Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 48 (14.12.1906)
- Date
- 1906-12-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 48 des Frankfurter Israelitischen FaMieublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Einiges ous der Geschichte der Frankfurter Juden. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Das Wunderkrüglein und die Malkabäcr-Waffen. — Briefkasten. — Vereins-Kalender..— „Jü d is ch e Ju g end.' Einiges aus der Geschichte der Frankfurter Inden. . l Schluß). Ueber das jüdische Gemeindeleben enthält das Protokoll des Vorstandes interessante Aufschlüsse. — Da erscheint ein Bote aus Jerusalem, Ditta Benedettv Maestro, der für die jüdischen Armen im Morgenlande Gelder sammelt. Er erhält fl. 100 und später weitere fl. 200. Kurze Zeit darauf kommt Jacob Menuß aus Hebron. Da er bereits in der Gemeinde kollektiert hatte, wird er abgewiesen, erhält jedoch 3 Karolin (gleich 60 Mark) Zehrkosten. — Die geschiedene Frau des Hirsch . Herz Samson, geb. Speier, wird unter der Bedingung in den „Schutz" genommen, daß sie nur einen Frankfurter Stättigkeits- oder Schutzjuden heiratet. — M. D. Kulp hat seine Dienstmagd geheiratet, was ihm übel vermerkt wird. Es findet sich eine Verhandlung, nach welcher die Hoffnung ausgesprochen wird, daß wegen Erhaltung der Achtung und des Ansehens, welches die Gemeinde im Auslande genießt, die Fälle sich nicht oft ereignen möchten, daß Dienstmädchen, die nicht von Frankfurt sind und denen es vielfältig an Kenntnissen und Kultur gebricht, von Frankfurter Stättigkeits- und Schutzjuden geheiratet würden. — Der fürstliche Kommissär verfügt auf Antrag des Vorstandes, daß den Mitgliedern des Vorstandes, den Großhändlern und Bankiers bei den standesamtlichen Publikationen das Prädikat „Herr" beigelegt werden könne, ebenso Rabbinern, angesehenen Gelehrten und Doktoren, anderen Personen aber nicht. .— In Vormundschaftssachen wurde die Verpflichtung bei der großen Thora vorgenommen. Der Vorstand beantragt, daß auch die kleine Thora genüge. Der Unterschied bestand darin, daß die große Thora in der Synagoge blieb, während die kleine Thora durch den Schulklopfer zur Behörde getragen wurde. — Nebeuschulen sollen nicht eingerichtet werden, weil sonst die Plätze in den Synagogen leerstehen und Einbußen in den Einnahmen, welche dem Hospital zufließen, eintreten würden. Auch über die Gehaltsverhältnisse der Angestellten geben die Protokolle Aufschluß. Der Oberrabbiner erhält fl. 1500 Gehalt anstatt der bisherigen fl. 750; auch wird ihm die Erlaubnis erteilt, sich im Fischerfeld anzukaufen. Die Gemeindediener bezogen ein Gehalt von fl. 95 bezw. fl. 75, welche 1808 auf fl. 200 bezw. fl. 150 erhöht wurde. Der Buchhalter der Steuersektion wird niit fl. 750 salariert, weil von seiner Arbeit viel abhänge und es recht und billig sei, einen Diener so zu stellen, daß er auch leben könne, der Buchhalter habe mehrere Kinder und sei schon von manchen: Schicksalsschlag betroffen worden. Das Gehalt des Vorbeters Fürth, ein Mann, der 10 Kinder hatte, wird von fl. 250 auf fl. 400 erhöht. Löb Jsaac Schwarzschild erhält jährlich fl. 33 fiir Anfertigung des jüdischen Kalenders. 1810 wurde Fürst Dahlberg Großherzog von Frankfurt und am 16. August desselben Jahres sehen die Juden ihre unermüdlichen Bemühungen um die Gleichberechtigung gekrönt; sic wird ihnen gewährt. Die Juden waren natürliche sofort aus dem Platze, um nun tatsächlich in den Besitz der Gleichberechtigung zu kommen. Der Großherzog antwortete, daß er entschlossen fei, die Grundsätze des August-Patents so zu vollziehen, daß weder dem Staate noch den Gemeinheiten noch einzelnen Bewohnern in hergebrachten Rechten und Einnahmen Nachteil erwachse, weshalb wegen Ablösung der Judenabgaben verhandelt werden müsse. So trat denn eine Kommission, der von jüdi- - scher Seite Jsaac Jacob Gumbrecht, Fritz Callmann Amschel, Mayer Amschel Rothschild, Joseph Oppenheimer und Gumpertz Jsaac Ellissen angehörten, zusammen, um das Ablösungsgeschäft vorzubereiten. Man einigte sich dahin, daß durch Hingabe von fl. 440000 die Abgabe von fl. 22 600 abgelöst sein solle. Fl. 200000 waren in bar zu zahlen und der Rest von der Gemeinde in verzinslichen Schuldverschreibungen zu entrichten. Was die Verwendung der Ablösungssumme anbelangt, so stimmte dieselbe mit den angegebenen Motiven nicht überein. Von den fl. 440 000 wurden fl. 150 000 an die Kaiserl. Domänenkasse nach Paris geschickt, zur Deckung einer Privatschuld des Großherzogs wurden fl. 50 000 verwandt, je fl. 40 000 erhielten Graf Benzel- Sternau, Minister von Eberstein, der französische Gesandte Fenelos rc. rc. Die Frankfurter Juden waren nun gleichberechtigte Bürger, befähigt, Staats- und Ge-, meindeäniter zu bekleiden — aber nicht lange sollten sie sich der Gleichberechtigung erfreuen! Mit der Vertreibung der Franzosen begann das alte Elend wieder. Doch die Juden kämpften unentwegt weiter, 1824 gewährte ihnen der Senat eine gewisse Bürgerrechtsstellung, wirkliche Gleichberechtigung wurde ihnen aber erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gewährt. Personalien. Frankfurt a. M. Am 21. Kislew verschied nach langenl schweren Leiden Herr Samuel Marcus, ein großer Zadik, ein warmer Nationaljude und ein hervorragender Talmudist. Der Verblichene erblickte im Jahre 1856 zu Schweksno, Gouv. Kowno (Rußland) das Licht der Welt. Von seiner friihesten Jugend an lag er den« Thorastudiuni ob. Von seiner innigen Fröinmigkcit zeugen seine Schüler, welche er zur Gotteserkenntnis und Gottesfurcht erzogen hat. Seine Leiden, die er selbst mit denjenigen des Hiob verglich, ertrug er mit bewundernswerter .Geduld und Gottergebenheit. Möge. Gott die schwerheimgesnchte Familie, die in ihm den Ernährer verliert, ob des herben Verlustes trösten! Frankfurt a. M. Im Hause ihrer Verwandten, bei denen sie zum Besuche weilte, verschied plötzlich Frau E st e l l a Ehr m a u n geb. Roos, die älteste Tochter des in hohem Andenken lebenden Herrn Benjainin Roos. Die Verstorbene verdient es. Laß ihrer in diesen Blättern gedacht werde. Denn in ihrer überquellenden, grenzenlose» Herzensgute, in ihrer innigen, festen und echten Religiosität, in ihrer nie ermüdenden Gastfreundlichkeit ist sie das leuchtende Muster einer ^jüdischen Frau gewesen. Der Verlust einer solchen Frau trifft auch die jüdische Gesamtheit, denn selten sind die Frauen, die in sich den Typus einer 'wahrhaft jüdischen Frau verkörpern. Darmstadt. Der Grobherzog von Hessen hat seinen Rechtsbeistand Justizrat Bernhard Langenbach zum Geheimen Justizrat ernannt. Seligenstadt a. M. Herr Markus Mayer, der erste Vorsteher der jiidischen Gemeinde, erhielt vom Großherzog das silberne Ehrenzeichen „für langjährige treue Dienste". Mainz» 12. Dez. Mainz hat einen schweren Verlust erlitten. Im Alter von 81 Jahren ist sein Ehrenbürger und langjähriger zweiter Beigeordneter Geh. Kommerzienrat Herman n Reinach verschieden. Heute früh wurde er zu Grabe getragen. Sämtliche städtische Gebäude hatten Halbmast geflaggt. Ein ungewöhnlich großer Zug Leidtragender folgte der Bahre. Auf dem Friedhofe sprachen Herr Rabbiner Dr. Saalfeld und Herr Oberbürgermeister Dr. Göttelm ann. Mülheim a. Rhein. Der erste Vorsteher unserer jüdischen Gemeinde, Herr Sally Cahen ist zum Stadtverordneten gewählt worden. Berlin. Der Begründer und Ehrenvorsivende des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens, Bäckermeister Simon I o s e f, ist v e r st o r b e n. Durch die Begründung und stete Förderung dieses Vereins hat er sich ein ehrenvolles Andenken gesichert. Stuttgart. Bei der Landtagswahl ist hier Redakteur Hey mann (Soz.) gewählt worden. Schwetz. Mühlenbesitzer Jac. Bieber in Schönau ist zum Kommerzienrat ernannt worden. Markliffa. Der einzige hier wohnhafte Jude, Kaufmann Adolph C o h n, ist zum Ratsherrn in das Magistratskollegium gewählt worden. Wien. Im Alter von 93 Jahren verschied Herr S a m u e l W a s s e r t r i l l t n g, der zwei Jahrzehnte hindurch Vorsteher in der Synagoge Schönlaterngasse war uiw sich uneingeschränkten Ansehens erfreute. London. Bei den eben vollzogenen Kommunalwahlen sind 34 Juden zu Mt tgliedernstä8tischerKörperschaften gewählt worden und zwar sowohl in den reichen, wie ärmsten Bezirken. Zu einein Teile, wie z. B. Carl S t e t - tau er, Kommandant L. Barned, Kapitän Fessel'gehören die Gewählten zugleich den jüdischen Gemcindeverivaltungen an oder nehme» doch regstes Interesse am jiidischen Gemeindeleben. London. Der Gelehrten-Beteian und Philantrop Dr. Albert Löwy feierte am 8. dss. seinen 90. Geburtstag. Dr. Löwy ist Ehren-Bize-Präsident der Anglo-Jewish Association. Paris, 2fi. Nov. Der Professor für Handelsrecht L y o n -- C a e n ist zum Dekan der juristi-. scheu Fakultät der hiesigen liniversität gewählt worden. Amsterdam. Im Alter von 77 Jahren verstarb der angesehene Bankier Assur Keyser, Chef der FirmaA. H. Keyser u. Söhne. Der Verstorbene war ein orthodoxer Jude und übte viel Wohltätigkeit. New-Aork. In Detroit wurde David E. Heinemann zum Präsidenten des Stadtrates gewählt. In Boston feierte Frau Rebecca Patisnick, die vor 70 Jahren aus Rußland nach Amerika kam, ihren 105. Geburtstag in Rüstigkeit. Hier starb'— 66 Jahre alt — Edward A. Price, Seniorchef der Importfirma Fred Butterfield n. Co., Direktor der Fisth Avenue Bank und der Jmporters and Traders' National Bank und Mitglied der Handelskammer. Washington. Die eben vollzogenen Kongreßwahlen ergaben die glänzende Wiederwahlder fünf bisherigen jüdischen Volksvertreter, der Herren Julius Kahn für Kalifornien, Ph. Kn »Pfand und Rodenburg fiir Illinois, Adolphe Meyer für Louisiana und Henry G o l d - fogle für Newyork. — Außerdem wurde Harry B. Wolfs für Maryland gewählt, das auch'im Senat durch einen Juden, Herrn Rahner vertreten ist. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Auf der Sonntag in der Franksiirt - Loge stattfindenden Chanuka-Feier der hiesigen Ortsgruppe, zu der die Einlaßkarten bereits fast 'ansverkauft sind, wird Herr Rechtsanwalt Dr. Bodenheim er - Köln, der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und Mitglied des Mtionskomitees, die Festansprache halten. Köln a. Rh. W^e die „Welt' berichtet, hat die Föderation der südafrikanischen Zionisten für die vom A.-K. beabsichtigte Errichtung eines jüdischen Waisenhauses in Palästina bereits 40000 -K.'ausgebracht. Hamburg. Der Gründer und Ehrenpräsident der Hamburg-Wtonaer Zionistischen Ortsgruppe, der Freund und Mitberater Theodor Herzls, Herr Gustav G. Cohen, ist im 77. Lebensjahre verschieden. Bern. Die jüdisch - nationale Studentenverbindung „Kadimah" versendet folgenden Aufruf: Aufruf an die jüd.- nat. Studentenverbindungen aller Hochschulen. Kommilitonen! Im Rahmen der Zionistischen Bewegung fällt den jüdischen Studenten, als zukünftigen Trägern und Verkündern der nationalen Idee, eine große Rolle zu. Auf Juüg-Juda ist das Auge der Welt, die Hossnung aller Juden gerichtet; ihm, dem Inhaber jugendlicher Kraft und fröhlichen Muts, liegt es vorzüglich ob, den für das jüdische Volk arbeitenden und in langem, schwerem Kampfe ermatteten Männern Israels das Joch tragen zu helfen. Daß die jüdische Studentenschaft diesen auf sie mit Recht gesetzten Erwartungen nicht in jeder Weise entsprach, ist vielleicht nicht gerade in der Ermangelung ihrer Begeisterung für das jüdische Interesse, sondern viel eher in der ungenügend flotten und planmäßigen Organisiertheit zu suchen, welche scheinbar die jüdischen Korporationen auszeichnet, ohne daß wir in der Tat dieses Rufes würdig wären. Die jüd. Korporationen arbeiten, abgesehen von einigen Kartellen und Reichsverbänden, an dem Aufschwung des jnd.-nat. Gedankens ganz unabhängig von einander,;ede in und für ihre Umgebung, obwohl der Anschluß und die Zusammenschweißung sämtlicher zionistischer Korporationen, schon infolge der Gemeinsamkeit ihrer Interessen, viel sicherere, raschere und hauptsächlich dauerndere Leistungen zu Tage fördern könnte. Bon solchen Grundsätzen ausgehend, treten wir an euch mit dem Vorschläge eines „Weltbuudes aller zionistischenKorpor a t i o n e n", indem wir euch gleichzeitig die von uns zu diesem Zwecke ausgearbeiteten Statuten behufs Genehnn'gnng vorlegen: § 1. Der Weltbund zion. Korporationen macht sich die Vereinigung sämtlicher auf dem Boden des Zionismus stehenden jüd. Studentenverbindungen zur Ausgabe. 8 2. Der W. B. Z. K. hat zum Zweck das gemeinsame Vorgehen aller zion. Korporationen in allen den Zionismus und das Judentum angehenden Fragen und nach Möglichkeit für den Zionismus in akademischen Kreisen Propaganda zu machen.