Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 47 (7.12.1906)
- Date
- 1906-12-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage yt Nr. 47 des Frankfurter IsraeWchea FaMeublattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Einiges aus der Geschichte der Frankfurter Juden. — Die Woche. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung — Aus denBereinen —Vereins-Kalender. Einiges aus der Geschichte der Frankfurter Inden.*) Als 1806 Frankfurt seine reichsstädtische Selbständigkeit verlor und Carl von Dahlberg, der letzte Kursürst von Mainz und Fürst-Primas des Rheinbundes, der Herr von Frankfurt wurde, da begann eine neue Epoche für die Juden Frankfurts. Die erste Maßregel Dahlbergs zugunsten der Juden war die Erlaubnis, die Promenaden betreten zu dürfen, ein Schritt, der bei einem Teile der Bürgerschaft wahres Entsetzen hervorrief. Es galt damals noch für die Frankfurter Juden die Stättigkeit von 1616, doch ivar bereits 1803 der Leibzoll aufgehoben worden, auch wohnten seit der Beschießung der Judengasse im Jahre 1796 einzelne Juden in anderen Quartieren. Der Fürst-Primas ordnete an, daß die Judcngesetze außer Kraft gesetzt werden müßten, wenn auch völlige Gleichstellung erst dann gewährt iverdcn könne, wenn die Juden ihr eigenes Wesen abgelegt und die Landessitten angenonrmen hätten. Die Judenstättigkeit van 1807 sieht deshalb die Juden noch als Fremde an, belegt das Recht des Aufenthaltes mit schivcren Gebühren und gewährt die Stättigkeit höchstens 500 Familien. Die Einzelheiten der Stättigkeit von 1807 sind: Bei der Aufnahme haben Frankfurter Ehepaare fl. 5.30, ein- oder beiderseits Fremde fl. 66.15 und außerdem fl. 2 Schreibgeld zu zahlen. Ein Vermögen von. mindestens fl. 1000 und außerdem ein Anteil an einem jüdischen Hause ist Voraussetzung. Jeder Jude hat einen deutschen Familiennamen anzunehmen. Schntzjudeu, hierzu gehören die Rabbiner, Schächter und Schulklopfer, werden gegen ein jährliches Schutzgcld von mindestens fl. 1 geduldet. Allen anderen Juden ist der Aufenthalt untersagt, fremde Juden dürfen nur über eine Nacht verweilen. Die Juden dürfen erst mit 25 Jahren heiraten. Auswärtige Juden können zugelassen werden, wenn sie ein Vermögen von fl. 6000 einschließlich eines Hausanteils Nachweisen und eine Frankfurter Judentochter heiraten. Wollen Frankfurter Stättigkeitsjuden eine fremde Jüdin heiraten, so muß diese fl. 3000 besitzen. Der erste ernannte Vorstand der jüdischen Gemeinde nach der neuen Ordnung bestand aus folgenden Herren: Joseph Hirsch Speyer, Gumbel Löb zur Kann, Joseph Pfungst, Jsaac Jac. Gumbrecht, D. Weisweiller, B. Sali Goldschmidt, Götz Kalm. Amschel, Joseph M. Hamburger, M. I. Emden, Jacob S. Stern und M. H. Fuld. Er setzte sich aus folgenden Sektionen zusammen: 1. Polizeisektion, 2. Schul-, Studier-, Stipendien- : und Wohltätigkeitssektion, 3. Kuratelsektion, 4. Steuersektion. Wegen der engen Wohnungsverhältnisse wurde den Juden außer der alten Judengasse, deren Tore niedergelegt wurden, ein Teil des Wallgrabens/ der Kompostell- und der Frohnhof als Quartier angewiesen.' Während der Messe durften sie Läden und Gewölbe in der Fahr- und Töngesgasse — Hier jedoch nur bis zur Hasengasse — halten und Schilder ' aushängen. Jeder Rabbiner wird von dem. lutherischen Konsistorium geprüft, nachdem er Moralphilosophie ’ und orientalische Sprachen studiert hat. Die Rabbiner sollen sich nur mit der Liturgie und den gottesdienstlichen Funktionen befassen. Ungeheure Abgaben lasteten auf den Juden, so fl. 3600 Schutzgeld, an den Kaiser bezw. den *) Nach dem Stenogramm des jüngst von Herrn S a l o m o n E P st e i n, Vorstandsmiglied der Frankfurter Israelitischen Gemeinde, im Verein „Montesiore" gehaltenen Vortrages. . . Fürst-Primas, fl. 2000 Schutzgeld an das Rechnciamt, fl. 238 Meßgeschcnk an das privilegierte Personal und an das Militär, fl. 817 Neujahrsgeld an das Zivilpcrsonal und das Militär usw. ad infinitum. Die Abgaben wurden nun in eine Steuer von fl. 22 000 jährlich umgewandelt. (Schlug folgt.) Die Woche. Der „liberale" Ministerpräsident Rußlands Herr Stolypin, der Erfinder der Feldgerichte, ist unerschöpflich in seinen Erfindungen, ei» wahrer Edison. Ein Beispiel dafür soll hier angeführt werden: Zur Wahlmache sind nämlich folgende Maßnahmen getroffen worden: „1. Massenausschlnß von Wählern durch Tenatsbeschlüsfe und iiiinisterielle Zirkulare im direkten Widerspruch zum Wortlaute der Gesetze und Manifeste. 2. Beraubung des Rechtes auf freie politische Betätigung nicht nur der Regierungsbeamten und Offiziere, sondern auch des Personals der Semstwo-, Städte- und Ständeverwaltnng, der Geistlichkeit usw. 3. Direkte Hindernisse zur Ausübung ihres Wahlrechtes für diejenigen Wähler, die in den Wählerlisten noch unbeanstandet blieben (polizeiliche Schließung der Auskuuftsstelle», der ^Wahlausschüsse; Schwierigkeiten beim Einträgen in die Wählerlisten usw.). 4. Vernichtung jeder Spur einer freien Wahlkampagne durch 'Verbot der Klubs, der Versammlungen, der Komitees usw. sämtlicher wirklich-konstitutionellen Parteien. 5. Massenhafte Beraubung des Wahlrechts durch unbegründete Anklage nach Paragr. 129 des Strafgesetzes sämtlicher öffentlich und politisch tätigen Männer, die irgendwie oppositionell gesinnt sind. 6. Verhaftungen und Verbannungen der „Intelligenten", der Lehrer, Arbeiter, aufgeklärten Bauern rc. 7. Massenhaftes Verbot von Zeitungen wirklichkonstitutioneller Richtung. 3. Gründung an ihrer Stelle auf Staatskosten einer ganzen Reihe von Reptilien-Zeitungcn. 9. Eine Reihe Agitationsreisen der Gouverneure und Erzpriester in die Dörfer, um die Bauernbevölkerung zu beeinflussen. 10. Förderung der Organisation der schwarzen Hunderte und Terrorisierung der Bevölkerung durch diese. 97,111 scheint aber trotz der Vielseitigkeit der Maßnahmen der Erfolg recht zweifelhaft zu sein, und die Stellung Stolypins soll, laut der „Russischen Korrespondenz" vom 5. Dezbr., stark erschüttert sein. Es soll an seine Stelle ein noch liberaleres Ministerium kommen, ein Ministerium der „echten russischen Leute", genannt „Schivarzes Hundert". Das neue Ministerium soll Väterchens papierene Verfassung gänzlich suspendieren. Und doch wollen wir diesem Gerücht keinen Glauben schenken. Rußland steht trotz aller schönen Versicherungen der guten Finanzlage vor dem Bankrott .und eine Suspendierung der Verfassung wird diesen Prozeß beschleunigen. Uebrigens ist Stolypin der Mann des „Schwarzen Hundert". Personalien. Frankfurt a. M. Das tragische Schicksal, das die sehr angesehene Familie Jacob S. Heß betroffen hat, erweckt allgemein das tiefste Mitgefühl. Wenige Wochen sind erst vorüber, seitdenMHerr Jacob S. Heß plötzlich hingerafft wurde, und nun hat der Tod auch d en einzigen Sohn, Herrn N a t h a n i e l Heß, einen jungen Ehemann, nach schwerer Krankheit ereilt. In der Güte des Herzens ist der Lohn das würdige Ebenbild seines so zahlreiche Wohltaten übenden Vaters gewesen. Frankfurt a. M. Wie bekannt, bat die Frankfurter jüdische Gemeinde manchen besonderen Brauch. Man schlage nur ein Gebetbuch auf, so wird man hier -und da lesen: „Wird in Frankfurt nicht gesagt" oder „Statt dessen sagt man in Frankfurt" . . . Wirkliche Autoritäten auf dem Gebiete der Frankfurter Minhogkm gibt es nur wenige. Dieser Tage ist wieder einer dieser wenigen gestorben: Herr JsaacLederm a n n, — Herr Ledermanu, ein echt frommer Jehudi, hat nur ein Alter von 52 Jahren erreicht. I Bei allen, die ihn kannten, wird sein Andenken sortleben. > Seligenstadt (Hessen) 80. Nov. Bei der gestern stattgehabten Handelskammerwahl für den Amtsgerichtsbezirk Seligenstadt wurde der Kaufinann H e r- „i a n n F r auf, Mitvorstand der israel. Relkgionsgemeinde und Präsident des Vereins Harmonie, trotz heftiger Gegeiiagitation, mit großer Mehrheit zum Mit gl rede der Handelskammer Offenb a ch wiedergewählt. Berlm. Jyren 70. Geburtstag feierten die Herren I. P h i l i p p S t h a l, Ehrenbürger der Stadt Wittstock, und G e h. S a n i t ä t s r a t D r. S i m o n, ein Veteran ans den Feldzügen 1864, 1866 und 1870. Berlin. Anläßlich der Einwe-Hung der neu erbauten Knabenschule und der Lehrbildnngsansialt der jüdischen Gemeinde wurde dem Direktor beider Anstalten D r. H o l z in a n n, dem Vorsitzenden des Gcmeindevorstaildes Julius Jacoby und dem Vorsitzenden des Schulvorstandes SanitätSrat Dr. Stern der Rote A d l e r o r d e n 4. Klasse verliehen. Professor F r. G e r n s h e i m, Mitglied der Akademie der Künste, erhielt den Kronenorden 3. Klasse. Zn Geh. Sanitätsräten wurden die Sanitätsräte D r. E. A p o l a n t und Dr. Jacob Katz, zu S a n i t ä t s r ü t e n die Aerzte Dr. Hermann G u t t m a n n , D r. Joses K a n s fm a n n, St. Alfred Ren in a n n und Dr. Raph-tali R o s e n t h a I ernannt. Fürth, 5. Dez. Die städischen Kollegien haben den Rechtsanwalt Nathan, der in der vorigen Woche 300 000 J6. zur Errichtung eines Wöchnerinnen- und Säuglingsheims gestiftet hat, zum Ehrenb ü r g e r ernannt. Breslau, •*>. Dez. Gestern verschied im Alter von 36 Jahre» am Herzschlage Herr Dr. Georg Reinb a ch , dirigierender Arzt der chirurgischen Abteilung und Privatdozent für Chirurgie an der hiesigen Universität und Primararzt der chirurgischen Abteilung des „Israelitischen Krankenhauses". W»en. Der 100. Todestag des Barons E i b e n s ch ü tz, des jüngsten von den vier Söhnen des berühinten Hamburg-Altonaer Oberrabbiners Jonathan Eibenschütz, gibt die Gelegenheit, des merkwürdige» Lebensganges dieses Mannes zu gedenken. Wolf Eibenschütz, 1740 in Prag geboren, verfaßte in jungen Jahren eine ungedruckt gebliebene Schrift „G'wnl Binjamin". Seine hochfliegenden Pläne veranlaßten ihn. nach Wien und dann nach Ungern zu gehen. Er gab sich als Messias aus, verschaffte sich eine» Anhang, »rußte jedoch wegen Schulden zu feinem Vater nach Hamburg fliehen, der, um seinem Sohn zu helfen.'seinen Kommentar „Krethi und Plethi" zum Kodex „Jore Deah" schnell veröffentlichte. Nach Wien zurückge kehrt, bekam er Verkehr mit dem Adel und erhielt von vornehmen Gutsbesitzern die Verwaltung ihrer Güter übertragen. Von einem Bekannten veranlaßt, ging er später nach Dresden, wurde hier persona grata bei der Regierung und baute sich hier ein prächtiges Palais. — Baron Eibenschütz lebte unreligiös bis zu seinem 60. Jahre; da erschien ihm, wie er berichtet, seinj 1764 verstorbener Vater im Traume und machte ihm Vorwürfe, — und von dieser Ltnnde an ward Baron Eibenschütz ein streng religiöser Jude. Ans Anraten der beiden frommen Gelehrten der Dresdener jüdischen Gemeinde Rabbi Uri und Rabbi Feisch Libochowitz heiratete er 1800 Amalia Bloch aus Breslau, die ihn mit 3 Töchtern beschenkte. Baron Eibenschütz liegt in Dresden begraben. Wien. Der emeritierte Professor der Chemie an der Wiener Universität Hofrat Dr. Adolf Lieben vollendete am 3. d. sein 70. Lebensjahr. Zur Feier dieses Tages erschien im Verlage von Winter in Leipzig eine Festschrift, die eine Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen des Jubilars aus der Feder von Professor S. Zeißl und eine Zusammenstellung säintlicher Arbeiten enthält, die aus den von Lieben geleiteten Instituten zu Turin, Prag und Wien hervorgegangen sind. Daran schließt sich eine Reihe wissenschaftlicher Beitrüge, die Gelehrte des In- und Auslandes für die Festschrift gewidmet haben. Abhandlungen haben unter andern in dem stattlichen Bande veröffentlicht: Moissan, Berthelot, A. Werner, van t'Hoff, Zo. H. Skraup, Wegscheider, Mach, F. und S. Exner, Herzig, K. Przibram, M. Kohn, Franke. Lobosltz (Böhmen), 1. Dez. Hier starb im Alter von 102 Jahren Frau Julie A s ch e r. Die alte Dame erfreute sich bis an ihr Lebensende einer besonderen Geistesfrische. Ihr Vergnügen war, von ihrer Kindheit zu erzählen, speziell über die damaligen jüdischen Zustände und Kriegsereignisie wußte sie vieles Interessante. Zürich. Seinen' 60 Geburtstag feierte der hiesige Gelehrte Dr. Alfred Stern, über den Berthold Auerbach vor 38 Jahren in einem Briefe an seine» Vater Jakob schrieb: „Gestern besuchte mich der junge Dr. Stern, Sohn des Professors in Göttingen, mit dem ich, wie Du weißt» sehr befreundet bin. Der junge Mann war mir schon sehr gelobt wegen seines gediegenen Wesens und auch wegen einer anonymen Schrift von ihm: „Die