Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 39 (3.10.1906)
- Date
- 1906-10-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692460-2692499--02736-2697363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
(Seite 10. können doch wahrlich von keiner Seite den Millionen für christliche Volksschulen als ein genügendes Aequivalent gegenübergestellt werden. Der Erreichung dieses Zieles wird noch ein anderer Umstand sich als sehr förderlich erweisen. Vom 1. April 1908 ab ist nämlich auch die städtische Schuldeputation neu zu organisieren imb dadurch tritt als Vertreter der jüdischen Interessen der dem Menstrange nach vorgehende oder sonst deni Dienstalter nach Messt: O r t s r a b b i n e r kraft des Gesetzes als Mitglied in diese Behörde ein. Es ist also die Möglichkeit gegeben, an der zuständigen Stelle dafür zu sorgen, daß der einzige Weg, der geeignet ist, den Lehrern ander israelitische» Volksschule eine gesicherte und auskömmliche Existenz zu gewähren und 'die Schule selbst Nach jeder Richtung . hin leistungsfähig zu machen, in energischer, zielbewußter Weise betreten wird. Möge es a llen in Betracht kommenden Faktoren niemals an demdazn nötige »ernsten Willensehlen. - Dibarti. Brief aus Rumänien. CamPi » a, im September. „KoJ Jisroel arewim se lose"' lautet ein alter Ausspruch unserer Weisen. Dies Wort gilt nicht bloß für das religiöse Leben der Juden, sondern ebensosehr für das politische. Die jüdische Geschichte lehrt mrs. Laß für die Dauer ein -Teil der Judenheit von dem andern sich nicht trennen 'läßt, daß die Juden gemeinsam leiden, dulden, hoffen — siegen müssen, daß eine Macht, eine Hand ihr Schicksal bestimmt, sie durch alle Gefahren zum Siege führt. Wie sollte es auch anders sein? Haben wir dcnü nicht alle überall dieselben bissigen Feinde, die mit denselben Lügen, Verläumdungen und Niederträchtigkeiten aller Art gegen uns arbeite»? Man braucht nicht bloß an das alte — und', immer neue — allerorts auftauchende Blutmärchcn zu denken, an die Brunnenvergiftungen des Mittelalters. Auch der moderne, pseudo-wissenschaftliche Antisemitismus eines Chamberlains und Konsorten — bis zu dem eines .Stöcker und Pückler führt dieselben Lügenwafsen gegen uns ins Feld. Das Judentum ist einheitlich, ist ein ganzer Volkskörper! Das ' lehren ' uns ebensogut unsere Freunde — wie unsere Feinde. Der größte Teil der Judenheit. ringt heute um Freiheit, kämpft für Menschenrechte und Menschenwürde. Tausende haben bereits ihr Leben gelassen für die Sache des Volkes — des russischen Volles; Tausende sind bereit, ihnen in den Freiheitstod zu folgen. Und dev Ausgang der russischen Revolution ist nicht bloß für die russischen Juden von Wichtigkeit, sondern auch für ihre Brüder in den anderen Ländern; vor allem aber für diejenigen, die das gleiche Schicksal teilen—für die rumänischen Juden. Rumänien blickt seit seinem Entstehen ehrfurchtsvoll nach seinem östlichen Nachbar hin. Rumänien, das immer ein Zankapfel zwischen der Pforte und Rußland war, verdankt letzterem sein alles — seine Freiheit. Ohne Krimkrieg kein rumänischer Freiistaat. Me Folge davon ist, daß .Rußland hier als s Modell für alle politischen, soziale» und kulturellen Einrichtungen gilt. Das Schulwesen ist 'ganz nach russischem Muster geformt. Hier wie dort sehen die höheren' Lehranstalten eher Militärkascrnen ähnlich als wirklichen Schulen. Unifornt; Trommel und Trompete fehlen bei beiden nicht. Kürzlich ist es passiert, daß ein Schüler nach Hause geschickt.wurde, weil ihm der rote Streifen an der 'Hose gefehlt hat. Und was die Behandlung der Inden betrifft, so ist die rumänische Negierung noch russischer als der Zar selber. In Rußland kann z. B. ein Jude zwar leicht, sehr leicht totgeschlagen — aber doch nicht über die Grenze geschoben werden. Hier sind Ausweisungen .an der Tagesordnung. Daß Rumänien bei der Nichtbeachtung des Berliner Protokolls an Rußland seine Stütze fand, ist eine bekannte Tatsache. . Es wäre auch sonst undenkbar, daß ein Zwergstaat, sich herausnehmen würde, gegen einen Beschluß der Großmächte zu handeln. ' ' Wie das Blatt in Rußland sich wenden wird, davon hängt auch das Schicksal der rumänischen Juden ab. Werden die russischen Juden ihre Sklaveuketten abschütteln, so werden ihnen ihre rumänischen. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Stüber in die Freiheit folgen. Denir wie drüben gepfiffen wird, so wird hier getanzt. Deshalb wird hier die russische Revolution von jüdischer — wie von nichtjüdischer Seite — mit solchem Interesse verfolgt, wie in keinem zweiten. Lande. Die antisemitische Presse arbeitet fast 'ausschließlich mit russischem Material. Sie fordert ihre Jünger ans, den Russen in keiner Beziehung nachznstehen. Vorige Woche sind in ganz Rumänien Aufrufe zu Juden Metzeleien öffentlich verteilt worden. Gegen ein angesehenes, liberales Blatt „Ahevarnl" („Die Wahrheit") wurde eine antisemitische Prcßkämpagne eröffnet. Der Herausgeber dieser Zeitung, ein Rumäne, wird verdächtigt, 100 000 Fr. von der Alliance Jsraslite für seine Judensreundlichkeit empfangen zu haben. Natürlich ist das eine böswillige Erfindung — aber für Krawalle und Hetzereien bei leinein leichtgläubigen Pöbel vollkommen ausreichend. Die Judenfeinde fürchten, daß es ihnen jetzt vielleicht an den Kragen geht, deshalb wenden sie alle Mittel zur Wehr auf. ' Die Juden sind, wie wir anfangs gezeigt haben, ein einheitlicher Volkskörpcr. Und wenn der eine Körperteil krankt — öder gesundet, kann der andere davon nicht unberührt bleiben. Die russischen Juden werden über Tausende von Leichen hinweg ihre Freiheit erringen, und wir rumänische Juden werden an den Früchten des Sieges auch teilnehmen. Das kommt uns auch zu, denn auch auf uns ruht wie ein Alp der Druck des 'russischen Despotismus. Kol Israel arewim se lose. Isidor Berkowitz, cand. phil.- > Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 2. Okt. Generalversammlung. Die „Zionistische Vereinigung" hielt gestern Mcnd unter dem Vorsitz 'des Herrn I. L. Goitein ihre Generalversammlung ab. — Der Bericht des Vorsitzenden legt Zeugnis von reger Arbeit und gesunder Eniivicklung ab und demgemäß war auch der Bericht des Kassierers, Herr Lehrer B. Stern, ein günstiger; die Kasse schließt mit 3000 Jk Einnahmen und 3000 ./L Ausgaben, 1060 JL davon wurden an den Nationalsonds abgesührt. — Es wird beschlossen, das Geschäftsjahr am 1. April schließen zu lassen, s odaß das nächste Geschäftsjahr am 1. April 1907 schließt. — Herr I. L. Goitein hatte zu allgemeinem Bedauern eine Wiederwahl abgelehnt, ebenso die Herren Julius Friesländer und Referendar Dr. Elias als Vorstandsmitglieder. In der nun folgenden Vorstandswahl wurden daher die folgenden Herren gewählt: Fritz Sondheimer (Vorsitzender), Dr. Jakob Feuchtwanger, I. L. Goitein, Joseph Hackenbroch, Lehrer. B. Stern, Dr. med. W. Hanauer und Dr. med. Joseph Meyer. Zu Revisoren wurden die Herren L e v i g a r d und Oppenheimer bestimmt . Ans -er Lehrerwelt. Frankfurt a. M., 2. Okt. Getragen von der Liebe und Verehrung einer ganzen Gemeinde, begeht übermorgen Herr Julius Fricsländer, Obcrkantor der Synagogengcmeinde „Israel. Neligionsgcscllschaft", in jugendlicher Frische die Feier seines 5 0jährigen Am ts j u b i l ä u in s. Vorstand und Gemeinde werden es sich nicht nehmen lassen, dem Jubilar Worte und Gaben der Anekkennung darzubringen; doch das herrlichste Geschenk des Tages trägt der Jubilar, in sich, das Bewußtsein nämlich, 60 Jahre in priesterlicher Würde der Mund der im Gotteshause versammelten Beter vor Gott gewesen zu sein. _______ Ge-itchtnisbliitter einer jüdischen Mntter. (Nachdrück verboten.) XIV. Nach der Hochzeit fuhr ich nach, Emmerich nach dem'Grabe meine; Schwester Hendel. Gott weiß, es, wie schmerzlich und wehmütig mir da zu Mute war und ich habe wieder so recht den-Jammer empfunden, daß eine so über die Maßen schöne Frau schon im Alter von 25 Jahren „die schwarze Erde kauen" mußte. Doch was Gottes Wille ist, müssen wir Menschen uns gefallen lassen! Am Tage irach der Hochzeit begaben wir .uns wieder auf die Rückreise und reisten vorerst vergnügt nach Amsterdam, denn wir wollten wieder denselben Weg zurück machen, auf dem wir hingekomme» waren. Mein lieber Mann machte dort noch Geschäfte, nach 14 Tagen aber ging es dann' nach Delfzyl. Auf dem Wege dorthin muß man über den Dollart fahren. Das ist ein Meeresteil, in dem sich ein Wasserwirbel befindet, und selbst der stärkste Mensch» der das Meer Nr. 39. nicht gewohnt ist, muß bei dieser Uebersahrt 'totkraii: werden, da das Schiff furchtbar gerüttelt und geschüttelt wird. Wir kamen auf das Schiff, und ließe» unser Gesinde in der Kajüte zurück,. die ist geradeso wie im Haus. Mein lieber Mann und ich mieteten uns aber bei dem Kapitän ein kleines Kämmerchen, um allein zu sein. IN der Wand befand sich eine Oeffnung, die verschließbar war und durch die man auch nach der großen Kajüte sehen und auch was man wünschte herein- und herausholen konnte.-Es standen in dem Kämmerchen 2 Bänke und mein lieber Mann sagte zu mir: „Lege Dich da hübsch' auf eine Bank. Ich will Dich gut zudecken und nimm Du Dich wohl in acht, rege Dich nicht, bleibe ganz still liegen, dann wird Dir das Meer nichts schaden!" Ich bar vorher nie über's Aber gefahren, mein lieber Mann, der schon oft auf dem Dollart gewesen, wußte aber genau Bescheid darüber. Ich folgte ihm denn auch und legte mich ganz still hin. Meine Magd mit meinem Säugling befand sich aber in der großen Kajüte. Nun hatten wir ein gar schlimmes Wetter. Es herrschte widriger Wind und das Schiff ging sehr hohl. Alle Mitfahrenden waren totkrank und haben sich, mit Respekt zu sagen, übergeben müssen. Es gibt wirklich auf der Welt keine schlimmere Krankheit! Ich glaube nicht, daß Todesnot ärger ist. So lange ich still dalag, spürte ich zwar nichts davon, doch wurde meine Magd auch krank und konnte sich' nicht regen.- Das Kind hatte sie bei sich und das war wohl auch nicht ganz wohl. Es sing an zu weinen und zu schreien. Die Magd mußte es gewähren lassen, ich aber als Mutter hatte Mitleid mit ihm und konnte es nicht länger anhöre». Ich mußte von dem Lager aufstehen und das Kind zur Luke hereinnehmen. Aber mein Gott! Sofort ist mich Todesnot angekommcn. Ich dachte, das sei mein Ende und fing an, das Süiidenbckenntnis zu sagen, so gut ich es konnte und auswendig wußte. Mein lieber Mann lag ganz ruhig, er wußte, daß dies keine Sterbcnskrankheit und daß sie verschwindet, sobald man Irur den Fuß auf's Trockene setzt. Wie. ich mich nun so auf das Sterben vorbereitete, lag er da und lachte. Ich hörte das und dachte: Wie, ich liege in Todesnot und mein Manii lacht darüber? Obwohl ich sehr erzürnt war über dieses Benehmen, so konnte ich doch mit ihm deswegen nicht zanken, denn ich hatte nicht die Kraft, auch nur zu reden. So mußte ich also liegen und leiden, bis wir nach einer halben Sttnrde an's Land kamen und das Schiss verließen, da war sofort die ganze Krankheit verflogen. Als wir dann nach Delfzyl kamen, war es schon tiefe Nacht und wir konnten iil keinem Wirtshaus und auch in keinem jüdischen Haus mehr Unterkommen. Dabet war es ein furchtbar schlechtes Wetter! Wir dachten schon nicht anders, als daß wir über Nacht im Freien bleiben müßten. Dabei wat - am andern Tag Fasttag, denn das war S' ch a u r Bris (Rüsttag zu Nosch haschono). Den ganzen Tag über auf dein Schiff gewesen, keinen Bissen gegessen, krank und matt von der Seefahrt —, kur wollte es uns wahrlich nicht behagen, ohne gegessen und getrunken zu haben, über Nacht auf der Gasse liegen zu bleiben! Mein lieber Mann ging schließlich mitten in der Nacht in ein jüdisches Haus, dessen .Besitzer er kannte und bat diesen, er möchte uns doch über Nacht ins Haus nehmen, damit wir nur mit den Kinder» unter Dach kämen. Sofort sagte er: „Konnnet nur in Gottes Rainen herein, mein Haus steht Euch offen, und auch ein gutes'Bett kann ich Euch geben, aber zu esssn Hab' 'ich nichts." Es war auch schon sehr spät und 'seine Frau war nicht zu Hause, ivar vielmehr in Emden. Mein lieber Mann war herzlich froh, für uns wenigstens. Nachtquartier zu haben und brachte uns hocherfreut in das Haus. Wir hatten aber wirklich weder Speise noch Trank, denn cs lag alles schou im Schlaf. Das Restchen Brot, das-wir noch bei,üüs hatten, gaben wir de» Kinder», doch ich habe Gott gedankt, als ich wenigstens zu Bett kam, denn die Ruhe'war uns mehr wert als Essen und Trinken. Am andern Tage standen wir sehr-früh auf zum S'chaur Bris und zogen nach Emden, wo wir bei R. Abraham Stadt- Hagen, einem nahen Verwandten meines lieben Mannes, über Roschhaschono zu Gast waren( Mr verlebten dort einen überaus schönen Festtag und-vergaßen dabei vollständig unseren Dollart. _ , (Fortsetzung folgt.) _(( Hamburg, 1- Oft. Die Hamburg-Amerika-Lime meldet: D. Bethania, 28. Sept. 3 Uhr nachm, von Baltimore nach Hamburg; D. Blücher, 30. Sept., 10 Uhr morgens, in Newyork; D. Kaiserin Auguste Victoria, nach Newyork, 29. Sept-, 8 Uhr 30 Min. morgens Lizard passiert; D. Markomannia, 30. Sept., von Gälveston über Newport News nach Hamburg; D. Oceana, von Newyork nach Neapel und Genüa, 29. Sept. 11 Uhr morgens von Gibraltar; D. Patricia, -nach Newyork, 30. Sept., 4 Uhr 50 Min. nachm, von Boulogne; D. Pisa, 29. Sept., 12 Uhr nachts von Newyork nach Hamburg.