Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 34 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nraitkfrtrker ♦ i" " . ~> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Biertelsahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam M. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— l . >> _■-- —» 'AedaKLt-n und Srankfurt a. nr.. Lleichstraße 2, Ecke vilbelerstraße »«r-f-u 10007. »»-S- Hera«sgevev: § atg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile..... 25 Pfg. Die Reklamezeile. 109 „ Platz« und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinknnst. 4. Jahrgang. Freitag, Leu 1V. LIul 5666 (31. August 1906). No. 34. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland. — Gebetbuch, besprochen von Dr. Emmes Suebicus. — Aus' aller W elt. — Feuilleton: Getrennt und Vereint, aus - dem Englischen übersetzt von M. Pülvermanu. — W ochen-Kalender. — Familiennachrichten. Die sozialen Berhältnisse der Juden in Rußland. Auf Grund des Amtlichen statistischen Materials bearbeitet vom Bureau für Statistik der Juden zu Berlin-Halensee. Im Aufträge des Zionistischen Aktions-Komitees. (Jüd^ Verlag Berlin-Charlottenburg, 1906. Preis 2 M.) I. Die sozialen Verhältnisse der russischen Juden — es ist ein interessantes Thema, welches noch leine gebührende Behandlung fand, obwohl ja die Judenfrage, die ihrem inneren Wesen nach freilich interterritorial ist, ihren Schwerpunkt doch in der ökonomischen Lage der russischen Juden hat! Es ist daher lebhaft zu begrüßen, wenn man in der letzten Zeit sich Klarheit über die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland zu verschaffen sucht und statistische Untersuchungen auf diescni Gebiete anstellt. Es darf aber nicht verkannt werden, daß es eine schwierige Aufgabe bedeutet. Denn das amtliche statistische Material ist in Rußland'ebensowenig zuverläßlich, wie alles apdere Amtliche in diesem Lande. Und die in der vorliegenden Arbeit gegebenen Zahlen sind, wie im Vorwort ausdrücklich gesagt wird, durchweg amtlichen Quellen, insbesondere den 1905inPe^e.sburg erschienenen Veröffentlichungen des russischen statistischen Zentralkomitees über die endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom 28. Jan. 1897 entnommen. Wir können daher die in diesem Buche enthaltenen statistischen Tabellen nur mit Vorsicht aufnehmen. Es bleibt aber immerhin ein großes Verdienst, wenn in der Richtung der statistischen Erforschung des sozialen Standes der russischen Juden etwas geleistet wird. In dem vorliegenden Falle ist cs das Verdienst des Bureaus für Statistik der Inden, das hinter der Leitung des Dr. A. Ruppin steht. Und es muß hier gesagt werden, daß in dieser Beziehung auch die JCA trotz all ihrer sonstigen falschen Wege, die sie einzuschlägen gewöhntist- Nützliches geleistet hat, indem sie eine „Rsouoil äs materiaux sur la Situation* 6eonomique des juifs en Russie“ veranstaltete und die Ergebnisse in einem zweibändiger Buche (St. Petersburg- 1904) veröffentlichte. " . . Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß diese Veröffentlichung des Bureaus für Statistik der Juden im Aufträge des Zion. A.-C. geschah und besonders dazu bestimmt wurde, um der für den 29. Januar 1906 nach Brüssel einberusenen jüdischen Konferenz bearbeitetes statistisches Material als die nötige Nirtcrlage für ihre Unterhandlung zur Verfügung zu stellen. Nach einer Einleitung über die Konfessionen und Natiormlitäteir im russischen Reiche folgen elf Kapitel über das - eigentliche Thema: über die sozialen Verhältnisse der russischen Juden. Kapitel 1. Oertliche Verteilung und Dichtigkeit; 2. Die Auswanderung; 3. Verteilung auf Stadt und Land; 4. Geburten, Eheschließungen, Sterbefälle; 5. Das Geschlechtsverhältnis; 6. Altersgliederung und Familienstand; 7. Die Sprache; 8. Elementarbildung; 9. Höhere Bildung; 10. Berufsverhältnisse; 11. Körperliche Gebrechen und Geisteskrankheit. Wir wollen manche interessante Angabe aus diesem Buche hier reproduzieren. Die letzte Volkszählung — am 28. Januar 1897 — stellte die Zahl der Juden in Rußland auf 5 215 805. Seelen fest. Es ist 4,2 Proz. der Gesaintbevölkerung des russischen Reiches. 5 063153 Juden (4,0 der Gesamtbevölkernng) sprechen jüdisch. Es ist dabei auch interessant, daß unter den 5 063150 Personen, welche das Jüdische als Muttersprache sprechen, es 8856 Personen gibt, welche ans der jüdischen Konfession ausgetreten sind und trotz ihres Ueberganges zu einer anderen Konfession das Jüdische als Umgangssprache beibehalten haben. Wir finden im Kapitel 1. eine in aller Kürze dargelegte Schilderung über die Anfänge der Ansiedelung der Inden in Rußland. Es besteht noch jetzt die alte Streitfrage, ob die Inden des gegenwärtigen Rußlands sämtlich von den in der Zeit der Kreuzzüge nach Polen und Litauen cingetvanderten Juden ihren Ursprung nehmen, oder ob ihre Ansiedlung an den Gestaden des Schwarzen und Älsowschen Meeres schon — wie in alten Mittelmecrländern — seit der Zeit des alten jüdischen Staatswesens angefangen hatte und dann, in das Innere des Landes sich fortpflanzte. Jedenfalls befand sich die Hauptmasse der jüdischen Bevölkerung Rußlands im Königreich Polen und im litauischen Reiche. Erst im-19. Jahrhundert beginnt eine merkliche Verteilung der Juden aus diesem Zentrum nach dem übrigen europäischen und asiatischen Rußland, die sich vorzugsweise nach dem von Rußland im Kampfe mit der Türkei eroberten Ncurußland wendete. Diese Abwanderung aus.dem Zentrum war eine Folge der materiellen Not der Jllden, deren .Zahl bei ihrer starken Vermehrung weit rascher wuchs, als die Erwcrbsmöglichkeit in dem damals industriell und kommerziell noch wenig entwickelten Lande. Aber diese Ausbreitung der jüdischen Masse wurde seit 1881 durch die Jgnatiew'schen Gesetze (Jgnatiew — so hieß der damalige Minister des Innern) stark gehemmt. Diese Gesetze — auch Mai- Gesetze genannt — gewähren nur einzelnen bevorzugten Klassen der Juden eine gewisse Freizügigkeit, nämlich den Kausleuten erster Gilde, Handwerkern mit Meisterzcugnis, akademisch Gebildeten mit Doktordiplom einer russischen Universität. Für alle andere Inden wurde ein Ansiedlungsrayon begrenzt, der die 10 Gouvernements Polens und die folgenden 15 Gouvernements Rußlands umfaßt: Bessarabien, Wilna, Wilebs, Wolynien, Grodno, Jekaterinoslaw, Kiew, Kowno, Minsk, Podolien, Poltawa, Tauris, Cherson und Tschernigow. Auch unter diesen fünfzehn Gouvernements gibt cs solche Orte, wo die Juden kein allgemeines Wohnrecht haben: es sind jene Orte, die für die russische orthodoxe Kirche den Charakter von Wallfahrtsorten besitzen (wie Kiew und andere). Also 35 Gouvernements des europäischen Rußlands, die 11 Gouvernements des Kaukasus, die 9 Gouvernements Sibiriens und die 9 Gouvernements Mittel-Asiens sind für eine jüdische Ansiedlung verschlossen geblieben. Es ist nun ganz verständlich, wenn das beschränkte Ansiedlungsrayon an einer enormen Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung zu leiden hat, wobei wir in Erinnerung an die letzten Judenexzesse erwähnen wollen, daß unter den 234 Ujesden (Bezirke) des Ansiedlungsrayons der Ujcsd B j a l y st o ck die relativ größte Dichtigkeit der jüdischen Bevölkerung (28,77 Proz. der Gesamtbevölkerimg) aufweist. Das Jahr 1881 bildete den Anfang einer starken Eniigration der Juden ans Rußland. Die Jgnaticw'schcn Gesetze in Begleitung der Judenverfolgung in Südrnßla'nd haben; den jüdischen Mittelstand und die jüdischen Arbeiter zur Auswandcrung genötigt. Es war eine Massenemigration. Insbesondere richtete sie sich nach den Verein i g t e n S t a a t e n. In den 25 Jahren vom 1. Juli 1880 bis 30. Juni 1905 wandelten dorthin 880533 Juden ein. Wir entnehmen dem uns vorliegenden Buche folgende Tabelle über die Ein- Wanderung in die Vereinigten Staaten: Jahr Anzahl 1880/81 ..... 8193 1881/82 . 17497 1882/83 ..... 6907 1883/84 . 15122 1884/85 ..... 16 603 1885/86 .. 17309 1886/87 ..... 28 944 1887/88 . 31256 1888/89 . 31889 1889/90 . 33147 1890/91 ... . . 42145 1891/92 ..... 76417