinnte und gelehrte Oberrabbiner Dr. Bsla Bernst e i ir, der sich mutig der Sache des Zionismus annimmt, einen ausgezeichneten Vortrag über den Zionismus und seine Institutionen gehalten, der einen großen — moralischen und materiellen — Erfolg hatte. Derselbe agile Arbeiter für die heilige Sache hat auch in S ümeg gesprochen. In Neuhäusl (Erschekujvär) sprach Ghmnasialprofessor Bokor über die Bewegung und warb sür die Idee, die auch von den Rabbinerir beider jüd. Gemeinden unterstützt wird. Jn Bonyhäd war am 13. Januar eine Agitationsversammlung, in der wieder der vom Zentralburearl-ausgesandte Prof. Bokor bei überaus großer Beteiligung der beiden Gemeinden daselbst einen interessanten Vortrag hielt. An der Leitung des gegründeten Vereins beteiligen sich die hervorragendsten Persönlichkeiten der Judenschaft. — InKa sch au hat der Verein „Esrath Israel" einen Zuwachs von 30 neuen Mitgliedern erfahren. — Die Jugend schließt sich der zionistischen Bewegung mit Eifer an, und die zionistische Zentralleitung sorgt rührig für Agitation.