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Neue jüdische Presse · 1907-01-25 · Heft 4 (25.1.1907) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 4 (25.1.1907)
Date
1907-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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JttctnJifnrfc* Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen; Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— GedaKkion und Hefchäftssterle: Frankfurt a. m.. Lleichstraße 2, Ecke vttbelerstraße T«r-fo« 10507. Herausgeber: §<xt% Heis. -1 Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile . . . .. 100 „ Platz« und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ■ ■ .. FreUag, den 10. Ledvat LVV7 l2s. Januar 1807). 5. Jahrgang. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die Sehnsucht nach Schönheit im älteren jüdischen Schrifttum. — Das neue Kultuskicsetz in Frankreich. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Aus d.enBereinen. — Personalien. — Feuilleton: Ein Jomkivpur, v.Emst Schwarz. — Sprechsaal. — Aus der zionistischen Bewegung. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die Sehnsucht nach Schönheit im älter« jüdischen Schrifttum. Dargestellt von H. Zeitlin, übertragen und eingeleitet von B o i a k. (Schluß.) Je mehr man dem Weltengeränsch, dem Weltenreizc entflieht, je größer die Weltabgeschiedenheit, desto impulsiver und unbändiger tobt die in der Menschenbrust verborgene Leidenschaft. Je intensiver die Leidenschaft, desto inbrünstiger die Sehnsucht nach Schönheit. Mächtig wird die Sehnsucht nach Schönheit, ist.aber in der Einsiedlerschaft der Offenbarungsmöglichkeiten beraubt, in ihrer schöpferischen Kraft behindert, in ihren natürlichen und freien Aeußernngsformcn gehemmt. Auf Umwegen muß sie ihrem Luft- und Lebensqucll nachgehen, der symbolifchen Redensarten sich bedienen, ihren tiefen Schmerz im Glauben aufgchen lassen. „Und ihr dürfet nicht euerem Herzensgelüste und Augenreize fröhnen." Das Herz und das Auge, beide sind Vermittele! der Sünde. (Jernschalmi Brochanth Absch. 1.) Wer unterwegs sein Thorastudium unterbricht mit einem Ausrufe, wie: „O, wie schön ist doch dieser Baum, wie prächtig dieses Feld", der hat durch Selbstverschulden sein Leben gefährdet. (Awauth.) Ist es aber unerlaubt, den Herzensgelüsten zu fröhnen, verboten das Thorastudium zu unterbrechen — so ist doch der Genuß der Schönheit in Verbindung mit der Religion gestattet. — Gerätst du beim Anblick des schönen, reinen Himmels in Entzücken, so mögen die sich in dir auslösenden Gefühle in einem Segensspruche . sich kundtun: Gesegnet sei, der die tlrtaten veranlaßte. (Brochanth p. 59.) Erblickst du den Mondwechsel, und deine Brust schlägt dabei in Freude und Wehmut, so ergieße deinen Herzensdrang vor deinem Schöpfer —: sprich den Weihesegen. (Birchath Hachaudesch.) Gewahrst du die Weltordnung, das Sonnensystem, den Mond in seiner zaubervollen Pracht, die Sternbahnen und die Schicksalszeichen — so sprich: Gesegnet sei der Urschöpfer. (Brochauth p. 59.) Erstaunest du vor der Größe des Meeres — so mache deinen Gefühlen in einem Segensspruch Luft: Gesegnet fei der Schöpfer des Ozeans (ebenda p. 54). Jede Naturerscheinung muß dir einen Dankspruch. an Gott «bringen: Der Donner, die Blitze, die Winde und Berge, die Meere, Seeen und Düsten. (Ebenda.) Lustwandelst du im Frühling, und beschaust das Wiedererblühen der Bäume, so ergieße deine freudigen Gefühle vor Gott und sprich: Gesegnet sei der, in dessen Welt es an nichts mangelt, der alle schönen Geschöpfe hervorzauberte und alle schönen Bäume, um den Menschen zu vergnügen und zu erfreuen. (Rausch .Haschonoh p. 11.) Ist es dir untersagt, in den Gebethäusern Bildnisse aufznstellen, so bist du doch verpflichtet, nach Möglichkeit den Gottesdienst zu verschönern- Horedot hatte den Tempelbau ausgeführt und wollte nun diesen mit einer Goldschicht überziehen; da sprachen zu ihm die Weisen: lasse es lieber beim Marmor; denn der Marmor sieht den Meereswogcn ähnlich. (Bobo Basro p. 4;) Weshalb ist das Azurblau allen andern Farben vorznziehen? — Azurblau ist die Meeresfarbe, das Meer gleicht dem Himmel, der wiederum dem Stuhle Gottes gleich' ist. (Sautoh p. 17.) Du mußt den Gottesdienst verschönern mik einer schöne» Sukoh, einem prächtigen Lulow, einem schönen Schaufor und Zizeth, einer herrlichen Thorarollc, die von einem Künstler mit besteni Materiale geschrieben und mit prachtvollstem Seidenstoffe umhüllt werden soll. (Sabbat p. 133.) Beim Beten mußt du dein kostbarstes Gewand anlegen (ebenda 113). Rabbi Chanina Pflegte zu sagen: Laßt uns die Königin feierlich empfangen. Rabi Janai legte festliches Schmuckgcwand an und rief: Komme, Geliebte — o, komme t (Baba Kammoh p. 32.) Der heilige „Ari" erachtete eS als unverbrüchliche Sitte, der Königin Sabbat auf dem freien Felde zu begegnen. An jedem Freitag begab er sich bei Abenddämmerung in Begleitung seiner Schüler außerhalb der Stadt und begrüßte da in feierlicher und froher Stimmung den Sabbat. Damals Hai er alle schwebenden Seelen geläutert, die ganze Welt gereinigt, das „Ende" näher gerückt. (Schewach Hoari, Chemdos Haiomiin, Amal Hamelech.) Dieser Brauch wurde auch vom „Bescht" gepflegt. Frei lustivandclte er durch die Wiesen, von seinen Schülern umgeben. Alle Seelen erhob er in eine höhere und reinere Sphäre, die ganze Schöpfung brachte er auf ein höheres Niveau. (Schwochci Bescht.) Rabi Nachman aus Baraslaw hat die höchsten Stufen der Göttlichkeit erklommen, weil er in Feldern und Wäldern umherirrte, gemeinsam mit der Natur Lobhymnen an Gott richtete, in tiefen Höhlen Psalmen hersagte und ganz allein in einenc kleinen Kahn auf dem großen weiten Sec nmherfuhr. (Schiwchei Rabi Nachman.) Mehr noch als in dem bisher Geschilderten äußert sich ein Schönheitsdrang in gewissen Schmerzen verschiedener Zadikim, in einer mächtig glühenden Leidenschaft, in einem ewigen Kampfe mit den sinnlichen Trieben, in der Wehmut, die im Kampfe sich kundtut. Je größer der Mensch, desto mächtiger sind seine sinnlichen Triebe. (Sukoh p. 32.) In der Zukunft wird Gott den bösen Geist herbeiholen und ihn angesichts der ganzen Welt No. 4. hinschlachtcn. Ten Böscmichtern wird er haarklein erscheinen, die Gerechten aber werden in ihin die Größe eines Riesenberges erblicken. . . . Diese wie diese weinen. . . . Bei den Röscwichtern ist das Reiznrittel zum Schlechten so gering, und doch sind sie zu schwach, um ihm zu widerstehen, bei den Gerechten aber ist der böse Geist riesengroß, und doch ist er ihnen besiegbar. (Ebenda.) Wohl besiegen sie ihn, aber viel Leibes- und Geistcsanstrengung bezahlen die Gerechten für diese» Sieg: und ist er schon niedergcstreckt, so steigt in ihnen eine schmerzvolle Wehmut auf, als ob sie ihn von neuem herbeisehnten. Mil wenigen aber starken Worten schildern einige Sagen diesen ewigen Kampf mit dem bösen Geist und die ewige Sehnsucht nach Schönheit. Mir einigen markanten Strichen zeichnen sie eine Tragödie von antiker Größe und Erhabenheit. Leidenschaften — glühendes Feuer, Menschen — stahlfeste, ziehen an uns vorüber. Zeitlebens oblag Rabbi Massiv ben Chorosch in Bct-Hamidrasch dem Thorastudium. Seine Schönheit glänzte wie die der Sonne, und sein Antlitz glich demjenigen eines Engels, Iveil er niemals zu einem Weibe aufschaute. Voll boshaften Neides schlich einst der böse Geist au ihm vorbei. Wie — sagte sich der Satau — soll dieser Mensch sündlos bleiben? Darauf begibt sich der Satau zu Gott und spricht: Herr der Welt! zu welchen! Menschenschläge gehört Rabbi Massiv ben Chorosch? — Er ist ein vollkommener Zadik! — Gib mir die nötige Vollmacht, und sofort soll er dem Laster fröhnen. — Gut, du sollst sie haben — beikvmmen aber wirst du ihm nicht. — Und der Satan verwandelte sich in eine Frauengestalt von einer Schönheit, wie sie die Wett feit Naamoh, der Schwester des Tuwol-Kain (von der sich selbst Engel zum Last.r verfahren ließen — wie es heißt: und die Götter gewahrten, daß der Menschen Töchter schön sind) noch nicht kannte. Als solche reizvolle Frau begab sich der Satan zu Rabbi Massiv. Kaum' wurde Rabbi Massiv dieses unwiderstehlich verführerischen Weibes ansichtig, da wandte er sich ab. Aber auch da gewahrte er das Weib. Nach rechts oder links — wohin er sich auch nicht wenden sollte. — des Weibes Blicken konnte er nicht ausweichen. Daraus sprach Rabbi Massiv: O, wie fürchte ich meine sinnliche Reizbarkeit, daß mich nur nicht der böse Geist verführe. — Wie half sich nun der Zadik? Er ließ einen seiner Schüler, den er auch als Diener erwählt hatte, holen und befahl ihm, ungesäumt Nägel und Feuer zu bringenl Als dies geschehen war — da griff Rabbi Massio nach den glutheißen Nägeln und durchstach mit ihnen seine Augen. Als der Satan solches sah, da durchrieselte ihn ein kalter Schauer, und er fiel zu Boden. — Und Gott sprach nun zum Engel Raphael: Geh hin und heile Rabbi Massio. — Als Raphael vor Rabbi Massio erschienen war, da fragte ihn letzterer: Wer bist du? — Ich bin Raphael, Gott sandte mich zu dir, um dir

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