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Neue jüdische Presse · 1906-09-14 · Heft 36 (14.9.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 36 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Beilage zu Nr. 36 des Frankfurter Jsmelttischm Famüienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Personalien. — AusderLehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Sprechsaal. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. „Jüdische Jugend." Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) XIV. Als nun die festgesetzte Zeit der Hochzeit herannahte, zogen wir mit einer großen Suite dorthin. Bon Altona aus ging es in Gesellschaft von R. Morbchai, Cohen, R. Meier Jlius und R. Aron Todilgi zu Schiff weiter und wir hatten eine sehr frohgemute Reise. In aller „Lustigkeit und Vergnüglichkeit" kamen wir nach Amsterdam, und zwar noch '3. Wochen vor der Hochzeit. Wir wohnten bei Löb Hamburger und verzehrten wöchentlich über 12 Dilkaten. Darauf kam cs uns aber garnicht an, denn in dieser Zeit vor der Hochzeit verdiente mein lieber Mann in Amsterdam die halbe Mitgift. 14 Tage vor der Hochzeit reisten wir alsdann mit Pauken und Trompeten, zusammen mehr als 20 Leute, nach Cleve und wurden dort mit allen Ehren aufgenommen. Wir kamen da in ein Haus, das tatsächlich ein Königspalast hätte sein dürfen und das aufs Feinste und geradezu fürstlich meubliert und ausgestattet war. Tagaus, tagein kam man nicht zur Ruhe, unaufhörlich kamen Hofleute,. Fürsten und Fürstinnen, die die Braut sehen wollten. Und es muß auch gesagt iverden, meine Tochter ist wirklich ein unvergleichlich schönes Mädchen gewesen! ( Da gab es jetzt eine große Znrichtung zur Hochzeit. Damals weilte in Cleve der Prinz (der spätere Friedrich III. Kurfürst von Brandenburg und König von Preußen). Außer ihm waren da noch Prinz Moritz (von Nassau, Statthalter von Cleve), sowie sonstige hohe Fürstlichkeiten. Die haben alle' zugesagt, bei der Kopulation zugegen zu sein. Demzufolge hat sich mein Schwäher R. Elia Cleve schon vor der Hochzeit für so hohe Gäste vorgesehen und hat für das Hochzeitsmahl eine Kollation feiner Konfitüren, fremder Weine und fremder Früchte besorgt. Man kann sich vorstellen, was für ein Hin und Her da geherrscht hat und wie da von allen ein Wesen daraus gemacht wurde, die Hoheiten zu „traktieren" und wohl zu akkomodieren. Man fand nicht einmal Zeit die Mitgift zu holen und aufzuzählen und wir sahen uns gezwungen, die Mitgift von beiden Brauteltern in Beuteln zu versiegeln, damit sie dann nach der Hochzeit gezählt würben. Als man nun endlich niit Braut und Bräutigam unter dem Trauhimmel stand, wurde man mit Schrecken gewahr, daß man in dem großen Trubel vergessen hatte — die Kethuba (Trauungs-Urkunde) zu schreiben! Wie sollte man sich helfen? Alle Hoheiten mit den jungen Prinzen standen dabei um zuzuschauen! Da entschied der Rabbinatsassessor R. Meier, der Bräutigam , solle , sich in zweifelsfreier religionsgesetzlicher Weise verpflichten, die Kethuba. sofort nach der Hochzeit schreiben zu lassen und er als die Trauung Vollziehender^ las den Text aus einem Büche vor. Nach der Trauung wurden alle Fürstlichkeiten in R. Elia's großes Prunkzimmer geleitet. Dieses war mit vergoldetem Leder ausgeschlagen und auf einer Tafel standen die auserlesensten königlichen Leckereien, mit denen die Hoheiten gebührend traktiert wurden. Mein Sohn R. Mordchai war damals 5 Jahre alt. Er war ein überaus schöner Junge und wir hatten ihn auch gar schön gekleidet. Den haben die Fürstlichkeiten „schier aufgesressen" und besonders der Prinz hat ihn stets bei der .Hand gehalten. Als nun die hohen Gäste von dem Konfekts gegessen und auch Wein getrunken hatten, wurde die Tafel abgetragen und hinweggenommen und nun kamen Verkleidete herein, die sich präsentierten. Sie machten allerhand Possen, die zur Ergötzlichkeit dienten und zuletzt führten sie einen Totentanz auf, der gar herrlich anzuseheu war. Auf der Hochzeit waren auch viele vornehme Portugiesen. Einer von ihnen hieß Mucatk und war ein Juwelier. Er besaß ein wunderschönes goldenes mit Diamanten besetztes Ührchen, das 500 Taler wert war. R. Elia verlangte nun das Uhrchen von dem Mucati und wollte es dem Prinzen schenken. Zufällig stand aber ein guter Freund dabei, der es verhinderte, er sagte: „Was fällt Dir ein, den: jungen Prinzen ein so kostbares Geschenk geben zu wollen?" So oft nun R. Elia den Freund traf, der ihm dermaßen gewehrt hatte das' Geschenk zu machen, hat er es ihm jedesmal in großem Aerger vorgeworfen. Es ist ja auch niöglich, daß der Prinz dem R. Elia das Geschenk in Ewigkeit nicht vergessen hätte, „denn olche große Herren vergessen solche Sachen nicht." Schließlich ist aber der Prinz mit Fürst Moritz und allen anderen Hoheiten sehr vergnügt fortgegangen ünd in 100 Jahren hat kein Jude eine 'olche hohe Ehre genossen! So ging also die Hochzeit in Jubel und Freude zu Ende! (Fortsetzung folgt.) Personalien. Frankfurt a. M. Der König von Belgien verlieh dem Kommerzienrat I. L. Beer das Ritterkreuz des Leopoldordens. Breslau, 12. Sept. Geh. Meoizinalrat Professor Dr. Hermann Cohn, der berühmte Augenarzt, ist gestern, 68 Jahre alt, gestorben. Cohn war in Breslau geboren. Er studierte Chemie, Naturwissenschaften und Medizin, etablierte sich 1868 in Breslau, und wurde 1874 a. o. Professor. Schon mit seiner ersten Arbeit: llntersuchung der Augen von 10,060 Schulkindern nebst Vorschlägen zur Verbesserung der den Augen nachteiligen Schuleinrichtungen trat Cohn in die später von ihm mit Konsequenz und Erfolg kultivierte Richtung der ophthalmologischen Schulhygiene ein. Von seinen übrigen Schriften nennen wir: „Studien über angeborene Farbenblindheit", „Die Hygiene des Auges in den Schulen", „lieber den Beleuchtungswert der Lampenglocken", „lieber die Notwendigkeit der Einführung von Schulärzten", „Lehrbuch der Hygiene des Auges" (Hauptwerk), „30 Jahre augenärztlicher und akademischer Lehrtätigkeit" usw. Breslau. Herr Generalagent L. Freund jun. und Frau begingen das Fest ihrer goldenen Hochzeit. Berlin. Regierungsrat Dr. G. Eg er wurde zum Geheimen Negierungsrat ernannt. Gernsbach i. Baden. Das Bankgeschäft Jakob Dreyfuß blickt Mitte September auf ein lOOjähriges Bestehen zurück. Von 1806 bis 1833 'waren Leop. Dreyfuß und David Kauffmann Inhaber, von 1833 bis 1844 lautete die Firma Leopold Dreyfuß, von 1844 bis 1845 L. Dreyfuß Sohn und ab 1845 'Jakob Dreyfuß, dessen Sohn Gustav Dreyfuß der jetzige Inhaber der Firma ist. LiPPstadt. Der praktische Arzt Dr. med. Grünberg Hierselbst wurde durch Kabinettsordre vom 18. August 'zum Stabsarzt d. L. befördert.! Biel (Schweiz). Herrn Charles Picard, Vorstandsmitglied der hiesigen israelitischen Gemeinde, ist letzthin eine ehrenvolle Auszeichnung zu teil geworden. Der Genannte, der schon seit einer Reihe von Jahren Präsident der hiesigen Sociöte sranqaise ist, und als solcher seinen französischen Landsleuten vielfache schätzenswerte Dienste erwiesen hat, ist durch Vermittlung der französischen- Gesandtschaft in Bern vom Minister des öffentlichen. Unterrichts und der schönen Künste in Frankreich zum „Officier de l'academie franyaise" ernannt worden. Zürich. Herr Armand Dreiy fus-Marx von Biel, bisher Vizedirektor des Schweiz. Bankvereins in Basel, ist als Direktor derselben Bank in Zürich ernannt worden. Paris. 58 Jahre alt,' verschied der Rat am Appellgericht Georges Denis Weil, einer der angesehendsten französischen Juristen. In der französischen Armee dienen 9 jüdische Generäle: Auscher, See, Hinstin, Abraham, Lövi-Mvares, Brisac, Balobrögue, Frankfort, Naquet und Laroque, ferner drei jüdische Generalärzte: Aron, Widal u. Lemant. ' Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Auf der zionistischen Jahreskonferenz berichtete Herr Heinrich Rosenbaum über folgende von ihm geplante Organisation: „Bund jüdischer Lehrer. I. Schaffung einer Weltorganisation der Lehrer der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte zum Zwecke aj der Verbreitung der jüdisch-nationalen Idee und Erziehung der Jugend im jüdischnationalen Sinne, b) Verbreitung und Förderung der Kenntnis des Hebräischen als Lebenssprache. ~ H. r Einberufung eines Kongresses der Lehrer nach Basel und zwar zur Zeit der Mhaltung des Zionistcn-Köugresses. III. Schaffung eines speziellen Organs der Lehrer- Organisation behufs Propagierung der Idee und. Vorbereitung des Kongresses. Das Erscheinen des Organs „Der jüdische Lehrer" ist bereits sichergestellt. Die Redaktion und Administration wird in London ihren Sitz haben. Behufs baldiger Realisierung dieser drei Punkte ernennt die Jahreskonferenz aus ihrer Mitte eine Kommission von fünf Mitgliedern, die die nötigen Schritte machen sollen, um die Weltorganisation der jüdischen Lehrer zur baldigen Tatsache werden zu lassen. Die Kommission wird in allen Ländern Mitglieder kooptieren oder Korrespondenten ernennen. Wenn möglich soll sich die Kommission auch mit der Schafsiing eines Bundes der hebräischschreibenden Schriftsteller und Journalisten befassen, eventuell eine mit der früher genannten gemeinsame Organisation Herstellen." Der Inhalt der von Herrn Rosenbaum unterbreiteten Vorlage wurde zur Kenntnis genommen und ihm für seine Bestrebungen die Sympathie ausgesprochen. Hamburg. Zwecks Besetzung des neu eingerichteten Postens eines zweiten Rabbiners hielten die Herren Rabbiner Dr. Petuchowski-Berlin und Dr. Freimann-Holleschau an den jüngsten Sabbaten in der Gemeindesynagoge Gastpredigten. Amsterdam. Herr D. H. Woudhuijsen feierte sein 25jähriges Dieustjubiläum als Lehrer des Hebräischen an dem Stedelijk Gymnasium.' Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Der Verein zur Beförderung der Handwerke unter den israelitischen Glaubensgenossen (Vorsitzender: Emil Stiebe!) unterstützte 1904 125 und 1905 147 Lehrlinge und verausgabte JL 10124 bezw. JL 11036. Der Vorstand des Vereins empfindet das Fehlen eines Lehrlingsheimes als einen großen Mangel, da er nicht in der Lage ist, die Lehrlinge außerhalb ihrer geschäftlichen Tätigkeit genügend zu überwachen. Halle a. S., 5. Sept. Im hiesigen Literatur- Zirkel hielt am Dienstag, den 4. d. Mts. Herr Seminar-Oberlehrer S t o l l - Würzburg einen Vortrag über „Die Geschichte der Erzväter des alten Testamentes im Lichte der ägyptischen Denkmäle r". In seinem hochinteressanten, circa einstündigen Vortrage wies der Redner an einer großen Zahl von Beispielen nach, wie wertvoll sich das Erforschen der in den ägyptischen Denkmälern Vorgefundenen Schriften für das Verständnis.vieler schwieriger oder unverständlicher Stellen der heiligen Schrift erwiesen habe, und wie fast alle im Pentateuch mitgeteilten Tatsachen, soweit sie das Verhältnis der Erzväter zu Aegypten betreffen, ihre Bestätigung durch die neueren Forschungen der Llegyptologie gefunden und viele bisher unwiderlegt gebliebene Angriffe und falsche Deutungen widerlegt, beziehungsweise aufgeklärt worden seien. Der Bortrag, zu dem sich ein großes Auditorium, aus Vorstehern und Mitgliedern der hiesigen Gemeinde und verschiedenen auswärtigen Personen bestehend» eingesunden hatte, fand allseitigen, ungeteilten Beifall. Der rührige, junge, auf gesetzestreuer Basis stehende Verein, der im allgemeinen seine auf gegenseitige Belehrung gerichtete Tätigkeit nur im engen Mftgliederkreis entfaltet, kann mit dem Verlauf des Abends wohl zufrieden sein. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Zur Reise nach Mannheim zum „süddeutschen Zionistentag" fordert die) Ortsgruppe ihre Mitglieder, Herren und Damen,' auf. Mfahrt: Sonntag früh mit dem Schnellzug 7 Uhr 10 Min. - Frankfurt a. M. Der Zwn. Zentralvereür Wen ersucht uns um Aufnahme des nachstehenden Aufrufes: ( An das jüdische Publikum! Ein Unternehmen großen Stils, dessen hervorragende Bedeutung wir unseren Glaubensgenossen nicht erst klar zu machen brauchen, ist es, zu dessen Durchführung sich unser Borstand entschlossen hat, und zu dessen Gelingen der Verein sich die Mithilfe des jüdischen Publikums erbittet. Es handelt sich um eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina im Herbst l. I.

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