Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 46 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage m Nr. 46 des Frankfurter Israelitischen Famüienblattes. auf das ZrLnKjurler IsraeMseke JamUlenbtatt für den Monat Dezember nehmen sämtliche Postanstalten des Inand Auslandes mit dreissig Pfennig (4 Pfg. Bestellgeld bei Lieferung ins Haus) entgegen. Inhalt der Vellage: ' Artikel: Aus Ungarn. — M. A Roth s. A. — Aus den Vereinen. — Ausder zionist. Bewegung.— Aus der Lehrerwelt. — Briefkasten. — Aus der Geschäftswelt. — Vereins-Kalender. Aus Ungarn. (Schluß). Nachdem das Gerede eine längere Zeit gedauert hatte, wandte sich plötzlich ein verehrlicher Balbos, der bis dahin abgewandt mit halbem Ohr dem Geplänkel gelauscht hatte, das Chumesch in der Hand haltend und aus demselben etwas herausbrummend, mit Eklat den Schwätzern zu. Er sprach nichts, sondern schüttelte nur ostentativ verneinend mit dem Kopf. „Was?" rief es eifrig von mehreren Seiten, „man kann ja austreten?" Jetzt schüttelte der Gefragte wieder bejahend mit dem Kopfe, immerfort "den Blick ins Chumesch. „Ei, wie, was?" tönte es von allen Seiten. „Sephardim ^kann" man werden!" rief nwft der Weise von Waitzen, mit triumphierender Miene sein Schweigen brechend. Darauf ich: „Entschuldigen Sie, meine Herren, Sie können auch noch etwas anderes werden." Und als sich mir von allen Seiten sensationelles Interesse verratende Blicke zuwandten, fuhr ich also fort: „Ich meine, so wie Sie es hier im Tempel beim Vorlesen der Thora treiben, tun Sie am besten daran, wenn Sie — Mohammedaner werden." ... Den Rabbiner hatte ich noch nicht im Gewirre der sich hin und her bewegenden Köpfe erblicken können. Da stellte ich mich »auf die Fußspitzen und entdeckte ihn endlich. Ein vom Taliß umhüllter Kopf, der sich, das Angesicht der Gemeinde zugekehrt, beharrlich vor- und rückwärts bewegte — sonst nahm ich nichts an ihm wahr. Mittlerweile war man nach „Keduscha" angelangt. Ich raffte mich auf und floh aus dem Bereiche dieses heillosen Spektakels. Ich wußte es nun, wie ein Gottesdienst nicht beschaffen sein soll.- Endlich befinde ich mich in der Rottenbillergasse, im Saale der Landeskonferenz. Die diesjährige Landeskonferenz stand vollständig im Zeichen der „Makkabäa". Mir geht das Herz über, wenn ich dieser wackeren Elitegarde gedenke, die mit prächtigem Elan für die Sache des Zionismus in Ungarn "kämpft. Wenn man heute konstatieren kann, daß der alte, wankend gewordene Besitzstand sich wieder zu konsolidieren anfängt und daß die Saat des Zionismus auf einem großen, neu gewonnenen Gebiete prächttg Wurzel gefaßt hat, so ist das ausschließlich ein Werk der Makkabäa und "ihrer jungen, feurig tatlustigcn Recken.' Da ist der wackere Professor Bo kor, das liebe Gesicht von einem dunkeln Bart umrahmt, mit dem typischen wehmütigen jüdischen Auge voll Liebe und geheimer, verhaltener Glut. Klug ünd bedächtig fließt ihm die Rede von den Lippen, mit ruhiger Wucht fällt ein jedes Wort genau dorthin, wo er es haben will. Da ist ferner Dr. Dömäny, ein prächtiger, hoch aufgeschossener Kerl, der einen durch die liebenswürdige Offenheit seines Wesens und sein bravuröses Temperament im ersten Augenblick für sich einnimmt. Er ist die Seele der Makkabäa. Trotzdem er sich zu seinem.juridischen Staatsexamen vorbereitet, findet er noch Zeit, das ganze Räderwerk der Bewegung in Gang zu erhalten, Landeskonferenzen zu veranstalten/ mitunter Mal auch eine Agitationsreise zn unternehmen. Er bedauert es, ex tempore sprechen zu müssen, und weil er kein Freund von Extemporieren ist, spricht er eine Stunde lang und mehr so fesselnd und abgerundet, so logisch und mit solcher^ Verve/als ob ein jeder Satz mühsam abgezirkelt und memoriert worden wäre. Reben Bokor, dem alttestamentarischen Rabbi, ist er der magyarisch-feurige Stürmer. Mit solchen Elementen könnte man, so glaube ich, leicht noch einmal den Ausstand von 48 arrangieren. Donnernd geißelt er die Hypokrisie unserer beiden extremen Flügel, den Humbug ihres leeren Maulpatriotismns, unter dessen heuchlerischer Maske sie es wagen, den reinen Schild des Zionismus zn verunglimpfen. Wer immer und immer seinen Patriottsmus im Munde führt, der besitzt keinen. Der Patriotismus ist eine selbstverständliche Sache, die kein anständiger Mensch .an die große Trommel schlägt. „Ich bin Soldat," ruft er schlicht in den Saal hinein, „wenn das Vaterland in Gefahr sein wird, dann werden wir es verteidigen. Sollte man aber unter Patriottsmus verstehen, daß ich das, was mir ein Heiligtum ist, meine jüdische Abstammung und Empfindung, mein jüdisches Herz " verrate und verleugne, dann mag ich einen solchen Patriotismus nicht und werde einen solchen nie und nimmer anerkennen!" Da ist ferner Herr Ingenieur B e r e g i, eine vollendete Gentry-Figur, mit seinem keck in die Höhe strebenden, "blonden Schnurrbärtchen, dem kühn blitzenden Augenpaar. "Er findet in seinem Referate über Agitatton nicht minder prächttge Älkzente zur Betonung seines Judenstolzes, seines stolzen Judentums. Herr Dr. A b r a h a m s o h n ist ein zu bekannter Champion der zionistischen Bewegung, als daß es notwendig wäre, seiner impulsiven Eigenart hier zu erwähnen. Er hatte das Referat über den Statutenentwurf inne, welcher Aufgabe er sich mtt bekannter Tüchtigkeit entledigte. Der neue Präsident der ungarischen Organisation, hauptstädtischer Arzt Herr Dr. Alexander G ruber, hat "sich mit seiner Programmrede sehr vorteilhaft eingesührt. Ein frischer Hauch der Zuversicht und Schaffensfreudigkeit durchwehte sie. Indem er auf das reiche Arbeitsresultat der abgehaltenen Konferenz hinwies (Hauptpunkte derselben: neuer Statutenentwurf, Gründung eines Parteiorganes usw.), gab er seiner Zuversicht Ausdruck, daß "auch in Ungarn schon in der nächsten Zukunft der Sieg des Zionismus voll und ganz zum Durchbruch gelangen wirb. Nun, das was seit der "Konferenz geschehen, ist geeignet, die Zuversicht des Präsidenten glänzend zn rechtfertigen. JU der Hauptstadt macht der Zionismus, dank der wackern Garde der „Makkabäa", rapide Fortschritte. Vier zionistische Vereine: „Makabäa", „Jwria Judäa", „Theodor Herzl", uneingerechnet den Mädchenverein „Deborah", bilden ebensoviele Krystallisattonspunkte, um die sich immer mehr Getreue der zionistischen Idee schaaren. . . . M. A. Roth s. A. Budapest im November. Die Uhr steht still, der Zeiger ist gefallen, nun ist die Zeit für ihn vorbei. Der gute, fromme Mann hat ausgerungen, sein warmfühlendes Herz hat zu schlagen aufgehört, man hat es samt der großen Liebe, die es für das heilig jüdische Volk empfunden hat, hinausgetragen zur ewigen Ruh aus den stillen, guten Ort; sein Mund, der eine Generatton zu reiner Gottesfurcht begeisterte, nun ist er stumm: der Tod hat ihn bleichgeküßt. Er verdient es, daß ihm das jüdische Volk, für das ihm kein Opfer zu groß war, einige Momente reflektierenden Gedenkens weihe, und der engere Kreis seiner misrachistischien Genossen erfüllt nur seine Herzenspflicht, wenn er bei seiner Bahre die Fahne, die der Verblichene so kampfbegeistert getragen hat, zum Zeichen tiefer Trauer und aufrichttger Liebe zu Boden senkt. Die misrachistischen Zionisten Ungarns werden es Rabbi Mausche Arje Roth s. A. nie vergessen, daß er den Mut hatte, seine zionistische Ueberzeugung mtt seinem Herzblut zu verteidigen. "Ihm, dem es. bei normalen Verhältnissen genügt hätte, ein sttlles Gelehrtenleben zn führen, wurde es beschieden, übermenschliche Simsonarbeit zu vollbringen: den Facketbrand in das dürre Stoppelfeld der Philister zu schleudern. Sie blieb dann nicht aus, die Löscharbeit; sie kamen und wollten mit ihren Argumenten und einer rücksichtslosen Gegenagitatton den stolzen Bau seiner Weltanschauung wegblasen. Es ist ihnen nicht gelungen: M. A. Roth blieb "seiner Weltanschauung treu bis in den Tod! Er hat sich diese aus der Tiefe feiner jüdische» Seele geholt. In dieser war jeder Atom vom Geiste der Thora durchsetzt. Die Thora gab seinen Wegen die Richtung. Von dieser konnte ihn keine noch so große Majorität chauvinistischer Morenus und rotweißgrüner Bachurimzüchter abbringen. Die dolce farniente Ritter von der Tempelkanzel konnte» es nicht begreifen, daß er, der Gaon von Papa, so „unprakttsch" sei und Ruhe, Frieden und behäbige Beschaulichkeit seinem Ideale ausopfere. Seine Antwort war aber so ganz schlicht tanaitisch: Mlttow ehj» Schauto kol janraj w'al ehje roscho schooh achas lisue Hamokaum! Lieber will ich mit dem Namen Schauto gebrandmarkt mein Leben vollende», alS auch nur einen Moment als Roscho vor meinem Schöpfer zu gelten. Er haßte das kompromittierende Kompromißjudentum und war orthodox bis zmn Scheitel. Ec war also Zionist, nicht trotzdem er orthodoxer Jude, sondern weil er es eben war. Für ihn war Zion mehr als das verschwommene Symbol eines assimilatorischen Seelsorgers, mehr als das modifizierte Mysterium einer vergriffenen Tefilo, tausendmal mehr als der schmachtende Sehnsuchtsseufzer eines phantastischen Traumulus: Zion war ihm das hofsnungsvolle Leben und die lebendige Hoffnung beS jüdischen Volkes. Solche Hoffnungen können nicht auf Kommando aus der Herzkammer gerissen, oder durch Pilpulistik wegdisputiert werden. Diese sind, oder sie waren überhaupt nicht! Die hochjüdischen Torquemädchen, die nach dem Erscheinen seiner S3ro» schüre ihre vergifteten Dolche in sein Herzblut tauchten, erreichten nur, daß er umso fanatischer sein ceterum censeo in die Welt schmetterte. Und daß sich der hohe Klerus Ungarns wenigstens zum Tell zu seinem heleozentrischen System bekehrte, beweist die Tatsache seiner Wahl in das kettende Vierziger-Komitee der ung. Landesorthodoxie. Und dies nach Erscheinen der zweiten Auflage seines .Zionismus vom Standpunkte der Gesetzestreue" und nach dem „Misrachi Weltkongreß", dem er, wie jeder weiß, nur deshalb fern geblieben ist, weil er den Kampf innerhalb des gesetzestreuen Judentums nicht bis zum äußersten kommen lassen wollte. Wer das Gegentell von M. A Roth s. % behauptet. der lügt bewußt! Er blieb seiner Fahne treu bis zum letzten Moment, denn er liebte sein Volk bis übers Grab. Wir werden ihm diese Treue nicht vergessen. Z i o n i. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Hebräischer Sprachverein. Zu dem Kursus.für Anfänger — Sonntags von 10—11 Uhr in der jüdischen Bibliothek und Lesehalle, Bleichstraße — werden noch Anmellnrngen entgegengenommen. Frankfurt a. M., 9. Nov. Verein Nachlaß Zwi. Jahrzehntelang hatten die Bibelkrittker leichte Arbett, das „Sagenhafte", „Unzuverlässige" der aus „den verschiedensten Zeitperioden" stammenden Angaben der Bibel in die Welt hinauszurufen. Die Entzifferung der Urkunden auf den babylonischen Tontäfelchen und den ägyptischen Hieroglyphen und Keilschriften, die erst ein Werk des letzten Jahrzehnts und besonders der letzten Jahre ist, 'hat jedoch die Zerstörer der Bibel zu Schanden werden lassen. Sämtliche Angaben der Bibel werden durch die entzifferten Urkunden jener Zeit bewiesen, ja, viele sonst unbeachtete Stellen der Bibel sind durch sie erst in die ihnen gebührende Beleuchtung gesetzt worden. Es war deshalb ein dankbares Thema, das sich Herr Seminar-Oberlehrer I. S t o l l mit seinem Vorttag ,/Oie Geschichte der Erzväter im Lichte der ägyptischen Urkunden" gegeben hatte, und ein dankbares Publikum folgte seinen Ausführungen mtt gespanntem Interesse. Wir heben hier aus der Fülle des Gebotenen nur Einiges hervor.