Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1907-01-18 · Heft 3 (18.1.1907) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
5 (1907)
Issue
Heft 3 (18.1.1907)
Date
1907-01-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692511-2692514--02975-2697620
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Beilage zu M. 3 des FrMjmttr JsraMischei FaMeadlMes. Anhalt der Beilage: Artikel: Die Woche. — P ersona lien. — Aus der Lehrerweli. — Aus denBereinen. — Aus der zionistischen Bewegung.— Sprechsaal. — Vereins-Kalender. — „Jüdische Jugend." Die Woche. Die trostlosen Zustände im heiligen Rußland dauern noch an, der rote und der schwarze Terror beherrschen noch immer die Situation, ersterer unlegalisiert, letzterer legalisiert — von Gottes Gnaden, lind inmitten des Ungeheuern Wirrwarrs und grenzenloser Anarchie schreitet das Land zur Wahl der zweiten Duma. Werden die Wahlen die verworrene Situation klären? Wer könnte es mit Bestimmtheit sagen! Der liberale russische Ministerpräsident Stolypin hat sein Bestmöglichstes getan, um hie entrechtete Volksmasse noch mehr zu entrechten. Er verfuhr dabei sehr einfach.: Alles, was mehr oder minder zum „Schwarzen Hundert" gehört, wurde von ihm als legal erklärt, mithiir berechtigt, zu propagieren in Wort und Schrift, und gleichzeitig einer wirksameren Propaganda halber berechtigt, Terror in lveitestem Maße «uszuüben. Altes andere aber wurde als uitlegal 'befunden und ihm damit das Recht zu irgeird Ivelcher Wahlagitation genommen! Daß der liberale Minister noch viele andere Mittel zur direkten und indirekten Wahlentrechtung benutzt, braucht nicht erst gesagt zu werden, ein russischer Minister ist im Erfinden von Entrechtungen geradezu unerschöpflich! — Trotzdem ist es aber nicht ausgeschlossen, daß auch die gefälschten Wahle,: eine volksfreundliche Mehrheit ergeben. Und was dann? Väterchen hat ivcder den Willen noch die Kraft, von seinem Absolutismus Mstand zu nehme», und würde daher — käme es auf seinen guten Willen allein an — die zweite Duma ebenso auseinander jagen, wie die erste; doch wird der Staatssäckel inrmer leerer und leerer, und er wird zu einem neuen Pump in den Kulturländern — im „faulen Europa", wie es die „Echt russische Leut" zu nennen belieben — schreiten müssen. Und da ist bann die Frage: Werden die Kulturstaaten dem Absolutisnlus wiederum ihre Unterstützung gewähren? Werden u n s e r e Emersdorfers, Weisweillers, Seligmanns, Levys, Kahns, Hirschs usw. es wagen, das Hooliganentum noch ferner zu stützen? „Ein Verbrechen an der Menschheit begeht der Bankier, der der russischen Regierung noch Geld darleiht" meinte Herr Jakob H. Schiff bei einem Bankett, das zu Ehren des Zionisten Dr. Schmar jahu Levin, der zurzeit in Amerika weilt, zu Newyork gegeben wurde. „Als Totengräber der jüdischen Emanzipation" brandmarkte ° sie Jaures öffentlich. Schiff und Jaures sind keine Rufer in der Wüste, ihre Stimmen sind ein Echo der Menschheit. Der Zorn der großen Massen wird sich eines Tages entladen und dann —. Weh all den Verbrechern, die Wut der Massen wird sie niit ihren Goldgötzen zermalmen. * * * Ein Fürst ist in Juda gefallen, ein großer Fürst! „Der König ist tot, es lebe der König!" mag ein Trost für seine Getreuen sein; doch der König des Forschens und des Wissens ist tot und niemand kann fein Erbe antreten. Worin sollte da das „Am Ha- Seser" das Volt des Buches Trost erblicken, womit sich trösten?! — Salomon Buber ist der große Fürst, der da gefallen ist, der erbenlose König des Forschens und Wissens, der tot ist; — und womit sollten wir uns da trösten können?! Und Salomon Buber war König im Reiche des jüdischen Wissens, das Wissen, das nicht einmal von den eigenen Söhnen, den Söhnen Judas, hochgehalten wird, er erforschte ein verlassenes Gebiet, forschte und hob viele kostbaren Schätze aus seinen Goldgruben, die verschüttet waren; das große Vermögen — 34 stattliche Bände, selbständige Werke, bearbeitete Editionen alter Handschriften, zumeist aus der Midrasch-Literatur, hebräisch geschrieben — das er in langer — fast 50 Jahre —, schwerer Arbeit Volke; sind seine Werke doch in der Sprache seines Volkes geschrieben. — Wird das Volk seinem Könige die Treue in ehrendem Andenken nach seinem Tode bewahren? Zu seiner Lebzeiten war es nicht der Fall. . . . Verlassenes Volk, verlassene Fürsten! Doch siehe, in unserem tiefen Schmerze ob des soeben — 30. Dezember — dahingegangeuen Fürsten, vernehmen wir die freudige Kunde von einem Feste — 70 jährigein Geburtstage — eines zweiten Fürsten in Israel, eines ebenso großen Fürsten, eines wahren König in seinem Reiche, in dem großen Reiche der Poesie. Unter dem Namen „Mcndele Mancher Sforim" (Abramowitsch) ist uns der zweite Fürst bekannt' ein gar herrlicher Dichter, ein Dichter von Gottes Gnaden. Hat der abbernfeue Fürst die Schätze der B c r g a u g e u h e i r aus der Geldquelle der Hagada geschöpft und die Seele unserer Ahnen zu offenbaren gesucht, so hat — jibodel lechajim — der lebende Fürst aus der Fundgrube der Gegenwart unendlich kostbare Schätze gehoben; auch er hat uns die jüdische Seele zu offenbaren gesucht, und so wie erster,,, so ist auch letzterem dieser Versuch vollständig gelungen. Will jemand die jüdische Seele mit allen ihren Nüancen, Schatten- und Lichtseiten kennen lernen, so braucht er nur die Werke Mendeles' mit Aufmerksamkeit zu lesen, — und das große dunkle Bild steht für ihn offen, gleich sind die Schätze, die „ns Mendele in seinen bisherige» Werken geboten hat und der Lohn? Fraget nicht danach. Dichter und Gelehrte eines Volkes, das keinen Boden unter den Füßen hat, harrt kein Lohn. Undank und Verlassenheit ist deren Lohn — Abramowitsch, der in Odessa lebte, mußte von seiner Stiefhcimatstadt flüchten und weilt gegenwärtig in Genf —. Haben diese knappen Zeilen das große Genie Abramowitsch richtig bewertet? Keineswegs, nicht einmal als Anfang des Versuches einer literarischen Wertschätzung seines großen Talentes sollen sie dienen; allein der Rahmen einer Wochenbetrach tnng gestattet nicht, literarische Kriterien zu cepro duzieren. Was tvir wollten, ist nur, unsere Leser mit den Namen seiner großen Gelehrten und Dichter vertraut zu machen. lenkbaren Luftschiffes Graf Zeppelin-Ueber-- lingen 10000 Jl für die Mitwirkung an der Erindnng seines lenkbaren Luftschiffes. Mattersüors (Ungarn) Im Alter von 108 Jahren tarb hier die Privatiere Julie Oesterreicher. London. En Monat, nachdem er seinen 70. Geburtstag gefeiert hatte, ist I s a a c Aron Joseph gestorben. Joseph war eine der leitenden Persönlichkeiten im hiesigen jüdischen Gemcindeleben und hat sich als solche mannigfache Verdienste erworben. Paris. S a lom on Rein a ch. der Bneo-äsident der Alliance Jsraelite und der Jca, ist zun, Präsidenten der Akademie der Wissench a f t e n ünd der schönen Künste gewählt worden. Reinach, der Direktor des Museums von St. Germain ist, übersetzte Schopenhauer und St. Augustine ins Französische und veröffentlichte ein Handbuch der klassischen Philosophie, eine Abhandlung Frhr. v. Bienerth usw. Philadelphia. Am Alter van 92 I hren verschied Frau S a ra h Adler, eine Tochter des ^erstorbenen Rabbiners Mendel Kargan in Fürth Bayern). Ihr Mann, Samuel Adler, gehörte zu de» Vorkämpfern des Resormjudentnms in de» Bereinigten Staaten. Personalien. Berlin. Der Rote Adlerorden 4. Klasse wurde dem Bankier Juliu.s Friedemann und den, Bankdirektor Paul Mankiewitz verliehen. Berlin. Prost Bier von Be-lin, ein Enkel des kürzlich verblichenen Prof. Rabbiner Heide,«heim in Sandersleben, hat jetzt den Ruf als Leibarzt des Sultans angenommen. Leipzig, 15. Jan. Das Reichsgericht bat die Revision des Grasen Pückler-Klein-Tschirnc, des bekannten Antisemiten, v e r wo r f e n. Pückler >var am 20. Oktober o. I. vom Landgericht Berlin I wegen Aufreizung verschiedener Bevölkerungsklassen zu Gewalttätigkeiten gegen einander, begangen durch Reden und Flugblätter, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden. Mülhausen i. Elf. Der Bildhauer Friedrich Beer, der bekannte Schöpfer des hiesigen Monumentalbrunnens, wurde zum Ehrenmitglieds der Akademie der bildenden Künste in Mailand ernannt. Stadtlengsfeld I Sachsen-Weimar». Dem seitherigen Kultusvorstcher Jakob Huhn wurde in Anerkennung seiner 50jährigen verdienstvollen Amtsverwaltung von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzoge die goldene Verdien st medaille verliehen. Lstrowo lPosens. Zu Geschworenen sind die Herren Martin Pilz und Siegfried Fmbach von hier, E. Joachim aus Pleschen und E. Katzen ellenbogen aus Krotoschin ausgelost werden. Wollstein lPosens. Die hiesige jüdische Gemeinde hat eine» schmerzlichen Verlust erlitten, indem Herr Buchdrnckereibesitzer Samuel Wolfsohn, der mehr wie 2 Jahrzehnte als Vorsitzender des Vorstandes die Geschäfte der Gemeinde leitete, »er schieden ist. Brieg. ktteisbauinivekttr Hermann Weis stein ist zum Kgl. Bau rat befördert worden. Wien. Dem kaiserl R>t Hermann Heller gingen für sein Prachtwerk „Die österreichische Ausstattung in London 1906 in Wort und Bild" An erkennungs- und Dankschreiben vom Erzherzog Rainer, Ministerpräsident Frhr. v. Beck, Minister des Innern Frhr. v. Bieneoth usw. zu. Czeruowitz. Bürgermeister Regierungsrat Dr. Eduard Reiß erhielt das Offizierskren des Franz Joseph-Ordens. Agram «Kroatien-.- Die W twe des Ingenieurs gesammelt hat, überläßt er keinem anderen, als seinemlDavid Schwarz erhielt von dem Erfinder des Aus -er Lehrerwett. Berlin. Im Alter von 74 Jahren verschied Rabbiner Dr. Philipp Kroner, geboren in Deutsch-Krone, 1864 Rabbiner in Aurich, 1876 Rabbiner in Brandenburg und 1888 bis 1904 in gleicher Eigenschaft an zwei Berliner Gemeinden, „Bne Brith" und „Synagogenverein des Westens." Bor einigen Jahren veröffentlichte K. eine ausgewählte Sammlung .seiner Aufsätze unter denr Titel „Orient und Occident." — Religionslehrer Dr. Julius Guttmann, Sohn des Breslauer Rabbiners, wurde von der hiesigen Gemeinde als Hilfsprediger angestellt. Berlin. Dem Hauptkamor der jüdischen Gemeinde Aron Friedmann wurde der Charakter eines Musikdirektors verliehen. Breslau. Im Alter von 61 Jahren verschied Herr C. Alexander, Hauptlehrer an der Industriechule für israel. Mädchen, an welcher Schule er 23 Jahre wirkte. Lftrowo «Polens. Rabbiner Dr. Freund hat einen Ruf nasch Pilsen abgelehnt, kanditiert dagegen in Hannover, wo die Stelle eines 2. Gemeinderabbiners zu besetzen ist. Budapest. Hier beging am 9. d. der Pädagoge und pädagogische Schriftsteller Abraham Lederer seinen SO. Geburtstag. Ein gebürtiger Böhme kam Lederer vor mehr als einem halben Jahrhundert nach Ungarn. 1857 berief ihn die damalige Statthalterei als Direktor der Pester isr. Normal» schule. Als dann die isr. Lehrerpräparandie errichtet wurde, ward Lederer erst Professor, dann Direktor und von 1868 bis 1889 — .in welchem Jahre er pensioniert wurde — wieder Professor derselben. Er war der Begründer des isr. Landes-Lehrervereins. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 17. Jan Verein .Nachlaß Zwi". „lieber Geschichte und Bedeutung der Synagoge im Judentum" sprach gestern Abend Herr Professor Dr. A. Sulzbach. — Einleitend gab der Redner eine etymologische Erklärung der Worte „Synagoge", „Tempel", „Kirche" und betonte, daß das Wort Synagoge (Beth hakneseth — Haus der Versammlung) und das Wort Tempel (abgegrenzter Raum) durchaus nicht identisch seien. — Er ging dann auf die Geschichte der Synagoge über. Wie aus Jesajah zu ersehen ist, gab es schon vor der Zerstörung des ersten Tempels „Gebetsstätten", unsere „Synagoge" leitet aber ihren Ursprung erst aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft her. Das älteste Dokument einer Synagoge ist ein Stein, der hör nicht langer Zeit in Egypten aufgefunden wurde und kundgibt, daß diese Synagoge dem Ptolomäus und seiner Schwester Berenice geweiht ist. Einen spezifisch jüdischen Bausch! für die Synagoge hat es nie gegeben; man findet, daß die Synagogen in ihrer Bauart sich stets den Bauten der Gotteshäuser der anderen Religionen angepaßt haben. Prächtige Synagogen zu bauen, war stets das Bestreben in Israel, imr der Druck der äußeren Verhältnisse hat dieses Bestreben häufig nicht zur Ausführung kommen lassen. — Nachdem Redner die Geschichte der Synagoge gegeben hatte, ging er dann auf die Frage über, was die Snhagoge uns bedeutet. Auch hier gab er einen historischen Rückblick und zeigte dann an Hand unserer Liturgie, wie in der Synagoge Freud und Leid der Einzelnen von der Gesamthett mitbegangen werden und welchen Einfluß durch die Synagoge die Gesamthett ans den Einzelnen hat. — Die Ausführungen des geschätzten Redners wurden von den Zuhörern mit sichtlichem Interesse verfolgt. Frankfurt a. M. Im Verein rür jüdische Geschichte und Literatur wird nächsten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.