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Neue jüdische Presse · 1906-10-26 · Heft 41 (26.10.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 41 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu M. 41 des ^ranfturier Maelitischea FamüicatilmeS. Inhalt der BeUage: Artikel: Alexander von Huniboldt und Gotthold Eisenstein, von Dr. Adolph Kohut. — P er so n a l i en. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Sprechfaul. — Bunte Chronik. — Kunst undLiteratur. — Aus der Geschäftswelt. — „Jüdische Jugend." lNachdruck verboten.) Alexander von Humboldt und Gotthold Eisenstein. Bon D r. Adolph Kohut. Der große englische Poet B u l w e r nannte die Deutschen „das Volk der Denker und" Dichter"; dasselbe Prädikat kann man auch auf die Juden anwenden, die in allen Zeiten und Jahrhunderten überraschende Proben und glänzende Beispiele ihrer außerordentlichen Denkkraft und ihres dichterischen Schaffens gegeben haben. Speziell auf dem Gebiete der Mathematik waren und sind es Söhne des israelitischen Stammes, die durch ihre scharfsinnigen und geistreichen Untersuchungen, Forschungen und Kombinationen die exakten Wissenschaften in außerordentlicher Weise bereichert haben. Ich nenne hier nur aus der Fülle der erleuchteten Namen Georg und Moritz Cantor, Michael Creisenach, Emanuel Lazarus Fuchs, Simon Gunz, Herm. Schapiro, Levp. Kronecker, I. L. Saalschütz, Luigi Cremen a, L. Lipkin, James Joseph Sylvester und C h a j i m Selig S l o n i m s k y, von denen einige ihre mathematischen Werke sogar in hebräischer Sprache schrieben. Zu diesen Meistern der so schwierigen Kunst der Zahlen gehörte auch der in der Blüte seines viele Jahre hindurch im Elend und Siechtum verbrachten Lebens, im Alter von 29 Jahren, verblichene G o t t h o l d E i s e n st e i n — geboren 16. April 1823 in Berlin und gestorben daselbst am 11. Oktober 1852 — dessen Erdenwallen nicht anders als das Martyrium eines jüdischen Gelehrten in Deutschland in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bezeichnet werden muß. Sein kurzes, aber an geistigen Früchten so reiches und ersprießliches Leben verdient einmal flüchtig skizziert zu werden. Da seine Beziehungen zu dem größten Naturforscher des vorigen Jahrhunderts, zu 'Alexander v. Humboldt, den Lichtpunkt seiner trüben Tage bildeten, und da auch bei diesem Anlaß der große Humanitätsprophet von Tegel sich als einer der edelsten Förderer des Judentums, der jüdischen Wissenschaft und deren Träger bewährte, dürste namentlich eine Schilderung des Verhältnisses zwischen den beiden in vielfacher Beziehung wahlverwandten Geister von Interesse ■ sein. Gotthold Eisenstein zeigte schon stühzeitig hervorragende uiathematische Begabung. Er war ein Wunderkind in des Wortes bester Bedeutung, das im jugendlichen Alter bereits fast ohne Anleitung Erstaunliches auf dem Felde der höheren Arithmetik leistete. Als Sohn eines unbemittelten Berliner Kaufmannes war es dem Knaben nicht vergönnt, regelmäßigen Gymnasialstudien obzüliegen, aber es wurde ihm gestattet, ohne die Reifeprüfung gemacht zu haben, die Berliner Universität zu besuchen. Noch als Student lieferte er für namhafte mathematische Zeitschriften, wie z. B. für Crelle's „Journal", ausgezeichnete wissenschaftliche Arbeiten, die allgemeines Aussehen erregten. Alexander von Humboldt, von jeher ein warmer Freund und Gönner junger Talente, las die mathematischen Abhandlungen des Verfassers mit großem Vergnügen, sich zugleich nach den persönlichen Verhältnissen Eisensteins erkundigend; und als er erfuhr, daß dev junge Studiosus nur mühsam fein Leben fristen könnte, öffnete er ihm sein gastfreundliches Haus, das man als den Salon der geistigen Elite des damaligen Berlin , bezeichnen durste und unterstützte ihn, soweit es seine karg zugemessenen Mittel erlaubten, auch finanziell. Ferner empfahl er ihn an die großen, ihm nahestehenden mathematischen Zeitgenossen, speziell an Gauß, den Heros der Mathematik in Göttingen. Um den Jüngling vor Nahrungssorgen zu schützen und ihn dadurch in den Stand zu setzen, sich ausschließlich der Wissenschaft widmen zu können, erwirkte ihm Humboldt im Mai 1844 bei dem König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen ein jährliches Gnadengehalt von 250 Talern. Auf Veranlassung Humboldts reiste im Sommer des genannten Jahres Eisenstein nach Göttingen, um sein Ideal Gauß persönlich kennen zu lernen. Humboldts Empfehlungen gewannen dem Jüngling alsbald die wärnlste Sympathie des Großmeisters der Mathematik. Dieser spricht sich in einer Zuschrift an den Berliner Naturforscher in begeisterter Weise über di» Begabung des Studiosus der Mathematik 'ans: „Es gibt mehrere Arbeiten des jungen Menschen" — schreibt der Göttinger Denker — „unter die ich mit Freuden meinen Namen setzte. Sagen Sie Ihrem Könige, er gehöre zn den Talenten, deren in jeden: Jahrhundert nur einige geboren werden." Die Freude Humboldts über diese Anerkennung seines Schützlings war außerordentlich und er verdoppelte seine 'wahrhaft rührende Fürsorge für den genialen und schon damals kränklichen Gelehrten. Wiederholt lud er ihn zn sich nach Potsdam ein, wo bekanntlich 'Alexander von Humboldt am .Hofe seines Königs Kammerhcrrndienste leistete und er wußte, wenn die kärgliche Pension einmal ausgegangen war, den Monarchen zu bestimmen, ans seiner Privatschatulle Vorschuß zu leisten. Die Krankheit, Melancholie und Furchtsamkeit Eisensteins riefen in Humboldts edler Seele das Gefühl innigsten Mitleids hervor und es bereitete ihm nur Schmerz, daß es ihm nicht vergönnt war, ans eigenen Mitteln so viel herzugeben, daß Frau Sorge für immer die Schwelle des Jünglings mied. Unermüdlich war er bemüht, für diesen stets neue .Hilfsquellen zn erschließen. Die ganze unendliche Fülle von Liebe, die das Herz des herrlichen Mannes für die leidende Menschheit im allgemeinen und für Eisenstein insbesondere erfüllte, spricht sich in dem schönen Briefe aus, den er an den jungen Mathematiker am 29. Oktober 1846 richtete, u. a. also lautend: „Sie irren sich gewiß nicht, wenn Sie hoffen, daß ich Ihnen nicht blos anhänge, weil die Natur Tie mit so herrlichen Gaben des Geistes in frühem Alter ausgestattet. Sie sind meinem Herzen näher getreten durch Ihr stilles, sanftes, inneres, liebenswürdiges Wesen, durch den von mir früh geahndeten Ausdruck der Traurigkeit, die Sie um Himmels willen nicht fortfahren nlüssen Herrschaft über Ihre anderen Seelenkräste gewinnen zu lassen. Sie sollen nicht fortfahren alles zu fliehen; den Glauben muß man tilgen, daß andere Menschen sich nicht um Sie kümmern wollen. Kommen Sie in den nächsten Tagen mich zu besuchen, mein teuerster Eisenstein. Trotz meines Uralters werden, ich weiß es, liebevolle Worte der Teilnahme Ihrem verödeten Herzen wohltun. Zwingen Sie sich von jetzt an und den ganzen Winter alle Wochen zu mir zu kommen. Ich werde für Sie immer Zeit haben. Wir müssen auf ableitende Mittel denken, also auf Zerstreuung durch Eindrücke, die Ihnen vielleicht fremd, ja feindlich sind (Einsicht der Kunstsammlungen, ernstes Schauspiel, Musik, Ansicht fremder Pflanzenformen im botanischen Garten), durch Zwang zu leichter, aber bestimmter Arbeit, Ausarbeitung eines Heftes zu einem neuen Kollegium. . . Ein Zustand, wie jetzt der Ihrige, lieber Eisenstein (ich habe ihn früher mehrmals bei jungen Freunden erlebt), ist nicht von Dauer, nur gefährlich, wenn man die Schwäche hat, ihn zu nähren, sich den Freuden der Tränen hingibt. Kommen Sie recht bald vertrauensvoll zn mir, zwischen 11—12 Uhr. Möchte meine herzlichste Teilnahme an Ihrem Kummer (zu dem doch wohl nicht mir unbekannte. literarische Angriffe beitragen) Ihrem edlen Herzen wohltun. Ich werde Sie nicht schelten. Sie nicht unmännlicher Schwäche zeihen, ich werde Sie fühlen lassen, wie viel auch als Mensch Sie mir wert sind." Außerordentliche Genugtuung gewährte Humboldt der Umstand, daß Gotthold Eisenstein auf Veranlassung von Gauß, der eine Sammlung mathematischer 'Abhandlungen des jungen Gelehrten (Berlin, 1848) mit einem Vorwort begleitet hatte, von der Universität zu Breslau zum Ehrendoktor ernannt wurde. Obschon damals die Aussichten einer Privätdozentenlaufbahn für einen Juden die trübseligsten waren, die man sich denken konnte, unterließ es der Mentor nicht, seinen Telemach anzufeuern, sich an der Berliner Universität zu habilitieren, ihm Hoffnung machend, daß er alles aufbieten werde, um Ihm später einmal eine Professur zn verschaffen und so dadurch seine bürgerliche Existenz sicher zu stellen. In der Tat habilitierte sich Eisenstein in Berlin als Privatdozent, doch hatte der so eifrige und leidenschaftliche Gönner viel zu rosig in die Zukunft gesehen. Vergebens beniühte sich dieser, dem Privatdozentcn der Mathematik einen Lehrstuhl an der Heidelberger Universität zu verschaffen. Er ließ sich dazu von ihm briefliche Angaben über seine Arbeiten machen und wurde selbst durch die 'Anmaßung, die der etwas eingebildete Mathematiker dabei enthüllte, in seinem unergründlichen Wohlwollen nicht irre. „Ihr Brief" — schreibt ihm Humboldt väterlich — „endigt mit den Worten, die mir nicht gefallen können, wenn Sie sie nicht inr Scherz gesagt: „Ich hoffe natürlich durch die Eigenschaft, die ich in diesen Formeln entdeckt, ein zweiter Newton zn werden." So etwas sagt man ja nie von sich selbst. Glücklicherweise steht cs in einem Briefe an mich. Ich schreibe gewiß morgen nach Karlsruhe und werde Sie nicht einen Newton nennen, was den Eindruck meines ganzen Briefes vernichten würde." Als sich die Aussicht einer Professur nicht verwirklichte und Eisenstein wieder Not litt, gab ihm sein Gönner so viel Geld, als er nur entbehren konnte, und welches Zartgefühl, welchen Takt und welche Herzensbildung bekundete er bei allen diesen Spenden! Wie rührend sind nicht die Zeilen, die er einmal anläßlich einer solchen Zuwendung unter dem 10. März 1848 schrieb: „Ich habe das letzte Mal, mein teurer Eisenstein, Sie nur auf so wenige 'Augenblicke gesehen, daß ich cs für nicht anständig hielt, von meiner Besorgnis zu reden, daß Sie in finanziellen Verlegenheiten sein könnten. Solche Sorgen möchte man einem schönen, ernsten Talent, wie das Ihrige ist» gern mindern. Ich kann Ihnen inimer nur unbedeutende Hilfe anbieten und tue es mit Freuden. Schreiben Sie mir, wenn Sie zu Hause sind, gleich, wo nicht nwrgen mit der Post, daß der Schatz in Ihre Hände gekommen ist." (Schluß folgt.) Personalien. Berlin. Julius Stettenheim, der große Wippchen-Humorist, feiert am 2. November seinen 75. Geburtstag. — Dem Rechtsanwalt und Notar Justizrat Dr. Veit Simon wurde der Rote Adlerordeitz 4. K l a s s e verliehen. Emanuel Singer, Ritter des Eisernen Kreuzes, Mitbegründer und Ehrenmitglied des „Verein Berliner Agenten", ist gestorben. Adolph Mayer, Mitinhaber der Firma Jul. W. Schulz Nächst und Vorstandsmitglied zahlreicher Wohltätigkeitsvereine (so des Vereins „Ferienkolonien für jüdische Kinder", des „Vorschuß-Verein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde") iftgest o r b e n. Bingen. 22. Okt. Ein unübersehbarer Zug — wohl an 1000 Menschen, Inden unS) Christen — gab gestern dem im Alter von 60 Jahren verschiedenen Präsidenten der hiesigen Israel. Religionsgeseklschast, Herrn Wilhelm Kann die letzte Ehre. In Wilhelm Kann, diesem pflichtgetreuen, bescheidenen Mann, hat die Israel. Religionsgeseklschast eine Persönlichkeit verloren, deren Verlust für sie schwer zn ersetzen sein wird. Stele (Posen). Der Beigeordnete Herr Ziegeleibesitzer Lippmann Plonski wurde aus Anlaß

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