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Neue jüdische Presse · 1906-12-28 · Heft 50 (28.12.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 50 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 50 des Frankfurter Israelitischen FamitteMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Was ist und was will der Misrachi. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Bunte Chronik. — Vereins-Kalen d er. —„Jüdisch eJugend." Mit der nächsten Nummer. tritt das „F r a n kfnrt er Israel. Familien bl att" in den fünften Jahrgang. Seinem Vorsätze, nur der Sache zu dienen, Sonderinteressen und Liebedienerei gegen welche Seite auch immer sich niemals dienstbar zu machen, ist das „Frankfurter Israelitische Familicnblatt" — ohne zu ivanken — stets treu geblieben. Einzig die Förderung der Kenntnis. nnd Erkenntnis der gewaltigen WeltundLebensanschauungdesüberliefcrten Judentums und der glorreichen Vergangenheit des jüdischen Volkes waren ihm Leiter' nnd das Geschick seiner Brüder in der Gegenwart nnd ihre Erhaltung für eine jüdische Zukunft seine Sorge. Und dieses Streben hat seine Würdigung gefunden. Doch die Leser des „Frankfurter Israel. Familienblattes" mögen ihm nicht nur Freunde, sondern auch Werber sein. Bei dem Ernst n nserer Zeit, in der Tausende und abermals Tausende der Blätter am Stamme des jüdischen Volkes welk werden, ja abfallen, ist eine ihrer Aufgabe bewußte j ü d i s ch e Z e i t u n g ein wertvoller Kämpe gegen den Niedergang, und einer solchen Zeitung neue Freunde zu werben, heißt deshalb, dem Judentum nütz e n. In einem jeden jüdischen Hause, dessen Kinder dem Judcntnm ihrer 'Eltern treu bleiben sollen, möge das „Franks. Israel. F a m i l i e n b l a t t" gelesen werden! Alwnnerrrenls auf unsere Zeitung nehmen sämtliche PostaNstalten des In- und Auslandes zu 9 0 Pfennig und 12 Pfennig Bestellgeld bei Lieferung ins Haus entgegen. In dem neuen Quartal beginnen niehrerc spannende Romane, n. a.: ' Ein Jomkippur, Roman von Ernst Schwarz. Ost und West. Sittenbild aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Jacob Levy. .Auch haben unsere Leser gemäß einer Vereinbarung mit der „Kommission: zur wirtschaftlichen Erschließung Palästinas und der Nachbarländer" den Vorzug, deren Organ Palästina (bisher. A l t n e u l a n d), das zu einem Organe der im Orient tätigen jüdischen Kolonisations-Vereine und Auskunftsbureaus erweitert wird, statt zu Mk. 6.— per anno für Mk. 2.50 (Ausland Mk. 3.—). zu erhalten. Wir bitten Reflektanten in Deutschland und Oesterreich um Einsendung von Mk. 2.50 und in den anderen Ländern um Einsendung von Mk. 3.— an unsere Adresse. Frankfurter Israel. FamiUrnbtatt. Was ist und was will der Misrachi?*) Um die Frage „Was ist und was will der Misrachi?" zu beantworten, muß mau sich vorher klar Mer das . Wesen des Zionismus sein. Der Zionismus ist der Fortschritt von Sehnsucht zur. Tat, von stummer Erwartung zu mannhafter .Selbsthilfe. Zwei Jahrtausende hatte das jüdische Volk" in-Ergebung gelitten und im Gebete gehofft auf Erlösung. Der Zionismus lehrte das jüdische Volk noch ein drittes: Selbst init zu arbeiten an seiner Erlösung. Er geht, von der Erkenntnis, aus, daß das Nach dem Stenogramm eines Vortrages, den Herr Dr. med. Jakob Feuchtwanger jüngst im.Frankfurter Misrachi-Verein hielt. Geschick der Juden im' Laufe der ztoei Jahrtausende Golns sich 'nicht gehoben, sondern eher verschlimmert habe, daß einer Besserung der Lage hier eine Ver- 'chlimmerung dort entsprach, und daß eine dauernde Sicherstellung des jüdischen Volkes nur auf eigenem Boden garantiert sei. Not und Elend drücken das materielle und sittliche Niveau der Juden immer mehr herab; Afftmilationssucht und Jlbfall zehren im Exil am Mark des jüdischen .Volkes. Die einzige dauernde Rettung aus der Judennot ist die eigene 'ichere Heimat. Der Zionismus, so lautet sein Programm, erstrebt die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. An alle Juden, die wollen, daß das jüdische Volk lebe und nicht untergehc, . ergeht der Ruf zur Sammlung Sic alle sollen und müssen Mitarbeiten an der Verwirklichung des Zieles. Sic kommen in Scharen: die Träger des gesetzestreuen Jndentnms und die Vertreter der rein nationalen Idee. Auch die Indifferenten und die von der Assimilation bereits Angekränkelten werden anfgerüttclt und wundersam zir ihrem Volke zurückgeführt. Dem Mfall ist ein Riegel vorgeschoben. Die Bewegung in der Judcnheit verspricht eine rückläufige zu werden — keine Flucht mehr von den Getreuen in der Mitte zu den Abtrünnigen an der Peripherie, sondern eine Sammlung von den Grenzen her nach dem Zentrum. Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judcntuin noch vor der Rückkehr ins Jndenkand, so sagte Herzl aus dem ersten Kongreß. Der Gewinn ist unermeßlich. Freilich ein Judentum, im vollen Sinn des Wortes, ein Judentllin im traditionellen Sinn, ist das Judentum nicht, das bloß auf dem jüdischen Nationalismus aufgebaut ist. Ihm fehlt noch der geistige Gehalt, das was das Judentum in den finsteren und drückenden Zeiten des Golus erhalten und für eine bessere Zukunft ausbewahrt hat. Dem zionistischen Programm fehlt noch die jüdische Lehre, das jüdische Gesetz. Sollten die gesetzestreuen Juden sich deshalb vom Zionismus zurückhaltcn? Weit das zionistische Programm nur einen Teil des gesetzestreueu Programms umschließt, solle» die Gesetzestreuen den Zionisnius deshalb ganz ignorieren oder gar ihn bekämpfen? Nein! Auch sie folgen dem Sammclruf! Ihr Judentum jedoch wird durch den Zionismus nicht erschöpft. Sie schließen sich der zionistischen Organisation an, nicht nur um das jüdische Volk zu erhalten, weil es .ihnen als Volkskörper crhaltungswert erscheint, sie wollen in dem jüdischen. Volke zugleich oder vornehmlich den Träger der jüdischen Lehre erhalten und mit der Erlangung des Landes zugleich für das jüdische Gesetz die Voraussetzung der vollen Erfüllbarkeit schaffen. Denn nur im heiligen Lande sind wir imstande, die uns von Gott gebotenen Gesetze ganz und restlos zu erfüllen. Und andererseits birgt doch das Leiden des Exils Gefahre» nicht bkoß für die physische Existenz des Volkes;, sehen wir doch vielmehr in der Zerstreuung tagtäglich den Abfall vom Glauben der Väter wachsen, die Mißachtung unserer heiligsten Besitztümer zunehmen, müssen wir es doch erleben,!vie den aufrichtig sesetzestreuen Tag für Tag die Betätigung ihrer religiösen Ueberzeugung erschwert, ja unmöglich gemacht wird. „Wo kein physischer Wohlstand, da keine Thora", sagen unsere Weisen. Also Grund genug auch für die Gesetzestreueu, sich dem Zionismus, der eine Besserung herbekzusühren verspricht, anzuschließen. Und noch eins koinmt hinzu: Ist doch zu erwarten, daß die rückläufige Strömung von den Grenzen zur Mitte, vom Abfall zur Treue, die der Zionismus eingeleitet hat, übdr die Station der jüdischen Nationalität hinaus zur jüdischen Lehre und dainit zum ganzen Judentum führen werde. Die Gesetzestreuen mußten also kommen und sie kamen! Ja sie dürfen für sich den Ruhm in Anspruch nehmen,, daß hervorragende Autoritäten des gesetzestreuen Judentums den Zionismus vorausgeahnt, ihm die Wege zu'ebnen mitgeholfen haben, daß sie dem Sammelruf de» unvergeßlichen Führers Herzl mit Freudigkeit gefolgt sind und immer eine achtungswürdige Vertretung in der zionistischen Organisation besessen haben. Wie kam es nun zur Bildung des Misrachi als Partei, die ja nicht von Anfang an in der zionistischen Bewegung bestand? Im Zionismus hatten sich Juden aller religiösen Richtungen getroffen. Gottesleugner und strenggläu- ■ bkge Juden, hatten sich brüderlich die Hand gereicht Das jüdische Volkstum, der Rationalismils war der Boden genreinsamcn Streben», brüderlicher Verständigung, und im Prinzip war aus dem Zionismus jede religiöse Frage ausgeschieden, die trennend und Gegnerschaft erzeugend wirken konnte und wirken mußte. In unserer Zeit des sozialen Gedankens kann es nicht ausbleiben, daß Gleichgesinnte Nnd Gteichftrebende sich zu einem sestgesügten Ganzen vereinigen, nur in gciiicliisainer, ziclbewnßter Arbeit ihre Aufgaben zu lösen. Ganz naturgemäß kam es also dazu, daß die gesetzestreuen Männer, die einzeln zuin Zionismus kamen, sich im Zionismus zusammcnfanden und sich zu einem festen Gefüge zusammenschlossen, zu einer Partei der Zionisten, denen Thora nnd Gesetz an erster Stelle jüdischer Weltanschauung stand. Hatten diese durch ihren Anschluß an den politischeir Zionismus dessen positiven Gehalt bereitwilligst anerkannt, so dokumentierten sie für sich Nnd alle Welt in ihrem Sonderprogramm die Unzulänglichkeit des zionistischen Programms vom Standpunkt der überlieferten Lehre aus und zeigten, was dem Zionismus von dieser ihrer Meinung nach einzig berechtigten Standpunkt aus fehle und legten damit die Grundlinien fest, welche die Stellung und die Aufgaben der Gesetzestreuen im Zionismus bestiimntcn. Aus innerer Notwendigkeit heraus mußte der Misrachi entstehen. Aber noch ein äußerer Anlaß führte zu seiner Gründung. In der Hoffnung auf eine eigene Heimat erschöpfte sich das Sehnen der jungen zion. Organe, atioü. Das bkicb nicht so und konnte nicht so bleiben. Das Streben nach materieller Ruhe und nach materiellem Glück konnte den jüdischen Geist nicht ausfüllen. Man brauchte einen geistigen Gehalt, Geisteskultur nationakjüdischer Art und dies umso mehr, je ferner die Erlangung der Heimstätte rückte. Es ist begreiflich, daß diejenige» unter den Zionisten, die auf positiv gläubigem Boden fest wurzelten, auch eine jüdisch nationale Geistesknltur besaßen, die Jahrtausende lang der Trost und die Hoffnung des Exils war. Anders mit jenen Zionisten, die ganz moderne Menschen in dem Sinne waren, daß sie des vergänglichen Menschen Lust und Leid zum Wertmesser aller Dinge machten. Es ist nicht gesagt, daß ihre, geistigen Erzeugnisse unbedingt irreligiös sein mußten, oder es auch, durchgängig waren oder daß ihre Produktion erst mit oder nach Entstehung des pokitischen Zionismus einsetzte. Im Gegenteil, diese Art von Literatur ist viel älteren Datums als der politische Zionismus. Es ist aber zweifellos, daß einzelne ihre Bestrebungen vordringlich und anmaßend in die Bewegung hineinzutragen suchten, ja sie als deren. wesenhasten Kern auszugeben trachteten, daß ihnen die eigene Heimat höchstens den notwendigen Unterbau ihrer national-jüdischen Kulturarbeit abgeben sollte. Einsichtige" Führer kämpften gegen den Kulturzionismus, das ist die herkömmliche Bezeichnung für die pben bezeichnete Richtung im Zionismus. Ich brauche nur an Nordaus Fehde gegen Achad Haam (Ginzberg) zu erinnern. Sie verkannten nicht, daß durch Ueberwuchern des Kulturzionismns einerseits der Zionismus selbst'von seinem eigentlichen Ziele abgedrängt nnd andererseits die Einheit der Bewegung gesprengt würde. Und als sich noch die sogenannte demokratische Fraktion im Zionismus bildete, die hauptsächlich ans diesen Külturzionisten bestand, da war es auch für die Gesetzestreuen Zeit sich fester aneinander zu fügen, um ein Gegengewicht gegen diese Bestrebungen zu bilden. — So entstand der Misrachi. (Schluß folgt.)

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