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Neue jüdische Presse · 1906-11-02 · Heft 42 (2.11.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 42 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 42 des Frankfurter JsmelWen Familiellblattes. Inhalt der Beilage: A r t i k e l: Alexander von Humboldtund Gotthold Eisenstein, von Dr. Adolph Kohut. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus derLehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bew egung. (Nachdruck verbotenl- . Alexander von Humboldt und Gotthpld Cisenstei«. Von D r. Adolph K o h u t. (Lch uß) ' Vielleicht hätte Humboldt trotz der damaligen Lage der Juden in Preußen es durchgesetzt, daß der Mathematiker eine außerordentliche Professur an der Berliner _ Universität erhalten hätte, aber dieser war unklug genug, im tollen Jahr 1848 sich an den politischen Umtrieben zu beteiligen und sich, dadurch die Gunst seines Monarchen zu verscherzen. Eisenstein wurde die königliche Pension entzogen- und obschon Humboldt Friedrich Wilhelm IV. fortwährend bestürmte, über den Fehltritt des Kompromittierten den Schleier der Liebe zu decken und ihm auf's neue eine Subvention zukömmen zu lassen, und obschon erauch den preußischen Kultusminister Ladenburg mit seinen Bitten und Petitionen quälte, war der Groll gegen den „Revolutionär" ein so heftiger, daß selbst ein so liebenswürdiger und beliebter Fürsprecher, wie es der Nestor der Naturwissenschaft war, nichts erreichen konnte. Mit welcher Zähigkeit dieser sein Anliegen verfolgte und welche geradezu engelhafte Güte ihn auszeichnete, erkennt man schon aus einer Zuschrift, die er an den damaligen bekannten Direktor im preußischen Kultusministerium- Geheimrat Johannes Schulze, um jene Zeit richtete. Dieelbc hat folgenden charakteristischenWortlaut: „Verchrungswerter Freund! Eine uralte Stimme, die lange, lange nicht zu dem Ohre eines vieljährigen Freundes geklungen hat, läßt einen liefern Eindruck. Ein kleines Unwohlsein und die politischen Bedrängnisse der Zeit, die mich erfolglos und darum oft wehmütig beschäftigen, hindern mich, Sie heute zu besuchen. Gestatten Sie mir also den Mut, Ihnen des blutarmen, talentvollen Eisensteins Angelegenheit, die mich ernsthaft bewegt und für dessen seltenen wissenschaftlichen Wert ich mich auf Zeugnisse von Gauß, Dirichlet und Cauchy berufen kann, aus vollem Herzen zu empfehlen. Seine pekuniäre Unterstützung hat mit dem 1. d. Mts. aufgehört.- Ich flehe bei Ihnen um Hilfe, fei es auch nur aus Liebe für mich, dem Aeltesten . derer, welchewissen, was Sie in verhängnisvollen, verfolgenden Zeiten für die Rettung geistiger Freiheit getan. Stände, ein- Mann jetzt auf, ein-Staatsmann wie Wilhelm von Hüntboldt! Wie klein und kalt und nichts umfassend und den Bösen das-Ohr gebend istalles um uns her in so ernster Zeit!-Mit alter Verehrung Ihr A. von Humboldt." . Der preußische Kultusminister Ladenberg er- Mrte Humboldt jedoch unumwunden, daß die politischen Vorurteile, die gegeu Eisenstein existierten, zu- -mächtig seien, als daß er auf eine amtliche Förderung rechnen könne. Trotzdem ließ der Gönner nicht locker und benutzte jeden sich ihm darbietenden- Anlaß, um die Aufmerksamkeit der Staatsbehörde auf dengenialen Mathematiker zu lenken. Als z. B. der Professor der Mathenmtik an der Berliner Universität, Jacobi, im Frühjahr 1851 starb,' richtete er ein eindringliches Schreiben an den schon genannten Geheimrat Johannes Schulze, daß-, sich Preußen des: geistigen Nachfolgers des Verblichenen tatkräftig,, dfinanziell annehmen müßte. Er sagt dort n. a.: „Es ist in mir die, Frücht einer langen, oft getrübten Lebenserfahrung, jede Pflicht für die Wissenschäft einzeln erfüllen zu wollen und wenn mir'eben etwasganz mißglückt istj' ehensn lebendig ein^n neuen Versuchzu machen. In dem tiefen Schmerz, den ich über Jacobis Hinscheiden empfinde, ist meine ganze Aufmerkamkeit auf Eisenstein gerichtet, der mit seiner Mutter, nach 200 Talern, die man ihm entzogen, von 300 Talern lebt und gezwungen ist, elementare Stunden zu geben ... Er zählt zu den fruchtbaren Bernoullischen Talenten in einer Stadt, in der das Selbstproduzieren immer seltener wird. Ich flehe und setze meine letzte Hoffnung auf Sie. Daß Jacobis Gehalt nicht der Universität gehört, ist mir nicht unbekannt, aber ich habe Vertrauen zu der Hoffnung, daß man den mathematischen Glanz, der seit einem Jahrhundert von Berlin ansgegangen ist, beachten werde." Auch die Versuche, die .Humboldt für seinen Schützling in Halle a. S. an der dortigen Universität unternahm, um ihm eine außerordentliche Professur zu verschaffen, gingen in die Brüche. Bitter bellagt sich der Naturforscher in den Briefen an den Mathematiker Dirichlet über die Passivität der Behörden, die sich dem jungen Genie gegenüber so gleichgiltig verhalten. So heißt es z. B. in einer dieser Zuschriften: „Die so lange betriebene Anstellung als Professor ist bei der Eiskalte und der Unwissenschafilichkeit der jetzigen Oberbehörde in nichttheclogischen Dingen (in solchen, die das Unglück haben, Finsternis zu zerstreuen) immer noch im Werden." Und bei einem anderen Anlaß: „Et ce pauvre Eisenstein qui va mourir, n’en doutez pas, et qüe l’on laisse mourir de faim ave'c dedam, et la plus infame insouciance! ... On se moque de mes plaintes et, m’envoye aux Cälendes GrecquesÜ . . Quel temps que celui dans leqöel je quitte le monde!" Der Vorwurf, den Humboldt in diesem französischen Brief gegen die Gesellschaft erhebt, daß sie einen so ausgezeichneten jungen Gelehrten Hungers sterben lasse, sollte leider bald traurige Wahrheit werden. Schon längere Zeit an Lungenschwindsucht leidend, starb Eisenstein, wie gesägt, bereits am 11. Oktober 1852, nachdem ihm noch kurz vorher die Freude zu teil geworden war, daß ihn die Berliner Akademie der Wissenschaften wieder auf Veranlassung seines Gönners einstimmig zum ordentlichen Mitglied gewählt hatte. Der edle Humboldt, der nur zu gut wußte, wie es um den Gesundheitszustand des Aermsten bestellt und daß dieser unrettbar dem j£obe verfallen war, unterließ es nicht, bewegliche Klagen um das Los des Todeskandidaten anzustimmen. Einige Monate vor dem Ableben Eisensteins schreibt Humboldt an Johannes Schulze u. a.: -„Derso hochbegabte Mathematiker, dessen Produktivität immer im Zunehmen ist und allgemein im In- und Auslande anerkannt wird, verläßt das Irdische, ohne dem Profesforentitel, ohne Anerkennung einer solchen wissenschaftlichen Auszeichnung. Ich llage über Weltstellung und Weltregierung." In rührender Weise nachm sich der Mentor seines Günstlings auch in dessen Krankheit an. Als dieser, von einem starken Blutsturz betroffen, nach Bethanien geschafft wurde, schickte er ihm sofort 20 Friedrichsdor aus eigener Tasche, um seine Pflege zu erleichtern. Die Aerzte hielten eine Uehersiedelung des Kranken nach Sizilien auf ein volles Jahr für notwendig. Nun war Hnmboldt mit Feuereifer bemüht, das Geld zu einer solchen Reise und für den Aufenthalt in'Sizilien zusammen" zu scharren. Der Geh. Kommerzienrat Alexander Mendelssohn, ein Enkel des großen Philosophen Moses Mendelssohn, stellte dem Naturforscher sofort 100'Taler zur Verfiigung, wenn die Reise zustande komme. Auch die preußische Regierung zeigte sich jetzt viel zuvorkommenderals früher. Der Finanzminister von Bodelschwingh bewilligte eine Unterstützungvon 500 Talern und auch andere Wohltäter versprachen größere Summen — aber leider war das Schicksal des Kranken besiegelt. Er war zu schwach, "um die Reise anzutreten, und starb, wie : gesagt, in der Blüte seines Lebens, eine Blume, gebrochen) ehe der Sturm der Welt sie entblättert! . Das Ableben des jungen Mathematikers erchütterte seinen Mäcen auf das tiefste. „Ich iinde keine Worte" — sagt er in dem Kondolenzschreiben an den Vater des Verblichenen —, ,,ßh». Wohlgeboren den Schmerz auszurrücken, den ich empfinde. Sie und Ihre teure Gattin wissen, wie ich an diesem so selten begabten Sohne hing, wie seit Jahren sein und Ihr Kummer der meinige war. . . . Ich habe bereits diesen Abend die Bitte an den Herrn Finanzminister von Bodelschwingh unmittelbar gerichtet, daß dem Verstorbenen gegeben werde, was dem Lebenden bestimmt war, daß Ihnen die 500 Taler zur Regulierung des Begräbnisses, der Kurkosten, der Schulden ausgezahlt werden, die zur Reise ausgesetzt waren.'. . . Es ist kein geringes Verdienst gewesen, in Ihrer eigenen so eingeschränkten Lage dem Sohne eine solche Bildung zu geben." Aber auch jetzt begegnete der Philanthrop noch neuen Schwierigkeiten. „So habe ich denn Eisenstein begraben" — schreibt er bald raraus dem ihm befteundeten Professor Boeckh—, „dem man — trotz fünfjähriger Niederträchtigkeiten, die ich begangen — nie den Professorentitel gegeben, dem man die Pension, die ihm der König 1844 verliehen, nie ganz restituiert und mit dessen dürftiger Familie, die sechs ausgezeichnete Söhne hat sterben sehen, man mir jetzt das elende Geld streitig macht, wÄches zur Reisebestimmt war." Auf Intervention Friedrich Wil- . Helms IV. jedoch, der das Andenken des be--. rühmten Mathematikers ehren wollte, wurde die volle Summe ausgezahlt. Mit großem Jubel gibt Humboldt dem Vater des Verblichenen von dieser Tatsache Kunde: „Empfangen Sie mit dieser frohen Botschaft die wärmste Versicherung der innigen Hochachtung, welche Sie allen eingeflößt haben, welche mit Ihnen und Ihrer teuren Familie in Berührung gekommen sind." Gauß aber dankte er für seinen herrlichen Beileidsbrief „im Namen der Menschheit", daß er das erhebende Schauspiel der größten intellektuellen Mächtigkeit und Kraft gepaart mit -unverlöschlicher, anregender Wärme der Gefühle gegeben habe. Im Strahlenkranz des Humboldtschen Cha- - rakters bildet die hier erzählte tragische Geschichte - ein nicht unwesentliches Blatt. Der große Naturforscher nahm keinen Anstoß daran, daß Eisenstein ein Jude war, im Gegentell, die Zurücksetzungen und Kränkungen, denen dieser feines Glaubens wegen ausgesetzt war, übten auf sein erbarmungsvolles Gemüt einen tiefen Eindruck aus - und trugen nur dazu bei, seinen Eifer, dem Unglücklichen zu helfen, zu erhöhen, denn ihm war' die Wissenschaft kein Turm, von dem man hochmütig herabschauen, und keine Burg, in der man streiten kann, sondern eine reiche Schatzkammer und ein wahres Rüsthaus zur Ehre Gottes und' zu der Menschheit Wohlfahrt! Aus atter Wett. Deutsches Reich. St. Ludwig. Immer näher rückt unsere Synagoge ihrer Bollendniig entgegen. Die Einweihung des neuen Gotteshauses soll im Monat Dezember, womöglich am Channukah-Feste stattsinden. Durch den Bau einer Synagoge trennt sich die hiesige israelitische Kultusgemcinde, die von Jvhr zu Jahrzunimmt, von der in Hüningen und wird eine selbständige Gemeinde. Glögau. S t i f r u n g. Als Ferdinand Plachtestiftung überwies Frau RosaPlachte geb. Loewen» thal in Glogau der hiesigen, Synagogengemeinde 20000 JL zu rituelle« und wohltätigen Zwecken. Großbritannien. London. 31. Oft llnterhaus. Sir Evans' G o r d o n (konservativ) stellt die Frage an die Regierung, ob man die Scharen fremder Arbeiter, hauptsächlich Russen, die von den Provinzialbehörden Westfalens aus Preußen aus gewiesen werden und nun Vach Großbritannien kommen, ob man überhaupt Personen, die aus ökonomischen Rücksichten aus Deutschland ausgewiesen werden, in England als politische Flüchtlinge ansehen und ob man L

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