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Neue jüdische Presse · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage p Nr. 4 des Frankfurter Israelitischen Famüiendlattes. Inhalt -er Beilage : Was ist und was will der Misrachi? — Aus dem Geschäftsleben. — Vereinskalender. Was ist und was will derMisracht? (Schluß.) Bei der dritte» Gruppe von Gegnern, de» Gesetzestreuen, die den Misrachi bekämpfen, weil er zionistisch ist, wird nicht klar, warum sie eigentlich Gegner sind. Man wundere sich nicht 'darüber! Es wechseln nämlich die Gründe mit btt Zeit und je nach Bedarf oder Wirkungsfähigkeit der Argumentation. So war es auch hinsichtlich des Zionismus. Ws der Zionismus austauchte, wurde er bekämpft, weil er deutschem, ungarischem usw. Patriotismus widerspreche, weil er Antisemitismus mache, weil er de» reli'giöfeir Prophezeiungen zuwiberkaufe, weil wir Inden kein Volk seien usw. All diese Argumente sind heute Antiquitäten geworden, die höchstens noch Non den Reformrabbinern anfzetischt werden aus Not Und Verzweistung, weil ihnen der Zionismus das Wasser ihrer Existenzberechtigung von Tag zu Tag nur drohender abgräbt. Mso bleibt unverständlich, welche Gründe gerade heute von den Gesetzestreuen gegen den Misrachi ins Feld geführt werden. Es scheint mir aber weniger, daß man die zionistische Praxis fürchtet, und beängstigt ist, cs könnte unter der moralischen Deckung des Misrachi im Zionisrmls gesetzwidriges geschehen; vielmehr scheint mir die misrachistische Theorie das zu sein, was vor alleni den Widerspruch herausfordert, d. h. die Zugehörigkeit des Misrachi zuin Zionismus, die gemeinsame Arbeit des gesetzestreuen Misrachisten «n der Seite des nationalen Zionisten. Man kann ja die Ansicht vertreten, ein gesetzestreuer Jude dürfe sich schlechterdings nie und in keinen! Falle mit einem Gesetzesleugner in einem Gremium vereinigen zur Beratung und Förderung von Interessen, die alle» gemeinsam sind (wobei die absichtliche Ignorierung der auseinandergehenden Interessen vorausgesetzt ist). Aber diese Meinung ist ein Dogma und ein Dogma ist ein Satz, der unbewiesen und unbeweisbar zu glauben ist. Wer also diesem Dogma huldigt, für ihn ist kein Platz im Zionismus und Misrachi, und niemand ist imstande, ihm den Misrachi akzeptabel zu machen. Von ihm gilt der Satz: „Fiat justitia, pereat mundus“. Mag auch die Welt darüber zu Grunde gehen, wenn nur die Gerechtigkeit ihren Lauf ninrmt — mag auch das Judentum Not leiden und zu Grunde gehen, wenn nur die Prinzipien gerettet sind. Diese Prinzipientüchtigkeit, die ja einen! recht konsequenten Idealismus entspringt, aber das Gegenteil einer vernünftigen Wirklichkcikspolitik darstellt, ist, wenn auch in abgeschwächtem'Maße, bei den Gegnern vorhanden, die in dem Eintritt des gesetzestreuen Juden in die zionistische Organisation eine Verleugnung der Prinzipien des gesetzestreuen Judentums erblicken und im Interesse der Reinhaltung dieser Prinzipien gegen Zionismus und Misrachi kämpfen. Sie befinden sich in einem grundsätzlichen Irrtum. Das objektive Verhältnis des Zionismus -zum gesetzestrenen Judentum ist folgendes: Um sein Ziel erreichen zu können, muß der Zionismus, falls er nicht in sich widerspruchsvoll sein soll, auf solchen Bedingungen gegründet sein, die sür alle Juden ein Einigungsband abgeben können. Daß die religiöse Idee dies zur Zeit nicht ist, bedarf keiner weiteren Beweisführung. Das klägliche Scheitern des Versuchs des Deutsch-Jsr. Gemeindebundes, den preußischen Juden in einer Konsistorialverfassung den Stempel religiöser Einheitlichkeit aufzuprägen, beweist zur Genüge, daß zur Zeit nie und nimmer religiöse Gesinnungsgleichheit das Merkmal der preußischen, resp. deutschen wie überhaupt aller Juden ist. Wir von unsren! .Standpunkt aus müssen diesen Zustand aufs tiefste beklagen. Aber auf dem Boden der Tatsachen stehend, inuß man mit ihm rechnen. Es gab und gibt aber noch ein Merkmal des Judentums, das bei allen denen vorhanden ist, die Juden in irgend einem Sinn sein und bleiben wollen, das ist das nationale Moment. Und dieses bildet das Fundament des.Zionismus. Die nationale Zusanlinengchörigkekt ist ein zweifellos bestehendes festes Band, das alle Juden, die sich bewußt zum Judentun! bekennen, umschließt und im 'Augenblick sicherer zusaininenschließt, wie das religiöse Moment. Der bewußte Nationaljude gar exoelleuoe, der mit der Religion der Väter gebrochen hat, der gesetzestreue Jude, der seine ganze Aufgabe in der individuellen Erfüllung des Gesetzes sieht und auf ein einstiges Zion hofft, der Reformer, der ehrlich davon überzeugt ist, auf seinem Irrwege das Judentum zu erhalten, der Assimilant, der, geblendet und angezogen von seiner nichtjüdischen Umgebung, alles Jüdische über Bord wirft, es jedoch nicht über sich bringt, durch Mischehe und Taufe ganz mit dem Judentum zu brechen, der Gedankenlose, der ingleichcrweise jüdische Religion wie Nationalität perhorrcsziert, sich aber an jüdischen Wohltätigkeitsanstalten, an jüdischen Literaturvereinen beteiligt und auf sein „jüdisches Herz" stolz ist, sie alle umschließt wie eine eherne Fessel das' gemeinsame Band der gleichen Abstammung: der nationalen Einheit — nur daß sie dem einen llar bewußt ist, bei dem andern unter der Schwelle seines Bewußtseins schlnnnnert. Und dieses nationale Band bildet den einzigen, ja den einzig möglichen Unterbau der Zusammenfassung der zeitgenössischen Judenheit, wie sie nun einmal ist, im Zionisinus. Das, was allen gemeinsam ist, bildet die Grundlage der Einigung, nicht eine restlose Uebereinstimmung. Auch hinsichtlich des gesetzcstreuen Judentums ließe sich die Anwendung dieses Satzes unschwer erweisen. Vereinigungen kommen eben zustande durch Verpflichtung der sich Einigenden auf das Minimum. Eine Anzahl von Individuen, deren Bestrebungen und Absichten iin übrigen ein buntes Gemisch vorstellen . können, . besitzt irgend ein gemeinsames Ziel. Sie einigen sich unter Außerachtlassung der trennenden Anschauungen auf ein Programm, das Ziel und Weg unzweideutig umgrenzt und zu dieser Umgrenzung unbedingt nötig ist. Dieses Programm muß das mindeste enthalten, mit dem eine gemeinsame gedeihliche Arbeit möglich ist, es stellt das Mindestprogramnr vor. Entwickeln wir ein solches Mindestprogramm von der anderen Seite her, so ist es häufig auch das Maximum der in einer Organisation vorhandenen Uebercinstiimnungen für den beabsichtigten Zweck. Grade in der letzten Zeit war in unserem politischen Leben viel die Rede von einem Mindestprogramm, auf das sich eine Anzahl politisch differenter Parteien zur Erzielung gemeinsamer Zwecke geeinigt hatten. Dabei hatte keine Partei ihre spezisische Eigenart aufzugeben brauchen, und niemanden ist es in den Sinn gekommen, solches zu vermuten. Auf den Zionismus angewendet: Sein Programm stellt ein Mindestprogramin vor, auf das sich alle Juden, sofern ihnen die. Erhaltung des Judentums in irgend einem Sinn wertvoll erscheint, einigen können und u. E. einigen müssen, ohne Gefahr zu lausen, sich dadurch dem Verdacht auszusetzen, jede Verschiedenheit in anderer und vornehmlich religiöser Beziehung überbrückt zu haben. Die Anschauung ist also znrückzuweisen, daß in dem Bekenntnis zum zionistischen Progrannn, d. h. also dem Mindestprogramin der zeitgenössischen Judenheit eine Verleugnung der Prinzipien des gesetzestrenen Judentums liege und daß für die gesetzestreuen Juden sich die Notwendigkeit ergebe, im Interesse der Reinhaltung ihrer Prinzipien sich vom Zionismus fernzuhalten und den Misrachi zu befehden. Niemand bedauert freilich mehr wie die gesetzestrenen Zionisten, daß das Basler Programm zur Zeit auch das Maximum der llebereinstiminnngen vorstellt. Wer in Fragen des praktischen Lebens für verstandesniäßige Deduktionen weniger zugänglich ist, sei zur Begründung der eben geäußerten Ansicht aus ein Geschehnis der letzten Wochen verwiesen. Schulter an Schulter kämpften znr Verteidigung gemeinsamer Interessen Zionisten und solche gesetzcstreue Juden, die sonst Bannerträger ini Kampf gegen den Zionismus sind, in einer gemeinsam nach Karlsruhe einberufenen Versammlung gegen das sog. Badische Gebetbuch. In einer gemeinsam abgefaßten Resolution protestierten sie — Zionisten und Gesetzestreue — gegen die Tendenzen des Gebetbuches, „in kvelchen alles eigenartig Jüdische gestrichen sei, grundlegende Lehren des Judentums verleugnet wurden und dem Rückgang lebendiger jüdischer Empfindung nur Vorschub geleistet sei." Wenn überhaupt das Zusammengehen des Gesetzcstreueu mit dem nationalen Zionisten geeignet ist, die Reinhaltung der gefetzestreuen Prinzipien zu gefährden, so ist es die eben berichtete Versammlung. Davon aber kann keine Rede sein. Man wird uns erwidern: Hier handelte es sich um einen einmaligen Gelegenheitsfall, ihr habt Euch dauernd verbunden. — Ja, kann der Gelegenheitsfall sich nicht täglich und stündlich wiederholen und zu einer Kette von Fällen werden, die von dauernder Verbrüderung nicht recht zu unterscheiden ist und: kann bei den Unkundigen und Unkritischen, denn nur solche können es sein, nicht auch durch einen Fall eine falsche Vorstellung v.ou. den Prinzipien des gesttzestreuen Judentums hcrvorgerufen werden? Gift bleibt Gift, auch einmal genossen. Einmal ist keinmal, heißt es nur in einen! Sprichivort, von dem wir schon als Kinder gelernt haben, daß es falsch ist. Schließen sie sich der Folgerung an: Niemals liegt in der Zugehörigkeit eines Juden zur zionistischen Organisation die Verleugnung seiner gesetzestreuen Grundsätze. Das Judentum ist nicht doktrinär, die jüdische Religion ist eine Religion der Tat. Man könnte es ja einigermaßen begreiflich finden, eine solche Behauptung aufzustellen, wenn das gesetzestreue Judentum in einem Siegeslauf durch die Welt begriffen wäre, ivenn mir überall beobachten könnten, wie der Abfall schwindet und eine Rückkehr zur Thora und zur Gesetzesheiligung vor sich geht. 'Aber mit Nichte» das! Wir bedauern das ganz gewiß ebenso, wie unsere Gegner und wir wären glücklich, wenn sie ihre Einwände mit einer solchen Tatsache stützen könnten, denn ihre Sache ist auch unsere Sache. Statt dessen wird das Judentum von einem fremden Zeitgeist verzehrt, nimmt der Abfall überhand und wir sehen allerorten Söhne und Töchter der thoratreuesten Eltern unsrer Emnnah untreu werden. Und da wagt man es, irgend eine Hilfe, die von auswärts kommt, abzulehnen und zu sagen: Wir bedürfen dieser Hilssniittel nicht; wir sind allein siegreich. Das ttingt beinahe wie Hohn. Und daß der Zionismus tatsächlich eine solche Hilfe bringt, wird selbst von den Gegnern anerkannt. „Daß der bewußt nationaljüdische Gedanke, wie ihn der Zionismus ausgeprägt und betätigt hat» ein vorzügliches Gegengift gegen die Taufe ist, ist nie von gesetzestreuer Seite bestritten worden" schreibt bas wortsührende Organ der Gegner. „Ja, wir geben gerne zu — ich zitiere wieder einen Gegner — daß der Zionismus manchen, der bis dahin vom Judentum nichts wissen wollte, allmählich dem gesetzestrenen Judentum zuführte" usw. Denken sie ferner an die Karlsruher Versammlung, wo Zionisten und Gesetzcstreue gemeinsam gegen antireligiöse Ucbergrifse kämpften. Bedarf es noch fernerer Beweise, daß der Zionismus ein Heil für das Judentum ist? Kann den Gesetzestrenen im Kainpf für die geistigen Güter des jüdischen Volkes noch ein besserer Bundesgenosse erstehen als der Zionismus? Ferner: sind die materiellen Hoffnungen und Bestrebungen des Zionismus nicht gleichfalls die unsrigen, die der gesetzcstreuen Juden? Harren wir nicht sehnsüchtig des Tages, an dem die Zerstreuten Israels wieder im Lande der Väter gesammelt werden, das jüdische Reich von neuem erblühen wird? Sollen >vir diese Zukunft tatenlos erwarten, sollen Ivir ruhig zusehen, bis die Erlösung wie eine reife Frucht uns vom Baum herab in den Schoß fällt? Ganz gewiß nicht! Nehmen wir unser Geschick, das Geschick unsrer Thora, das Geschick unsres Volkes in unsre eigene Hand! Folgen wir denr Beispiel unsres Erzvaters Jakob, das im letzten Wochcnabschnitt erzählt wird: Auf der Flucht zu Laban wird ihm die Verheißung zu teil, daß Gott ihn behüten und in seine Heimat znrückbringen werde. Auf dem Heimwege zeigt er ange-

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