Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 38 (28.9.1906)
- Date
- 1906-09-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage zu Nr, 38 des Frankfurter Israelitischen Falmlimblattes. Inhalt -er Vellage: Artikel: Gebetbuch, besprochen von Dr. Emmes Suebicus.— Aus der zionist. Bewegung.— Sprechsaal. — „Jüdische Jugend". Gebetbuch. Erster Teil. Für Werktage, Sabbate, Besreiungsfest, Offenbarungsfest und Laubhüttenfest. Herausgegeben von dem Großh. Bad. Oberrat der Israeliten. Besprochen von Dr. Emmes Suebicus. (Schluß-, In der 13. Berochoh „al hazzadikim" hat wieder die falsche Scham, als Jude sich zu bekennen, zur Streichung der Worte geführt: „al siknei amcho jisrotzl weal peleitas sauphreihem weal geirei hazzedek". Denn wenn auch ursprünglich Sekeinim und Sauphrim eine bestimmte Art von Gelehrten und Sanhendrialmitgliedern bezeichnete, so verstehen wir heute und haben sämtliche Gemeinden und deren Leiter seit Aufhören jener Gelehrten unter Sekeinim und Sauphrim die geistigen und weltlichen Führer der Judenheit verstanden und da hätte das bereits gekennzeichnete historische Feingefühl der Gebetsbuchsmacher es ruhig bei der alten Fassung belassen können. Nicht Wunder nimmt uns, daß auch die 14. Berochoh „uwnei jeruscholajim" geändert worden und daß die Fassung hineingekommen rst: „wechisei chewaudcho lesauchoh tochin", anstatt „wechisei dovid" Dafür aber entdeckt der Gebetbuchvrdner sein prophetisch-universelles Herz und schreibt: „weji korei mikdoschecho beis tephillo lecholhoammim", wobei man nicht einmal den Vers Jesaya 56, 7 richtig zu zitieren versteht. Also auch in dieser Berochoh beileibe, selbst in Jerusalem nicht, etwas spezifisch Jüdisches!*) In der 15. Berochoh ist der „zemach dovid awdecho" in einen „zemach zedokoh" verwandelt worden, weil man ja von einem Messias aus dem Hause Davids nichts wissen will. Dann hätten aber konsequente Leute den ganzen Abschnitt ' entweder weglassen oder mit dem vorhergehenden verbinden sollen, wie er es ja ursprünglich auch gewesen ist, da er ja gar keinen selbständigen Inhalt hat. Aber man warf den Inhalt hinaus und ließ die Form, um das. Publikum über den vollen Umsang der „Gegensätzlichkeit" zu täuschen. Im gleichen Geiste ist auch „rezeih" und „jaale wejovau" geändert. Kein Zion und keine Rückkehr Gottes nach Zion, kein Messias, nicht einmal das Gedächtnis der Väter soll vor Gott gelangen. — „Bymei mordechai we-ester" ist korrigiert worden: „Du brachtest Vergeltung aus sein Haupt und man hängte ihn und seine Söhne an den Galgen" in ^,Du verwandeltest unseren Vätern den Kummer zur Freude und die Trauer zum Festtag." Also auch hier Mitleid mit dem armen Haman statt mit den Juden und Verkennung der ganzen Purimidee, die darin gipfelt, daß das Verderben auf das Haupt dessen niederfällt, der es andern zugedacht hat. In „owinu malkenu" haben die Herren sehr viele Verse weggelassen und zwar meistenteils solche Verse, welche sich auf die Geschichte Israels beziehen oder Bitten sür Israel enthalten. So haben sie z. B. die Verse „ase lemaan tewuchim, harugim, boö boösch uwamajim" in einen einzigen zusammengezogen, während doch gerade die Einzelaufzählung der verschiedenen Arten von Martyrien so ergreifend und erschütternd auf das Gemüt wirkt und zur Erneuerung und Vertiefung der Hingabe an Gott und zur Treue gegen den Glauben auffordert. Natürlich hat man auch hier aus zarter *) Hingegen hat man das Nacheim für den g. Av unverändert gelassen, und nur die Uebersetzung desselben zeigt den oberrätlichen Geist. Denn „nlechowaud ehjeh besauchöh" umschreibt sie mit: „und sie zu neuer Herrlichkeit führen," während es doch lauten muß: „Ich (Gott) werde ihr zur Herrlichkeit gedeihen in ihrer Mute" (siehe die Kommentare zu Secharja 2, 9). . ' Rücksichtnahme für unsere lieben Feinde den Vers: „nekom nikmas dam awodecho haschofuch" geirichen. Also, nicht einmal ein Aufschrei des gequälten und gepeinigten jüdischen Herzens zu Gott um Gerechtigkeit, welche doch nach Kant und allen anderen Philosophen eine unbezwingbare natürliche Forderung des menschlichen Wesens ist, verstatten die Gebetsbuchordner ihrem Volke! Dabei hat derselbe Oberrat, der so zart ür die nichtjüdischen Judenfeinde empfindet, seine Mischen Gegner (wohlgemerkt: nicht seine FeiMe, sondern seine wissenschaftlichen Gegner) vor den Strafrichter zitiert und — wir müssen es noch einmal betonen — dieselben auch in der Zeitung mit einem außerordentlichen Mangel von Micher Liebe behandelt. In „wehu rachum" .lassen die Herren alle diejenigen Verse weg, welche auf das Volk Israel und seine Wiederherstellung sich beziehen; ja sogar solche, welche gerade für unsere Zeit gechrieben zu sein scheinen, z. B. „Schone, Ewiger, Dein Volk und laß Dein Erbe nicht zur Schmach werden." Auch die Notschreie: „Haschem elokei jisroöl" haben die Herren wegzulassen für gut befunden, und gerade in einer Zeit, wo wir täglich die furchtbarsten Nachrichten unseres Volkes zu Ohren bekommen. Da zeigt sich doch ganz deutlich, daß den Herren „Ordnern" und ihren Inspiratoren jedes Gefühl für das jüdische Volk abgeht. Im „uwa lezion" lassen sie die ganze Keduscho, sowohl die hebräische, als auch aramäische durchaus weg, obgleich doch diese für diejenigen Leute eingerichtet worden ist, welche die Wiederholung der Schemoneh-esre entweder versäumt oder überhaupt den Werktags-Gottesdienst nicht besuchen können. So hat man diese letzteren, welche doch die große, MerwiegeMe Mehrzahl bilden, davon abgehalten, die Keduscha auszusprechen mtb mit ihrer Weihe sich zu durchdringen. Im Oleinu hat man, wie bereits auch schon bei Hawdoloh zu bemerken, alles das gestrichen, was an den Unterschied zwischen JMen uM Nichtjuden erinnert. Man sieht also, daß wir recht hatten mit unserer früheren Bemerkung, daß die Gebetbuchmacher ihre Juden für den Eintritt in das Christentum reif machen wollen. Für den Maariv-Gottesdienst haben die Herren ganz neue Psalmen einzuführen für gut befunden, und merkwürdigerweise haben sie sich bloß von der Kürze derselben leiten lassen. Die Psalmen siir Kabolas-Schabbos haben sie wieder auf die verschiedenen Sabbate jeden Monats verteilt, wahrscheinlich, um ihren andächtigen Beter vor Ueberanstrengung zu bewahren. In „emmes wsemuno" haben sie wieder Zartgefühl gegen die alten Egypter, wenn auch nicht ein so großes wie in „emmes wejazif" des Morgengebets walten lassen. Wahrscheinlich setzen sie voraus, daß während des Tages ihren Gläubigen ein bischen mehr die Augen für die Vorgänge des Tages geöffnet worden sind, als nach dem friedvollen Schlummer der Nacht! Des weiteren wollen wir hier noch einige Stellen aus den oberrätlich beschlossenen Uebersetzungen anführen. Die Verse „jehi chewod rc." im Maariv-Gebet werden folgendermaßen übersetzt: „Gebt allezeit dem Herrn die Ehre, daß er sich freue seiner Geschöpfe! Preist chn heut und immerdar! Denn wahrlich, Gott verläßt Israel nicht, das er sich erkoren, das zuerst seinen Namen bekannt mit dem Ruse: „Der Ewige ist Gott!" und das der Welt die Verheißung gebracht hat: „Der Ewige wird König sein über die ganze Erde!" Also wieder ein schreiender Mangel an historischem Sinne uM an Anhänglichkeit an die Bibel. Denn wenn man: „wajaar kol-hoom" lief: oder wörtlich' übersetzt, so muß doch einem jeden jene überwältigende Szene am Berge Karme unter dem Propheten Mas in den Sinn dämmen und ihre Wirkung ausüben. Wer die Herren Uebersetzer wollen dies nicht haben, sondern, wie gesagt, ihre AMächtigen für die Predigten der Pastoren vorbereiten. Denn ihre ganze Ueberetzung, vielmehr Umschreibung der Gebete ist im Stile evangelischer Kanzelgebete gehalten, so z. B.: „So senke sich jetzt der Friede des Sabbats über uns herab, den wir voll innigen Dankes feiern wollen nach den Worten der Schrift." Die gereimten Gebetsübertragungen sind oft in dem Stile des KiMergebetes gehalten: „Müde bin ich, geh' zur Ruh', Schließ die müden Aeuglein zu rc." Ich glaube, daß diese ganze Uebertragungstätigkeit ihren Zweck verfehlt; denn der Geist der JMen, auch der der „Neuen", empfiMet l!ein Wohlgefallen an solchen Salbadereien. Wir könnten noch eine große Reche von Streichungen, AeMerungen mü> Verballhornifierung aufzählen, aber wir haben die Geduld unserer Leser schon zu lange in Anspruch genommen. Als Kuriosum wollen wir nur noch 'olgende zwei Dinge erwähnen: 1. Im „jehi rozaun" für NeumoMverküMigung ist: „chajim chel auscher wechowaM" verwandelt worden n: „janscher wechowaM". Also darf man seinen Gott nicht einmal mehr um materielles Auskommen bitten, denn dieses bedeutet ja „auscher". UM dabei sagt doch die hl. Schrift selbst (Chronik II, 1. 29.): „Wehoauscher wchakowaud milfonecho", mrd der Großherzogl. Oberrat der Israeliten hat dies ruhig in: ,Mliworech dovid" (Seite 66) passieren lassen; ja sogar in der Uebertragung des „jehi rozamr" läßt er ungeniert uM auch ganz richtig übersetzen: „Gib uns unser Auskommen in Ehren." Oder werden vielleicht hier uM dort unliebsame Erinnerungen wach an „auscher", der erworben worden ist ohne „jauscher"? Wir glauben, daß gerMe diese Bitte zu Gott um »Mischer" den Betenden abhalten wird, dem „janscher" zu nahe zu treten, denn sonst wurde ja Gott feine Bitte nie und nimmer erhören. 2. Das Gleiche trifft auch zu für den Sang: „hamawdll bein kaudesch l'chaul", wo man das unschuldige „fareinn w'chaspeinu" verwandelte in „sareinu uschlaumeinu". Ein großer Mangel des Gebetbuches besteht auch darin, daß der Gebrauch desselben ein ungemein schwerer ist, denn die einzelnen Gebete stehen so zerstreut da, daß jedes Gebetstück einzeln aufgesucht werden muß, so daß die ganze Zeit des Gottesdienstes ausgefüllt ist mit ganz lästigem Blättern und Suchen. Offen gesagt, wir freuen uns dieses Mangels; denn dieser wird viele von der Anschaffung mid Einführung des Gebetbuches zurückhcllten und wir geben uns der begründeten Hoffnung hin, daß dieser Mangel nicht aufgehoben werden kann, da eine zweite Auflage dieses famosen MachwerE wohl nie zwc Erscheinung gelangen wird. Fassen wir nun alles Gesagte zusammen: 1. Das Gebetbuch widerspricht in sehr vieles Fällen der Thora, dem TalmM uM den Verheißungen der Propheten. 2. Das Gebetbuch läßt in sehr vielen Fällen Mischen Geist uM Mische Anschauung, Liebe zum Judentum uM zu JMen vermissen. 3. Derjenige also, welcher nach dem neuen» vom Großherz. Badischen Oberrat herausgegebenen Gebetbuche seine Gebete verrichtet, hat nicht nach Mischer Vorschrift und in jüdischem Geiste gebetet; er ist nicht nur seiner Pflicht nicht nachgekommen, sondern er macht sich in sehr vielen Fällen der SüMe von „Berocho liwatolotz" schuldig. 4. Es ist darum Wicht aller Juden, nicht nur vor Erwerb dieses Buches sich zu hüte», sondern auch etwaige Irrende Mer feine wahre Beschaffenheit aufzullären mtb durch Wort, Schrift, besonders Mer durch den Wahlzettel bei den Synodalwahlen dahin zu wirken, daß deffen geplante Einführung verhMert wird.