Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Str. 33. 0 lentHefon. 0 Getrennt nnd Vereint. Mus dem Englischen übersetzt von M. Pnlvermann. (Fortsetzung.) Weit weg von dein gesegneten Klima Afrikas, dort im Herzen des Landes der Knute nnd der sibirischen Schrecken, liegt Tschernigow, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz. Die Perkchr-Zstraße von Moskau nach Kiew führt direkt durch diese, nnd die Desna flieht dicht vorbei. Tschernigow besitzt nichts, wodurch es sich, im ungeheuren russischen Reich anszeichnen könnte; armselig gebaut, nngcpflastert, schlecht beleuchtet, nnd keine Spur von den Fortschritten der letzten Jahrzehnte. Die Bevölkerungsziffer beträgt etwa 20 000, und der dritte Teil davon sind Juden. Tschernigow besitzt einen Dom, zahlreiche Kirchen und Kapellen, um daS religiöse Bedürfnis der griechisch-katholischen Bewohner zu befriedigen; außerdem einen verfallenen Festnngstnrur und ciire große Irren-Anstalt. Zahlreiche Ruinen in nnd' 1111t die Stadt erinnern an den lleberfnll der Mongolen, an die Kämpfe der Polen, Litthaner und Ukrainer, bis der Kosak sie dem Bäterchen-Czar übergab, der die Einwohnerschaft ans die eisige Temperatur eines traumloscn Schlafes herabkühlte. In schwerfälliger Trägheit und Eintönigkeit schleppt die Stadt sich hin, jahrein, jahraus, bis die moskowitischen Kriegsgclüste die Regimenter in Bewegung setzten, wo Tschernigow dann als große Garnison von glänzenden Nnisormen wimmelt nnd militärische Kommandos in allen Gassen erschallen. Tschernigow war auch Richen Pakarow's Gebnrtsstätte, sein Vater war ein schlichter Uhrmacher, der von der großen Welt draußen nicht viel wußte. Schon bei Rubens'Geburt fing er an nachzudenken, was aus dem Jungen werden solle. Handwerker, nicht; Rabbiner, auch nicht. Aber was denn? In seiner Brust fühlte er eine starke Zuneigung für die Medizin und die Jurisprudenz, nnd darum wuchs sein Ehrgeiz, seinen Sohn unter diesen Bevorzugten zu - sehen. Doch es war durchaus nicht die Liebe zur Wissenschaft, die ihm diesen Wunsch nahe legte; er hatte irgendwo einst die Bemerkung gehört, daß „Aerzte und Advokaten zu ihrem Geschäfte kein Kapital gebrauchen, nichts tun, aber doch das „Große Gold" schmieden", und das bestimmte ihn, seinen Sohn einen dieser Berufe erwählen zu lassen. Von Acskulap wußte der alte Uhrmacher sehr wenig; nur die große Rechnung war ihm in Erinnerung, die ihm der Arzt nach dem Tode seiner Iran geschickt, und das machte ihn der Medizin wohlgeneigt. Doch es hat auch seine Schattenseiten-kann denn ein jüdisches Herz es über sich gewinnen, kranken Menschen, durch Operationen und dergleichen, noch mehr iveh zu tun —i —? Und dann erst gar eine Leichenschau —! Ist eine solche für einen Nachkommen Ahron's gestattet -? Und Pakarow's Stammbaum reichte ja bis zum ersten Hohenpriester hinauf. Wie ganz anders hingegen die Rechtswissenschaft! War nicht Moses der größte Rechtsgelehrte auf Erden? Und tverden nicht die Engel selbst am Throne Gottes als Verteidiger.zugelasscnH Mese. MwÄgnügen entschieden,. leinen Sohn Rechtsanwalt werden zu lassen. Und Rüben rechtfertigte die kühnsten Erwartungen seines' Vaters. Der Knabe bekundete einen unersättlichen Wissensdurst, und wurde bald der Liebling seiner Lehrer. Als er dreizehn Fahre alt war, und zur Thora ansgerufcn wurde, fing er auch an, sich ans die Schlußprüfung vorznbereiten, die er, nach 2 Jahren glänzend bestand, worauf er zum Besuche der Universität nach Kiew übersiedelte. Nach weitern . sechs Jahren bestand er sein juristisches Examen und erhielt sein Diplom als Rechtsanwalt. Rechtswissenschaftliche Talente waren etwas rar in dieser Provinzial-Hanptstadt, und so war es Rüben leicht, bald, eine gewisse Berühmtheit zn erlangen nnd seine Kollegen in seiner Vaterstadt zn überflügeln. Nur sein Glaube allein war das Hindernis, daß - er nicht auch von der Negierung befördert wurde. Doch das bekümmerte ihn wenig; zumal es seinen Ruhm nnd seinen Wohlstand nicht ernstlich beeinträchtigte. In einer wichtigen Prozeß-Sache, die inan ihm übertragen, war Stcnko Jablonskh der Rechtsbeistand seines Gegners. Ev handelte sich um ein Millionen-Objekt, und deshalb war der Kampf zwischen beiden Advokaten heiß und scharf. Mit großem Interesse verfolgten auch die andern Kollegen den Verlauf der Sache, und bald faßte mau die Sache als einen Wettkampf zwischen beiden hervorragenden Advokaten auf, und man war gespannt, wer als Frankfurter Israelitische» FamilienblaN. Sieger hervorgehcn werde. Man -wußte auch, daß eine Niederlage nicht nur einen schweren Geldverlust, sondern auch eine öffentliche Demütigung bedeute. Rüben gewann den Prozeß, und Jablowsky mußte sich als besiegt erklären, noch dazu besiegt -- von einem Juden. Jablowsky's Wut kann man sich leicht denken, und er wurde fortan nur noch von einer Enipfindung beherrscht: Rache-! Der Mann war wohlhabend und einslußreich, nnd da Rüben auch seine leidenschaftliche Natur genau kaiintc, durfte er seine Gegnerschaft durchaus nicht unterschätzen. - Er ließ es nicht an Versuchen fehlen, den Feind zn versöhnen, doch alle seine Beinühungcn waren erfolglos und scheiterten an der Rachgier Jablowsky's. Die erste Kundgebung seines Hasses bestand in einer Bekanntniachung im Lokalblatt, daß er seine orthodoxe Seele in Zukunft nicht dadurch herabwürdigen werde, indem er mit einem Nachkommen der Gottcsmörder in einer Sache zusammen arbeite. Nach einigen Wochen erschienen auch anonlime Artikel, in welchen die Inden heftig angegriffen nnd allerlei Verbrechen beschuldigt wurden, wobei natürlich das Ritual-Märchen nicht fehlen durfte. Glücklicherweise konnte der große Haufen in Tschernigow nicht lesen, so daß diese Giftpfeile keine unmittelbare Gefahr bedeuteten. — — Einige Jahre waren vergangen. Inzwischen war Rüben glücklich in der Wahl seiner Lebensgefährtin gewesen, und sein Glück steigerte sich noch durch die Geburt eines Knaben, so hold und schön wie seine jugendliche Mutter. In seinem Berufe überragte Rüben alle seine Kollegen, nnd seine Ratschläge wurden von weit nnd breit eingeholt. Jabtowskh's Haß schien tot und begraben, nnd nichts ereignete sich, daß Rüben hätte warnen^ und auf den teuflischen Anschlag seines Feindes hätte aufmerksam machen können. Er verbrachte sein Dasein arbeitsfrcndig in seinem Berufe nnd heiter nnd froh in seiner Familie: der Knabe war jetzt vier Jahre, nnd gedieh an Klugheit und nahm zu an Schönheit. Es gab kein glücklicheres Paar, als Rüben nnd seine Frau, deren Holdseligkeit mit echter Frömmigkeit vereint war, so daß sie das Haus des ein wenig zum Unglauben hinncigcnden Rüben zu einem Tempel und den Tisch zn einem Altar nmgestaltetc. Rüben fing an das Gebet zu achten, nnd das war bei seiner skeptischen Veranlagung schon viel. Eines Tages kam Inda, der herzige Knabe, von dem Spaziergänge, den er alltäglich, mit der Erzieherin zu machen pflegte, nicht rechtzeitig nach Hanse. Eine leise Unruhe bemächtigte sich der Mutter, die sie aber zn verscheuchen suchte, da doch das Mädchen, das das Kind von seiner Geburt an gepflegt, als treu und zuverlässig bekannt war-. Es wurde Abend; es wurde Nacht, doch das Kind blieb ans. Mit der znnchmcndcn Finsternis wuchs die Besorgnis der Eltern. Die Stadt und die Vororte 'wurden abgesucht, die Polizei wurde benachrichtigt. Allein von den Verschwundenen war nirgends eine Spur; es war als ob die Erde sic verschlungen hätte. Es vergingen Tage, Wochen, Monate, der Frühling nahte heran, aber weder Knabe noch Erzieherin fanden sich wieder ein. Der Jammer der Eltern war grenzenlos, nnd eine finstere Wolke bedeckte ihren. Lebeushimmel. Kbiucr sprach, beide seufzten, und nur das wehe Herz stellte fort nnd fort die eine Frage: „Wo ist der Liebling geblieben, was ist aus dem Kinde geworden?" Rüben ahnte wohl, daß sein Feind Jablowsky seinem Unglücke nicht fernstand: doch durfte er cs nicht wagen seinem Verdacht Ausdruck zu geben, und er mußte seine Seelenqual immer wieder hinunterschlucken, zumal jetzt, bei dem leidenden Zustande seiner Frau, die nach ihrem Erstgeborenen schmachtete und zusehends dahinsiechte. . Ostern kani heran, nnd in Pakarow's Haus zog eine neue Freude ein. Wurde etwa der kleine Juda gefunden? Leider, nein; aber ein neues Leben, eine Tochter, kam als Himmclsbote, um das Elternherz wieder aufznrichten. Zwei Tage später wurde das Gerücht verbreitet, daß bei dem Brückenpfeiler der Desna, nachdem diese vom Eis befreit war, eine weibliche Leiche aus dem Wasser gezogen wurde. Rüben eilte sofort hin, und erkannte in der Leiche die ehemalige Erzieherin, die damals mit dem kleinen Juda verschwunden war. Wie aber kam sie ins Wasser? Wer hat sie ertränkt? Das waren Fragen, die Rüben vergeblich zn beantworten suchte. Doch nicht so Jablowsky, und ein ihm befreundeter Priester-diese konnten auf altes ganz genau Bescheid geben, noch ehe die Polizei die Sache untersuchen konnte. Wer anders als die Juden selbst haben dieses getan? Müssen sie nicht für ihre Mäzzes zn OsteWi Christenblut haben — --? Und diese Erklärung wurde «eite 5. von allen beifällig aufgenommen und auch für glaubwürdig befunden. Freilich waren auch einige Besonnene vorhanden, 'denen die Beschuldigung nicht einleuchtcn wollte, da ja auch ein jüdisches Kind ums Leben gekommen. Doch Jablowsky war auch hier um eine Antwort nicht verlegen. „Wißt Ihr denn ganz genau, daß das Judenkind tatsächlich umgekomiiten ist :-? Kan» das >licht ein schlauer Trick von den Inden sein, das Kind zu verstecken, um jeden Verdacht von sich abzuleuken-?" „Allerdings, das ist schon leicht möglich — --und den Gottesleugnern ist alles zuzutrauen-!" Brüllend und heulend stürmte der verhetzte und verführte Pöbel vor Rubens Haus. „Nieder mit den Juden — — nieder mit den Mördern, ldie christliches Blut getrunken — —! Schlaget sie tot —! alle mit einander — —!" Ein Hagelschauer von Steinen zertrümmerte jedes Fenster. — Rüben war zufällig vom Hanse abwesend, er ahnte nicht die Gefahr, in welcher Weib nnd Kind schwebten. Doch Blume, die Wirtschafterin, eilte noch rechtzeitig herbei, um den Säugling zu retten, den sie lebend in den Armen der toten Mutter fand. Ein schwerer Stein hat der Wöchnerin den Schädel zerschmettert, und von ihrem Blute war das Kind über und über bespritzt. Rüben eilte jetzt herbei, doch er wurde ebenfalls übel zugerichtet, kaum gelang es der Polizei, die endlich erschien, den unglückliche». Gatten, mit gebrochenen Gliedern, aus vielen Wunden blutend, kaum noch, atmend, aus den Händen keiner Peiniger zu befreien. Die rasende Menge zog jetzt weiter, um auch noch andere Häuser zu plündern nnd zu demolieren. Monate lang zweifelte man an Rubens Aufkomntcn, und als er endlich das Bett verlasse» durfte, da war er nur noch eine Ruine seines frühern Selbst, eine Mißgestalt im Körper, ein Cyniker im Geiste, ein Menschenfeind im Herzen. Menschen — — —! Diese blutdürstigen Tiere, diese racheschnaubenden zweifüßigen Bestie» — — — wie er sie haßte, riesengroß, abgrundtief, mit der ganzen Kraft feiner zerrütteten Seele —-. Und für was soll er denn noch leben? Tein Sohn verschwunden, sein Weib erschlagen und sein ganzes Dasein ruiniert — —. Er konnte weder weinen noch lachen; das Lächeln war erstorben, und , die Tränen zu Eis erstarrt. Sein Leben war jetzt geteilt zwischen dem Grabe seines Weibes und der Wiege seiner mutterlosen Waise, aber erst itach vielen, vielen Monaten vermochte das unschuldsvollc Kinderlächeln auch eine» Sonnenstrahl in seine Seele zu zaubern. Ja, das Kind lebt nnd heischt seine Pflege, seine ganze Fürsorge, — und da brach die Liebe sich tviedcr Bahn, und da machte das Leben wieder seine Ansprüche geltend. Die Zeit, die alle Wunden heilt und jeden Schmerz besänftigt, sie gab auch Jiuben seine Fassung wieder. "Freilich war es keine Glückseligkeit, dazu war ja die Vergangenheit zn trüb und finster, um noch einmal erhellt, um je wieder vergessen zu werde»; aber Hnlda's unaussprechlich^ Lieblichkeit, ihre sanfte Stimme, der wunderbare Glanz ihrer Augen, wenn sie betete, Hulda, deren Lebcnsbestimmnng zu sein schien, nur ihren Vater zu lieben, sie träufelte heilenden Balsam in sein trauriges Herz, in sein verdüstertes Gemüt. Und auch Rüben lebte nur für seine Tochter; was Kunst und Wohlstand ihrer natürlichen Schönheit an Zauber hinzufügen konnte, das wurde auch für sie angeschafft. Ihr gehorchte das ganze Haus, und sie war der belebende Geist desselben. Ihr Lachen und Singen, ihr Spiel und ihr Sprechen, schufen einen herrlichen Frühling für die ganze llmgebung. Mit wehmütiger Freude hörte Rüben von jedem, daß Hulda würdig sei einem Palast zur Zierde zu gereichen, als ob 'er jemals daran gczweifclt hätte. ' Als das Mädchen ihr sechzehntes Jahr vollendet, da stand sie in der Blüte weiblicher Anmut, jeder Zoll eine Hebe. Unbewußt ihrer bezaubernder Liebenswürdigkeit, sah sie jedem mit einem träumerischen Blick ins Auge, so geheimnisvoll, rätselhaft, wie das Himmelsblau, und auch so tief, und auch so sanft. Mit keuscher Verehrung blickte man zu der „Himmels-Lilie" empor. Schon ihre Sprache war ein Ausfluß süßer Melodien, und gar ihr Gesang, schmelzend, Herz und Seele ergreifend, tief wie das menschliche Weh, heilig wie ein Gebet. Ihr ganzes Wesen war sanft und hingcbcnd, aber sie besaß auch innerlich Kraft und Energie, ja, gdradezn einen Vulkan, der aber bis jetzt noch unbewegt in ihrem Geiste schlummerte. Bon stattlicher Figur, geschmackvoll gekleidet, von einem Gesichtsausdruck, wie ihn die Maler den Heiligen zu geben versuchen, machte Hulda aus ihre zahlreichen Verehrer den Eindruck einer Fee in einem bezauberten Schloß. Was sie aber jedem Jüngling besonders begehrenswert machte.