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Neue jüdische Presse · 1906-08-17 · Heft 32 (17.8.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 32 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage M M. 32 des Fraulsultcr JjmelttWen FaMieOlattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Palästina-Pioniere von Dr. Israel Auerbach. — Aus der Lehrerwelt. — Aus denBereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Kunst und Literatur. Palästina-Pioniere. Von Dr. Israel Auerbach. (Schluß.) Es ist verlangt worden, daß die zionistische Parteileitung die neue Palästina - Wanderbewcgung Hemme. Es müßte at>o, wenn nicht ein neues — dein oder jenem Kauz vielleicht erwünschtes — strenges Einwanderungsverbot dazwischenfährt, eine ähnliche Art idealer 'Sperre über das Land verhängt werden, als sie von Herzl ausging. Das wäre ein Unglück. Die es verlangen, wissen nicht, was sie tun. Glauben sie, daß ein Ding an: Anfang und am Ende zehn voller Jahre dasselbe Ding ist? Bor zehn Jahren war die Sperre gut, heute ist sic esiiiicht. Damals mußte das Kolonisieren in's Blaue hinein ein Ende haben, damals ivar es Pflicht, die Schönfärberei zum Verstummen zu bringen und die durch gewissenhafte Untersuchung ausgedeckten Mängel auf ihre Ursachen zurückzuführen. Damals ivar es Zeit, das Volk auf Mittel und Wege hinzulenken, die eine gesunde nationale, eine wirklich demokratische Zukunftsarbeit in Palästina ermöglichen könnten. Damals galt es, vornehmlich zi: betonen, daß es ein Verbrechen sei, weiter wie bisher vertrauensselige Volksgenossen einem unverantwortlichen Schicksal zu überliefern. Damals war es Pflicht, die schon Angesiedelten gegen Vernachlässigung 'zu schützen, die ihnen von immer neuen unsicheren Ansiedlungen drohte; nicht eher neue Elemente zuführen zu lassen, ehe nicht die alten unabhängig von ihren Wohltätern geworden waren. Heute aber ist die Lage ja durchaus verändert: die Fehler sind bekannt, in beträchtlichem Maße doch'schon ausgeschaltet; die Verselbständigung hat durch den Uebergang der Verwaltung aus den Händen des Barons in ' die der Jca doch schon an wesentlichen Punkten Fortschritte gemacht; an Experimenten und Forschungsarbeiten ist schon Erkleckliches geleistet; auch den Steuerpüchtcrn gegenüber weiß man sich besser Rat. So geht eine Neuwanderung nicht mehr ins Unverantwortliche, stört auch die Kreise der alten Ansiedler nicht mehr. Aber überhaupt träfe eine Sperre heut ganz etwas anderes als beim ersten Male. Heute i st 1 e i lt c l a n d w i r t s ch a f tl i ch e Renan s i e dl u n g zu verhindern — kein Mensch denkt an solche — sondern heute träsedie Sperre die beiden Retter'und S a n i e r e r der Kolonisation, die Gründung des La n darbeiter st andes und vor a l l e m a n d e r n H a n d e l n n d I n d u st r i e! Und noch einmal, sei wiederholt: das wäre ein Unglück. Es hat sich im Lauf der Jahre herausgestellt, daß nicht die luftdichte Absperrung auf die Dauer das Heil der alten Kolonien ist, sondern im Gegenteil, die energischste Lüftung, die einen forscher pulsierenden Kreislauf der Güter ermöglicht. Und dieses ist nur durch Neueinführung und Vermehrung von Handel und Industrie hervorzurufen! Soll also ans politischen Gründen eine ab sölute Sper re erfolgen, so geht die bisherige Kolonisation darüber endgültig zugrunde in un aufh a ltsamm er Versumpfun g. Auf unseren jüdischen Dörfern fühlt man das auch genug. Keine Worte vermögen den Pessimismus zu umschreiben, der die alten verdienten, nun ermatteten Pioniere unserer Zukunft ergriffen hat. Versuche haben Versuche, Verwaltungen Verwaltiingen, Kritik Kritiken abgelöst, aber ihr Schicksal, verdammt zu sein zu unfruchtbarer quälerischer Arbeit, ohne Hoffnung, ihre persönliche Unabhängigkeit je zu erleben, die Früchte ihrer Hände ohne Gnadenznschnß zu' genießen und — was sie mehr als alles rindere ersehnen — ihre Kinder im Lande behalten und versorgen zu können, dies ihr unseliges Schicksal ist dasselbe geblieben. Wie warmer Tau ging auf ihre Gemüter nieder die herzliche Brüderschaft, die der Zio- . nismus ihnen vor Jahren versprach, die offenherzige Kritik an den von ihnen nicht verschuldeten Verhältnissen, die sie allein zu äußern nicht wagen durften, die trostreichen Aussichten, die die ganz anders gearteten Pläne der Zionisten ihnen eröffnetcn. Aber die Jahre vergingen, und nichts geschah ■ — auch von dem klugen, herzenswarmen, beredten Zionismus nicht. Sie sind am Ende ihrer Hoffenskraft angc- , langt. Wenn diese letzte neue Quelle versagt, werden sie verstummen für immer. Die Verantwortung und die Schmach aber tragen die, welche die endliche Rettung, die Geburt der Industrie im Lande, durch Sperre-der Pionierbewegung vernichten wollen. Viel Schlimmeres aber muß die Sperre in Europa anrichten. Der erste Teil dieser Gedankcncntwicklung zeigte, was der Grundbaß der Stimmung unserer osteuropäischen Jugend ist. Die hohe Flut des Demokratismus hgt ihre Kammhöhe erreicht. Der Drang nach Taten durch die eigenen Hände hat die Massen von unten auf dnrchwühlt. Mit fiebernden Allgen schauen sie nach Aufgaben umher, die ans dem I Wege des Eudes ihrer Leiden liegen und groß, würdig, I schwer und positiv genug sind, die unwiderstehlich j lockende Romantik der revolutionären Sphinx zu überwinden, ihrem maßloseil Opfermut, ihrer ans wnnderbare Höhe geklominenen Heldenkraft vollauf zu genügen. Der Schekel und' die Aktie sind es nicht. Gegen die russische Romantik suchen sie jüdische, gegen die blutige Todcsarbeit der Pöbelschlachten eine Lebensarbeit, für die es sich nicht weniger verlohnt, sich hinzugeben. Wenn es im Laufe der n ä ch - stcn Jahre dem Zionismus nicht gelingt, solche positive A r b c i t u n d solche Romantik aufzustellen, wird er den besten Teil der jüdischen I u g e n d unter seinen gefährlichsten Gegnern finden. Wem freilich die feudalen, wohldisziplinierten Elemente der Westjnden die einzigen wertvollen sind, der mag bas nicht bedauern. Wer aber versteht, waS die welthistorische Kraft derjenigen für unsere Zukunft bedeuten könnte, die die russische Revolution zu schaffen verstanden, wird nicht so borniert leichtsinnig sein, lind wenn es sich herausstellt, daß ein wertvoller Teil dieser Jugend in Palästina diese Arbeit und Romantik sieht, das einzig der Revolution konkurrierende Ziel „aufs allerinnigste zu wünschen" — dann wird es ein Verbrechen sein, dies Ziel hcrnnterzureißen, indem inan die Sperre über Palästina verhängt. Wem die „revolutionäre Psychologie" ein Dorn mit Widerhaken im Auge ist, der lerne: daß, nmsoviel das Bett des Palästinastromes'eingedänimt und verstaut wird, uni genau ebensoviel das Bett des revolutionären Stromes sich ansreckt und anschwillt. Darum wird eine kluge zionistische Leitung „der Freiheit eine Gasse" schaffen, wo sic jüdische Bahnen wandelt, nicht sie mit Ruten und Skorpionen in ein anderes blutiges Lager treiben. Ist aber nicht schließlich alle diese Besorgnis umsonst und der Plan einer absoluten Hemmung der Pioniere-Bcwegilng unsinnig und nutzlos? Hat unsere Parteileitung die Macht, sie zu verbieten oder ausznhälten? Es scheint das nicht. Unsere östliche Jugend bekundet schon seit lange einen ganz imposanten Eigenwillen. Mit dem Schlagwort Disziplin ist gegen den Widerstand 'von ganzen Seelen nichts auszurichteu. Dazu aber kommt, daß der deinokratischcn Jugend ein machtvoller Bundesgenosse erstanden ist in den alten, nie ausgestorbcneii Choveve-Zion. Gegen dieses Kartell wird ein ideelles Verbot ohne Wirkung bleiben. Die „Ablehnung der Verantwortung" nützt nicht viel: wenn Schlechtes daraus entsteht, ist es gleichgültig, die Verantwortung fcstznstellen. U n d w i r in ü s s e n ü b e r z e n g t s e i n: a u s e i n e m se i n ds e l i g e n oder auch nur passive m Verhalten des Z i o n i s m u s wird Schlechte s e nt steh en. Die Bewegung wird ein« l überhastct und planlos, zur anderen ch o v e v e - z i o n i st i s ch werden! Das heißt, es werden alle jene Fehler kommen, die im vorigen Teil dieser Ausführungen ausgezählt sind und außerdem den alten bösen Schlendrian der Leibeigenen- und Schnvrrerkolonisation zur Folge haben werden. Die in dem bekannten engeren Sinne „politischen" Zionisten, die die Gefahren des Choveve-Zionismus so energisch betonen, können gar nicht anders, als dafür sorgen, daß die Parteileitung der Pioniere- Bewegung gegenüber das Heft fest in der Hand behält. Das kann aber lediglich so geschehen, daß das Aktionskomitee sich nicht in Gegensatz zu ihr, sondern sie unter ihre Kontrolle stellt. Beteiligt sich das A.-K. aktiv an der Palästina- (nicht nur ErforschuiigS-) Arbeit, so macht es aus ihr, was cs will; bleibt cs grollend abseits, so verdirbt es sie. Die p o l i t i - s ch e n Z i o n i st e n, d i e d i e V e r a n t w o r t u n g für die Pionierbewegung a b l e h n enwollen, indem sic s i ch. f e i n d l i ch zuihr st c l l e n, laden die V e r a n t w o r t n n g f ü r deren chovevezionistischen Ausgang a u f s i ch. Es ist aber Zeit, die Polemik abzubrechen Und glatt zu sagen,^was zu tun ist. Bevor das geschieht, sei mit festem Strich die Richtlinie gezogen, die das Resums unserer "Anschauungen ergeben wird: Der Zionismus muß demokratischen Charakter haben, weil er den Selbstwillen des Volkes zur Selbsthilfe bedeutet. Demokratisch ist er, wenn er die weiten Schichten des Volkes umfaßt, ihren Ideen Rechnung trägt und ihnen in sich Arbeit gibt. Der rein diplomatisch-politische Zionismus hat nicht diesen Charakter, deshalb ist der Ruf nach Gegenwartsarbcit ein so lauter geworden. Das Verlangen nach eigener (Gegenwarts-) Arbeit hat die Poalei-Zion-Bewegung und aus dieser heraus die Palästina-Pioniere-Bewegnng geschaffen. Im Interesse der Palästinasache wie des Zionismus ist' es gefährlich, daneben unmöglich, diese Bewegung zu verhindern öder ihr gegenüber passiv zu bleiben. Das positive Eingreifen des Zionismus kann keine Ermutigung oder Förderung, sondern n i ch t s anderes als eine Regnl.ierung des Stromes bedeuten, eine Korrektive. Sorgfältiges Beobachten jeder Einzelerscheinung, nioralische Unterstützung jeder in unserem, politischen und demokratischen, Sinne nützlichen Zuwanderung und Unternehmung, energische Verwarnung jeder anderen. Organisation aller Rcugebilde zur Sanierung der alten und zu einen, solchen Zusammenschluß, daß er zum Kern- und Ansatzpunkt der späteren zionistischen demokratischen Großkolonisation werden kann. Z u. in Zwecke dieser R e g u l i e r u n g e rrichtet die Partei in Palästina ein Info r in a t i o n S b u r e a u. Das B n r e a u i st ein offizielles und verantwortliches O vgan des Aktionskomitees und untersteht der direkten Leitung und Kontrolle der in Europa befindlichen Palast i n a - K o m m i i s i o n. Die sinanziellc Fundierung erfolgt ans Grund der in Deutschland bereits beschlossenen. auch auf andere Länder zu übertragenden Palästina-Steuer. Das Bureau, dem-nur Fachleute angehören dürfen, besteht aus 4 Unterbureaus: 1. dem L a n d b n r e a n, 2. dem Industriebureau, 3. dem juristisch. Bureau, 4. dem Kultusbur e a u. Tie'Anfgabe dieses Instituts besteht im Studimn der Verhältnisse, der Information, der Belehrung und der schiedsgerichtlichen Entscheidung von Unstimmigkeiten, die ans der kolonisatorischen Arbeit erwachsen. Tie Hauptausgabe ist die Information. Den Zuwanderern oder denen, die die Absicht einzuwandern haben, ist bekannt zn geben, haß lediglich vom Jnformationsbureau begutachtete und gutgeheißene Arbeitsmöglichkeiten Erfolg versprechen und sachverständige Beratung und Unterstützung finden werden. Vor anderen "Arbeitsgelegenheiten, Ansiedlungen und Unternehmungen ist zu verwarnen. Das Bureau besorgt vor allem anderen die Auslese der Einwanderungs-Kandidaten und stellt sowohl durch periodische Publikationen, wie durch gelegentliche Einzelauskünfte fest, welche Gattung Einwandernder und wieviel aus sachlichen Gründen erwünscht sein werden. Das genaue Statut des Jnformationsbureans wäre von der Palästina-Kommission anszuarbeiten und dem Kongreß zur Bestätigung vorzuschlagen. Hier konnte nur eine ganz persönliche und unvollständige "Anregung geboten werden. 'Und eine ganz persönliche Ansicht sei noch geäußert, welche die Zuwanderung für gut hält in einem Maße, daß sie eine vom Jnforinationsbnreau zu begrenzende Anslese folgender Gattungen darstellt: 1. von gelernten landwirtschaftlichen und Industriearbeitern, soweit Arbeitsgelegenheit vorhanden oder gegenwärtig geschaffen wird, 2. von unselbständigen Kaufleutcn. soweit Posten frei und von selbständigen Kauflentcn mit Kapital, 3. von Industriellen mit Kapital. 4. von Intelligenten jeder Art, soweit Wirkungskreis vorhanden oder geschaffen wird Alle übrigen Elemente wären zurückzuweisen. Gegen eine etwa a n h e b e n d e u n g.e - regelte allgemeine Flut von abenteuernden oder flüchtenden Wanderern wären e n e r g i s ch e A b >v e h r in a ß n a h nr e n zu ergreifen. Denn oft genug ist bereits betont, daß die palästinensische Ansiedlnngsarbeit zn schleuniger Abhilfe der Jndennot von je weder berufen noch geeignet ist, vielmehr erst in langen Jahrzehnten nach kluger politischer und wirtschaftlicher Arbeit sich wird dazu auswachsen können. Aber ebenso schlimm als eine Ueberstürznng ist das „süße Nichtstun". Und denen, die untätig bleiben wollen, weil sie Gefahren fürchten, sei Ellen Kcy's tapferes Dort gesagt: Wagt man aus Furcht vor möglichen Gefahren nichts Neues, dann geht man unter der wachsenden G e f a h r d e s s e n , w a s heute i st, zugrunde. Aus der Lehrerwett. Frankfurt a. M. Der nm 8. Juli d. Js. in Frankfurt begonnene F o r t b i l d u u g s k u r s u s f ü r Kontore n hat am 2. "August sein Ende erreicht. Mit voller 'Befriedigung schieden alle Teilnehmer von der Arbeitsstätte in dem Bewußtsein, siir die geopferten schönen Ferientage voll und ganz entschädigt zu sein. Nächst dem Vorstände des Lehrerbundes, dem an erster Stelle siir-das Zustandekommen des Kursus volle Anerkennung gebührt, sind wir Herrn Oberkantor P e s a ch o w i t s ch , der in liebenswürdiger Weise die Leitung des Kursus übernonimen und seine "Aufgabe glänzend gelöst hat, zn großem Danke verpflichtet. — Von der Ansicht ausgehend, daß der Gottesdienst ans musikalischer Basis aufznbauen sei, wurden täglich eine Stunde zu gesanglich-technischer Schulung der Stimme^ und Ausbildung des musikalischen Gehörs und 3 stunden täglich zur Einübung des eigentlichen 'Chasonus verwendet. Daß trotz der kurzen Zeit das umfangreiche Pensum „Tefillas arwiS l'schabbos" und „Tefillas schacharis l'schäbbos" auch qualitativ gick durchgesührt wurde, danken wir der gründlichen Arbeit des Herrn Oberkantor Pesachowitsch, der nicht allein aus korrekte Ausführung, sondern auch auf deutliche "Aussprache. Rhythmus, Atemtechnik und einen dem Sinne der Gebete

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