Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 35 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Beilage p Nr. 35 des Frankfurter Israelitischen FamüieMattes. Inhalt der Beilage: Sprechsaal. — Aus den Vereinen. — Personalien. — Briefka st en. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Die pekuniäre Stellung der Lehrer uu der israelitischen Volksschule zu Frankfurt a.M. (Schluß). Nun sollte mau nieinen, solchen geringen Bezügen stünde vielleicht auch eine kleinere Pflichtstundenzahl, als in den christlichen Schulen, gegenüber. Das ist aber nicht der Fall! Im Gegenteil müssen die älteren Lehrer an der israelitischen Volksschule, denen' das nachgerade nicht mehr so leicht wird, 2 bezw. 4 Stnnden Pro Woche mehr geben, als ihre gleichalterigen, auskömmlich honorierten christlichen Kollegen. Demnach steht die Sache mit unseren Lehrern so: Sie haben zwar mehr Unterricht — und unter sehr viel schwierigeren Verhältnissen — zu erteilen, dasür aber ein viel geringeres Einkomincn, sie haben zwar tveuiger Rechte, dafür aber mehr Pflichten. Das ist aber ein schreiendes Mißverhältnis, welches an - Schärfe dann wahrlich nichts verliert, wenn man bedenkt, daß solche Zustände in unserer reichen Stadt zu einer Zeit- Vorkommen, wo staatliche, 'kommunale und private Körperschaften und Einzelpersonen auf dem Arbeitsfeld der sozialen Fürsorge gradezu miteinander wetteifern. Haben die Herren von der Volksschul-Berivaltungskommission, sowie des Gemeindevorstandes es sich noch nie vor Augen geführt, daß sie ihren Lehrern gegenüber eine Art „Arbeitgeber" sind, die — von allen anderen, ihnen wohlbekannten Geboteir abgesehen — soziale Pflichten an ihren „Arbeitnehmern" zu erfüllen haben? Wo aber bleibt die „Fürsorge" für Eure „Arbeiter", Ihr Herren, wenn unseren Lehrern all die Einrichtimgen, wie s k a l e n m ä ß i g e A l t e r s z u - lagen, Mietsentschädigung,Stunden- Honorar, Pension, Hinterbliebenenversorgung leider noch immer pia desideria sind?! — Nun soll nicht verschiviegen werden, daß auf ein gemeinsames Gesuch um Gehaltserhöhung den Lehrern an der israelitischen Bolksschnle im Frühjahr ds. Js. je eine einmalige Gratifikation von Mk. 100 gewährt wurde. Und cs soll auch an dieser Stelle — wie vor zwei Jahren in diesem Blatte — voll Dankbarkeit anerkannt werden, wie edle Herzen und Hände sich in znmteil großartigen Spenden für unsere Volksschule geöffnet haben. Aber von diesen rühmlichen und stets zu preisenden Ausnahmen abgesehen, scheint uns geradezu eine Abneigung gegen die Volksschule zu bestehen. Man kann zuweilen von leitenden Männern unserer Gemeinde die im Tone höchsten Unbehagens ausgesprochenen Worte hören: „Die israelitische Volksschule ist uns eine große Last!" — Ja, warum überträgt man diese „Last" nicht auf leistungsfähigere 'Schultern? Vielleicht würde die Stadt — wenn eine andere Lösung nicht beliebt sein sollte — die Schule übernehmen. In Frankfurt gibt es ja schon einige konfessionelle Schulen, und in der gegenwärtigen Zeit, wo das preußische Volksschulunterhaltnngsgesetz mit seiner konfessionell stark gefärbten Tendenz hat zustande kommen können, läge 'eine solche Lösung nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit. Daß dann freilich für einen angemessenen .Unterricht in Religion und Hebräisch noch anderweitig zu sorgen wäre, ist selbstverständlich. Was aber auch immer das Schicksal unserer Volksschule sein mag — die Körperschaften, welche sie verwalten und sich das Recht der Wahl und der Anstellung der Lehrkräfte Vorbehalten, haben mit dieser Würde des Amtes zugleich die Bürde der Verantwortlichkeit unweigerlich übernommen. Sie können nicht das eine nehmen und das andere fahren lassen. Die an unserer Volksschule beteiligten Männer laden eine schlvere Verantwortung auf sich, wenn sie jetzt, wo eine harte Teuerung schon hereingebrochen ist und eine noch schlverere bevorsteht, mit der schon oft versprochenen Gehaltsaufbesserung noch inimer zögern würden. Diesen Herren ist das soziale Wohl ihrer Lehrer ebenso sehr ans Herz gelegt, wie den Lehrern das geistige Wohl ihrer Kinder. Und >vie die Lehrer über ihre Tätigkeit schon ihrer Vorgesetzten Behörde 'Rechenschaft abzulegen haben, so gibt es auch für jeden anderen einen Ort,!vo sein Tun und Lassen gemessen und gewogen ' wird. Mögen die herannahenden „ernsten Tage" in den Herzen aller, die es angeht, das Gefühl der Verantwortlichkeit siir unsere Volksschullehrer schärfen! Und möge sich dieses Gefühl zu Entschlüsse n verdichten, welche in ihrer — hoffentlich baldigsten — A n s f ü h rung für unsere Volksschullehrer bedeuten: eine frohe Gegenwart und eine sorgenfreie Zukunft! Zu der Frage der pekuniären Stellung der Lehrer an der hiesigen israelitischen Volksschule wird uns mitgcteilt: Die israelitische Volksschule ist eine Privatanstalt, ' die auf Spenden angewiesen ist, während hinter den städtischen Volksschulen die Stadt mit der gewaltigen Steuerkraft der Bürger steht. Der Verwaltungsrat der israelitischen Volksschule ist von jeher bemüht gewesen, die pekuniäre Stellung seiner Lehrer zu heben) er hat dies bewiesen, als vor drei Jahren der Schule eine Stiftung von 115 000 Mark zufiel und er die Zinsen dieses Betrages sofort für die Erhöhung der Gehälter auswendete; — aber dem Verwaltnngsrat zuzuniuten, Verpflichtungen einzugehen, die er schlechterdings nicht eingehen kann, das kann niemand verlangen. Wohl ist zwischen dem Höchstgehalt von 3200 Mark (N.B. Der M ind e st g e h a l t ist jedoch 2 80 0 Mark!) an der israelitischen Volksschule und von 4650 Mk. an den städtischen Volksschulen ein recht beträchtlicher Unterschied, jedoch darf nian nicht vergessen, daß das Grundgehalt nur einen Teil des Einkomniens bildet, und die Nebeneinkünste bei den meisten« wohl nahezu die Hälfte des Grundgehalts erreichen. Und schließlich: Die Lehrer der israelit. Volksschule haben vor ihrer Meldung gewußt, unter welchen Bedingungen ihre Anstellung stattsindet. Und was die Pensionsberechtigung betrisst, so wissen die Lehrer, daß der Verwaltnngsrat für den Fall, daß ein Lehrer um Pensionierung ersucht, der Vcrwaltungsrat auch ohne Verpflichtung, die er, wie gesagt, nicht eingehen kann, seine Pflicht in wohlwollendster Weise tun wird. Den Vorschlag: die Stadt mit ihrem strammen Festhalten am Simultanschulprinzip solle diese konfessionelle Schule auf ihre Kosten übernehmen, hat der Einsender wohl selbst nicht ernsthaft gemeint. In einer weiteren Zuschrift verwahren sich die Herren B. Stern und Einstädtcr dagegen, als die Verfasser oder Einsender des Artikels über die pekuniäre Stellung der Lehrer an der israelitischen Volksschule bezeichnet zu werden. Wir bestätigen, daß der Artikel von anderer Seite versaßt und eingesandt ist, indem wir gleichzeitig den Herren Gelegenheit zu der Erklärung geben, daß sie an der Entstehung des Artikels gänzlich unbeteiligt sind, und in keiner Beziehung zu dessen Urhebern -stehen. Die Redaktion. * * ' * An den Vorstand der Synagogengemcinde Israelitische Rekigionsg e s e l l s ch a f t Dahier. Dieser Tage erhielt ich von den der Aufsicht unserer Gemeinde unterstellten Milchhändlern die kategorische Mitteilung, daß die Milch vom 1. d. M. an — 25 Pfg. pro Liter koste.' Dieser unerhört und unerschwinglich hohe Preis veranlaßt mich, dem Vorstande hierdurch öffentlich das höfliche und dringende Ersuchen zu unterbreiten, gefl. unverzüglich aus den Büchern der Milchhändler, deren Einsicht ihm ja jederzeit offensteht, feststcllen zu wollen, ob der bisherige Mehrpreis von vollen — 3 Pfg. pro Liter gegen den Preis der übrigen hiesige» Milchhändler tatsächlich nur ein Ersatz für die Aufsichtsgcbühren ist. seltsam erscheint es, daß die Händler der Horwitzschcn Gemeinde bisher nicht einen Pfennig mehr als ihre anderen Kollegen verlangen, also zu — 20 Pfennig pro Liter trotz Aufsichtskosten geliefert haben. Augenscheinlich.war also der Aufschlag von — 3 Pfg. viel zu hoch und darf jetzt unter keinen Umständen aufrecht erhalten werden. Cs ist nicht Sache des Vorstandes, auf Kosten der Mitglieder für die weitere Bereicherung der Milchhändler zu sorgen, wohl aber ist es Pflicht und uuzwcisethaft gern erfüllte Pflicht des Vorstandes, die Mitglieder vor einer lkeberteuerung zu schützen, ihnen den ohnedies so harten wirtschaftlichen Kampf nicht noch mehr zu erschweren. Wenn die Kontrolle der Bücher ergeben wird, daß schon ein kleiner Teil dieser 3 Pfg. bei dem außerordentlich großen Unisatz die Lasten deckt, welche die Gemeinde ihren Milchhändler» auferlegeu mutz, so lvird der Vorstand gewiß sofort dafür Sorge tragen, daß der bisherige Preis von — 23 Pfg. bestehen bleibt. Er setzt sonst, nebenbei bemerkt, auch einen Teil der Mitglieder der Versuchung aus, ihren Bedarf notgedrungen bei Hortvktzschen Milchhändlern zu beziehen. Einer gütigen sofortigen Prüfung und Antwort entgegensehend, mit vorzüglicher Hochachtung Frankfurt a. M., 3. Spt. 1806. Ein langjähriges Mitglied. An die Mitglieder der Synagogen- Ge m ei »de Israelitische Religions-Gesellschaft Dahier. Unter Bezugnahme auf vorstehenden Brief werden hierdurch alle Mitglieder unserer Gemeinde aufgefordert, den von den Milchhändlern geforderten hohen Preis von 25 Pfg. pro Litcrcin st weile nnichtzuzahken, sondern bei dem bisherigen Preise von 23 Pfg. zu beharren, bis die oben erbetene offizielle Aufklärung erfolgt ist. * ch * Sehr geehrter Herr Redakteur! loebal baobaj l’hakcbiscli es hames. An diesen Ansspruch des Rabbi Jehoschuah wurde ich durch die Polemik darüber, wie Herr Dr. Klein s. A. über die M e z i z o h beziehungsweise das Röhrchen dachte» erinnert. Ich habe Herrn Dr. Klein, der nicht nur ein „bedeutender" Arzt, sondern auch ein bedeutender Jehudi war, persönlich gekannt, und weiß, wie eifrig er für die Ausübung der Mezizoh kämpfte; auch lebte in meineni Gedächtnis die Vorstellung, daß Herr Dr. Klein vor 18 Jahren gerade einer derjenigen war, welcher das Röhrchen sehr warm empfohlen hatte. Nachdem ich aber die Zuschrift des Herrn Jules Klein in der jüngsten Nummer Ihres gesch. Blattes gelesen, glaubte ich, mich geirrt zu haben. Ich suchte daher mein Gedächtnis aufznfrischen und fand im Jahrgange 30, Nr. 1 des „Israelit" (also von Ende 1888) einen Brief des Herrn Dr. Klein, den ich im Worttaute folgen lasse: „Paris, 18. Dezember. Zu meinem Erstaunen sehe ich, daß man mein Werkchen*) als Gegensatz zu der schönen Erfindung des geehrten Herrn Dr. Cahn hinstellt. Ich habe schon oft erklärt, und erkläre es hiermit nochmals, daß jeder Mohel, der das Mezizoh- Röhrchen benützt, ganz vollkommen dem „Din" und der Medizin gegenüber seine Pflicht erfüllt. — Mer der jüdische Arzt und der Rabbiner haben ein höheres Ziel zu erreichen, sie müssen dem Mezizoh- Verbote selbst energisch entgegentreten, um der Welt die Beweise zu liefern, daß das Verbot auf Irrtum und Vorurteil beruht. — Schon haben hervorragende Gelehrte wie Elsenberg, Reverdin u. A. m. die gegen Mezizoh austreten, anerkannt, daß die Syphilis-Fälle, welche bis vor zwei oder drei Jahren als Grund des Mezizoh-Vcrbotes angegeben wurden, durchaus falsch waren; heute handelt es sich um Tuberkulose, bei welcher noch nie eine Impfung auf offener Wunde gelungen ist. — Sogar Pie hier letzten Sommer vom Konsistorium zusammenberufene Kommission der bedeutendsten Chirurgen konnten mir nicht bestimmen, welche Gefahr sie eigentlich der Mezizoh zuschreiben. — Diese Tatsachen zu veröffentlichen, ist der Zweck meines Werkchens. — Durch mein langjähriges Streben ist es mir bereits gelungen, daß Hierselbst das Mezizoh-Berbot, seit achtzehn Jahren, wenn nicht aufgehoben, doch wenigstens unbeachtet ist und haben wir jetzt in Paris nicht einen einzigen Mohel mehr, der nicht überall, wo es die Eltern erlauben, die gesetzmäßige Miloh ausüben; sogar hat schon längst das Konsistorinm solchen Mohelim, welche im Voraus entschieden erklärten, daß sie nie Mezizoh unterlassen werden, trotzdem das Diplom nicht verweigert. Dr. Klein." *) De la circoncision, ober A. Dnrlacher 83 R. Lafayette. Paris.