Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 5 (1907)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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BeüW M Nr. 1 des Frauksurter Jsraelitischeu FaMiendlMes. Inhalt der Beilage: Artikel: Zu dem Artikel im „Israelit" „Wetterleuchten im Norden", von Dr. Frank, Altona. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwett. — Barmizwohs. — Vereins-Kalender. Zn dem Artikel im „Israelit" „Wetterleuchten im Norden". Von Dr. Franck, Altona. Das „Wetterleuchten im Osten und — Norde»" hat sich ju einem schweren Gewitter verdichtet. Mer ich habe den Eindruck, als ob es sich dabei um ein Weltcrschießen handelt, das man in inaiicheu Gegenden zur Zeit großer Trockenheit zu veranstalten pflegt. Ich glaube, man hat für den am Dienstag dieser Woche in Berlin stattfindenden Verbandstag der Rabbiner Dentschlauds nicht den befruchtenden, segenspeüdenden Regen des Wohlwollens erwirken wollen, sondern eine oernichteiide Wasserflut, die Zionismus und Mtsrachi in einem hinwegschlvemmte. Es'war ein schweres Geschütz, das der „Israelit" hat aiifsahren lasse». Ich nehme das Wort in dieser Angelegenheit, weil ich ail dieser Bersaiiiiiilung, deren Geschichte und Verlauf den „Israelit" zu einem ausführlichen Artikel inspiriert, aktiv und — leidend beteiligt war, und ich muß zunächst seststellen, das; es sich bei dem allerdings befremdlichen Mangel eines Berichtes über den Verkauf dieser Versammlung, die vorher vielfach angekiiudigt worden war, keineswegs um eine feige I Rücksichtnahme auf die öffentliche Mcinnng der Zionisten handelte. Es bestand lediglich ctitc bedauerliche Betriebsbummelei, die in der Veranstaltung selber auch anderweitig zu tage getreten war. Wir wollen sie der Jugend der Berliner Gruppe — sie ist erst vor kurzer Zeit begründet worden — zu gute halten, die allerdings von der, Gewissenhaftigkeit, mit der die Zionisten überhaupt Dinge von außerordentlicher, weitgehendster „Unwichtigkeit" zu berichte» pflegen, ivohl hätten lernen können. Das; die allgemein zion.istischen Blätter entgegen ihrer Gewohnheit dieses Mal auch ihrerseits diese Bersammlnug totschwiegen, darf nicht Wunder nehmen. Sie haben wohl hin und wieder eine Heidenangst vor der schwarzen Gefahr der Klerikalen gezeigt, aber im großen und ganzen überwiegt doch das erhabene Gefühl geistiger lleberlegeuheit über die dem Sprachgebrauch der Jüdischen Rundschau entsprechende „kulturelle .Rückständigkeit" der Misrachisten. Ein guter MiSrachist macht sich daraus nichts. Aber ich gebe dem „Israelit" völlig Recht, wenn er meint, daß keineswegs die blasse Furcht vor dem misrachisrischen Ansturm sie zurückgehalten habe, den Struck'schen Brief mit dem entsprechenden Kommentar zu versehen. Es kann ja auch noch einmal anders kommen. Unerklärlich aber erscheint mir die Argumentation des „Israelit", daß Herr Prof. Berliner von der Parteiöisziplin schon in dem Maße tu seinen Entschließungen gehemmt märe, daß er auf die bereits vorher schon beabsichtigte Veröffentlichung des Referats verzichten zu müssen glaubte. Herr Prof. Berliner, der gefeierte Gelehrte, hat bisher zionistischem Parteikeben so fern gestanden, hat seine Kritik am Zionismus mit solchem, vom „Israelit" ja besonders gerühmten Freimut geübt, daß eS uns schwer wird zn entscheiden, wohin denn plötzlich dieser Freimut geraten sein könnte. Die Freunde, die Herrn Prof. Berliner veranlaßt haben, voir einer Drucklegung seines Referates abzusehen, sind mir nicht bekannt, bürsten jedoch keineswegs in der vom „Israelit" angedeuteten Richtung zu suchen sein. Wie sähe dann die Anerkennung des „Israelit" ans? Daß die Teilnehmer der Versammlung nicht in der Lage waren, den „iuossizietlen" von dem „offiziellen" Teil zu unterscheiden — eine Art Versammlungstechnik, die überraschen mußte — liegt auf der Hand. Die Diskussion knüpfte naturgemäß an das „inoffizielle" Referat, dessen Tendenz sich mit der des zweiten völlig deckte. Der Korrespondent des „Zfraslit" befindet sich jedoch über die Stimmung der Bersammlnug völlig im Irrtum, wenn er einen „panischen Schrecken der an solchen Freimnt gar nicht gewohnten Mksrnchisien" entdecken zu müssen glaubte. Daß die gerade in dieser Versammlung anwesenden Misrachisten nicht die Gewohnheit haben, ihre Gesinnung zu verleugnen, beweist einmal die in seinem Briese e i n g e st a n d e n c, vorherige Einsichtnahme und völlige Kenntnis 8es Berliner'schen Referates seitens des Leiters der Versammlung und dann die b er e i tS auf der Fr ankfurter Konsereuz sowohl wie in der breitest cu z i o » i st i s ch e li O e f f e n t l i ch k e i t in i t alte in Nachdruck betonte — freilich damals nicht von allen Seiten gutgeheißeue — Notwendigkeit einer „Umwertung aller zionistischen Werte" seitens des zweiten Referenten der Berliner Versammlung. Die Ausführungen des Herrn Prof. Berliner fanden allerdings bei einem Teile der Versammlung heftigen Widerspruch, aber merkwürdiger Weise nur insoweit, als sie die Charakteristik Herzls betrasen. Es ist mir schmerzlich, Herrn Prof. Berliner auch meinerseits nicht völlig zustimmen zu können. Nicht als ob ich in blinder Verehrung der Persönlichkeit den Maßstab der Kritik verloren hätte, den man an das Werk des Zionismus zu legeu gezwungen ist. Aber ich halte diese Methode im Prinzip in unserem Falle nicht für richtig, sie führt zu Fehlschlüssen. Eine rein objektive Beurteilung des Lebenswerkes dieses Mannes nach philologischen Gesichtspunkten ist m. E. gerade in Bezug auf feine persönliche Stellungnahme zum Deismus nicht möglich, so unentbehrlich die Kritik dieser Schriften für die Entstehung und Entwickelung der zionistischen Bewegung selber, auch sein mag. Die Aufsätze und Reden, die hier friedlich iiebeiieiiiander in einem stattlichen Bande vereinigt vor uns liegen, entstammen wechselvollen, an inneren Kämpfen reichen Epochen des Lebens dieses Mannes. Herzl war den Weg so vieler Intellektuellen seines Stammes gegangen, seine Lebensanschauung war ein Produkt der mit künstlerischen und naturwissenschaftlichen Problemen erfüllten Umgebung. Aber er hat seine Rückkehr zu dem in seinem tiefsten Innern verborgenen Glauben seiner Kindheit erlebt. Und mancher, der den Augenblick miterlebte, hob staunend das Auge und!var tu seiner Seele tief ergriffen, als in scheuer Ehrfurcht das Wort „so Gott es tvill" sich über seine Lippen stahl und der trotzige Willeiismensch, gesättigt mit der Kultur seiner Zeit, sein stolzes Haupt beugte vor der schlichten uralten Wahrheit der Gottesidee. Das war damals nicht die Phrase eines effekthascheiiden Rhetors, Herzl bedurfte ihrer nicht. Dieses verloren geglaubte, wiedergesundene Bekenntnis, dünkte ihm ein gar köstliches Gut, und er verschloß es in seinem Innern um so eifriger vor den Blicken der Welt. Es mag sein, daß er nicht viel Worte gemacht hat, wie eS überhaupt nicht seine Art war, mit seinem reichen Innenleben zu prunken. Mer Herzt war Gottgläubiger, das können nur die bezeugen, die ihn lebend und wirkend gekannt haben. Und was wäre gar mit dieser Beweisführung gewonnen? Die Gesetzgläubigkeit schließt noch lauge nicht die Anerkeuiluiig der Thora, als eines ewig verbindlichen Gesetzes ein; und doch haben wir aus seinem eigenen Munde die feste Zuversicht anssprechen hören, daß das jüdische Volk dereinst im eigenen Lande alle seine uralten, geheiligten Einrichtungen wieder erhalten würde. Herzl ist in der Blüte seiner Jahre dahingerafft,, es wäre müßig, zu nntersliche», wohin die Entwickelung dieses Mannes bei derartigen Aiischmiuiigeil geführt hätte. — Uns wäre die Beweisführung Prof. Berliners treffender erschienen, wenn sie sich an die Epigonen Herzls, die gegenwärtigen Wortführer der Bewegung angeschlossen hätte und die Entwickelung des nationalen Gedankens, der jetzt erst bei dem Mangel an praktischer Betätigung so üppig ins Kraut schießt, zum Ausgangspunkt seiner Betrachtinigeu gemacht hätte. Keinem. Misrachisten sind Sie Augen verschlossen vor diesen Gefahren, wenn auch bei vielen -Unentschlossenen der Gedanke noch nicht zur bewußten Tat gereist ist. Aber die Anklage des „Israelit", daß „den leitenden Persönlichkeiten des Misrachi die Parteidoktrin und der Beifall unjüdisch denkender Parteigenossen höher wiegt, als die Zache des mir Füßen getretenen JudeiilnmS und der Mut des Prvf. Berliner besseren Lohn verdient bätte als Eiirschnldiguug" ist völlig unberechtigt, denn sie beruht auf irrigen Voraussetzungen. Herr Herm. Struck hat in seinem eigenen Namen gesprochen, keineswegs im Aufträge anderer leitender Persöirlichkci.en des Misrachi, die durch die Verösfeiitlichung des Briefes in demselben Maße erstaunt waren, ivie der „Israelit" „schmerzlich berührt". Die Rechtfertigung, die er für seine Person versucht, ist begründet durch den in der Bersaminknug erhobenen Vorwurf, daß die Persönlichkeit des verstorbenen Führers zum Gegenstand einer einseitigen Kritik gemacht wurde, während man in viel wirksamerer Weise ans der Betonnng des ualionaten Prinzips und seiner Konseguenzen die Notwendigkeit eines festen Zusammenschlusses der GesetzeSirenen hätte erweisen können und somit die breite Erörterung dieser Frage unmöglich gemacht habe. CS ist nicht ersichtlich, inwiefern mit diesem Rechtfertigungsversuch dem Freimut des Herrn Prof. Berliner nicht die nötige 'Anerkennung zu teil geworden ist, umsomehr, als fast mit denselben Worten vielfach dieselben Forderungen von Misrachisten, wie bereits erwähnt, erhoben worden sind. (Schluß folgt.) Aus der zionistischen Bewegung. Bet der Expedition des Familienblartes gingen für Frankfurt a. M. Frankfurter Israelitischen den Nationalsonds ein: Lehrer Rosenberg, Holzappel l,— JE Herm. Erteschic? anstatt Depesche zur Hochzeit Siegfried Risch mit Frl. Levq 1,— JE Zacharias Mainzer 1,30 Jk Materialien von Frl. Toni Goldschmidt, Herren Oppenheimer, Moritz, Warschafski, Rosenheimer. Frankfurt a. M. Bei der Nationalfvndskommission der Zionistischen Vereinigung gingen aus Rationalfondsbüchsen ei» : David Hamburger N. N. N. N. Blnmenthal Geschw. Strauß F. Grüublatt Js. Goldschmidt B. Bamberger Fritz Svndheimer N. N. 7,- ,ik 2,— JE 1,25 JE 2.10 JE i0,— JE 3,20 Jk 7,— JE 5.10 ./E 5,96 JE 1,— Frankfurt a. M. K v m m i s s k o li ersucht Sa. -14,61 .iE Die National ftond- Jnhaber vo» Kamine k b ü ch sen , deren Büchsen noch niemals geleert worden sind, ihre Adresse an Herrn David Hamburger, llhlandstr. 56 einzusenden. Fürth. Die .Zion. Ortsgttlpve Nürnverg-Fürtk,' wählte in ihrer Generalversammlung als ersten Vorsitzenden Herrn Dr. I s a k B a m berger, als zweiten Borsiheiidcn Herrn Albert Ellern, als -Lchristführer die .Herren B. Heinemann und S a nt net D ünner, als Kassierer Herrn Lehrer Laut m a n n und als Nationalsondsverwalter Herrn Emil O b e r n b ö r f e r. Für den Nationalfonds wurden 1906 Jk 500 gesammelt. Posen. Am 29. Dez. hielt Herr Dr. Friedem a n ii in einer von der hiesigen zionistischen Ortsgruppe veranstalteten Versammlung einen Vortrag über das Thema „l 0 Jahve Z i o n i S in u In der Diskussion erklärte ein Christ, daß mair vom Standpunkte eines Christen den Zionisten nur Glück und Erfolg wünschen könne. Amsterdam. Die Generalversammlung des Niederländischen Zion istenbundes, dessen Mitgliederzahl sich von 594 am 30. Juni 4905 ans 777 am 30. Juni 1906 gesteigert hat» wählte für das Jahr 1907 Herrn Sigmund S e e l i g m a n n wieder zum Präsidenten. Bei der Geiieralversaminlnug waren 42 Delegierte anwesend, die 13 Mteilmigen vertraten. Ein 'Antrag aus Gründung eines Organisationssonds gelangte zur Annahme. Paris. Der Schekeltag. Die anläßlich des Schekeltages arrangierte Versammlung war überaus stark besucht. Es spracheir Dr. Marmoreck und D r. R o r d a lt. Marmoreck erwähnte in seiner Einleitung. daß zur selben Zeit mehr als 1600 zionistische Vereine in der ganzen Welt des Volkes Sieg, der gleichzeitig ein Sieg des Judentums war, feiern. Marmoreck wie Dr. Nordan betonen, daß dieses Jahr besonders wichtig ist, da 10 Jahre verflossen sind, seitdem Herzl seinen Judenstaat geschrieben hat und also das Jahr zu einem Rückblick äuffordert. Der Zionismus hat der Judeuheit eine Organisation geschaffen, die sie nach außen vertritt, er hat dem jüdischen Volke eine Tribüne gegeben, von der herab alle Wünsche des jüdischen Volkes der Welt bekannt gegeben werden.