Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 34 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Inhalt der Beilage: Artikel: KissingerBadebricf. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionist. Bewegung. — Aus den Vereinen. — Aus der Lehrerwelt. — Sprechsaal. — Aus der Geschäftswelt. — Bunte Chronik. — Kunst und Literatur. — Briefkasten. Kissinger Badebries. - Sehr geehrte Redaktion! Das süße Nichtstun, den: ich mich, hier sorglos hingebe, läßt die Abfassung eines langen Briefes als nicht „k n r g e in ä ß" erscheinen. Nur um das „Kurgemäße" dreht sich in dem lieblichen Kissingen vom frühen Anfstehen bis zum frühen Schlafengehen überhaupt alles. Immerhin will ich das hier stärker wie sonst wirkende Gesetz der Trägheit so weit zu überwinden suchen, um wenigstens' ein Lebenszeichen an Sie gelangen zu lasse». Ich nannte Kissingen lieblich, und in der Tat verdient es dieses Prädikat in überreichlichem Maße und ich kenne kein Bad, dem es mit so viel Berechtigung zukäme, tvie dieser Perle des Frankenlandes. Jü Wiesen und Gärten gebettet, umgeben von Wäldern und Höhen» liegt eS da, wie eine richtige Gartenstadt, über welche die Natur ihre Reize in verschwenderischer Fülle ansgeschüttet hat, mit feinem nrilden und zugleich doch kräftigem Klima, mit seinen prächtigen Spaziergängen und last not least, mit seinen heilkräftigen Wässern und Bädern und mit seinen liebenswürdigen Bewohnern. Bad Kissingen verdankt seinen Weltruf den salzhaltigen Trinktoässern, vor allem 'dem Rakoczy, welcher sich in erster Linie bei zahlreichen Erkrankungen des Magendarmkanals als heilkräftig bewährt. Tatsächlich stellen das Gros der Kurgäste die Erkrankungen des Magens, Darms und der Leber. Die Soolbäder sind wirksam bei Schwächczuständen mancherlei Art, bei Blutarmut, Skrophulose, als auch erkenntlich bei Rheumatismus. Neuerdings wird 'Kissingen mehr und mehr auch von Herzkranken ausgesucht, weil bei vielen Herzkranken die Kohlensäurebäder gute Dienste tun, Kissingen rivalisiert demnach in dieser Hinsicht mit Bad Nauheim. Die Bäder selbst zeichnen sich durch Eleganz und praktische Anlage ans und sind so reichlich vorhanden, daß man nirgends lange ans sein Bad zu warten braucht. Langeweile gibt cs hier nicht, die Zeit verstreicht ini Fluge, lim s/»7 Uhr beginnt bereits bas Leben im Kurgarten, im.Nu ist die große Anlage gefüllt von cinein internationalen Publikum, welches bei den Klängen einer wirklich vorzüglichen Kurmusik und bei angeregter Unterhaltung die von der Hand hübscher Frankenmädchen kredenzten Becher schlürst. Auch sonst fehlt es an künstlerischen Genüssen nicht, wöchentlich sinden Symphoniekonzertc statt unter Mitwirkung hervorragender Künstler, dann gibt es ein prächtiges Theater, iir welchem Lustspiele und Operetten ganz vorzüglich, gespielt werden. Auch wenn man nach Kissingen allein kommt, braucht man Langweile nicht zu fürchten. Man findet überall Anschluß und 'Bekannte, manchmal mehr als man wünscht. Die Zahl der Kurgäste hat das 25. Tausend bereits überschritten. Daß unter diesen unsere Glaubensgenossen ein erhebliches Kontingent stellen, leuchtet ohne Weiteres ein. Wie viele es sind, läßt sich natürlich nur verniuten, da es eine konfessionelle Kur-Statistik nicht gibt. Hin Herr, welcher an alle Glaubensgenossen ein Zirkular zu Gunsten eines Wohlfahrtsunternehmens sendet, schätzt die Zahl der zur Kur weilenden .Israeliten auf etwa 5000 ein, das wären etwa 20% der Besucher. Bon bekannten Namen finde ich in der Kurliste den des Generalkonsuls Landau, Bleichröder, Königswarter, Marburg, Beyel u. a. Recht zahlreich sind die russischen und polnischen Juden, und Unterhaltungen über die Vorgänge und Zustände in Rußland kann man daher überall tauschen. Unsere Frankfurter sind ausfallenderweise recht spärlich.,vertreten. Diese gehen augenscheinlich lieber in die Luxusbäder, wo man eine größere Toilettenpracht entfalten kann, als in das einfache Kissingen. Daß den geistigen und körperlichen Bedürfnissen unserer Glaubensgenossen natürlich sorgfältig Rechnung getragen ist, ist selbstverständlich. Die neue Synagoge ist eine architektonisch recht bemerkenswerte Schöpfung mit hübscher Kuppel, sie bietet Raum für etwa 200 Besucher. Um 10 Uhr wird am Samstag für die Kurgäste ein Separatgottcsdienst abgehalten, der in der Regel recht gut besucht ist. Daß den rituellen 'Ansprüchen auch in strenggläubigster Richtung Genüge geschieht, dafür birgt der Umstand, daß ein Mitglied der Rabbiner-Dynastie Bamberger hier residiert. Daß es aber auch räudige Schafe, vielmehr Schafschlächter gibt, beweist uns ein vierfacher Maueranschlag des löblichen Rabbinats, der die Gemeinde warnt, vor einem derartigen Individuum auf der Hut zu sein. Glücklicherivcise ist das Rabbinat nicht mehr imstande, den Bannstrahl zu verhängen, sonst wäre der Unglückliche sicher davon betroffen worden. Für die leiblichen Bedürfnisse sorgen zwei Hotels oder besser Absütterungsanstalten. Bei 'diesen wird das Vorhandensein großer, luftiger Speisesäle anerkannt, dagegen sorgen sie in gewissenhafter Weise dafür, daß man sich den Magen nicht überlade, und durch eine entsprechende Bedienung, daß man nicht zu hastig esse. „Kurgemäß!" Allgemein wird die Errichtung eines dritten Hotels für ein Bedürfnis erachtet und einem tüchtigen Wirte eine gute Existenz prophezeit. Unsere Damen dürste es interessieren, daß hier der Kaffee vorzüglich ist, sowie das Gebäck, das man nach alter Sitte im Kurgarten morgens selbst einkaust.! Geselligen Zwecken dienen die Zusammenkünfte der Mitglieder der Bne - Brith - Logen, welche allwöchentlich mit ihren Damen sich zusammenfinden. Ob auch die Z i o n i st e n ihre Zusammenkünfte haben, konnte ich nicht erfahren. Nur hörte ich, daß im nächsten Jahre ein großes zionistisches Kaffeehaus ü In Cafe Bristol hier errichtet werden soll.. Interessieren dürste Sie auch die Nachricht, daß dieser Tage ein hervorragendes Mitglied der zionistischen Partei eingetroffen sein soll, um wichtige Besprechungen mit dem zur Kur hier weilenden Khe - d i v e u von Egypten zu pflegen.! . Daß natürlich auch zahlreiche arme Glaubensgenossen die Kissinger Kurmittel aufsuchen, ist natürlich; ebenso wie, daß die nie versagende jüdische Humanität sich ihrer annimmt. Ein Werk edelster Menschenliebe dieser 'Art ist die israelitische K i n d e r h e i l st ä t t e, deren Zustandekommen vor allem den rastlosen Bemühungen des hiesigen Badearztes Dr. M ü n z, eines der angesehensten und tüchtigsten hiesigen Aerzte, zu danken ist. Ein äußerst geschmackvoller, gediegener Sandsteinbau im Renaissancestil, liegt derselbe auf einer prächtigen Höhe, in äußerst gesunder Lage auf dem Wege zur Saline. Nach .Ueberwindung zahlreicher Schwierigkeiten gelang es im vorigen Fahre, den Bau zu vollenden und das Gebäude seiner Bestimmung zu übergeben. Die Anstalt ist im Innern aufs zweckniäßigste eingerichtet, wobei den Anforderungen der Hygiene gebührend Rechnung getragen ist. Die ärztliche Leitung wird unentgeltlich von Herrn Dr. Münz besorgt. Im vergangenen Jahre wurden 72 kranke Kinder — davon 51 unentgeltlich — gepflegt, wovon die meisten an Skrophulose und Blutarmut litten, alle mit bestein Heilerfolg und teilweise recht beträchtlicher Gewichtszunahme. Die Anstalt wird fast völlig durch wohltätige Zuwendungen erhalten. Unter den Spendern figurierten auch die Namen bekannter Frankfurter Philanthropen. Ebenso hat kürzlich ein Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten der Heilstätte im Konservationshaus stattgefunden, mit einem recht beträchtlichen Reinertrag. Neben der Kinderheilstätte ist die Errichtung eines Kur Hospizes für Erwachsene beabsichtigt, für welchen Zweck ebenfalls ein Verein besteht. So gibt es in Kissingen auch für denjenigen, welchem seine persönlichen Sorgen noch Zeit für die Allgenieinheit übrig lassen, Herz und Gemüt erfreuendes genug. Die herrliche Rachsommerwitterung läßt hier noch viele zur Kur erscheinen, die bis jetzt zu reisen verhindert waren. Mögen unsere liebenMitbürger aus Frankfurt, welche allsabbatlich ihre wohlgenährten Bäuche in den Promenaden spazieren führen, die Gelegenheit zu einer Kur in Kissingen benutzen, um ein paar Pfund abzunehinen und neue Kräfte für das Geschäft der Ernährung zu sammeln.' In diesem Sinne begrüße ich Sie und alle Freunde Ihr S. I d e m. j Aus aller Welt. Rußland. Petersburg. Am 24. d. M., abends, also ca. 12 Stunden vor dem Attentat, dem Stolypin glücklich entronnen ist, hatte der zweite Vorsitzende des Hilfsvereins der deutschen Juden Dr. Paul Nathan mit ihm eine abermalige längere Unterredung. Aus derselben ergab sich, daß int Rahmen der großen russischen Probleme Herr Stolypin der Frage der künftigen rechtlichen und wirtschaftlichen Stellung der sechs Millionen Juden sehr ernste Bedeutung beimißt. Es besteht die Tendenz, vor dem Zusammentritt der Duma den Inden gewisse Erleichterungen zu verschaffen; der neuen Duma soll alsdann, wie es verfassungsmäßig vorgesehen ist, die prinzipielle Entscheidung überlassen werden. Auf Grund anderweitiger Informationen aber bleibt es, selbst abgesehen von der Möglichkeit eines neueren schärferen Kurses, sehr zweifelhaft, ob selbst nur diese Msichten sich werden vom jetzigen Ministerium verwirklichen lassen; inoffizielle Kräfte und die Hoskamarilla erscheinen stark genug, um jede liberalere Auffassung zu ersticken, so daß auch die Hervorrnfung neuer Pogrome möglich ist. In dieser Beziehung sind Nachrichten aus Shitomir sehr ernst zu nehmen. Dort wird die Propaganda für Pogrome, wie herkömmlich, in offenster Weise getrieben und es fragt sich heute eher, ob Herr Stolypin — seine guten Msichten, vorausgesetzt — imstande sein wird, nur die bestialische Pogrom-Politik der „Schwarzen Hundert" niederzuhalten. ( Palästina. Jerusalem, 20. Aug. Gegen meine Mitteilung (Nr. 30 dieser Blätter), hat sich wider alles Erwarten der Wahlkampf um den Nachfolger Eljaschar's s. A. gegen dessen Sohn gewendet. Trotz aller besseren Elemente, sowohl seitens der sephardischen wie der aschkenasischen Gemeinde ist ein Kandidat ausgestellt worden, der nichts weniger als beliebt ist, ausschließlich aus deni Grunde, weil der Rädelsführer dieser neuen Bewegmig Wohlgefallen findet an dem bischen Französisch, welches dem neuen Kandidaten zu Gebote steht. Es äst ein Terrorismus sondergleichen. Eine einzige Person soll einer ganzen Gemeinde einen Chacham Baschi aufzwingen, gegen ihr besseres Wissen und Gewissen. Das Unerhörteste bei der Sache ist, daß der ausgestellte Kandidat nicht einmal den gesetzlichen Bedingungen entspricht. So z. B. kann nach türkischem Gesetze nur derjenige als Ehacham Baschi gewählt werden, der von türkischen Untertanen abstammt. Das ist nun Ihier nicht der Fall. Mit den anderen Qualifikationen für dieses hohe Amt ist es auch nicht sonderlich mit unserem aufgezwungenen Kandidaten bestellt. Gleichwohl hat derselbe die besten Chancen, Von der hohen Regierung anerkannt zu werden. — Die Aufregung in der Gemeinde ist groß, die Wellen der aufeinander stoßenden Parteien schlagen hoch, alles aber, wie es scheint — vergeblich. — Infolge der noch immer beunruhigenden Nachrichten, die aus Rußland eintreffen, ist hier für heute ein allgemeiner.Fasttag mit bittul Melachah angesagt worden. Wann wird doch schon einmal unser Leid ein Ende nehmen??? Haamitti. Personalien. Bresla«. Das Mitglied der städtischen Armenverwaltung Herr Siegfried Pulver macher, früher Apothekenbesitzer in Kurnik, ist im 56. Lebensjahre gestorben. Wien. Der Primarius des israel. SiechenhauseS Dr. Moriz Infeld wurde zum korrespondierenden Mitgliede der neurologischen Gesellschaftin Tokio ernannt. Herr Alb. Saborskh, Teilhaber der Biehgroßhandlung Josef Saborsky u. Söhne, erhielt den Charakter eines Kais erliche »Rates.