Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 44 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692504--02820-2697454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mime ru Nr. M des Frankfurter Inhalt der Bellager Artikel: Kritik der zionist. Jabreskonferenz, von Dr. Jeremias und Dr. Kollenscher-Posen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus derzionistifchen Bewegung.— Aus der Lehrerw elt. — A us den Vereinen. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. Kritik der zionist. Jahreskonserenz. Bon Dr. Jeremias und Dr. Kollenscher-Posen. n. Mit diesen Opfern mü> Entbehrungen ist der reine palästinensische Charakter der Jahreskonferenz, über den das offizielle Zentralorgan der Bewegung so sehr frohlockt, teuer erkauft. Der palästinensische Charakter: wenn das nur heißen sollt«, daß das Ziel auf Palästina gerichtet ist, so wäre absolut nichts einzuwenden, denn daraufhin waren alle bisherigen Bestrebungen und Beratungen gerichtet und sollen alle späteren gerichtet sein. Aber wenn man nur das sagen wollte, brauchte man unser gutes, gemeinsames Losungswort /.zionistisch" nicht durch „palästinensisch" zu ersetzen. Wer den Gegensatz der Bezeichnungen geschaffen, muß auch einen Gegensatz im Begriffe haben wollen. Und dieser Gegensatz besteht wirllich. Der Zionismus will Palästina als freies, jüdisches Land mit öffentlich-rechtlicher Sicherung, als unabhängigen Judenstaat; der Palästinismus begnügt sich mit Palästina als unfreiem Kolonisationsgebiet auf der unsicheren, Völker- und staatsrechtlich nicht geschützten Grundlage, die das türkische Recht eben znläßt, er will das Golus auch in Palästina! Das ist der Geist, den alle Erklärungen, Aeußerungcn und Handlungen des gegenwärtigen Regimes atmen. Dieser Geist hat auch die Kölner Jahreskonferenz in ihren Beschlüssen, mehr noch in allen Debatten beherrscht. Das zeigt sich zuerst in der prominenten Rolle, die jetzt bei allen Verhandlungen die Palästinakommission spielt, deren Bericht der Mittelpunkt des Ganzen und der Ausgangspunkt für alle prinzipiellen Diskussionen, Anträge und Beschlüsse bildet. Die Palästinakommission, die auf Antrag der deutschen Landsmannschaft am 6. Kongreß geschaffen wurde, soll nach der Zweckbestimmung, die ihr dieser Kongreß gegeben hat (Protokoll S. 272), Palästina wissenschaftlich und praktisch erforschen, zu diesem Zwecke eine Versuchsstation für agronomische und technische Forschungen und eine Untersuchungsstation zum Studium und zur Bekämpfung von Krankheiten errichten, sowie durch ein Auskunftsbureau und durch eine Zeitschrift über den Stand der Forschungen und über die Lage in Palästina informieren. Jede politische Tätigkeit ist bei dieser Zweckbestimmung vollkommen ausgeschlossen, auch jede selbständige wirtschaftliche Unternehmung; lediglich, die Vorbereitung einer zweckdienlichen späteren Großkolonisation durch Wissenschaftlich-technische und informatorische Arbeiten waren der Kommission zu gewiesen. Daran, daß die Palästinakommission der Schwerpunkt der großen zionistischen Bewegung werden sollte, hat auf dem 6. Kongreß noch niemand gedacht. Die Jahreskonferenz hat gezeigt, daß es ' trotzdem so geworden ist, und auch das ist eine Frucht des 7. Kongresses. Professor Marburg, der Vorsitzende und Berichterstatter der Palästinakommission, hat in seinem Bericht fünf Zweige der Tätigkeit der Kommission aufgezählt, von denen höchstens drei sich, im Rahmen des Statuts der Kommission halten. Dagegen gehört die „Verwaltung von zionistischen und anderen Institutionen" ganz und garnicht zu den Kompetenzen der Palästinakommission und „organisatorische Arbeiten behufs Entwicklung Palästinas in kultureller und wirtschaftlicher Beziehung" bedeuten vollends den llebergang von der Erforschung und Vorbereitung, die der Kommission zngeschrieben war, zur Ausführung. Eine derartige Tätigkeit liegt nicht nur gänzlich außerhalb der Funktionen der Palästinakommission, ondern sie muß auch prinzipiell im Interesse der Gesamtbewegung abgelehnt werden. Der Versuch einer wirtschaftlichen Exploitierung Palästinas unter den heutigen Verhältnissen muß auf Schritt und Tritt staats-und privatrcchtlichen Schwierigkeiten, begegnen. Es ist genugsam darauf hingewiescn worden, daß an die Erlangung einer öffentlich-rechtlich geicherten Heimstätte in Palästina überhaupt nur auf dem Wege regulärer Verhandlungen nach dem Prinzip £>er do ut ckes-Politik zu denken ist, daß Schleichwege jedoch weder zum Ziele führen können, noch überhaupt einer großen Nation und ihrer geheiligten Anrechte würdig sind. Die wunderschöne Theorie, wonach heutzutage nur auf dem Wege wirtschaftlicher Eroberung politische Macht zu erlangen sei, kann nur in die Praxis übersetzt werden, wenn man gleichzeitig mit militärischen und diplomatischen Machtmitteln zu imponieren vermag; die halbironisch so genannte „pöustration pacifique" ist nur möglich, wenn man mit „kriegerischem Eindringen" drohen kann. Uns diese Methode empfehlen, heißt: unsere Kräfte wahnwitzig über- und die Kraft des Sultans kindisch unterschätzen. Wenn wir es wagen wollen, Macht vor Recht gehen zu lassen, so setzen wir die palästinensischen Juden einem Armenierschicksal, unsere ganze Palästinapolitik einem Fiasko aus, das dem Zionismus für Generationen alle Aktionsmöglichkeit benehmen müßte. „Das eine ist unverbrüchlich festzuhalten: die Basis kann nur einZustanddesRechts und nicht der Duldung sein" — diese Worte Herzl's werden, so sehr Ussischkin, Marburg und Genossen sich befähigt glauben. Herzlicher Maximen zu spotten und über seine politischen Prinzipien hinweggehen zu können, ein Dogma unserer Politik bleiben, das . durch kein Sophisma aus der Welt zu schaffen ist. Zu diesen politischen Bedenklichkeiten kommen nun die allerschwcrsten privatrechtlichen, wie sie nachgerade jedem geläufig sind, der die Diskussionen der letzten Jahre verfolgt hat. Sie sind zuletzt am gründlichsten und llarsten in der Kahn'schen Broschüre „Durch Wahrheit zum Frieden" (Seite 37 ff.) dargestellt, und wir müssen darauf verzichten, immer wieder darauf zurückzukommen. In der Tat ist sich auch die Palästinakommission über das Bestehen dieser und vieler anderer Schwierigkeiten nicht im Unllaren; Herr Professor Marburg hat sie, unter Berufung auf verschiedene fachmännische A u t o r i t ö - ten, selbst sehr beredt dargestellt in einem Artikel über „Deutsche Kolonisations-, Wirtschafts¬ und Kulturbestrebungen im türkischen Orient" (Mtneuland, Jhgg. 1905, S. 161—177, 225—243, 268—277). Er zitiert da Professor Fesca, der in einer dem kolonialwirtschaftlichen Komitee zu Berlin vorgelegten Denkschrift sagte: „Deutschen Auswanderungslustigcn unbedingt zu raten, sich in Anatolien anzusiedeln, dürfte in hohem Grade bedenklich sein. Die Ertragsfähigkeit des Bodens sowie die gewerblichen Verhältnisse sind keineswegs besonders günstige. Dazu kommt Fremdheit aller Landesverhältnisse, die persönliche Unsicherheit, .... die Rechtsunsicherheit in Bezug auf den Grundbesitz, die Steuererhebung und die Rechtsprechung usw. . . ." (2. 174.) Professor Fitzner schrieb in der Zeitschrift Asien betreffs der wirtschaftlichen Erschließung Kleinajiens, daß, „nur eine Kolonisation in großem Stil, in geschlossenen Gemeinden durch eine kapitalkräftige, einflußreiche Gesellschaft möglich ist. . . . Wer nur einigermaßen einen Einblick in die rechtlichen und politischen Zustände der Türkei, vor allen Dingen in die eigentümlichen verwickelten Verhältnisse des Grundbesitzes gewonnen hat, der wird den Gedanken einer deutschen Kolonisation in Anatolien weit von sich weisen. In der Gegenwart zumal hat die Türkei die deutlich ausgesprochene Tendenz, sich in ihrem Volkstum auf der Grundlage des Islams in Asien innerlich zu konsolidiere». . . Unter d i e s e n U m st ä n d e n muß der Gedanke an eine fremdländische, nicht mosleminische Kolonisation, die in Gegensatz zu jener nationalen Kolonisation treten und einen Staat im Staate bilden würde, als Utopie bezeichnet werde n. Für den Fortschritt Deutschlands im Orient : würde es einen großen Gewinn bedeuten, wenn endlich die Propaganda für ei ne solche aussichtslose Kolonisation zum Schweigen gebracht würde; denn die Herren, die in wohlgemeintem patriotischem Gefühl mit großem Eifer, aber leider nrit ebenso geringer Sachkenntnis für die Kolonisationsideen eintre-.. ten, ahnen nicht im entfernt oste n, wie schwer sie gerade dadurch die deutschen Interessen in der Türkei schädigen. . . Eine Einkehr und Umkehr unserer kolonialen Kreise an dieser Stelle würde den Dank aller derer finden, die wirklich deutsche Interessen in Kleinasien vertreten." (S. 175.) Marburg zitiert weiterhin den Kolonialtechniker Kärger; dieser „bekämpft energisch eine ungeregelte Auswanderung. Einzelner, befürwortet hingegen eine geregelte, durch eine kapitalkräftige Gesellschaft geleitete Kolonisation", dazu seien eine Reihe Privilegien seitens der türkischen Regierung unerläßlich: Erlaubnis geschlossener Gemeinden mit eiKener, möglichst autonomer Gemeindeverwaltung und insbesondere eigener Polizei, Steuerfreiheit der Kolonisten durch 10 Jahre, später Pauschquantum an Stelle des Zehnten und der Grundsteuer (S. 171). Aus einem Artikel der „Köln. Zeitung" führt Marburg folgende Stelle an: „Was gute Patrioten und schlechte Musikanten zu erstreben vorgeben, eine planmäßige deutsche Besiedelung türkischer Gebiete, ist aus mehrmals hier dargelegten Gründen unmöglich. . . Aber wenn diese und andere Gründe nicht zuträfen, so würde doch der Versuch einer planmäßigen Besiedelung bei den Türken ein nicht unberechtigtes und störendes Mißtrauen gegen alle Unternehmungen erwecken, an denen Deutsche stark beteiligt sind." (S. 225.) Aus eigener Kenntnis der Verhältnisse äußert sich schließlich Marburg: „Trotz der Unterstützung seitens der deutschen Konsule werden ftcilich nur große Kapitalien die Möglichkeit haben, all den Scherereien und indirekten Zapfversuchen seitens der türkischen Lokalbehörden siegreich zu trotzen, zumal es dem Charakter der Deutschen wenig entspricht, durch Hintertüren, Beteiligungen, Bakschische das zu zu erstreben, was sie als ein selbstverständliches Recht anzusehen gewohnt sind." (S. 236.) Zum Schluß resümiert sich Marburg dahin, daß die Ansichten Deutschlands über die Eignung Kleinasiens für landwirtschaftliche Kolonieen für lange Zeit gellärt seien, und was für Kleinasien gilt, „hat in erweitertem Maße auch für Syrien und PalästinaGeltung." — Soweit Herr Professor Marburg. Auch Herr Soskin von der Palästinakommission äußert sich in einem Artikel über „Groß- und Kleinkolonisation" (Altneuland, Jahrgang 1904), dahin, daß aus Parteimitteln (Schekel und Nationekfond) höchstens für das Erforschungs- und Auskunftsbureau sowie für eine Versuchsstation Gelder vcrwenoer weroen dürfen, alle industriellen und Berkehrsunternehmungen aber der Privatinitiative, das Kreditwesen der Banktätigkeit überlassen blechen müsse. „Schwieriger dürfte die Landfrage selbst zu regeln sein. Hier wird man sich vorerst mit kleineren Gründungen in der Art der Geülah behelfen müssen." (S. 180.) Man muß erstaunen, wie die Taten der Herren von der Palästinakommission mit diesen ihren Worten in Widerspruch stehen. Alle ihnen selbst klar bewußten Gefahren werden in praxi in den Wind