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Neue jüdische Presse · 1906-08-03 · Heft 30 (3.8.1906) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
4 (1906)
Issue
Heft 30 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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BeilM zu Nr. 30 des Frankfurter Israelitischen FamitieMaUes. Inhalt der Beilage : Artikel: Palästina-Pioniere. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Vereins-Ka.lender. Palästina-Pioniere.^) Von Dr. Israel Auerbach. I. Ein-kleines Schifflein aus der ungeheuren jüdischen Flotte setzt in letzter Zeit wieder hier und da eine handvoll Emigranten in Palästina an Land. Pioniere! Junge Leute von keckem Mut, die wieder einmal im Lande ihrer Väter ihre Haut zu Markte tragen wollen. Die ein volles Bewußtsein davon mitbringen, was sie unternehmen, wessen sie sich zu versehen haben, was sie hingeben müssen und was ihre Ernte sein wird. Die sich keine Illusion darüber vorgaukeln, daß sie vielleicht nicht mehr und nicht weniger bedeuten werden, als ein lebendiger Dünger für kommende Saat. Sie werden herzlich begrüßt werden und nicht minder herzlich verwünscht, und beides aus unantastbarer nationaler Gesinnung. Es ist nur, daß jdie einen Gutes, die anderen Verderbliches durch sic erwarten. Niemand hat sie herbeigerusen, aber mancher sähe es gern, daß sie — mit Dank oder ohne — wieder zurückgeschickt - würden, und daß eine starke Hand die noch tatlustigen Neuen von ihrer Ausfahrt zurückhält. Aus dem deutschen Delegiertentag in Hannover hat sich besonders die letzte Gesinnung in einer freilich abgelehnten unzweideutigen Resolution und in energischen Worten Lust gemacht. Es ist nicht das erste Mal, daß wir dem schwierigen Problem gegenüberstehen. Die Biluj hatte es in den achtziger Jahren aufgerollt, äußere und innere Kräfte hatten es in den neunziger Jahren zum Stillstand gebracht. Jetzt lebt es mit neuer Schärfe und Bedeutung wieder auf. Im Kerne ihres Wesens ist die Wanderbewegung nach Palästina eine tief erfreuliche Erscheinung. Sie ist das machtvollste äußere Zeichen der inneren Erweckung unseres Volkes. Sie ist der Mschluß des leidenden und der Anhub des tätigen Verhaltens der jüdischen Seele gegenüber der Weltgeschichte. Solange man in den Ländern des Golus nur Verteidigung übte oder seine Menschenrechte zu schützen bemüht war, auch noch solange Man auswanderte, nur weil man mußte, und nur dahin, wo der Druck am gelindesten war, solange ließ man sein Schicksal von außen bestimmen, solange war jede jüdische Bewegung nur die Reflexbewegung eines noch nicht zu persönlichem Bewußtsein erwachten Wesens. Mitdem Moment, da man "der Wanderung an einer Stelle ihr Ziel steckte, die man selbst gewählt, die nicht die bequemste, sondern lediglich die nach eigenen inneren Gesetzen am freiesten bestimmte war, erfolgte die erste bewußte aktive Willensregnng eines lebendig agierenden Organismus. Es ist ebenso wichtig wie naturnotwendig, daß der Selbstwille auch die Selbsthilfe erzeugen mußte. Ms dahin war das.Volk als solches, bie Massen an sich -und von innen heraus, niemals aus einem stummen Fühlen und Dulden herausgetreten. Wo es für sich sprach oder handelte, geschah es durch hervorragende Einzelne, die als allmächtige Vormünder sein Schicksal vertraten: so Mendelssohn in Deutschland das kulturelle, Gabriel Rießer das politische, so Montefiore seine Existenz überhaupt. Niemand hatte diese Männer gesandt, sie sprachen im Namen des Volkes ohne direktes Mandat, jedenfalls ohne dessen geringste Mitivirkung. Es war das Zeitalter des Schutzjudentums unter Juden selbst. Noch die Alliance Jsrcrslite Universelle war eine solche jüdische Schutzregierung, nur daß in ihr das noch viel unberufenere jüdische Großkapital die Herrschaft antrat. Das Prinzip eines ungekrönten Monarchen- oder Oligarchentums gab dieser Periode ihren Stempel. Die erste Ansiedelung von Juden in Palästina war das Zeichen des Erwachens der jüdischen Demokratie. Das Volk selbst erfand sich seine Idee, stellte selbst seinen Mann und machte sich selbst an die Ausführung. Leider war es weder politisch, noch wirtschaftlich, noch wissenschaftlich reif. Es verstand weder die riesenhaften Schwierigkeiten noch seine winzigen Kräfte zu messen. Das'Erstlingswerk der Bilu-Kolonisten mußte scheitern. Aber.die Bilujünger wären zugrunde gegangen wie die ersten Pioniere der russischen Revolution, auf deren Leiber neue und aberneue Vorkämpfer traten. Sie hätten Nachfolger erhalten, die stärker waren und wissender und größer cm Anzahl. Doch nicht so sind sie gescheitert und nicht *) Trotzdem wir den Standpunkt des Herzl'schen politischen Zionismus vertreten, geben wir hiermit einem der schärfsten Vertreter des Zione-Zionismus Las Wort. Die Redaktion. bloß sie als Individuen, sondern mit ihnen ihr Werk. Es mußte scheitern in dem Augenblicke, als die Oligarchen des Judentums der in Nöten geratenen Demokratie zuhilfe kamen. Die Rothschilds, Hirschs und ihre Nachfolger löschten, indem sie mit spendendem Finger darüber fuhren, das Werk nationaler Selbsthilfe aus und zeichneten dafür sich mit breitspurigen philanthropischen Lettern ein. Wer die Geschichte der palästinensischen Kolonien genauer kennt, weiß, wie — indem man der Volksnot vorzubeugen vorgab — der Eigeninitiative des Volkes ein rühmloses Ende bereitet wurde, wie rücksichtslose Willkürherrschaft, aufgeblasene Bevorinundung, aristokratelndes Protzentum den Idealismus edelster Selbsthingabe, die Erziehung durch Eigenverantwortung, den demokratischen Fortschrittsdrang und die Einfachheit demokratischer Eigenart fast gewaltsam verdarben. Die Vernichtung des demokratischen Charakters der ersten palästinischen Ansiedlungsbewegung kam der Vernichtung des ganzen Ansiedlungswerks gleich. Denn nicht einige um Bettelbrot darbende Kolonieen, sondern ein nationales Selbsterlösungswerk hatte die Biluarbeit werden sollen. Diese Arbeit blieb in ihren Anfängen stecken. Die Massen des jüdischen Volkes, insbesondere in Rußland, denen die französierenden und englisierenden Barone allen Wind aus den Segeln, alle Eigenarbeit und Eigenverantwortnng nahmen, waren ohne reale Kraftbetätigung. Die kulturelle Selbstentwickelung, das Heraustreiben und Ausreisen der beiden jüdischen Sprachen zu zwei herrlichen modernen Literaturwerkzeugen, konnte den Drang zu sein, zu wollen und mit eigenem Hammer sein Schicksal zu schweißen, nicht genügend stillen und Niederhalten. Der Ruf nach Taten wurde immer heller. Als Herzl auf diesen Ruf erschien, begrüßte ihn das Entzücken Hnnderktausender. Er gab dem Volke Arbeit. Er entthronte die Vcrfehlbarkeit der Geldpäpste und setzte den Eigenwillen der Nation an ihre Stelle. Sein grundlegender Leitsatz war: sich selbst erlösen. Das demokratische Prinzip der Selbsthilfe machte der Philanthropie ein Ende, lind nocheinmal: er gab dem Volke Arbeit. Nach Hcrzls Plan schufen die Massen sich selbst den Kongreß, sich selbst ihre Organisation und Häupter, die Bank, den Nationalfond, kurz alle jene Waffen, die sie selbst durch die Hand ihres Aenialen^ von ihnen selbst in Liebe gewählten Führers und Vertreters, gebraucht wissen wollen. Der Herzlianismus war die Neu - Demokratksierung der nationalen Erlös u n g s a r b e i t. Wenn diese Demokratisierung auf die Palästinakolonisation Anwendung finden wollte, konnte sie es vorerst nur durch negative Kritik tun, die schon wesentlich früher wie kein Zweiter in prophetischer Hellsehigkeit Achad-Haam vertreten hatte. Die Bettelbauern unterstützter und regierter Kolonieen mußten z» unabhängigen, sich nach Möglichkeit selbst verwaltenden und ihre Arbeitsformen und -Methoden selbst bestimmenden Kolonisten werden. Während diese Umwandlung vor sich ging, mußte jeder Zuzug ähnlicher Elemente unterbleiben, der nur in den bisherigen Fäulnisprozeß mitgerissen worden wäre und seinerseits das kolonisatorische Bettelproletariat der Geldbarone nur hätte vermehren können. Herzl hätte die Auswanderung verhindert, auch wenn äußere und innere politische Hemmnisse sie nicht verboten hätten — nur um der Gesundung, d. h. der Demokratisierung oder — was dasselbe bedeutet — der Nationalisierung der Palästinaarbeit willen. Es lag aber in der merkwürdigen Evolution der Dinge, daß der demokratische Charakter des Herzlianismus sich in sich selbst anfzehren mußte. Nachdem die zionistische Bewegung zur vollkommen konstruierten Volksmaschine mit allen ihren Teilen ansgebaut war, konnte sie von selbst oder unter dem genialen Finger ihres Werkmeisters funktionieren. Das Volk selbst hatte bei der eigentlichen Funktion nichts mehr zu schaffen. Es durste weiter wie bisher die Feuerung in Form per Schekel und der anderen Geldaufwände an die Maschine schaffen, es konnte von Zeit zu Zeit durch das Zwischenspiel der Wahlen den oder jenen der Ingenieure durch einen anderen ersetzen, es konnte an kleinen und kleinsten Teilchen der Maschine herumflicken — im übrigen aber mußte seine gesamte Arbeit im Zuschauen und Zuwarten bestehen, was da für ein Erzeugnis aus dem Getriebe herauskam. In Wahrheit hatten die zionistischen Massen vom 3. bis zum 6. Kongreß nichts anderes zu tun, als Schekel zu zahlen, Bankaktien zu kaufen, für den Nationalfonds zu spenden, die Organisation zu verbessern, Agttation zu treiben und hier und da'in periodischen Beratungen mehr oder weniger platonische Beschlüsse zu fassen. Mit der Arbeit um das eigentliche Ziel der Bewegung, der politischen Erwerbung der Heimat, und mit Palästina selber waren sie völlig außer Zusammenhang. Die Kolonisationssache war ein dauerndes Rührmichnichtan, die politische Sache war ausschließlich Domäne des Einen an der Spitze — für das Volk blieb nichts als die Kärrnerarbeit, im höheren Sinne das Nichtstun. (Entsetzung folgt.) Personalien. Frankfurt a. M., l. August Ihr 2jähriges Geschäftsjubiläuni feiert heute die Strumpf-, Wollwarenu. Trikotagen-Engrosfirma Hermann Engel. Aus diesem Anlaß hat Herr Hermann Engel eine größere Summe als Pensionsfonds für seine Angestellten gestiftet. Gleichzeitig blicken zwei Reisende, die Herren M. Friedberg und S. Stern, auf eine 25jährige Tätigkeit bei der Firma zurück. Berlin. Ordensverleihungen. Der Direktor der Deutschen Bank, Paul Mankiewitz, hat das Ritterkreuz 1. Klasse des Sachsen-Ernestinischen Hausordens, die Kaufleute 'Felix Friedländer und Hermann Herz haben das Ofsizierkreuz des bulgarischen Zivilverdkenstordens erhalten. Sterbefall. Am 26. v. Mts. verstarb nach langen Leiden der Handelsrichter Theodor Lustig in seinem 69. Lebensjahre. L. war besonders im D. I. G. B. als langjähriges Mitglied des Ausschusses und» seit 13 Jahren als Schatzmeister tDig. Berlin. Die Bakteriologin Frau Dr. R a b i n otv i t s ch ist von der Socisets Zentrale de Mvdicine Beterinaire zu Paris, einer der ersten wissenschaftlichen tierärztlichen Gesellschaften Frankreichs, wegen ihrer erfolgreichen Forschungen auf dem Gebiete der Veterinärmedizin zum korrespondierenden Mitglied ernannt worden. Eine solche Auszeichnung ist bisher keiner Dame zuteil geworden. Beuthen. Ueber den Lebensgang des vlötzlich verstorbenen Amtsgerichts rat Lcvy wird berichtet: Eduard Levy geb. .1838 .in Schildberg als' Sohn eines Rabbiners, besuchte anfangs das Jüdischtheologische Seminar in Breslau unmittelbar nach dessen Gründung 1854—1857, ging dann zum juristischen Studium über, bestand 1869 das Assessorexamen, gerade am 3. Juli, als durch das Gesetz Juden die Zulassung zum Richteramt möglich wurde. Er wurde auch sogleich angestellt, kam 1872 nach Beuthen und blieb bis zu seinem Tode am dortigen Kreis- resp. Amtsgericht. Gleich nach seiner Niederlassung in Beuthen, trat er auch in jüdische Vereine ein, zunächst in den Vorstand der Chewra Kadischa; er übernahm. sie in sehr derangiertem Zustand, organisierte sie und brachte sie zu großer Blüte, so daß sie trotz Ausdehnung der Tätigkeit und Erhöhung der Ausgaben ihre Schulden tilgen und noch beträchtliches Kapital sammeln konnte. Zum 100. Bestehen schrieb er: „Gedenkblätter und historischen Abriß der Israelitischen Krankenpflege und Beerdigungsvereins zu Beuthen O. S. zu dessen 100jährigen Stiftungsfeier 1888." 1892 legte er den Vorsitz der Chewra Kadischa nieder und wurde Präsident des Gemeindevorstandes. — Er war 1879 Repräsentant, 1882 Vorsteher, seit 1892 Vorsitzender des Vorstandes. Im Jahre 1889 beteiligte er sich an der Gründung des Oberschlesischen Gemeindeverbandes, dessen Vorsitzender er war, er war ferner Delegierter des D. I. G. B. und des Zentralvereins Und gehörte zu den Vertrauensmännern, die das Statut für den „Verband der deutschen Juden" ausarbeiteten. Was ihn vor gleichartigen Juden auszeichnet» war, abgesehen von seiner persönlichen steten Arbeitswilligkeit und Hilfsbereitschaft, daß er selbst im Judentum wurzelte, seine Literatur und den jüdischen Geist kannte, er brauchte sich nicht erst hineinzuleben, um sich zu begeistern, er atmete darin. — Seine Beerdigung fand unter ungeheurer Beteiligung aller Kreise statt. Neustadt in Oberschlesien. Zum Ehrenbürger der Stadt Neustadt wurde gelegentlich seiner goldenen Hochzeit Kommerzienrat Josef P i n k u s ernannt. — Der Jubilar hat in Gemeinschaft mit den Kommerzienräten Albert und Emanuel Frankel Mark 200 000 zur Errichtung einer Volksbadeanstalt gestiftet. _ Herborn. Seinen 90. Geburtstag begeht dieser Tage Herr N e u m a n n, früherer kangjähriger Bürgermeisterstellvertreter und Gemeinderatsmitglied in Rennerod, der bis zum Jahre 1896 als einziger dortselbst wohnender Jude sich dieser Aemter erfreuen durfte; auch war er 38 Jahre Vorsteher der israelitischen Gemeinde Gemünden (Westerwald), welches Amt er von seinem Väter, der gleichfalls 42 Jahre Gemeindevorsteher war, erbte. Kascha« lUngarn). Im Alter von 85 Jahren starb Herr Moritz L o e w y, Gründer der hiesigen aut. orth. Gemeinde und während 18 Jahren ihr Präsident. Paris. Zum O ffiz ier der Ehrenlegion ist 'der Direktor der militärischen Telegraphie Seligmann und zu Rittern der'Ehrenlegion sind die Offiziere Ziry, Brisachu.Samuel ernannt worden. Rom. Ordensverleihung. Herrn David Sacedoti-Casale ist die goldene Verdienst-Medaille und Herrn Samuele Ottolenghi, Departenients-Chef im Ackerbau-Ministerium, das Kommandeur-Kreuz des Ordens von St. Maurizio und St. Lazaro verliehen worden Aus -er Lehrerwett. Karlsruhe. Am 22. ds. fand hier die neunte Generalversammlung des Landesver»

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