Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 43 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage p Nr. 43 des Frankfurter Israelitischen FaMMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Kritik der zionist. Jahreskonserenz, von Dr. Jeremias und Dr. Kollenscher-Posen. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — „Iüd.ische Jugend." Kritik der zionist. Jahreskonserenz. Von Dr. Jeremias und Dr. Kollenscher-Posen. I. „Es ist unmöglich, sich über den Charakter der Jahreskonferenz zu täuschen, sie war durch und durch palästinensisch. Wie ein roter Faden zieht sich Palästina durch sämtliche Beschlüsse. Die Abänderung der Bankstatuten ist palästinensisch, die beschlossene Form der Legalisierung des Nationalfonds ist palästinensisch, die meisten Summen wurden für kultucrlle und wissen- 'schaftliche Zwecke in Palästina bewilligt und die meisten Anregungen bezogen sich auf Palästina." Dieses Resümee, das N. Sokololv in Nr. 36 der „Welt" von der Jahreskonferenz gab, ist richtig und gibt uns ebenso sehr den Grundton scharfer Kritik, wie es ihn: znm Leitmotiv einer Lobeshymne wurde. Die Jahreskonferenz hat in der Tat bewiesen, daß der Zionismus, wie er gegenwärtig von der Mehrheit im großen A.-C. aufgefaßt wird, nur noch Palästinisnms genannt werden kann. Nicht die grausigen Schicksale unseres gehetzten Volkes, nichts die Leiden von . Millionen unserer Brüder haben im Mittelpunkt der Beratungen gestanden, wie es der höchsten Instanz einer Volksbewegung geziemte, die' sich das hohe Ziel gesetzt hat, den: jüdischen Volk Rettung und Freiheit zu bringen. Wer die Verhandlungen liest, wird durch nichts daran erinnert, daß sie am Schlüsse eines Jahres geführt wurden, das die schlimmsten Katastrophen sah, die unsere so unglücksreiche Geschichte kennt. Eine spätere Zeit wird nicht begreifen können, daß eine Konferenz von Führern des jüdischen Volkes aus allen Teilen der Welt nach Ablauf eines Jahres, das die russische Revolution mit ihren Pogromschrecken, das eine nie gesehene Massenflucht von Juden brachte, an allen diesen Ereignissen vorübergehen konnte, ohne aus ihnen Richtlinien für die nächste Arbeit zu ziehen. Vergebens sucht man in den Berichten nach, einem Punkt der Tagesordnung, der dieser furchtbaren Situation und Bemühungen zu ihrer Abhilfe gewidmet gewesen wäre. Natürlich kann der Zionismus sich nicht darauf beschränken, Notstandsaktionen vorzunehmen, wie sie die philautropischen Gesellschaften und Vereine nach jeder einzelnen Katastrophe einleiten. Der Zionismus geht von der Erkenntnis aus — und diese muß für seine praktische Betätigung maßgebend sein —, daß die Judennot nicht eher ein Ende nehmen kann, als bis das jüdische Volk seine natürliche Heimstätte wieder in durch Völkerrecht geschütztem Besitz hat. Diese öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte zu schaffen, ist seine eigentliche Aufgabe, und er strebt diesem Ziele zu, unabhängig davon, ob gerade die ärgsten Golusnöte wüten und drängen oder ob die Gunst der Zeiten unserem Volke Ruhe und Sicherheit beschert. Das eben unterscheidet die zionistische 'Arbeit von philantropischen Aktionen; diese dienen nur dem Augenblick und den von einem Unglück betroffenen Individuen, der Zionismus arbeitet für alle Zukunft und für die Gesamtheit unseres Volkes. Darum ist er aber doch in der Lage, auch an Aktionen mitzuwirken, die sich auf ganze große Volksteile und ihre besonderen, dringlichsten Notstände beziehen. Wenn er nur sein großes Endziel nie aus dem Auge verliert und die Arbeit zu dessen Verwirklichung keinen Augenblick ruhen läßt, dann kann er nicht zum Rachmones-Zionismus herabsiuken, wenn er auch noch so lvarm an Gegenwartsarbeiten sich beteiligt. *) Wir werden nach Abdruck dieser Artikel-Serie auf das darin behandelte Thema zurückkommen. Anm. der Redaktion. In der Tat hatte das engereA.-C. die Jnaugurierung einer großzügigen Notstandsa k t i o n beabsichtigt, eine Kooperation aller jüdischen Organisationen zur Beseitigung des schlimmsten' Massenelends durch die Einberufung der Brüsseler Konferenz angebahnt. Nach Brüssel scheint aber nichts mehr geschehen zu sein; selbst über das dort eingesetzte Komitee und über seine weitere Tätigkeit war nichts mehr zu hören. Das Einzige, was über die Brüsseler Konferenz noch gesagt worden ist, toar das offene Bekenntnis des Führers der Majorität des 7. Kongresses, des.Herrn llssischkiu, daß er von vornherein gegen die Einberufung dieser allgemein jüdischen Konferenz gewesen .ist. Die einfache Bemerkung läßt den Geist erkennen, der diese sür die jüdische Politik so unselige Kongreßmajorität beherrscht hat. Hoffen wir, daß trotzdem der Weg, den die Brüsseler Konferenz andcutete, wieder betreten wird, je eher, desto' besser. Denn die grausame Logik der Tatsachen sorgt ohnehin dafür, daß der Zionismus sich wieder und wieder vor die schwerwiegende Frage gestellt sehen wird, ob er sich der Mitwirkung, ja der leitenden Mitwirkung an der temporären Lösung der drängendsten Nöte unseres Volkes dauernd entziehen will und kann. Kein Zlveisel, daß schon der 8. Kongreß sich abermals mit dieser Frage zu befassen haben wird. Immer von neuen:, wenn man sich von dem Wirrwarr verbrauchter Phrasen und abgehetzter Schlagworte freizuhalten weiß und nur die vorurteilslose Vernunft. ::nd den gesunden Instinkt des Herzens sprechen läßt, — immer von neuem staunt man dann, daß pilpulistische Dialektik an de» Eleiuentarbegriffen nationaler Notwendigkeiten so lange drehen und. deuteln konnte, bis auf die dringlichste Lebensfrage eines großen Brnchteils unseres Volkes die verkehrteste Antwort gefunden ward. Es handelt sich einfach darum, sür einen Teil der Judenschaft eine Zufluchtsstätte zu schaffen, die nicht in Palästina liegen kann und nicht einen selbständige:: jüdischen Staat, sondern nur eine Kolonie einer fremden Macht mit gewissen Selbstvcrwaltungsrechten bilden soll. Wie der Zionismus bisher stets neben dem großen, unverrückbaren Endziel — dem Judenstaat in Palästina — eine umfängliche Gegenwartsarbcit getrieben hat — die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, „Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" —, jo wäre auch die Schaffung eines Gemeinwesens vor Palästina recht eigentlich zionistische Gegenwartsarbeit, nicht nur im Interesse der notleidenden Judenmassen, sondern auch geradezu in der Richtung der zionistischen Zielarbeit gelegen. Keine bessere Vorarbeit für unser Endziel läßt sich denken, alsdieKonzcntrierung und die Nationalisirung der wandernden Juden Massen, die sonst in alle W ind e zerstreutundüberall ent nationalisiert wurden. Wenn eine solche Kolonie geschaffen sein wird, dann bleibt der Zionismus... als Organisation des jüdischen Volkes erst recht nicht nur möglich, sondern notwendig. Dann erst, nach Ausschaltung der drängensten Nöte, könnte n:it Konzentration aller Kräfte das ideale Ziel ins Auge gefaßt werden: Die Verwirklichung unantastbarer historischer Ansprüche, die Befriedigung unstillbarer Sehnsucht nach der alten Heimat. Gerade diejenigen Zionisten, die allzu oft und allzu laut betonen, daß der Zionismus mit der Judennot nichts zu tun haben dürfe, werden nach Schaffung einer autonomen Judenkolonie ihren prinzipiellen Standpunkt mit der Praxis viel eher vereinen können. Wenn also territoriale Bestrebungen mit dem zionistischen Prinzip wohl vereinbar sind, so müßten taktische Momente die Bewegung erst recht nach dieser Richtung drängen. Denn durch Außerachtlassen der Territorialfrage bleibt dem Zionismus der Konflikt mit ihr keineswegs erspart. Alle, die sich nicht mit Gewalt den Tatsachen verschließen wollen, müssen einsehen, daß der Territorialgedanke, wie er von Israel Zangwill seit den: 7. Kongreß propagiert wird, nicht nur außerordentliche Fortschritte macht, sondern mehr und mehr Aussicht auf rasche Verwirklichung gewinnt. Schon ist es ihm auch gelungen, die vielen .einslußreichen Juden, die bisher, der Sache des jüdischen Volkes fern gestanden haben, für den Gedanken einer autonomen jüdischen Kolonie zu interessieren und jüdische Kapitalisten, die ihre Gelder bisher, wenn schon nicht gegen, so doch nicht für das Wohl der Judenheit einsetzten, für die an: letzten Ende nationalen Zwecke der Jto zu engagieren. Der Territorialismus scheint das Panier zu werden, un: das sich in der schwersten Lcidenszeit ihres Volkes alle tatberciten Juden scharen, das Panier, zu dem auch die unglücklichen Opfer der Verfolgungen ausblicken, das ihnen aus ihrer Flucht den festen Punkt zeigt, wo sie eine Ruhestatt unter Brüdern finden sollen. Und gleichzeitig mit wachsenden moralischen und organisatorischen Erfolgen der Jto, ist im Zionismus die Stimmung vielfach bedenklich im Abslauen. Fast nirgends mehr ist der siegesgewisse Elan, da und dort — in England, Deutschland, den Orientländcru — merklicher Rückgang zu konstatieren. Aus Rußland gar, so verlautete auf der Jahreskonserenz, ist nicht ein einziger gekommen. Das Volk droht vom Zionismus abznfallen, wie der Zionismus vom Volk abgefallen ist! Mit Stolz hat der Zionismus von seinem ersten Auftreten an immer von sich sagen können, daß er in allen jüdischen Angelegenheiten von Bedeutung die Initiative und in allen Dingen, die zum Fortschritt des Volksganzen führten, die Leitung ergriffen habe. Jede Errungenschaft der letzten zehn Jahre auf dem Gebiet der jüdischen Kultur und Politik, der jüdischen Wissenschaft und Kunst war ein Sieg des Zionismus. Und selbst unsere Gegner, so sehr sie sich vielfach sträuben es einzugestehen, hatten sich mehr und mehr daran gewöhnt, sich auf den Zionismus zu verlassen und von ihm jeweils die Formel zu hören, die einer weiteren Arbeit Ziel und Richtung gab. Kein Wunder, daß da in der Zeit des Schreckens ohne Ende, die unser Volk durchlebt, sich aller Augen auf den Zionismus richteten und von ihm die Durchführung einer großzügigen Hilfsaktion erhofften. Daß der Zionismus in einem so entscheidenden. Moment plötzlich alle Gegenwartsarbeit verweigert und sich auf sein hehres Zukunftsprogramn: zurückzieht, ist eine Verleugnung der alten, guten Politik, die uns die wachsende Sympathie aller edlen Juden, den Neid und die Mißgunst aller Assimilanten eingetragen hatte. Wären wir jetzt an der Spitze der Bestrebungen, für diejenigen, die ans Palästina nicht warten können, die schon jetzt ihre Wohnsitze verlassen müssen, eine autonome Heimstätte zu schaffen, so hätte uns altes, was im Judentum noch jüdisch fühlt und denkt, zugejubelt. Ter Zionismus wäre zur zionistischen Großmacht ge--^ worden! Unter diesen Umständen ist es ein wahres Glück, daß inoffiziell, ja gegen den Willen der offiziellen Organisation, hervorragende Zionisten aller Länder sich an den Arbeiten der Jto leitend beteiligen und in den: Wirken dieser Organisation den nationalen Einschlag wahren. Der offizielle Zionismus verharrt, wie gesagt, in der traurigen Stellung zum Territorialismus, die ihm der 7. Kongreß gewiesen, und die Kölner Tagung hat leider hierin keinen Fortschritt gezeitigt. Man vermißt jegliche Anteilnahme, ja jede Stellungnahme zu diesen wichtigen und dringlichen Dingen, und doch hat man in Köln auch zu einer Ablehnung nicht den Mut gefunden. Es ist sür eine politische Bewegung das Schlimmste und rechtfertigt die schärfste Kritik, wenn sie die Zeichen der Zeit nicht versteht, wenn sie nicht ihre Ziele mit den Wünschen und Bedürfnissen der Massen, für diesiePolitiktreiben will, in Einklang zu bringen weiß. Und an diese größte Unterlassungssünde schließen sich andere bedeutende und kleinere an, die ge-