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Neue jüdische Presse · 1906-09-28 · Heft 38 (28.9.1906) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 38 (28.9.1906)
Date
1906-09-28
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Frarcksurter Israelitischer Famllienblatt. Nr. 38. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M., 27. Sept. Das Deutsche Zionistische Zentralkomitee veröffentlichte in der. gestrigen Wend-AusgaLe der Vosfischen Z e i t u ng folgende Erklärung: „In der Wendausgabe Ihrer geschätzten Zeitung vom 25. d. M. befindet sich ein Entrefilet über den Zionismus, in dem es unter anderem heißt, es fei auf 'dem Delegiertentag in Hannover 'ein Antrag gestellt worden: „Das Zentralkomitee wolle hie Gründung einer national-jüdischen Landesorganisation als Politische und wirtschaftliche Interessenvertretung der Juden iu Deutschland einleiten." Mit Bezugnahme auf diesen Antrag wird dem Zionisnius porgewworsen,? daß er die Inden in einen Gegensatz zur übrigen Bevölkerung bringen wolle und geradezu Wasser auf die Mühlen der Antisemiten treibe. Me zionistische Bewegung würde in der Tat dieses scharfe Verdikt unwidersprochen hinnehmen Müssen, wenn sie daran dächte, wie in dem Entrefilet angedeutet ist, im innerpolitischen Leben Deutschlands jüdisch-nationale Politik zu treiben. Das Ziel des.Zionismus ist einzig und allein, wie es in dem grundlegenden Basler Programm heißt: eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina. Dieses Ziel kann den deutschen Juden nun und nimmer in Gegensatz zu seinen staatsbürgerlichen Pflichten bringen; das wohlwollende Interesse, das deutsche Dundesfürsten und Staatsmänner, die über den Zionismus aus das Genaueste informiert sind, ihm entgegenbringen, sollte jeden Zweifel hierüber ausschließen. Auch ' die Zionisten kämpfen um die den deutschen Juden durch die Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung, nicht anders als z. B. der Gesamtverband der Deutschen Juden, in dessen Ausschuß denn auch die zionistische Organisation ihre Vertreter entsandt hat. Darüber hinaus bleibt es selbstverständlich jedem Zionisten völlig unbenommen, sich innerhalb des Rahmens derjenigen politischen Partei im .innerdeutschen politischen Leben zu betätigen, die Minen politischen und wirtschaftlichen Anschauungen entspricht;von der Wsicht, eine jüdisch-natio- M a leFraktioninDeutschlandzubilden, kann absolut keine Rede sein. V; Das Zentralkomitee hat denn auch in Uebereinpimmung milden eben entwickelten Grundsätzen der in Hannover gegebenen Anregung keinerlei Folge gegeben." v; Kraukfvrt a.M. Für den Nationalfonds gmgen bei der Expedition des Frankfurter Israelitischen Familienblattes ein: Frau Kärollne Hamburger 3,— JL Sach Geis statt Depesche zu 'der am 2.Oktoberin Jerusalem fiättfinbenden Trau- : ung von Fräulein Helene Grünhut mit Herrn Jsaac Känel , 0,50 JL F. K. Marx, 200 Marken. Mannheim. Süddeutscher Zionistentag. (Schluß.) Rechtsanwalt Beith (Offerrburg): Das zionistische Publikum muß von den Führern mehr informiert werden. Man weiß nicht, wie augenblicklich der Stand der Bewegung ist, welche Aussichten die politischen Bemühungen der Leitung haben. Was hat der Zionismus geleistet? I. L. G o i t e i n (Frankfurt): Der Zionismus hat bereits Großes geleistet, denn er hat die Judenheit der Länder organisiert. Die moralischen Erfolge der zionistischen Bewegung, den regenerierenden Luftzug, der von ihr ausgeht, erkennt man heute allgemein an. Dr. H a n t k e: .Nachdem heute von beiden Seiten ausgesprochen wurde, was man wolle, dürfte das Mißtrauen, das noch immer bestand, ausgcschieden sein. Auch die Zione-Zionisten sind sich darin einig, das; der Nationalfonds erhalten bleiben muß und daß von seinem Gelde nur Land innerhalb seiner Bestimmungen erworben werden darf, dessen Nutzbarmachung ohne sein Geld zu geschehen hat. Die zione-zionistische Politik ist gegenwärtig das einzige agitatorische Mittel, und es ist noch vieles zu leisten, bis der größte Teil der Juden auf zionistischer Seite steht. - Sind. Reich (München): Der Verkauf der Bänk- Uktien muß in ganz anderem Umfange wie bisher betrieben weü»en. ZU diesem Zwecke muß die Bank greifbare finanzielle Resultate zeitigen. Auch die Privat- Initiative für die Tätigkeit in Palästina ist zu fordern. Julius Simon: Man muß gegen die Art, wie die Bank gegenwärtig arbeitet, wo nichts in Palästina geschieht, protestieren. Dr. Friedmann: Die politischen Zionisten sind gern bereit, mit dem gemäßigten Flügel der Zione-Zionisten zusammen zu arbeiten. Der Mittag vereinigte die Teilnehmer zu einem mit Toasten gewürzten Aiahle. Das Tischgebet wurde versteigert und brachte über 100 JL In der Nachmittagssitzung referierten die Herren Dr. Kaufs mann (Freiburg) und Dr. Isaak Strauß. (München) über Agitation, und gab dieser Punkt der Tagesordnung naturgemäß der Sitzung einen weniger für die Oefsentlichkeit bestimmten Charakter. Des Abends fand vor gefülltcin Saale ein öffentlicher Vortrag des Herrn Julius S i in o n über das Thema „D e r ENtwurs eincs R efo rm g ebetbuch e s für die badischen Jude ii" statt. Der Oberrat der badischen Inden habe das Gebetbuch seines spezifisch-jüdischen Charakters volliommcil entkleidet. Insbesondere sei der nationale Gehalt des Gebetbuches völlig ausgcmerzt und alle Hinweise ans die Volksgemeinschaft der Juden und auf ihre Hoffnungen inbezug auf Palästina seien aus dem Gebetbuch entfernt. Redner sieht hierin eine Fortsetzung der sogenannten „Aufklärungsperiode", die eine Verachtung jüdischer Werte gelehrt und deren Resultat die Assimilation ganzer Volksteile zur Folge gehabt habe. Wenn der Obcrrat das mangelnde jüdische Empfinden lediglich in dem geringen Synagogcnbesnch sehe und aus angeblich unmoderne» Gebeten erkläre, so gehe -er den tieferen Ursachen dieser beklagenswerten Erscheinung nicht nach. Gewiß müsse dieser Mangel konstatiert werden, aber die Arbeit des Oberrats, wie sie sich in dem Gebetbuch zeige, werde dem nur weiteren Vorschub leisten. Es sei kein Bedürfnis für derartige Rcsormbestrebüngen vorhanden. Ein Teil der Juden sei indifferent geworden und nur die Wiedererwerbung der jüdischen Volksseele, die der Zionismus mit deni Zionsidealc und der Pflege des jüdischen Eigenlebens bewirkt, sei imstande, die Gleichgültigen wieder einem lebendigen jüdischen Empfinden zuzuführen. Redner sucht nun an einzelnen Beispielen des hebräischen Textes und der deutschen Uebcrsctzung davon nachzuwciseü, daß der Oberrat sich nur von dem Bestreben leiten ließe, die Gebete zu modernisieren, sondern daß er auch eine unfreie Rücksichtnahme nach außen und insbesondere auf die Beschuldigungen der Judenfeinde zeige. Ferner zeigt Redner an weiteren Beispielen, daß die Uebersetzungen des Oberrats, die zwar als freie, aber doch sinngemäße hingestellt wukden, zum Teil durchaus nicht dem Sinne des hebräischen Urtextes entsprechen würden. Der Redner schließt unter lebhaftem Beifall seine fast cinstündigen Ausführungen mit den Worten: „Das Judentum wird zionistisch sein oder es wird nicht sein." Die Diskussion bot wesentliche Punkte nicht mehr dar. Schließlich gelangte folgende Resolution mit allen gegen eine Stimme zur Annahme: „Wir erblicken in dem Versuch, den nationalen Gehalt und die Hoffnungen des jüdischen Volkes in Bezug auf Palästina aus unseren altüberlieferten Gebeten auszumerzen, einen gewaltsamen Eingriff in den Geist des Judentums. Dieser Eingriff kann nur die allerbedenklichsten Folgen für die Entwicklung des Judentums nach sich ziehen. Er entwertet die idealsten Antriebe aus unserer Vergangenheit und für unsere Zukunft." Um halb 11 Uhr schloß der Vorsitzende die Versammlung mit der Aufforderung, diese heutige Protestkundgebung nur als einen Anfang zu betrachten, und gemeinsam mitzuarbeiten, damit die Versuche des Oberrats nicht zur Durchführung kämen. Mährisch - Ostrau (Oesterreich). Der e r st e mährisch-schlesische Studenten tag, dem cand. jur. Hermann Löw (Jvria) präsidierte, war fehr gut besucht. Es gelangten folgende Resolutionen zur Annahme: 1. Der Studententag macht es allen jüdischen Studenten Mährens und Schlesiens zur Pflicht, mit allen ihren verfügbaren agitatorischen Mitteln, uamentlich zur Zeit der Wahlen, in .der Bevölkerung für nationale Autononiie und jüdische Vertretung in Land und Reich einzutreten, ferner sollen die studentischen Delegierten am mährisch-schlesischen Distriktstag dahin wirken, daß der deutschliberale,jüdische Kandidat von Zionisten nicht unterstützt wird. 2. Im Hinblick auf die Forderung nach nationaler Autonomie wird die Inangriffnahme einer jüdischen Statistik beschlossen und zu diesem Zwecke ein fünfgliedriges Komitee mit dem Sitze in Wien gewählt. 3. Der Studententag empfiehlt der jüdischen Studentenschaft, sich die genaueste Kenntnis der. tschechischen bezw. polnischen Sprache anzueiguen. 4. Der Studententag spricht der zionistischen politischen Parteileitung sein Vertrauen aus. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Lsieber Wächter! Erst heute lese ich Ihren Brief an mich in Nr. 36 (14. Sept.) des Familienblattes.' Es freut mich, daß Sie trotz des in Rede stehenden Gebetbuch-Vorschlages Ihren Humor bewahrt haben. ZU gebe Ihnen auch darin Recht, daß man von Rechtswegen die ganze Affaire von der spaßhaften Seite nehmen sollte. Mer, mein Herr, so leicht sind diese Dinge denn doch nicht zu nehmen. Die Gefahr scheint mir groß, daß eine Synode gewählt lvird, deren Mehrheit den Gedanken, auf welchen das Gebetbuch beruht, sympathisch gegenüber steht, und die Einführung desselben beschließt. Ich weiß auch wohl, daß damit noch nicht das letzte Wort gesprochen ist, sondern daß noch jede Gemeinde besonders den Beschluß fassen muß, dieses neue Gebetbuch in 'ihrer Synagoge zur Einführung zu bringen. Darum ist es von allergrößter Wichtigkeit, sowohl die Wähler, als auch die Synagogenräte darüber anfzuklären, was ihre „um ihr Seelenheil so sehr besorgte" Oberbchörde ihnen für ein verhängnisvolles Geschenk darbietet. Mit witzigen Anekdoten kommt man aber nicht weit. Auch Sie werden die Erfahrung gemacht haben, daß das böse Beispiel viel häufiger nachgcahmt wird, als das gute, und fo bin ich auch in der Gebetbüchfrage von ernster Besorgnis erfüllt. Sollte ich zu schwarz gesehen haben, so wird niemand lebhaftere Freude darüber empfinden, daß ich mich getäuscht habe, als ich selbst. Bevor wir aber das Gute und Rechte siegen gesehen haben, ist es unsere unabweisliche Pflicht, zu kämpfen, aufzuklären und alles zu tun, was der schlechten Sache Wbruch tut. Und da ist es nt. E. durchaus unstatthaft, von seinem jüdischen Optimismus sich verführen zü lassen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Wie weit wir es mit unserem „jüdischen Optimismus" (nach meiner Meinung wohl eher: Optimismus in jüdischen Dingen) gebracht haben, ersieht man an dem mehr als bedenklichen Niederstande des religiösen Wissens und .Lebens nicht allein in Baden, sondern in ganz Deutschland. Dieser ist nicht älleiit die Folge der Zeitverhältnisse, sondern auch zum guten Teile unserer „optimistischen" (d. h. nachlässigen) Vorfahren und Zeitgenossen. Nur das Einzige kamt uns helfen: Attfraffung, Energie, Tatkraft. Und in dieser Richtung mögen Sie üuf Ihre jüdischen Landsleute wirken! Und damit Gott befohlen. Schwaben, 25. September 1906. Dr. Suebicus. * * * Sehr geehrter Herr Redakteur! Obtvohl ich schon seit Jahren von dort abwesend bin, habe ich immer noch-'großes Interesse an der dortigen Synagogengeineinde „Israelitische Religionsgcsellschaft" und freue mich, wenn ich höre, daß alles, was in derselben sich ereignet — sei es vom Vorstande oder von Mitgliedern — dem Geiste und Sinne ihres großen Gründers nach geschieht. Um .so schmerzlicher hat es mich berührt, als ich von einem der Aufsicht dieser Gesellschaft unterstellten Milchhändler auf die in Ihrem Blatte enthaltene Annonce — Gesuch nach weiteren Milchgeschäften — aufmerksam gemacht wurde. Ich habe mich nun ganz genau unterrichten lassen, da ich mich verpflichtet fühle, die ganze Angelegenheit in die weiteste Oeffentlichkeit zu bringen, und bemerke ausdrücklich, daß dieser Bericht nicht etwa einseitig, sondern vollständig den Tatsachen entsprechend ist. Wie bekannt, haben die Milchhändler der Israelitischen Religionsgesellschaft infolge bedeutend höherer Betriebsspesen und Einkaufspreise seitens ihrer Lieferanten beschlossen, den seitherigen Preis der Milch um 2 Pfg. per Liter zu erhöhen, d. h. für die Milch 25 Pfg. zu verlangen. Der größte Teil zahlte diesen Preis anstandslos, da es ja jedent bekannt Ivar, daß die Milch der nichtjüdischen Milchhändler ja auch aufgeschlagen war. — Nun erschien in ihrem Blatte ein „offener Brief" an den Vorstand der Religionsgesellschaft, „einer weiteren Bereicherung" der Milchhändler entgegentreten zu müssen, und dieser Brief schien dem Vorstände derart in die Glieder gefahreii zu sein, daß er die Milch- Händler ztt einer Sitzung einlud und ihnen zwei Vorschläge machte: „entweder die Milch zu 237a Pfg. per Liter zu verkaufen oder es würden weitere Milchgeschäfte der Aufsicht unterstellt werden". Die Milchhändler erklärten ihrerseits, daß sie, sobald die Diitch im Einkauf wieder billiger werden würde, gerne die Milchpreise herabsetzen würden — da dies eben zu tun, unmöglich wäre. Darauf wurde den Milchhändlern seitens des Vorstandes ein Ultimatum gestellt,. den Preis von 23tya Pfg. anzunehmen, anderenfalls weitere Milchhändler angestcllt würden — und da die Milchhändler dem Willen des Vorstandes nicht Nachkommen konnten (da ein .Geschäftsntann auch noch etwas verdienen will) wurde die bekannte Annonce aufgegeben. Möge jeder Leser selbst urteilen, ob eine , solche Handlungsweise richtig ist und ob solche dem Geiste S. R. Hirsch's entspricht! Ich glaube es nicht!- E. '•KELLlf\ Operngläservon 3 Mark an, Feldstecher von 8 Mark an, Brillen von 70 Pfg. an, Pince-nez von 1 Mark an, Barometer, Termometer, Compasse, Reisszeuge. Gustav Keller, ßoetheplatz 11. Optiker d. Frankfurter lugenfaeilanslalt. Zahn- und Mundkrankheiten! 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