Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 4 (1906)
- Issue
- Heft 33 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Beilage zu Nr. 33 des Frankfurter Israelitischen FamilieMattes. Inhalt -er Beilage: .Artikel: Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. — Die Juden in England von Max Gillis. — Personalien. — Aus der Lehrer Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus den Vereinen. — Zur Beleuchtung der jüngsten Veröffentlichung der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums." — Sprechsaal. — Bunte Chronik. — Aus der Geschäftswelt. — „Jüdische Jugend." Gedächtnisblätter einer jüdischen Mutter. (Nachdruck verboten.) XIII. Scho» früher schrieb ich von der durch S ch a bs a i Z w i erhofften Erlösung und wie damals mein Schwiegervater uns zwei vollgestopfte Fässer zugcsandt in der Hoffnung, damit mitsamt chanz Israel zum Heiligen 'Lande zu ziehen. Als er aber nun eingesehen hatte, daß nichts daraus geworden, zog er von Hameln 'hinweg und begab. sich mit meiner Schwiegermutter zu dauernder Wohnung nach Hilde s h e i m. Das war eine hübsche fromme Gemeinde und ist pur 'etwa 5 Wegstunden von Hameln entfernt. Sie wohnten schon längere Zeit dort, da sagte mein lieber Mann, der seine Eltern überaus zärtlich liebte und sie in hohen Ehren hielt, zu mir: „Mein Glückelchen, laß uns nach Hildcsheim reisen und die lieben Eltern besuchen! Du hast sie seit 12 Jahren oder noch länger doch nicht gesehen." Ich war es wohl zufrieden. Wir machten uns drum niit der Magd, unserem Gehilfen und 3 Kindern nach Hildeshcim auf und mein jüngstes Kind, das ich dabei hatte, lvar noch nickH 1 Jahr alt. Der Gehilfe, der mit uns war, hieß Schemuel. Das >var ein gar schöner junger Bursche und darum nannte man ihn auch den „feinen Schemuel". Wir hatten nämlich noch einen „Jungen" bei uns und den nannten dann die Kinderchen den „groben Schemuel". Als wir in Hildesheim ankamen, gab's bei den lieben Eltern gar großen Jubel, war doch mein lieber Mann das jüpgste Kind. Es ist 'uns 'dort überaus' wohl ergangen. Wir hatten den lieben Eltern ein Geschenk mitgebracht, von dem wir annahmen» daß cs in Hildcsheim große Achtung erfahre. Nachdem wir Uns fast 3 Wochen lang gegenseitig erfreut, zogen wir dann wieder guter Dinge in die Heimat zurück. Der liebe Vater schenkte uns zum Abschied ein Kännchen, das einen Wert von vielleicht 20 Talern besaß, das uns aber trotz bes geringen Geldwertes so lieb war, als vb er uns 100 Taler gegeben hätte. Dabei war "der liebe Schwiegervater damals, nachdein er seine Kinder schön verheiratet hatte, über 20000 Taler reich. Die Reise hatte uns 150 Taler gekostet, trotz alledem aber hatten wir an dem gering- Ivertigen Geschenke so großes Vergnügen, als sei cs der größte Schatz. Ja, wir dachten noch'anders wie die Kinder von' heutzutage, die den Eltern gerne alles mit Haut Und Haaren gbnehinen möchten und nicht danach fragen, wieweit das Können der Eltern geht. Die lieben Eltern lebten noch mehrere Jahre in Hildesheim, als die guten Leute aber dann einsahen, daß es für sie dort nicht von Nutzen sei, zogen sie nach Hannover in's Haus meines Schwagers, des reichen R. Lippmann, wo sie auch verblieben und guten Namens und guten Ortes starben. Wir hatten damals ein sehr gutes Geschäft. Mein ältestes Kind war schon fast 12 Jahre alt und ein Freund aus Amsterdam schlug uns für sie eine gute Heirat vor. Der Bräutigam sollte Koschmann, der Sohn des R. Elia Cleve (Gomperg aus Emmerich) sein. Nun Pflegte mein lieber Mann ja ohnedies jedes Jahr zweimal nach Amsterdam zu fahren. Er beschleunigte drum diesmal seine Reise und reiste etwa 6 Wochen früher als sonst dorthin, wovon er den „Schadchen" benachrichtigte. Damals waren Kriegszeiten, sodaß R. Elia Cleve seinen Wohnsitz ändern mußte und er war mit seinem ganzen Hausstände Nach Amsterdam übergesiedclt. Kaum war nun mein lieber Mann nach Amsterdam gekommen, als auch schon das Gerücht im Um- 'lauf war, er wolle sich mit R. Elia Cleve verschwähern. Das war gerade an einem Posttage, an dem an der Börse die angekommenen Briefschaften gelesen wurden, und cs wurden nun große Wetten über diese Sache abgeschlossen, denn viele wollten es nicht wahr haben, daß diese Heirat zustande komme. War doch R. Elia Cleve ein sehr reicher Mann, der auf über hunderttausend Taler eiiigeschätzt wurde und. das entprnch auch der Wahrheit. Mein lieber Mann dagegen war ein junger Mann, „wir waren kaum ansgekommen und hatten, Gott behüte sie, ein Hänschen voller Kinderchen." Aber was Gott beschließt, das muß eintrefsen und es geschieht, wenn cS auch Menschen gibt, die es ungern sehen! So hat denn auch tatsächlich er trotz allem sich mit R. Elia Cleve verschwäheri. Er bestimmte meiner Tochter eine Mitgift von 22h»ndcrt holl. Taler und die Hochzeit wurde ans nach l'e Jahren nach Cleve bestimmt und zu deren Ausrichtung mußte mein lieber Mann auch noch 109 Taler festsetzen. (Fortsetzung folgt.) Die Jndey in England. Ein Rückblick auf ihre Geschichte und ihre gegenwärtige soziale und wirtschaftliche Stellung. Von Max Gillis. Schluß,. Wir kommen nun zu eiucin Punkte, der von jeher der Stolz der Inden im allgemeinen und der der englischen Juden im besonder» gewesen ist, zu den musterhaft organisierten und so segensreich wirkenden Wohltätigkeitsinstitntionen. An der Spitze aller dieser Bestrebungen stehen die mit der Alliance Jsraelite znsammenarbeitcnde Auglo-Jewish-Assvciation, der Board of Guardians und das Depntierten- Komitee zur Wahrnehmung jüdischer Interessen. Die Armenpflege zerfällt in Unterstützung durch Geld, Lebensmittel, Darlehn, Weiterbeförderung nach überseeischen Ländern, Arbeits- und Mersversorgung, Pensionsgewährung, Gründung von Handwerker- und Fortbildungsschulen, von Hospitälern usw. Es erübrigt sich wohl, noch Worte über die Wohltätigkeit der englischen Juden zu verlieren, wenn man iveiß, daß jeder von ihnen durchschnittlich jährlich 7 Lstrl., das sind über 110 JL, für jüdische wohltätige Zwecke ausgibt. Der religiösen Richtung nach gibt eS unter den Inden Englands orthodoxe Aschkenazim, Sephardim und' Reformierte. Eine allgemeine religiöse Vertretung oder Organisation gibt es nicht, doch haben sich, um hauptsächlich über finanzielle Fragen zu beraten, die dreizehn größten Synagogen Londons zu den „vereinigten Synagogen" zusammengetan. lieber rituelle Fragen, entscheiden die Herren Dr. Adler, Dajan Spier und Dr. Gastcr. Die religiöse Erziehung der Kinder soll, da sie ohne Prinzipien und Ziele geleitet wird und wegen der Unzulänglichkeit der Erziehungsmittel in den Berpflegnngsschulen, die von der Mehrzahl der Kinder besucht werden, mangelhaft sein. An der Londoner Universität studieren viele jüdische Studenten, doch sind akademische Berufe unter den Inden Englands weniger beliebt, als bei ihren Glaubensbrüdern auf dem Kontingent. Für die Heranbildung der Rabbinen sorgt das Jew's College in London. Die Studenten desselben gehören aber bezeichnenderweise ausschließlich den ärmeren Ständen an. An dieser Stelle sei noch die grosse jüdischhistorische Ausstellung im Jahre 1887 in der Royal Albert - Hall erwähnt, die sich ausschließlich mit der Geschichte der Juden in England beschäftigte. Diese Ausstellung, die eine wahre Fundgrube für Historiker bildete, war die erste ihrer Art in Europa und hat viel zur Klärung dunkler Punkte aus der Geschichte beigetragen. i Wenn wir von der Emanzipation der englischen Juden sprechen, dürfen wir eines nicht vergessen: ihre Presse. Die> würdigsten Repräsentanten der anglojüdischen Presse sind 'die Jewish Chronicle und die Jewish World, vortrefflich redigierte Blätter, von denen das" echtere vor zwei Jahren sein 60jähriges Jubiläum feiern konnte. Zu den Leiden genannten Blättern gesellt sich mach das von C. G. Montefiore redigierte, belletristische und philosophische New Jewish Quarterly. Infolge der großen Einwanderung russischer Juden wurden in den letzten Jahren im Eastend Londons mehrere im Jargon geschriebene und mit hebräischen Lettern gedruckte Organe ins Leben gerufen. Die ältesten von ihnen „The Shiilamith" und die „Zukunft" beschäftigen sich vorzugsweise mit englischer Politik und bekämpfen außerdem die anglo-jüdische Gemeindeverlvaltnng ans das heftigste. Ein anderes Blatt ist der anarchistische „Arbeiterfreund", der aber seine Ausführungen nicht an die Inden, sondern an die Arbeiter richtet. In letzter Zeit kam noch der zionistische „Hayehoodi" hinzu. Am Schlüsse möchte ich noch einen Blick auf die Zahl der jüdischen Bevölkerung Englands und ihr Verhältnis zu einander Wersen. Nach Greenbexg, dessen Bericht die folgenden statistischen Resultate entnommen sind, lvohnteu im Jahre 1830 in London 18 000, im übrigen Englaich 9009 Juden. Die Zählung von 18t>l ergab als Resultat 62099, während diejenige des vergangenen Jahres über 180 000 aufwieS. Die jüdische Einwohnerzahl Englands, die übrigens, da konfessionelle Zählungen in England nicht üblich sind, nur annähernd berechnet werden kann, hat sich also in den letzten 20 Jahren infolge der großen Einwanderung verdreifacht. Etwa 80000 Inden ivvhnen in den englische» Kolonieen, wo viele von ihnen hohe Stellungen als Minister, Parlamentarier usw. bekleiden. Nach dem Lande der Herkunft gibt es in England 20°'o m England geborener und 80"/« Ausländer, von denen lvieder 58°,'o russischpolnischer Abstammung sind. Die sozialen Unterschiede sind natürlich auch unter den englischen Juden durch ökonomische bedingt worden. Im Großen und Ganzen unterscheiden lvir in London, dem Zentrum des jüdischeir Lebens in England, drei große jüdische Klassen, von denen jede ihr eigenes Leben lebt. Es siicd dieses: der in England geborene Jude, der russisch-polnische Jude und der holländische Jude. Eine andere Einteilung wäre auch die in Westend und Eastend, in Haute Finance und Proletariat oder — in Glanz und Elend. Es gibt wohl selten ein Fleckchen Erde, auf dem sich die Extreme jüdischen Lebens so kraß berühren wie hier. Die enorme und von Jahr zu Jahr mehr anschwellende Zahl von jüdischen Proletariern im Herzen Londoits hat in der letzten Zeit viel von sich redcic gemacht. Sie ist Gegenstand einer scharfen Diskussion in der Oeffentlichkeit und in den englischen Parlamenten geworden tmd hat zu einer Erschwerung der Bedingungen für die Fremdeneinwanderung in England geführt. Es hat auf dem Kontinente nicht an Stimmen gefehlt, welche den Agitatoren der Anti-Alien-Bill antisemitische Vorurteile untergeschoben haben. Wenn es aber wirklich in der Welt' ein Land gibt, in denl es schwer ist zu unterscheiden, wo der Frenidenhaß aushört, und wo der Antisemitismus beginnt, so ist dieses Land England. Das ist die lleberzeuguiig unserer englischen Glanbcnsbrüder. t Die anglo-jüdischen Proletarier sind nach den Trade llnions Arbeiter, im weitesten Sinne dieses Wortes. Dreiviertcl von ihnen sind Schneider, Pantoffel-, Stiefel- und Schuhmacher, Zigarren- und Zigaretienarbeiter, Buchdrucker, Friseure, Tischler, Gold- und Silberarbeiter, Zinngreßer, Schmiede, Wagenbauer, Spengler usw. Ihr Verdienst beträgt 1 Lstrl 5 Sh. bis 2 Lstrl. (25—10 JL) wöchentlich. Die Statistik zeigt ferner, daß sie strebsam sind und viel von den Regierungssparkassen Gebrauch machen. Daß sie auch nüchtern und ehrlich sind, beweist die erfreuliche Tatsache, daß die Durchschnittszahl aller in englischen Gefängnissen befindlichen Juden nur 100 beträgt, deren Vergehen auch nur aus kleineren Delikten besteht. Mehr als ca. 130 sind zu einer Zeit nie in Haft. Die gewaltigen sozialen Kämpfe der letzten Dezennien, so fährt Greenberg fort, haben auch das Leben der anglo-jüdischen Proletarier nicht ungerührt gelassen. Die Arbeiter sind aggressiv geivorden, und Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben sich organisiert. Die Organisation der Arbeitgeber bezweckt hauptsächlich gegenseitige Unterstützung gegen die Verfolgung der Regierungsbeamten, welche 'die strikte Einhaltung der Fabrikgesetze erzwingen wollen. Es herrscht aber überall die. absolute Gewißheit, daß