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Neue jüdische Presse · 1906-12-21 · Heft 49 (21.12.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 49 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 49 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Inhalt der Beilage:, Sprechsaal. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen.— Aus der zionistischen Bewegung. .— Bunte Chronik. — Kunst und Lit eratur. — Vereins-Kalender. Sprechsaal (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Meran (Tirol), 16. Dez. 1006. Sehr geehrter Herr Redakteur! Nachfolgenden Zeilen bitte ich Aufnahme im Sprechsaal Ihres werten Blattegewähren zu wollen: .Am 29. November fand zu Berlin in Dräscls Festsälcn eine von der neugegriindcten Misrachi - Gruppe veranstaltete Versammlung statt, ans der .Herr Dr. L. Franck aus Altona ein formvollendetes Referat über das Thema: „G e s e tz e S t r c n e s Judentum und Z i o n i s m u S" hielt. Voran ging ein— wie ich als Vorsitzender und Einberuser in meinen einleitenden Worten ausdrücklich betonte — inoffizieller Vürtrag des Herrn Prof. Dr. Berliner. Dieser Vortrag brachte' zunächst eine scharfe — für alle Zionisten schmerzliche — Kritik Herzls und des sogenannten „krassen, nationalen" Zionismus, um im zweiten Teile alle gesetzestr eüen Juden z» m Anschluß an den Mlsr a ch i ün d dur ch d i e se n an d i e zi o n i sti sch e Bewegung a u f z n f o r d e r n! Im Verlause der sehr lebhaften Diskussion wurde mir niehrfach vorgeworfen, daß ich eine solche Kritik Herzls ans einer, zionistischen Versamniliiug überhaupt zugelassen hätte. Demgegenüber erkläre ich, daß ich die Bresche, die der gefeierte Gelehrte mit seinem begeisterten Aufrufe zunr Anschluß an den Misrachi schlug, für weit wichtiger hielt, als die Kritik von Herzls religiösen Anschauungen, die jedenfalls von anderer Seite mit Leichtigkeit zurückzuweisen ist. Zn meiner Rechtfertigung gebe ich. dem greisen Vorkämpfer der Berliner gesetzestreueu Judenheit, der übrigens die volle Verantwortung für seinen Bortrag übernehmen zu wollen erklärte, selbst das Wort, indem ich einige Stellen aus dem Bortrage wörtlich anführe: „Ja, die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten! Aber säen müssen wir, nicht die Hände in den Schoß legen! Das Gebet wirkt nur die Hälfte, sage» unsre Weisen, aber es kräftigt uns für die Tat, die wir im Vertraue» auf Gott unternehmen wollen, n ä m - lich für die zionistische Bewegung, in die so viele eingetrcteu sind, sie in die richtigen Wege zur Entwickelung einer religiös-nationalen Bewegung zu leiten. Mögen wir i n d e r gemeinsamen Liebe zu Zijon uns zusammenfinden und uns nicht zur ü ckschre ckc n lassen .von der Wahrnehmnug, wie vielen wir hierbei begegnen werden, die As Atheisten, al» Leugner der Thora und ihrer Vörjchriften unter dem dunklen Schatten „nationaler Jude" sich bergen. Sehe n w i r uns lieber d i e I ü n g l i n g c an, besonders aus studentischen Kreise», die anfangs unt er der nationalen Firma dem jüdischen Bekenntnis sich wieder zu gewendet haben, danil aber für das jüdische Leben und die religiöse Praxis gerettet wurden. Wir wissen's selbst aus verschiedenen Vorkommnissen, haben es auch von anderen gehört, wie Eltern durch i.h r e z i o n i st i s ch e n Kinder zum jüdische» Leben zurückgeführt wurdeit.". „Allerdings werden die Gesetzestreueu darüber wachen, daß alles nach dem obersten Grundsätze, der weiter unten näher auszuführen sein wird, ins Werk gesetzt werde; den Nationalen, so lange sie auf ihrem spezifischen Standpunkte verharren, werde» sie hierin trotzdem vertrauen, da sie von ihnen folgendes erwarten dürfen: Kein Zionist wird, wie es so oft in anderen Kreisen vorkommt, sein Kind nach der Geburt in die Kirche znr Tarife schicken! ' KeinZi o n istwirddaf ü.r st i in in en, daß man den jüdischen Gottesdienst ver- . christlich e, d urch die Ei n fit h ru.ng der Orgel oder durch deutsche Gebete! KeinZionist wird dafür stimrneir, daß die hebräische Sprache aus dem jüdischen Gott es Hause verbannt werde! Kein ZioNist wird d afür stimmen, baß der Sonntag als Ruheun dFeiertag a nst at t d es S a b b a t ein ge se tz t w er de! Somit haben die gcsetzestreuen Juden von den Zionisten. schon, als Gegner.der Assimilation Mithilfe '.im Kampfe gegen die sogenannte Reform zu erwarten!"; Ich betone, „eine gemein same .Tätigkeit", denn die Misrachigruppe wird sich der gesamtenOrganisation an gliedern und zwar, auf Grund folgender Erwägungen: „Als obersten, leitenden Grundsatz hat der Kongreß erklärt: Der Zionismus unternimmt niGts, was .dem Religians.ge.se.tze. des Judentums w i d e r sp r i ch t," (S. Schachtel: »/Beschlüsse . . . ." S. 13). Ferner: „Für den Eintritt in die zionistische Organisation wird, ein zweifaches gefordert, welches jeder gesetzestr eue Jude ohne Bedenken akzeptieren kann. Zuerst die Zahlung eines Schekelan die gemeinsame Kasse.Die zweite Bedingung ist, daß der in die Organisation des Zionismus Eintretendc auf dem Boden des Baseler Programms stehe. Auch hierzu kann sich der gesetzestreue Jude bereit erklären. Mit dem Streben für die Schassung einer öffentlich-rechtlich gcsichcrlen Heimstätte für das jüdische . Volk in Palästina kollidieren durchaus nicht unsere täglichen Gebete zu Gott dem Allmächtigen, dem Hüter Israels, der nicht schläft und nicht schlummert.' Wird G o t t s c i n c n Beistand s ü r e i n c s o l ch e H e i m st ä t t e g e l i c h e n haben, dann brauchen wir nicht zu sorgen, welcher Art die Verfassung derselben zur Zeit sein wird! Dann w e r d e n alle d i.e weiteren Verheißungen sich erfüllen, für die uns Gott selbst Gewähr leistet, und „Gott ist kein Mensch, daß er lüge, kein Erdensoh», daß es ihn.gereue," ruft schon der heidnische Seher aus." „Aber inzwischen gilt cs zu arbeiten, teilzunehmeu an dem großen, großen Arbeitsgebiete, dessen Umrisse zu zeichnen vorzüglich die jetzige Aufgabe der Misrachislen sein wird, für die sie aber alle ge - s e tz c s t r e n e n Elemente aus- und wachrufen in ü s s c n. N u r d u r ch d e n M a s s e n e i n- .tritt aller gesetzestreuen Iehndi m kann einerseits der Gefahr der Religionslosigkeit, wie sie ursprünglich ' geplant war, gesteuert werden, andererseits die religiös-nationale Richtung im Zionismus immer mehr zur Geltung gelangen. Der A u f r u f ergehe von Land zu Land, von Ort zu Ort, von Haus zu Haus, daß sich alle Gesetzestreueu konzentrieren, organisieren, ordnen, um deni Zionismus die religiösnationale Richtung anfzuprägcn, die allein ihm gebührt und von ihm erwartet werden muß auf Grund unserer Thora und unserer Geschichte durch die Jahrtausende!" * Wenn ich selbst auch nicht mit allein, was in obigen Worten gesagt ist, übereinstimme, so glaube ich doch durch diese von flammender Begeisterung fürs Judentum zeugenden Sätze dafür gerechtfertigt zu sein, daß ich diesen Vortrag aus einer Versammlung, die die gesetzestreuen. Juden dem Zionismus näher bringen sollte, durchaus am Platze fand! Meines Erachtens haben wir allen Grund, uns zu freuen, daß schon so viele Mißverständnisse beseitigt sind und dürfen freudig in die uns dargebotene Hand ein» schlagen. Mit bestem Zionsgrnß Ihr sehr ergebener Hermann S t r u ck. Personalien. Mainz. Hier starb Frau Sarah Woli- O p p e n h e i m e r, die 1863—1875 als hervorragende Kraft am Frankfurter Stadttheater wirkte und sich dann mit ihrer Verheiratung von der Bühne zurück» zog. Mainz, 18. Dez Bei der heutigen Borstnn d sw a h k der israelitischen Religionsgemcinde wurde das seitherige Vorstandsmitglied Bernhard Albert Mayer wieder und S. C a h n neu gewählt. Berlin. .Dem Bankdireltor Carl Fürstenb e r g wurde das Großoffizier kreuz des Ordens der italienischen Krone, den Geh. Kommerzienräten Wilhelm Herz und Isidor L o e w e und dem Geh, Baurat Emil Rat Henau das. Kommandeurkreuz des belgischen Leopokdordens verliehen. Berlin. Es wurde verliehen: Der Rote Adlerorden 3. Klasse dem Geh. Kommerzienrat. Edmund Helfft, der Rote Adlerorden 4. Klasse den Architekten Richard Wolffeilst c i n, der K r o n e n o r d e n 3. K lasse dem Stadtrat Dr. MaxWeigert und der Kronenorden 4. Klasse dem Lehrer Her m a n n H. R o s e n - t h a t vom Lehrerseniinar der jüdischen Gemeinde. Berlin. Herr Burchard Weiß, ein Bruder der Schriftstellerin Nahet Meyer, und Frau Emma geb. Philipp feierten ihre' golde n e Hochzeit. (a.) Hannover, 14.. Dez Bei den am 12. ds. Mts. in der Synagogengemeiude Hannover stattgehäbten Wahlen wurde — da Herr Albert Neuberg aus Gesundheitssrücksichten die" Wahl nicht wieder annahm — der bisherige Vorsitzende deZs Rcpräsentantenkollegiums Herr Hermann Meyer zum zweiten Vorsitzenden gewählt. Ms Vorstandsmitglied wurde Herr Rechtsanwalt Dr. Joseph Wolfes und die. drei ausscheidenden Nepräsentaiiten, Herr Jakob Berliner, Herr Gustav Dammann und Herr SaklyMeyerstein wiedergewählt. Am 8. d. Mts. hielt für das 'Amt eines zweiten Ortsrabbiners eine Probepredigt Herr Rabbiner Dr. 5. Freund aus Ostrowo in Posen. Breslau. An Stelle des jüngst verstorbnen . Dr, Reinbach wurde der Privatdozent Dr. Georg Gott st ein zum Primürcrrzt der chirurgischen Mteilung des israelitischen Krankenhauses gewählt. Rechtsanwalt B i k t o r N e u in a n n ist zum Notar ernannt worden. Ulm. Im zwe.ten Wadlgang ist Herr Rechtsanwalt Dr. M a y e r (Volkspartei; zum Abgeordneten des württembergischen Landtagegewählt worden. Mülhansen i. Eis. Herr Alexandre Haas, Direktor der Banqne de Mulhouse, wurde zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Wien. Bei den durch die döder besteuerten Gemeindcmitgkiedcr vorgenonrmencn Wahlen in den Kultusvorstand wurden für eine sechsjährige Mandats-. dancr die Herren: M v r i j B. Eisfler, Holzhändler und Doktor A r t h u r K u r a n d a, Hos- und Eerichtsadvokat, wieder und die Herren: Dr. Leopold Kohn, Hof- und Gcrichtsadvokat und Bernhard P o l l a ck, kais. Rat, Privatier, neu gewählt. Jamnitz (Mähren). Dieser Tage verschied in Jamnitz Herr MoritzFnchs, der Vater des Nikolsburger Pölizeiinspektors Max Fuchs. Der Verblichene machte die Feldzüge 1848, 1849 und 1859 mit und erhielt die silberne Medaille. Paris. Raren Edmund von Rothschild ist zum Mitgliede der Akademie der schönen Künste gewählt worden. London. Der angesehene Journalist und Schriftsteller E d w a r d I v l> n G o o d IN a IIII feierte seinen 70. G e b n r t s t a g. Erst vor kurzem legte Goodmann sein Amt als Redakteur an dem „Daily Telegraph", dessen Herausgeber Lord Bnrnham — nebenbei bemerkt — gleichfalls Jude ist, nieder. Die 94jährige Mutter Goodmanns, eine bekannte Portraitmalerin, lebt noch. Auch sein Bruder Walter ist ein angesehener Portraitmaker. Amsterdam. Der Gerichlsrat D. Lopes de L a g u n a, Ritter des Orden voni Niederländischen Löwen, ist im Mer von 78 Jahren gestorben. . Petersburg- In der Nacht auf den 12. Dez. ist hier nach kurzer Krankheit der bekannte Advokat und Schriftsteller Leiser öcibcitmann iin Alter von 38 Jahren gestorben. In Lublin geboren, kam Seidenmann Anfang der 90er Jahre nach Petersburg. Unter dem Pseudonym „Unns" schrieb Seidenmann. Jahre lang die Rubrik „Zeitungsstimmen" in der bekannten jüdischen Zeitschrift „Wos'chod". Außerdem ' sind von ihm in dieser Zeitschrift eine große Anzahl literarische, kritische und juridische Artikel erschienen. Bekannt ist auch seine Broschüre „Die juridische Lage der Juden Rußlands". Seidenmann vertrat eine national-jüdische Kultur, er war aber nicht Zionist. Stockholm. Der jüngst im Aller von 55 Jahren verschiedene Maler E r n st I o sep h so » ist einer der bedeutendsten Maler der Gegenwart gewesen. Der Präsident des Künstlervereins charakterisierte die Bedeutung Josephsons wie folgt: ,Bon ihm sagte man, daß er die organisierende Kraft, die Seele bei« der großen Arbeit der Renaissance Schwedens, der zentrale Punkt in einem großen Künstlerkreise gewesen war. Immer war er es, der die Parole, daerste Zeichen zum Kampfe gegeben hat. Mle Künstler unserer Zeit, sowohl die älteren, die an seiner Seite gekämpft, sowie die jüngeren, die ihn nie persönlich sahen, werden stets mit Liebe und Bewunderung das Andenken an sein Lebenswerk und an die Fenerseele Ernst Josephsons bewahren." New-Nork. Morris Rosenfeld — vor dem Erblinden. Wie bekannt ist der berühmte jüdische Dichter schwer krank. In der letzten Zeit hat sich sein Zustand einigermaßen gebessert. Er konnte seine gelähmte Gliedmaßen wieder etwas bewegen. Nun scheint die Krankheit eine andere Richtung eingeschlagen, zu haben. Morris Rosenfekd steht vor dem Erblinden! Sein Arzt tröstet ihn damit, daß auch'Milton seine besten Dichtungen als Blinder geschrieben habe. Das jüdische Volk ist ihm aber auch einen anderen Trost schuldig. Er, der uns zur Ehre gereicht, der in der vielverlästerten jüdischen Sprache Gedichte geschrieben hat, die ihm und uns Weltruhm erwarben) ist arm, aller Mittel entblößt. Spenden wolle man an Herrn I. Goldberg, Newyork, 171, Eaert Broadway einsenden. S cho lanm Asch» der berühmte Dramatiker in jüd. Sprache, hat ein neuesDrama „Der Gott der Rache" verfaßt, das von Direktor Reimhard zur Aufführung am Deutschen Theater-Berlin akzeptiert wurde. Rew-Bork. In Duxbmy starb die Dichterin Cora Wilburn (geboren 1831 in Honolulu). Ihr bestes Gedicht ist betitelt: „Israels Gruß an die Welt." Durch einstimmigen Beschluß ist der Bürgermeister a. D. I n l i u s F l e i s ch m a n n in Cincinnati zum Präsidenten des „Blaine Club", einer bedeutenden republikanischen Vereinigung, gewählt worden. I» Wilkcs-Barre starb, 80 Jahre alt, der aus Bayern gebürtige Bernard Burgunder,

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