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Neue jüdische Presse · 1906-11-09 · Heft 43 (9.11.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 43 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 43. Frankfurter JsraelWWüS FamUienblaL ©eite 5 geht seine eigenen Wege, um seine Frommen zu erfreuen, aber auch um dem Sünder zu verzeihen! Jetzt auch bin ick) Ruben's Vergebung sicher: jemehr Freude in sein Herz einzieht, desto weniger Raum wird da für den Haß bleiben! — Und nun, Ihr Jünglinge, auch wir werden uns' schwerlich im Leben noch Wiedersehen — — darum höret, was ein alter Mann Euch sagen will: In Eurem Leben haben zwei Menschen, ein Jude und ein Christ, eine wichtige Rolle gespielt. Der eine, Rüben Palarow, ist edel und gut, und Ihr habt ja Beweise seiner Gute und seines Edelmutes empfangen; aber glaubet mir, , auch der andere, Stenko Jablowsky, ist kein Verworfener-! Böse Menschen, die sich den Mantel der Religion umhängcu, die im Dienste der Religion der Liebe zu stehen vorgeben-im Herzen aber ein fanatisches Feuer des Hasses unterhalten, sie haben liiich in ihre Netze gefangen und meine menschliche Schwäche auszunutzen versucht. Doch 'ich bin durch eine höhere Macht zur rechten Zeit ans den rechten Weg geführt worden! Ich habe 'es jetzt erkannt, Gott und das Gewissen allein bestimmen unser Los, unser Denken und Fühlen, und wer sich diesen entgcgenznstcllcn versucht, er ist einer Fliege vergleichbar, die den Donner übertöncn, die den Blitz aufhalten will-! Ich bin als Christ geboren, und will auch als solcher sterbe». Ihr aber wandelt den Weg weiter, den Moses Euch gezeigt; ein jeder von uns aber trage den Gott im Himmel, den Vater aller Menschen, in seinem Herzen! Lebet wohl, und — — flucht nicht dem Sünder-!". Er umarmte jeden von ihnen, und bat sie noch, ihm von ihrer sichern Ankunst in Tanger Nachricht zu geben, dann war er verschwunden. ■ Als die Türe sich hinter ihm geschlossen, da wendeten sich die Jünglinge, wie einem höher» Befehle gehorchend, nach Osten, und ein inbrünstiges Gebet stieg zum Allvater e.mpor. Die Messe war eröffnet, und ein buntes Leben und Treiben herrschte in der ganzen Stadt. Gleich am ersten Tage, als die langen Schatten den nahen Sonnenuntergang verkündeten, ritten zwei Gendarmen aus einem Hofe in der Vorstadt direkt nach dem Gefängnis, das am entgegengesetzten Ende der Stadt sich befand. Ein dritter Reiter, in welchem wir mischiver Jablowsky erkennen, folgte ihnen auf einer kurzen Entfernung. Das düstere Gebäude tauchte bald vor ihnen auf, und das Schweigen des Todes herrschte ringsherum. Jablowsky bleibt ein ganzes Stuck zurück, um von einem Versteck aus die Entwicklung abznwarten, während die Gendarmen nach einem kurzen Verhör an der Pforte hinter der Mauer vcrschivinden. Der wachthabende Offizier wird herbeigerufen, und nachdem er ihre Papiere geprüft, bleibt er einen Augenblick nachdenkend stehen, der den Gendarmen eine wahre Ewigkeit dünkt-Endlich gibt er dem Aufseher einen kurzen Befehl und verläßt' das Zimmer. Die jungen Leute blicken gespannt auf die Türe, hinter Ivelcher der Aufseher verschwunden war, und sind kaum imstande, ihre Erregung zu bemeistern. Endlich geht die Tür auf, und der Mann erscheint wieder, gefolgt von einer tiefverschleicrten weiblichen Gestalt. Kein Wort wird gesprochen, nur kurze, verständnisvolle Blicke werden gewechselt. „Hier ist die Gefangene," ist die kurze Bemerkung des Aufsehers, und wenige Minuten später befindet sich Hulda außerhalb der Gesängnismaucrn, unter dem Schutze ihres Bruders und Bräutigams. Bon dem Versteck ans, wo Jablowsky gewartet, ertönt ein leiser Pfiff, und wie ans dem Bode» gestampft, erscheint ei» geschlossener Wagen, der die drei Reisenden aufuimnrt, ivährend ein Muschik niit den Pferden der Gendarmen schweigend nach der Stadt eilt. 'Dort in der Ferne sehen sie noch eine dunkle Figur mit einem Taschentuche winken, dann ist alles verschwunden. Die Nacht und die flinken Pferde begünstigen die Flucht; nach zwei Tagen sind die Reisenden bereits jenseits der Pruth, und nach lveiteren drei Tagen auf dem Dampfer, der sie der neuen Heimat entgeaenfiihrt. Es wäre vergeblich, das Wiedersehen dieser vier Menschen mit kalten Worten beschreiben zu wollen. — Solche Freuden, die solchen Leiden folgen, haben nur eine Sprache ---Tränen. Und Frcudentränen vergossen alle reichlich! Zemach war zu Rabbi Rachum's Haus geeilt, wohin sein Herz ihn mit der Macht der Liebe zog, und kehrte jetzt in Begleitung seiner Braut und deren Eltern zu Rubeu zurück. Die jungen Leute hatten den Rabbi gebeten, die Aufgabe zu übernehmen, den verlorenen Sohn wieder dem ahnungslosen Vater znzuführen, eine 'Aufgabe, der sich der fromme Mann gern unterzog. „Herr Pakarow," sprach er, „Ihr habt Euch als Held gezeigt im Leiden und Ertragen, und Ihr werdet auch stark sein in der Freude! Denn, wisset, bei Euch bewahrheitet sich wieder das heilige Wort des Psalinisten: „Or surua lazadik, nlejischre lew simcho!" „Licht ist g e s ä c t dem Gerechten, und denen, die redlichen Herzens sind, die Freude!" Wie die Saat wächst und zunimmt, wie das Himmelslicht sich vermehrt und vergrößert, so auch bei Euch die Freude! -Die eine Freude war. Eure Tochter aus der Finsternis des Kerkers zu retten, und eine weitere Freude harret Eurer, auch' den totgeglaübten Sohn wieder zu bekommen. Pakarow, fasset Euch! Euer Inda lebt-! Er ist Euch nahe-—! Ihr könnt ihn sehen — — —! Zemach ben David ist Euer Kind — —!!" Rüben stieß einen 'Ruf aus, der alle Anwesende erbeben machte. Vater und Sohn stürzten einander in die Arme und hielten sich fest umschlungen. Rüben lag da und vermochte kein Wort hervorzubringen, nur ein krampfhaftes Schluchzen ließ seinen ganzen Körper erzittern. Endlich hatte er sich ein wenig erholt. Mit weit geöffneten Augen, als sähe er in die Ferne, und mit gefalteten Händen sprach er: „Herr, wie groß ist Deine Gnade, die ganze Erde ist voll Deiner Huld! Du leitest und lenkest das Geschick Deiner Menschenkinder, wo auch immer sie weilen »iögen! lind auch ich habe Deine Allmacht und Deine Fürsorge erkannt, in zwei Weltteilen!" Ende. Bunte Chronik. Ein Frankfurter D i u - T h v r a - B u ch. In der nächste Woche im B o l k s p a l a st des Ostendes von London zu eröffnenden Jüdischen 'A u s st e l l u n g >vird auch ein seit langen Jahren verschollen gcivesener Manuskriptband zum erstcnmale wieder an die Oeffcntlichkeit gelangen. Es handelt sich um ein Din-Thora-Buch, oder Protokolle des jüdischen Gerichtes der Frankfurter israelitischen Gemeinde, über zweihundert Verhandlungen enthaltend, aus den Jahren 1768 bis 1792. Jüdische Rechts¬ und Mtualangelegenheiten wechseln darin ab mit handelsgerichtlichen Entscheidungen, Häuservsrkäufcn und Aufteilungen, Erbschafts- und Lotteriestreitigkciten, Ehescheidungssachen üsm. Interessant ist u. a. ein Streitfall zwischen denr Begründer des Hauses Rothschild und dem Makler Meier Schiff betreffs Provision für einen Hausverkauf. Die in den Verhandlungen vorkonimeudeu Namen Frankfurter Familien sind die folgenden: Adler, Bing, Braunschweig, Doctor, Emmerich, Emden, Flörsheim, Flürscheim, Falk, Friedberg, Fulda, Fuchs, Gamburg, Geiger, Hirschhorn, Hahn, Hammel, Hecht, Kulp, Kassel, Kann, Landau, Lurie, Mainz, Maas, Oppenheim, Oppenheimer, Orschel, Pfau», Reis, Rothschild, Reingannm, Rindskopf, Schames, Sichel, Spanier, Scheyer, Schloß, Schiff, Süßkind, Lchttstcr, Schwab, Schwarzschild, Stern, Stiebel, Wetterhayn, Wimpfen, Worms, Weiswciller, Wertheim, Wohl. Die H ä u s e r n a m e n sin der Judengasse), die genannt werden, sind: „Zum grünen Schild", „zum Trum" (Trommel), „zur Traube", „Goldner Älpfel", „Hinterer Kranich", „zum Luchs", „zur Eul'", „zum goldnen Knopf", „zum Kameel", „zum Papagei", „zu den drei Römmern", „zum Hind", „zur weißen Leiter", „zum fröhlichen Mann", „zum rothen Thurm" usw. Die Protokolle sind in hebräischer Sprache abgefaßt, und das ganze Buch ist verhältnismäßig noch gut erhalten. Der Mannskriptband befindet sich iin Besitze des Rechtsanwalts Elkan Ni Wler in London, Besitzers der unstreitig größten Privatsammlnng hebräischer Manuskripte, der den Band vor einigen Jahren auf einer Orientreise in Jerusakem erworben hat. Frkft. Ztg. * * » ' Oskar Stra u ß. lieber die Familie und die Person Oskar Strauß, des neuen Ministers der Vereinigte» Staaten von -Nord-Amerika, lesen wir in den „Mitteil. a. d. Verein z. Mw. d. Antisemitismus": Die Familie Strauß stammt aus Bayern, wo seine Vorfahren Landwirte waren und »och sein Vater ein Gut besaß. Dieser Lazarus Strauß nahm an der Revolution im Jahre 1818 teil, wurde mit Karl Schurz bekannt lind stand zu diesenr tu freundschaftlichen Beziehungen bis zu dessen Tode. Lazarus Strauß mußte aus Deutschland flüchten und ging nach Philadelphia. Es wurde ihm aber geraten nach dem Süden zu gehen, und im Jahre 1851 eröffnete er in Talboton im Staate Georgia einen Laden. Er hatte damals drei Söhne: Isidor, der 9, 'Nathan, der 6, und Oskar, der noch nicht 1 Jahre alt war. Die Familie war arm,, so daß die Mutter beispielsweise die itlerder für die Kinder anfertigen und ihre Strümpfe stricken mußte. Vater Strauß nahm entschieden Stellung gegen die Sklaverei und zum Teil aus diese!» Grunde zog er nach dem viel größeren Columbus in demselben Staate. - Infolge der kriegerischen Ereignisse kam Lazarus Strauß in Geldverlegenheit. Obwohl ihm ein. Chef der Firma, der er 3000 Dollar schuldete, riet> sich nicht aller Mittel zu entblößen und mit 10V« zu aklordieren, wie es die andern Kaufleute im Süden täten, .erklärte Lazarus Strauß: Ich will meine ganze Schuld bezahlen. Ich erwarte nicht, meinen Kindern viel Vermögen zu hinterlassen, aber ich will ihnen einen ehrlichen Namen vererben. Mit dem geringen Reste seines Barvermögens begründete Strauß ein Porzellangeschäft. 'Alle drei Söhne dieses Mannes haben es zu Einfluß und Ansehen gebracht. Nathan Strauß, der die armen Kinder NewyorkS mit sterilisierter Milch,' ihre Elterir mit Kohlen im Winter und die Obdachlosen mit Asylen versorgt hat, war beispielsweise als Kandidat für den Ncwyorker Bürgermeisterposten ausgestellt. Isidor Strauß wurde Kongreßmitglied und war beteiligt an der Herstellung des Wilsontarifs.' Der bedeutendste aber ist Oskar Strauß, der Kaufmann, Verfasser mehrerer staatswissenschaftlichcr Werke, Mit? glied des permanenten Haager Schiedsgerichtshofs ist und zweimal amerikanischer Gesandter in Konstantinopel war. Was waren nun die hauptsächlichsten Taten des jüdischen Gesandten in Konstantinopcl? Damals war christlichen Kolporteuren verboten worden, Bibeln und Traktätchen in der Türkei zu verteilen. Es^ schien unmöglich da Abhülfe zu schaffen. AVer Strauß, der jüdische Gesandte, fand doch ein Mittel, dem christlichen Missionswesen zu helfen. Er stellte nämlich auf der Pforte vor, daß die Kolporteure auch Bibeln verkauften, und daß eine Verhinderung dieses Geschäfts eine Verletzung des Handelsvertrages bedeute: So fetzte er durch, daß die, christlichen Schriften wieder verteilt werden durften und daß auch 50 gewaltsam geschlossene christliche Schulen wieder eröffnet wurden. Präsident Cleveland dankte dein Gesandten für diesen Erfolg und auch der Evangelische Bund in England ließ ihm durch Vermittelung Lord Salisburys eine Anerkennung zukommen. Das zweite Mal gelang es Strauß, mit dem Sultan in einem ernsteren Konflikt fertig zu werden. Armenische Christen waren massakriert und für 90000 Dollar Missionsbcsih vernichtet worden, «trauß erklärte dem Sultan, der Konflikt könne durch einen Krieg oder durch friedliche Mittel schnell erledigt werden. Erschlug ei» Schiedsgericht' vor, bemerkte jedoch, daß dieses dann auch eine Untersuchung wegen der Metzeleien veranstalten würde. Strauß wußte ivohl, daß der Sultan eine solche Untersuchung nie zulassen ivürde. In der Tat entschloß sich der Sultan schnell die amerikanischen Ansprüche zu befriedigen. Offettbacbtr Druckluft=Anlage Telefon 123- Offenbach a. ffl. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Tepplchrelnlgung. Wocheu-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem tusch.) Samstag, den 10. November (= 22. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 25 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M 5 Uhr 35 Min. Berlin 5 Uhr 10 Mm. Die Sidra 6hsje-8o-o berichtet eingangs vom Tode unserer Stammmutter Sara, die 12? Jahre alt wurde. Abraham besiegt und beweint sie. - Bon den Chitern erwirbt er die Höhle Machvela samt dem darum liegenden Felde. Er gibt Esraun dafür 400 Schekel Silber. Die Höhle wird zur Familiengruft von Abraham bestimmt. Sie befindet sich in Hebron und wird heute noch von den Türken als Heiligtum bewacht. Ferner wird ausführlich Jsaks Heirat geschildert. Die junge Frau sollte zu Abrahams Familie paßen,, an ihrer Gastfreundlichkeit soll sie: als ebenbürtig erkannt werden. Abraham sendet seinen Knecht Elieser mit vielen mit kostbaren Geschenken beladenen Kameelennach Mesopotamien. Elieser führt seinen Auftrag treßlich aus. Auf sein Gebet hin sendet Gott ihm Rebekka, die Tochter Betuels zu. eines Verwandten Abrahams. Er bleibt über Nacht in Betuels Haus. Am anderen Morgen führt er Rebekka heim nach Abrahams Hause. Jsak kommt entgegen, führt Rebekka in Sara's Heim und findet in ihr tröstenden Ersatz für se-ne verstorbene Mutter. Abraham nimmt ein zweites Weib, Kelrrra, der Tradition nach Hagar. Es werden deren Nachkommen aufgezählt, darunter Fürstengeschlechter. Abraham

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