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Neue jüdische Presse · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 40 Petersburg. Gegenwättig funlt'onieren folgende S ch w arzh und e rto r g a n i s atio n e n: „Der heilige Bund des Volks-Selbstschutzes", „Die beschützende Partei", „Die Monarchische Partei", „Die russische Brüderschaft", „Die russische Versammlung", „Der Bund der russischen Leute", „Der Bund des russischen Volkes", „Die Liga der Patrioten", „Die patriotische Liga", „Die Gesellschaft der Nationalisten", „Die Partei der russischen Wietsche", „Die Minin'sche und Posharsky'sche Partei", „Die Partei des volkstümlichen Zentrums", „Die Partei der aktiven Bekämpfung der Revolution. und der Anarchie", „Die volkswirtschaftliche Partei", „Die Gesellschaft der Kirchenfahnenträger", „Die Partei der redlichen Patrioten und Kämpfer fürs Vaterland", „Der Bund der russischen Patrioten", „Der Bund der weißen Fahne", „Der Bund der Eiferer für das Wiederaufblühen des kirchlich-gesellschaftlichen Lebens und die geistige Wiedergeburt des Vaterlandes", „Der Bund für den Kaiser und das Volk", „Der Bund für den Kaiser und die Ordnung", „Die altrussische vaterländische Partei" und „Die Gesellschaft der Gesetzlichkeit und der Ordnung". Die große Zahl der Namen darf uns indessen nicht beirren. So besteht z. B. die in Archangelsk wirkende Organisation alles in allem ans zwei Polizeibeamten! Kiew. Die Studenten des Polytechnikums haben Professor R e k a s ch o w, den Vorsitzenden der Kiewer Abteilung der Partei für Rechtsordnung/ boykottiert, weil er verlangt hat, an den Bildungsminister' eine Depesche abzuschicken, die dagegen protestiert, daß man dieses Jahr in den höheren Schulen Juden ohne Prozentnorin ausgenommen hat. Frankreich. Paris. Das Rothschild-Hospital nahm in den Jahren 1904 und 1905 400 und 497 Männer, 400 und 627 Frauen und 348 und 407 Kinder auf. Unter den Patienten ist eine fortwährende Zunahme des russischen Elements zu verzeichnen. Der Oberarzt der Anstalt ist Dr. Leon Zadoc Kahn, ein Sohn des verstorbenen Großrabbiners von Frankreich. 0 feuillefon. 0 Getrennt und Vereint. Ms dem Englischen übersetzt von M. Pulvermann. lFortsetzung.) „Wenn Du Dich ein wenig erholt hast," sprach Jablowsky weiter, „werde ich Dir ein Geheimnis offenbaren, das für Dich nicht minder wichtig sei» wird als die Befreiung Deiner Tochter, welche, ich wiederhole es Dir, schneller erfolgen soll, als Du selbst ahnst." „Dann sage es inir dock! bald. Warum willst Du eine Sache hinausschieben, die für mich eine Hoffnung bedeutet?" fragte Rüben wieder aufgeregt. „Hast Du jemals gehofft, Deinen Sohn wieder zu sehen?" fragte Jablowsky gelassen. Rüben sprang auf, und — seinen Wirt durchbohrend anblickend — rief er: „Meinen Sohn wieder sehen! Bist Du wahnsinnig?" „Pakarow, Dein Sohn lebt; so wahr möge meine Seele gerettet werden!" „Stenko Jablowsky, warum folterst Du niich? Wie kann mein Sohn am Leben sein, da er doch vor mehr als zwanzig Jahren ertrunken ist--?" „Hast Du seine Leiche gesehen?" war Fab« lowsky's Frage, die Rüben in große Aufregung versetzte. „Du irrst Dich gewiß; mein Sohn ist tot —; aber hilf mir und meiner Tochter aus diesem Lande, und ich will Dir das Gold in Pfunden abwicgeu!" „Mann, spiele mit mir keinen Shylok-Handel! Behalte Dein Geld für Deine Kinder. Höre, was ich Dir zu sage» habe. Ich habe es meiner Seele zugeschworen, Dein Freund und Helfer zu sein, nachdem ich Dir einst so viel Böses zugesügt — — —! Wenn Du Dich erholt hast, mußt Du versuchen, alle Deine Liegenschaften zu Gelde zu machen, um. dieses Land sofort berlasscu zu können, wenn ich mit Hilfe dieses jungen Mannes und noch eines dritten Deine Tochter befreit habe. Verstehst Du mich, Rüben? Der Direktor des Charkower Gesängnisses ist mein Schulfreund -er hat kostspielige Leidenschaften, und ist seit Jahren mein Schuldner-! Ich weiß zu viel von seiner Amtsführung, und-er — — fürchtet mich —-! Suche auch Deine Tochter zu beruhigen, sage ihr, daß ich dafür sorgen werde, daß man sie gut behandelt, bis sie wieder mit Euch vereinigt ist. Mache ihr Hoffnung, dann .wird sich auch Deine eigene vermehren!!!" Rüben war außer sich;. er konnte es nicht fassen, er konnte sich nicht beruhigen. Die Gedanken drehten Frankfurter Israelitische» Familirnblatt sich wie ein Mühlrad in seinem Kopfe: die lange Haft, Jablvwsky's Freundschaft, Hulda's Strafe, die ihm eine Ewigkeit dünkte, sein Sohn am Leben! Es war zu diel des Guten, um es zu überleben-! Endlich gelang es Ezra, ihn zu beruhigen, indeni er ihm in allem die Hand Gottes zeigte, die sie bisher geleitet und sicherlich auch weiter zu xineni gute» Ende führen werde. In der jüdischen Gemeinde herrschte Freude, mit Trauer vermischt; man war froh, Rüben und den allverehrten Chasan wieder zu haben, und man jammerte über das traurige tzleschick, das Hulda betroffen. Sie wurde in Poesie und Prosa als das herrlichste Mädchen gepriesen: „wundervoll wie die Rose Saron's, süß wie der Tau des Himmels, heldenmütig wie Deborah, aber unglücklich wie Hannah, die ihre sieben Söhne durch Tyrannenmacht verloren!" Männer und Frauen beteten für sie, und Jünglinge und Jungfrauen gingen still und bedrückt umher. Der irächste Tag war «in Sabbat. Ezra ließ es sich nicht nehmen, mit der ganzen Kraft seiner herrlichen Gaben Gott zu danken für die Befreiung der Gefangenen und um seinen Schutz und Beistand zu flehen für seine Braut. Auch der Rabbiner machte das Ereignis zum Mittelpunkt seiner Dreschah, er wies — es war gerade Schabbos-Schiro — durch die Haftorah auf jene Deborah hi», die für Recht und Wahrheit siegreich gekämpft hatte. „Und," so schloß er seine Predigt, „er schläft nicht und er schlummert nicht, der Hüter Israels! Ter alte Gott, er lebt heute noch!!!" Nach dem Gottesdienste war Rüben und Ezra von aflen unidrängt, und darunter war auch eine gar malerische Gestalt, eine ebenso interessante Persönlichkeit, wie der berühmte Chasan. Es war dies der jugendliche Bote aus Jernsalem, Zemach ben David, ein wissenschaftlich hochgebildeter junger Mann und ei» Poet von nicht geringer Fähigkeit. Seine Gedichte im klassischen Hebräisch waren wunderbar und hauchten die Seele eines Juda Halevi aus. In seiner Erscheinung lag etwas Imponierendes, das aber zugleich für ihn cinnahm, und seine orientalischen Gewänder verliehen ihm ein romantisches Interesse. In Zemach und Esra repräsentierten sich die beiden Ideale, die die östlichen Juden am meisten achten und Hochhalten: mystische Gelehrsamkeit und heiliger Sang. Außerdem lag etwas in Zeinach's Wesen, das Ezra mit dem Gedanken erfüflte, dieses sei der Mann, dessen Hilfe sie hei dem gefahrvollen Unternehmen zn Hulda's Befreiung so nötig brauchten. Bald auch liebten sie einander wie zwei Brüder und ohne £§ eigentlich ausgesprochen zu haben, wußten sie doch, daß sie sich niemals wieder trennen werden. Rüben hatte Zutritt zu Hulda erlangt und ihr von den Plänen Jablvwsky's Mitteilung gemacht. Sic war init allem einverstanden, zumal sie ja mit den Ihrigen bald wieder vereinigt sein werde. „Ist nicht mein Ezra ein wahrer Trost für Dich, Pater? Er wird auf mich warten, und Dich nicht verlassen. Versprich es mir, mein guter, geliebter Vater, es ruhig zn tragen, und auch mein Schlummer wird leicht sein: denn Deinen Kummer werde ich mit fühlen, selbst wenn ich tausend Meile» von Dir entfernt sein sollte." Sie bedeckte seine Hände und sein Gesicht mit ihren Küssen und Tränen. Es wurde ihm schwer, sich von ihr zu trennen, doch der Aufseher drängte ihn gewaltsam fort. Um sic nicht noch mehr auszuregen, hatte er ihr von der ungewissen Neuigkeit über den Bruder, den sie nie gekannt, kein Wort gesagt. Es wurde Rüben nicht schwer, sein Haus zu verkaufen und afle seine Außenstände einzuziehcn. Bald war er zu'jeder Stunde bereit, dahin anSzuwandern, wohin die Vorsehung ihn sichren würde. Nach etwa vierzehn Tagen teilte Jablowsky ihm auch mit, daß Hulda bereits, in Charkow sich befinde. „Wir haben sie jetzt, wo ich sie haben wollte, und wir können sofort zur Ausführung unseres Planes und Vorhabens schreiten. Dn mußt mir aber zwei tapfere, beherzte Männer mitgeben, die vor einem kleinen Wagnis nicht ziirückschrccken; Du selbst aber mußt Dich jenseits der Grenze begeben, um sic dort zu empfangen. Ich verpflichte mich nochmals mit Leib und Seele, mein Versprechen zu halten; nur mußt Du mir die richtigen Helfer besorgen." „Und loieviel Zeit wirst Du brauchen, um Dein Vorhaben auszusühren?" fragte Rüben ängstlich. „Genau so viel, als Du brauchen wirst, um die Männer zu verständigen." „Und wenn ich sie Dir morgen zuführe, wird dieses die Sache beschleunigen?" fragte Rüben gespannt. . „Je eher, desto besser; eine Verzögerung wird die Sache nicht besser machen," erwiderte Jablowsky. Seite 5. „Wenn Du etwa Geld brauchst, ich will Dir geben, so viel Du willst." „Ich schulde Dir mehr, als ich mit allen Schätzen der Welt mir zurückkaufen könnte," sprach Jablowsky mit Ernst und 'Nachdruck. „Hier nimm die Hand eines reuigen Sünders-. Pakarow, Dein Sohn lebt! Ich habe es Dir bereits einmal gesagt: und obwohl ich weist, daß Dein Herz fast vor Sehnsucht vergeht, das Nähere zu erfahren, hast Dn noch keine Frage an mich gerichtet — — —! Und diese stille Ergebung, diese Kraft, zu leiden und zu ertragen, ist es ja, was mich zu Deinem Volke hinzieht, was mich zur höchsten Verehrung für Deinen Gott hinreißt! So höre denn. Dein Knabe lebt; seine Erzieherin starb eines freiwilligen Todes, aus Verzweiflung über die feige Tat, zu der sie sich von einem fanatischen Popen hatte verführen lassen. In einem leere» Boot ließ sie das hilflose Kind die Desna hinabtreiben. Zittere nicht, Mann; cs wurde gerettet. Ich weiß alles. So verrucht war ich auch damals nicht, um das unschuldige Kind dem sichern Tode entgegengchen zu lassen — — —. Ich wollte mich an Dir rächen, und sieh ei» williges Ohr den Einflüsterungen jenes Priesters, wie es die unselige Barbara getan-. Doch zum Mörder wollte ich nie und nimmer werden--! Kaum waren beide Mitschuldigen — — — oder waren sie die Hauptschuldige»? -fort, als ich in einem zweiten Boote dem ersten folgte, bis ich mit eigenen Augen sah, daß es von einem vorübcrfahrenden Schiff ausgenommen wurde. Was weiter aus ihm geworden, weiß ich nicht, Aber, Pakarow, hier nimm meine Hand, habe ich meine jetzige Aufgabe crsüflt, dann wird es mein weiterer Lebenszweck sein, auch Deinen Sohn Dir zurückzugeben. Doch vorläufig wollen wir das eine erledigen. Schicke mir die Männer, damit ich Mit ihnen das Nähere bespreche. Sie müssen in Charkow sein, ehe die Messe dort beginnt. Hier ist meine Adresse, wo sie mich finden. Den Direktor- Habe ich für zehntausend Rubel gewonnen, und ich bin fest überzeugt, daß alles nach Wunsch gehen wird. Rein, bitte, gib mir kein Geld." Er drückte noch einmal Rnben's Hand und war bald fort. Auch für Rüben war jetzt keine Zeit ,;um müßigen Nachdenken: die Stunde verlangte energische Taten. Er wußte, daß Ezra sich ins Feuer stürzen würde, um Hulda zu retten. Warum aber der fremde Bote sich bei einem solchen gefahrvollen tlnternclimen beteiligen sollte, das war eine Frage, die er selbst nicht beantworten konnte. Und doch rechnete auch Ezra aus seine Hilfe. Und sie wurden auch nicht in ihrer Erwartung getäuscht. Der Orientale erklärte sofort seine Bereitwilligkeit, indem er jeden Dank von vornherein ablehnte. „Wozu habe ich denn mein Leben und meine Kraft, wenn ich beides nicht für die edelste und gerechte Sache verwerten soll? Jeder svUte freudig hie; Gelegenheit ergreifen, solche Taten .ansznnbenl" war seine ruhige Antwort. Der Jüngling hatte so schlicht und bescheiden gesprochen, daß beide mit aufrichtiger Bewunderung zn ihm aufblickten. „Du bist nicht nur der Bote ans Jerusalem, sondern ein 'Abgesandter Gottes!" rief Rüben mit tiefer Rührung. „Fetzt erkenne ich es deutlich, daß der Herr Wunder tut, um mein Kind zu retten!" Am nächsten Tage schon befanden sich beide ans der Reise nach Charkow, wohin Jablowsky sich bereits begeben hatte. Vorher hatten sie auch die Frage entschieden, wohin man mit Hulda nach ihrer Befreiung fliehen sollte. Der Gefahr, sich nach einem Lande zu begeben, das vielleicht mit Rußland einen Auslieferungs-Vertrag geschlossen, wollte man sich keineswegs aussetze». Ihr späterer Ausenthält mußte darum nicht nur vom Moskowiter-Reich weit entfernt sein, sondern er mußteauch noch streng geheim gehalten werden, und darum schlug Zemach ihnen Marokko als das bestgeeignete Land vor, und zwar die Hauptstadt Tanger. Seine Gründe wären folgende: „Diese Stadt ist cherrlich am Meere gelegen: das Klinia mild und gesund. Keiner wird dort gefragt, wer er sei oder woher er komme. Tanger ist eigentlich eine internationale Stadt, und außerdem ist es leicht, sich unter das Protektorat irgend eines Konsuls znstellen.. Dazu kommt noch, daß Rabbi Rachmn mein besonderer Freund ist; er ist bin sromnier, ehrlicher und kluger Mann, und ein Schreiben von mir wird Euch dort Tür und Herz öffnen. Sollte es Euch aber in Tanger nicht gefallen, so steht Euch ja der ganze Orient offen." „So mag es denn Tanger sein, und nachher das heilige Land," hatte Rüben entschieden. lFortsetzung folgt.)

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