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Neue jüdische Presse · 1906-10-19 · Heft 40 (19.10.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 40 (19.10.1906)
Date
1906-10-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 40 des Frankfurter Israelitischen Familiendlattes. Inhalt der Bellage: Artikel: Ein Wort zur letzten Misrachl- Konferenz. —us aller Welt. — Personalien. — Aus den Vereinen. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Kindesahnen. — Sprechsaal. — Briefkasten — Vereins-Kalender. Ein Wort znr letzten Misrachi- Konferenz. Von D r. Adler- Lübeck. Bor mir liegt ein Blatt der Nationalzeitung von« 18. Septenrber (28. Ellul), zu welchem Herr Eh. I. Eis aus Zürich unter der Spitzmarke „Der Misrachi und die Jto", mit dem Klammerzusatz „zur Richtigstellung", einen Leitartikel liefert, welcher in der Tat in vieler Beziehung der „Richtigstellung" bedarf. Ich füge zur Orientierung hinzu, daß Verfasser derselbe Herr Eis ist, welcher einige Tage vor der geplanten Frankfurter Konferenz die gesamte deutsche zionistische Presse mit einem geharnischten Briefe überraschte, der überall den Eindruck Hervorrufen mußte, als ob der Misrachi plötzlich rabiat geworden sei und die Schale seines Zornes ohne greifbare Ursache über die Poale-Zion und die Kulturzionisten ausgießen wollte. Ich sage ohne greifbare Ursache, denn der Verfasser hatte sich gar nicht die Mühe genommen, die von ihm behaupteten Fehlgriffe der P. Z. und der Kulturzionisten auch nur durch ein authentisches Dokument zu stützen. Dabei war jener Brief unterzeichnet mit Eis, Mitglied des misrachistischen C. C., so ° daß die ganze Welt glauben mußte, die Ansicht des H. Eis decke sich mit der des C. C. des Misrachi. Ich konstatiere, daß kein Mitglied des westlichen C. C. auch nur ein Sterbenswörtchen von der geplanten Emanation des H. E. 'wußte. Ich und mit mir alle meine misrachistischen Freunde, hatten deshalb auf der Frankfurter Konferenz 'Gelegenheit genommen, in aller Schärfe Protest zu erheben gegen das unqualifizierbare Vorgehen des H. E. und hatten die Forderung gestellt, öffentlich zu erklären, daß wir, das misrachistische C. C., nichts gemein hätten mit den Ausführungen des H. E. Was nun den in Rede stehenden Artikel in der Nationalzeitung vom 28. Ellul betrifft, so entspricht seine Behauptung, daß das Gros der in Frankfurt versammelten Mitglieder des misrachistischen C. C. nicht aus Zione-Zion bestand, der Tatsache. Ich muß jedoch, obgleich ich selbst der politischen Partei angehöre, der Wahrheit zur Ehre erklären, daß es sich hier nur um eine Zufallsmajorität gehandelt hat. Mus dem jüngsten Basler Kongreß waren wir im zionistischen Lager mit in der Minorität. Jeder unbefangene Leser dürfte aus den Zeilen des H. E. in der Nationalzeitung den Eindruck gewinnen, als ob das C. C. des Misrachi seine Zeit dazu benutzt hätte, über das Pro und Contra der Jto zu diskutieren. Mag Jemand freundlich oder feindlich den Bestrebungen der Jto gegenüberstehen, so ist dies seine Privatsache. Solange der Kongreß dem Einzelnen die Beteiligung an der Jto nicht verbietet, steht es einem Jeden von uns frei, ganz nach Herzenslust Anschluß zu suchen; aber so lange diese Arbeit nicht in unser zionistisches Programm ausgenommen ist, kann man eine solche Beteiligung nicht als zionistische Arbeit auffassen. Es wäre also ein disziplinwidriges Verhalten gewesen, falls wir, in zionistischer Arbeit begriffen — und kein Misrachi will seine Arbeit anders aufgtzfaßt wissen — die Jto zum Gegenstand unserer Verhandlungen zugelassen hätten. In ähnlicher Weise hat sich Ihr gesch. Blatt häufig ausgelassen, unb wenn Herr E. dies beklagt und Ihr Organ, als den misdachistischen Tendenzen abhold, verurteilen will, so befindet er sich in einem verhängnisvollen Irrtum, der ihn und seinen eigenartigen'zionistischen Standpunkt schwer kompromittiert. Glaubt er nun gar, gerade ans seiner Eigenschaft als Delegierter der Frankfurter Versammlung/ die Berechtigung herleiten zu müssen, an der Spitze der territorialistischen Bewegung in der Schweiz zu stehen — seine eigenen Worte — so setzt er mit diesem Ausdruck den ganzen Misrachi in ein schiefes Licht. Ich halte, mich deshalb verpflichtet, aufklärend folgendes hervorzuheben: Daß so viele Mitglieder unseres C. C. politischer Richtung angehören, erklärt sich nur daraus, daß bei der Wahl der Leitung des Misrachi keine politischen Beweggründe maßgebend sein sollen, sondern nur die Befähigung, im misrachistischen Sinne tätig sein zu können. Der Misrachi kennt keine politischen Sonderbestrebungen. Er arbeitet in allen zionistischen Fragen, die das religiöse Gebiet nicht tangieren, 'getreulich neben und mit all' seinen zionistischen Brüdern innerhalb seiner Ortsgruppe, bezw. Landesorganisation. Ich habe nachzuweisen gesucht, welcher Segen für die Gesamtorganisation und in ihr für den Misrachi eine friedliche gemeinsame Arbeit bedeute, und welchen Schaden beide nehmen würden bei getrenntem Vorgehen. Diese Ansicht habe ich als Referent über die Stellung des Misrachi zur Gesamtorganisation auf der Frankfurter Sitzung vertreten, und durfte annehmen, da ich von keiner Seite Widerspruch erfahren, daß das gesanite C. C. meiner Aufsassung sich angeschlossen. Wie darf dann Herr E. sich erkühnen, von dem Samen zu reden, der auf der Frankfurter Konferenz für eine neue Richtung im Misrachi gesät wurde, welche „die vollständige Loslösung des Misrachi von der zionistischen Bewegung und eine unabhängige religiös - nationale Organisation ansirebt". Ich setze zur Entschuldigung des Herrn E. voraus, daß er der Tragweite seiner Worte sich nicht voll bewußt ist, was ihm, dem Ausländer, gewiß mildernd angerechnet werden muß. Sonst müßte er sich die Konsequenzen gefallen lassen, die man dem Verhalten desjenigen gegenüber zieht, welcher sich außerhalb der Bewegung gestellt hat. Gewiß hat der Misrachi, als auf dem Boden eines unverrückbaren Gesetzes stehend, die unabweisliche Verpflichtung, auf Schritt und Tritt zu prüfen, ob all' das, was unter seiner Flagge geschieht, sich auch völlig mit den Gesetzesvorschriften deckt, er hat seinen ganzen Einsiuß aufzubieten, um jeden „Kilkul" bereits iin Keime zu ersticken. Er wird meiner festen Ueberzeugung nach alles errekchru auf dem Wege friedlicher Arbeit, im treuen Vereine mit all' seinen Gesinnungsgenossen. Hier kan» er seinem Worte durch das Gewicht seiner' Person, durch die Macht seiner Rede und seiner Ueberzeugung Nachdruck und Geltung verschaffen. Wolle man doch nicht unsere Zionisten in einem' Atemzuge mit jener Schar von Reformern und Assimilanten nennen, die die Brücke niit der Vergangenheit hinter sich abgebrochen, also auch kein Verständnis haben für das, was wir der Vergangenheit zu danken haben. Der Zionist lebt mit der Vergangenheit und bant sich auf dieser Basis seine Zukunft auf, und er sollte kein Herz und kein Auge haben für den Wert unseres kostbarsten geistigen Schatzes, dem wir die Erhaltung unseres Volkes während der langen und bangen Nacht der Diaspora zu verdanken haben? Ich habe noch immer in zionistischen Kreisen ein volles Verständnis für unsere, die misrachistischen, Bedürfnisse gefunden und würde unter diesem Eindruck jedes Ansinnen der „Loslösung des Misrachi von der zionistischen Bewegung" mit Entrüstung von mir weisen. Aus aller Welt. Oesterreich-Ungarn. Wien. Jüdische Mandate in Galizien. Eine Abordnung der galizischen Juden sprach heute bei der parlamentarischen Kommission des Poleuklubs und den polnischen Mitgliedern des Wahlreformausschusses in Angelegenheit der Wahlkreiseinteilung Galiziens yor. Die Abordnung führte die Beschwerde, daß von den ursprünglich! den Juden zugesicherten 7 Mandaten nur 5 wirklich gesichert erscheinen. Die Abordnung verlangte eine Aenderung der Wahlkreiseinteilung in der Weise, daß 8 Mandate den Juden Galiziens gesichert werden. - Die Mitglieder der parlamentarischen Kommission wiesen darauf, baß sämtliche 7 Mandate den Juden gesichert erscheinen, daß sie jedoch .bereit sind» aus'Grund eventueller neuerlicher Beratungen ein achtes Mandat den polnischen Israeliten zu zu gestehen. Wie«. Fahnenflüchtlingel Rudolf und Richard Ritter von Mauthner sind zum Christentum übergetreten. Brünn. Jüdische Advokaten. Eine interessante Episode spielte sich jüngst vor dem Bezirksgericht ab. Der Richter ordnete in einem Rechtstreite, in welchem die jüdischen Advokaten Dr. Otto Reißmann und Dr. Heinrich E h r m a n n die Parteienvertreter waren/ eine Streitverhandlung an. Beim Durchblättern ijes Kalendariums bemerkte er, daß der '29. September ein geeigneter Tag wäre, er erklärte jedoch, daß er mit Rücksicht auf den Berföhnungstag die Verhandlung nicht auf diesen Tag anordnen werde. Die beiden Parteienvertreter schämten sich jedoch den Anschein zu erwecken, daß sie Juden sind, und ein jeder von ihnen erklärte bloß, höchstens über Wünsch des Herrn .Lollegen" von der Verhandlung am Bersöhnungstage abzusehcn. Als hierauf der Verhandlungsrichter hervorhob, daß es seiner Meinung nach die größte Blasphemie wäre, am Bersöhnungstage zu verhandeln, replizierte Herr Dr. . E h r m a n n, der Vertreter der Kultusgemeinden Brünn, Eibenschitz und Kanitz im Bezirksschulräte des politischen Bezirkes Brünn: „Vor Gericht stehen, ist auch 'eine heilige Sache." Budapest. Einen Beitrag zu der planmäßig betriebene» Ruinierung der jüdischen Geschäftsleute liefert der Hirtenbrief, den der Bischof von Rozsnyo an die ihm unterstellte Geistlichkeit erließ. In diesem Briese heißt es: „Die Tätigkeit der Geistlichkeit umfaßt zwei Kreise: einen geistigen und einen materiellen. Der erste enthält die Gründung.von katholischen Klubs und Lesevereinen und des katholischen Volksbundes; der zweite die Gründung von Kredit- und Konsumgenossenschaften. Der Zweck der letzteren besteht darin, das Polt von der Macht des habsüchtigen Kapitals unabhängig zu machen. Während die Tätigkeit der Kreditgenossenschaften sich auf mehrere Gemeinden erstreckt, können Konsumgenossenschaften in jedem einzeln enOrte errichtet werden. Dadurch wird nicht nur oaS aussangende Werk der kleinen Dorfkrämer verhindert, sondern auch der Alkohotverbrauch reguliert." Czernowitz. Sechsfache Einweihung eines Iustizpalastes. Die feierliche Grundsteinlegung des neben Justizpatastes wurde von Vertretern aller Konsesflonen in folgender Weise vorgenommen: Ilm 2 Uhr wurde die erste Einweihungszeremonie vom griechisch-orientalischen Metropoliten Erzbischof Dr. Repta vorgenommen, um 3 Uhr folgten die Einweihungsseiern der römisch-katholischen, griechisch-katholischen und armenisch-katholischen Geistlichkeit, um 4 Uhr weihte der Pastor der evangelischen Gemeinde und unr halb 5 Uhr der Oberrabbiner Dr. Rosenseld den Bau. Szeged. Der hiesige Millionär Back de W e g w a r ist mit seiner Frau und seinen Kindern zum Christen tum übergetreten. Temesvar. Eine lobenswerte Gründung ist am vergangenen Schabbos-Bereschis inmitten der Temesvar-Josefstädter orthodox-israelitischen Gemeinde beschlossen worden. Die 300 Mitglieder zählende orthodoxe Gemeinde — eine Oase in der Wüste — entbehrt eine sehr wichtige Institution, die für eine jüdische Gemeinde unerläßlich notwendig ist. Sie hat wohl eine schöne Synagoge, Mikwa und alle andere, für die streng religiösen Bedürfnisse der Lebenden notwendigen Einrichtungen. Aber für das Heiligste war noch nicht gesorgt: die Gemeinde hatte noch kein- Chewra Kadischa. Bis jetzt ist die Gemeinde aus die n e o l o g e Gemeinde der inneren Stadt angewiesen, mit der sie einen gemeinsamen Friedhof und eine gemeinsame Chewra Kadischa hat. Wie nachteilig eine solche Gemeinsamkeit für eine orthodoxe Gemeinde sein kann, zeigte erst ein vor zwei Jahren vorgekommener Fall, da ein Kind aus verbotener Ehe durch die neokoge Gemeinde in den gemeinsamen Friedhof 'begraben wurde. Und es 'ist noch in der Erinnerung aller der Kampf, den der Rabbiner der Josefstädter Gemeinde, Herr Rabbiner Beruh. Schick hiergegen unternommen (s. dessen Schrift „Religion und Staat"). Die Saaten, die er ausgestreut, schießen nun langsam empor. Bei einer Sudo-schel-Mizwo im Hause des H. G. Samek als Choson-Bereschis, wurden auf Anregung des H. M. Rosenbaum die ersten Geldspenden znr Errichtung einer separaten Chewra-Kadischa gezeichnet, wobei die Summe von 3500 Kronen zusammenkam. Die Sache, ist nunmehr in die Hände einer Kommission gelegt, die die weiteren Schritte veranlassen wird. Die Temesvar-Josefstädter orthodoxe israelitische Gemeinde wird dann, ausgerüstet mit allen Attributen einer wahrhaft jüdischen Gemeinde, ihre große Mission inmitten ihrer neologen Umgebung erst recht erfüllen können. Erhebend war die Tatsache, daß ein bei der Sudo-schel-Mizwo anwesender Christ, der Sparkajsendirektor und Stadtrepräsentant Nikolaus Csasznek zuerst die Summe von 150 Kronen gezeichnet hat.! o. Großbritannien. London. Jto. Gemäß dem Bekchktß der Konferenz vom 1. August hat der Präsident der Jto, Herr JsraelAangwill, eine „Geographische Kommission" konstituiert» und zwar setzt sich dieselbe aus folgenden Herren zusammen: aai

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